
Die Listen wirken akkurater, als sie sind: Wie viele Journalisten starben in Gaza?
„Heimlich“ habe Reporter ohne Grenzen die Liste der in Gaza durch Israel getöteten JournalistPerson, die Informationen recherchiert, prüft und anschließend der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt,...:innen korrigiert, titelte die „Jüdische Allgemeine“ im August. Der Vorwurf: Einige der angeblichen Medienleute seien tatsächlich Terroristen gewesen. Der Artikel hinterlässt den Eindruck, die Journalistenorganisation habe ein verzerrtes Bild gezeichnet und Israel in ein viel zu schlechtes Licht gerückt.

Organisationen wie Reporter ohne Grenzen (Reporters sans frontières, RSF) verfolgen selbst das Ziel, die PressefreiheitFür jede Demokratie unverzichtbar! In Artikel 5 des Grundgesetzes ist das Recht... und eine faktentreue Berichterstattung zu schützen. Dass gerade ihre Berichte derart Kritik auf sich ziehen, wirft die Frage auf: Ist es im Nahen Osten überhaupt möglich, aus einer neutralen Position heraus für Pressefreiheit einzutreten? Oder werden die Organisationen zwangsläufig selbst zu Akteurinnen des Konflikts und spielen der einen oder anderen Kriegspartei in die Karten? Der Streit um die Listen getöteter Journalist:innen zeigt, wie schnell die NGOs selbst in den Kampf um die Wahrheit gezogen werden, der den Gaza-Krieg von Beginn an begleitet.
Bereits seit mehr als 20 Jahren veröffentlicht RSF sein „Barometer“, eine Dokumentation der weltweit getöteten, verletzten oder vermissten Journalist:innen. Die Wahrnehmung dieses an sich neutralen Instruments änderte sich mit dem 7. Oktober 2023 – dem Tag, an dem die radikalislamische Hamas gemeinsam mit weiteren bewaffneten Gruppen den Süden Israels überfiel.
Bei der Attacke töteten Terroristen annähernd 1200 Menschen und nahmen 251 weitere als Geiseln. Es war das größte Massaker an einer vornehmlich jüdischen Bevölkerung nach dem Holocaust. In der Folge führte die israelische Armee Krieg gegen die Hamas und ihre Verbündeten. Dem fielen im Gaza-Streifen nach Angaben beider Seiten mindestens 70.000 Menschen zum Opfer, darunter viele Zivilist:innen. Wie viele genau, darüber gehen die Angaben stark auseinander. Beiden Seiten werden Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen.
Unterschiedliche Organisationen, unterschiedliche Zahlen
Kurz nach Kriegsbeginn nannte nicht nur RSF erstmals Namen und Zahlen der in Gaza getöteten Journalist:innen. Entsprechende Listen veröffentlichten auch das US-amerikanische Committee to Protect Journalists (CPJ), die für Pressefreiheit zuständige UN-Sonderorganisation UNESCO und die International Federation of Journalists (IFJ). Die Zahlen von RSF und Co. werden in Medienberichten weltweit zitiert, sie dienen auch als Grundlage für Einordnungen der Organisationen selbst – etwa, wenn RSF die israelische Armee als „ärgsten Feind von Journalisten“ bezeichnet. Aber: Bis heute unterscheiden sich die Zahlen deutlich:
- Das CPJ nannte zuletzt 259 von israelischen Kräften getötete Journalist:innen in Gaza, Iran, Libanon und Jemen, darunter 209 palästinensische. 75 der 259 Journalist:innen seien gezielt bei ihrer Arbeit angegriffen worden. Zudem macht das CPJ die Hamas für den Tod von 2 israelischen Journalist:innen verantwortlich.
- Das IFJ gibt für den Gaza-Krieg aktuell 240 getötete palästinensische sowie 4 israelische Journalist:innen an. Dabei unterscheidet der Verband nicht, ob die Personen im journalistischen Einsatz ums Leben kamen oder nicht.
- Die UNESCO sprach im Januar 2026 von mindestens 81 in den palästinensischen Gebieten im Zusammenhang mit ihrer Arbeit getöteten Journalist:innen. Etwas verwirrend ist, dass andere UN-Stellen auch Personen zählen, die nicht zwingend im Arbeitseinsatz ums Leben kamen: So berichtete der Hohe Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte im April 2026 von 295 bei israelischen Angriffen getöteten Journalist:innen in Gaza.
- RSF listet derzeit 61 Journalist:innen auf, die seit Kriegsbeginn in Gaza bei ihrer Arbeit ums Leben kamen; außerdem 3 im Libanon sowie 2 in Israel. Die Gesamtzahl der durch israelische Kräfte getöteten Journalist:innen (einschließlich der außerhalb eines Reportereinsatzes ums Leben gekommenen) bezifferte die Organisation noch im Juli auf 220. Anschließend nahm sie aber Korrