Geht doch! (7)

Mit so viel Recherche hat Maximilian Krah wohl nicht gerechnet

Bei Al Jazeera English interviewt Journalist Mehdi Hasan den AfD-Politiker Maximilian Krah zu Migration, Muslimen, Putin. Wer die üblichen deutschen AfD-Befragungsversuche gewohnt ist, wird überrascht sein: Die Show ist nicht nur penibel vorbereitet, das Anschauen macht sogar Spaß.

Beim Interview mit dem AfD-Bundestagsabgeordneten Maximilian Krah beim englischsprachigen Ableger von Al Jazeera ist zuerst kurz alles wie immer. Sie hätten seit Jahren überlegt, ob sie jemanden von der Partei einladen, sagt der britisch-amerikanische Moderator Mehdi Hasan. Die AfD führe zwar in den Umfragen, sei aber vom Verfassungsschutz im vergangenen Jahr als rechtsextremistisch eingestuft worden. 

So weit, so normal: Es ist die lieblose, in deutschen AfD-Interviews üblich gewordene Pflichteinordnung. Dann aber spricht der Moderator weiter: Er erklärt dem Londoner Live-Publikum in der gediegenen Conway Hall, dass die Einstufung derzeit ausgesetzt ist und die AfD dagegen gerichtlich vorgeht, mehrere Landesverbände aber weiterhin als extremistisch gelten und die Jugendorganisation der Partei aufgelöst wurde.

Und das ist nur der Anfang. Hasan mutet der internationalen Al-Jazeera-Zuschauerschaft in der folgenden Stunde jede Menge binnendeutsche Einzelheiten zu. Politischer Journalismus ist für ihn Detailarbeit. Faszinierenderweise ist das nicht dröge, sondern ähnlich unterhaltsam wie ein Tennis-Match.

Show wurde stark gekürzt

„Head to Head“ heißt die Show von Al Jazeera English. Der Journalist Hasan lädt darin mehrmals im Jahr Gäste zu großen aktuellen Themen ein: der Krieg im Iran, der Machtwechsel in Venezuela, die Geopolitik Chinas.

Krah und Hasan auf der Bühne der Conway Hall in London im Gespräch
Aufzeichnung Mitte Juni in der Conway Hall in LondonScreenshot: YouTube/Al Jazeera English

„Is the AfD a threat to Germany?“, heißt die aktuelle Ausgabe mit Maximilian Krah. Es geht also darum, ob die AfD eine Bedrohung für Deutschland ist. Aufgezeichnet wurde die Show schon Mitte Juni, anschließend stark gekürzt und als Live-Show am 25. Juni ausgestrahlt. Einen Tag später erschien das 49-minütige Video auch auf YouTube. Mehr als 1,2 Millionen Views hat es dort bisher gesammelt.

Vor allem deutsche Zuschauer sind begeistert: Von Hasans Interviewführung könnten deutsche Journalisten viel lernen, so der Tenor der Kommentare. Nun sind AfD-Interviews in deutschen Medien oft kürzer und tagesaktueller, mit der aufwendig produzierten Show also nicht zu vergleichen. Außerdem spricht Krah zwar annehmbares Englisch, formuliert bei Al Jazeera aber weniger präzise als im Deutschen. Andererseits kranken in Deutschland auch lange TV-Interviews regelmäßig an lustloser und/oder fahrlässiger Gesprächsführung. Das beweisen die Sommerinterviews von ARD und ZDF genauso wie ein Krah-Interview in einem sächsischen Regionalsender, bei dem er unwidersprochen aus dem Nähkästchen plaudern durfte.

Ganz anders das Gespräch mit Hasan. Der Journalist ist bekannt dafür, Politiker hart anzugehen. Er fragt mit Biss, aber nicht bissig – diesen Ton treffen deutsche Interviewer tatsächlich selten.

Quellen findet Krah fast immer fragwürdig

Dass der Verfassungsschutz die AfD für extremistisch hält, sei politisch motiviert, wiegelt Krah zu Beginn ab. Hasan hakt nach: Die AfD habe doch ebendiesen Verfassungsschutz selbst in ihrem Parteiprogramm von 2017 als Beleg für Islamismus zitiert. Schon in den ersten Minuten wird klar: Welche Quellen Krah für zulässig oder unzulässig hält, ist recht beliebig. 

Im Zweifel erklärt er Aussagen einfach für unglaubwürdig, ob sie von der Konrad-Adenauer-Stiftung, Amnesty International oder den „Mainstream-Medien“ stammen. Daten von deutschen Behörden über die AfD seien normalerweise ohnehin „Nonsens“, sagt Krah später. Es ist ein einfacher, aber durchschaubarer Weg, sich gegen Extremismus-Vorwürfe zu wehren. An einer Stelle zweifelt Krah sogar ein Zitat aus dem AfD-Wahlprogramm in Sachsen-Anhalt an, das Hasan ihm vorgelesen hat. „Wollen Sie das etwa auch verleugnen?“, fragt der Moderator ungläubig.

Der heimliche Star der Show sind nicht die beiden Männer, die sich auf der Bühne in Sesseln gegenübersitzen, sondern der Papierstapel in den Händen des Moderators. Wundersamerweise steht auf den wenigen Blättern immer genau das, was Hasan gerade braucht, um Krah zu entgegnen, nachzuhaken, zu widersprechen. Die Vorbereitung für dieses Interview muss immens aufwendig gewesen sein (auch wenn der Redaktion ein kleiner Fehler unterlaufen ist, weil nicht drei, sondern fünf AfD-Landsverbände gesichert rechtsextremistisch sind). Und ist besonders beeindruckend, weil eigentlich ein anderer Gast eingeladen war: der AfD-Bundestagsabgeordnete Markus Frohnmeier, der kurzfristig abgesagt hatte.

Ursprünglich anderen AfD-Gast eingeladen

Krah habe erst wenige Tage vor der Sendung zugesagt, heißt es aus dem Umfeld der Show. Der Politiker ist inzwischen nur noch einfacher Bundestagsabgeordneter, im Europäischen Parlament sitzt er nicht mehr. In deutschen Medien war er zuletzt kaum präsent, auch weil die Partei ihn nach Korruptionsvorwürfen in die hinteren Reihen geschoben hat.

Vor allem das Konzept der „Remigration“ interessiert Al-Jazeera-Moderator Hasan. Krah habe sich davon zwar distanziert, sei aber früher ein Verfechter gewesen, erklärt er. Der AfD-Abgeordnete widerspricht und verweist im Brustton der Überzeugung auf seine Ehefrau aus der Slowakei, die er ganz sicher nicht remigrieren wolle. Später argumentiert Krah, dass Alice Weidel mit einer Ehefrau aus Sri Lanka, die auch so aussehe („looks like Sri Lanka“), nicht rassistisch sein könne – eine Rassismus-Definition, die den Moderator und das sehr diverse Publikum sichtlich erheitert.

Blick ins Publikum: Junge Menschen, auch Frauen mit Koptuch
Diverser als deutsches Talkshow-PublikumScreenshot: YouTube/Al Jazeera English

„Es ist egal, ob du muslimische Freunde hast oder mit jemandem aus Sri Lanka verheiratet bist, Rassismus ist Rassismus“, stellt Hasan klar. Es ist das Gegenteil zum Mikrofonhinsteller-Journalismus von Podcaster Ben Berndt, der kürzlich stundenlang Björn Höcke interviewt hat. Gemeinsam haben die beiden Interviewer ein glaubhaftes Interesse an ihren Gästen. Aber mit einem entscheidenden Unterschied: Hasan legt Wert darauf, dass das Publikum dabei nicht für dumm verkauft wird. Also dass Behauptungen den Fakten entsprechen und nichts Wichtiges zum Verständnis fehlt.

Sechsmal die gleiche Frage zu Muslimen

Später geht es darum, ob der Islam aus Sicht der AfD zu Deutschland gehört. „Glauben Sie, dass es in Deutschland zu viele Muslime gibt?“, will der Moderator wissen. Als Krah ausweicht und über Syrer in der Türkei zu dozieren beginnt, stellt er die Frage noch einmal. Und noch einmal. Sechsmal insgesamt stellt er die gleiche Frage, kommentiert zwischendurch die Ausweichversuche: „Ich weiß nicht, was bei Ihnen los ist, das ist eine sehr einfache Frage!“ oder „Sie sind Politiker und beantworten eine Frage mit einer Frage!“ 

Er habe kein Problem mit 10.000 Iranern, die aus Teheran zum Studieren nach Deutschland kämen, sagt Krah schließlich, wohl aber mit 10.000 Somaliern. Daten würden schließlich zeigen, wie beide Gruppen in westdeutschen Ländern „performen“. Was zumindest ein bisschen offenlegt, wie er Menschen aus anderen Ländern gedanklich einsortiert. Man dürfe nicht alle Muslime in einen Topf werfen – in diesem Punkt stimmen Krah und Hasan schließlich überein.

Der Al-Jazeera-Moderator sieht seinen Gast nicht als Gegner, führt ihn nicht vor und reagiert auf ausweichende Antworten nicht entnervt. Er geht bei länglichen Antworten aber schnell dazwischen. Er nimmt seinen Gesprächspartner ernst, fordert aber auch ein, als Interviewer ebenfalls ernst genommen und nicht mit rhetorischen Manövern hinters Licht geführt zu werden. Als Krah es mit dem alten Politiker-Trick versucht, einfach weiterzusprechen, hebt Hasan seine Stimme so Respekt einflößend, dass er am Ende schlicht lauter ist.

Krah gibt den ironischen Entertainer

Krah wiederum scheint entschieden zu haben, für das Publikum den Entertainer zu spielen und das alles nicht zu ernst zu nehmen. Etwa als der Moderator Krah auf seinen Partei- und Parlamentskollegen Dario Seifert anspricht und ihm erst einmal erklären muss, wer das überhaupt ist. „That’s the guy, yes“, erinnert sich Krah schließlich selbstironisch.

Zur Sendung gehören noch drei weitere Gäste. Sie sitzen in der ersten Reihe im Publikum und kommen in kurzen Statements zu Wort. Die Schriftstellerin und Publizistin Deborah Feldman und der Migrationsforscher und Denkfabrikgründer Gerald Knaus argumentieren gegen Krah, der österreichische Kolumnist und Podcaster Ralph Schoellhammer argumentiert gegen Hasan und bezeichnet sich Übermedien gegenüber als AfD-Sympathisant.

Thema ist nicht nur das Programm der AfD. Später geht es um den chinesischen Spion, der in Krahs Abgeordnetenbüro enttarnt wurde, um sein Verhältnis zu Wladimir Putin, um mutmaßliche Bestechungsgelder aus Russland (die Krah vehement dementiert). Dass es in zehn Jahren „natürlich“ keine EU mehr geben werde, erwähnt Krah am Schluss auch noch.

Lob von beiden Seiten

Bezeichnenderweise waren nach der Show Fans und Gegner von Krah gleichermaßen mit dem Gespräch zufrieden. Krah bezeichnete das Interview „Welt“ gegenüber als Erfolg, AfD-Kritiker lobten, wie gründlich der Politiker auseinandergenommen worden sei.

Die eigentlichen Gewinner sind die Zuschauer. Journalisten können Politikern nicht in die Köpfe schauen, aber Hasan kommt diesem Anliegen näher als viele andere. Es geht ihm nicht ums Entzaubern, Entlarven oder darum, als Sieger aus dem Studio zu gehen. Sondern darum, die Redestrategien von Krah so lange abzuschälen und zu hinterfragen, bis darunter ein Stück Wahrheit zum Vorschein kommt.

Diese Art Interview könnten wir öfter gebrauchen, wohlgemerkt bei Vertretern aller Parteien. Und gerne genauso unterhaltsam.

Hinweis: Die englischen Zitate hat die Autorin selbst übersetzt.


Ergänzung am 16. Juli: Mehdi Hasan ist nicht nur britischer, sondern britisch-amerikanischer Journalist.

10 Kommentare

  1. Ohne gründlichste inhaltliche Vorbereitung sind Interviews mit AfD-Politikern zum Scheitern verurteilt.

  2. Es gibt eine sehr gute Sendung bei der BBC: „Hard Talk“. Sie war wohl auch das Vorbild für Al Jazeera.
    Und ich wünschte mir, dass sich deutsche Moderatoren daran orientierten.

  3. Super, nicht wahr?
    Ich stieß letzte Woche durch Zufall auf die Aufzeichnung und war kolossal vom Moderator elektrisiert!

  4. Könntet ihr die Seite mal so bauen, dass die Schrift auf dem Telefon nicht so miniwinzig ist? 😄

  5. Danke, ich brauche tatsächlich auch die positiven Nachrichten und nicht nur, was schief läuft (auch wenn davon natürlich auch berichtet werden soll und muss).

  6. Ein bisschen kritischere Einordnung von Al-Jazeera wäre schön gewesen. Schlieslich dient(e) der katarische Staatssender auch als bereitwillige PR-Plattform für islamistische Hardliner und die Muslimbruderschaft.

  7. Das bisher einzige AfD Interview, was man aushalten konnte. Selten einen Moderator gesehen oder gehört, der so gut vorbereitet war; entblößend die Ausreden des Interviewpartners. Ich wette man wird kaum jemanden aus der AfD Führungsriege dort einmal sehen. Würde mir aber Bernd :-) und Alice da wünschen.

  8. Zu #8: Der Originalsatz in Englisch zu dem Zitat aus dem Landeswahlprogramm Sachsen-Anhalt lautet: „Are you going to disown that as well?“
    Grüße aus der Redaktion!

  9. Beide Bubbles haben bekommen, was sie wollten.
    Beide haben „gewonnen“, bzw. wurden „zerlegt“.
    Zerlegen scheint das neue Universalwort zu sein, um die Niederlage eines Gegners nach innen hin zu kommunizieren – links wie rechts. Muss auch nichts dran sein; Hauptsache, man behauptet es erstmal – 95% der Zielgruppe wollen eh nur den bias confirmed bekommen und die restlichen 5% sind egal.

    Von „unserer“ linken Bubble erwarte ich allerdings, dieses naive Narrativ zu hinterfragen. Ein „Sieg“ gegen die Blaubraunen scheint so selten zu sein, dass man ihn feuern muss, selbst wenn es keiner war.

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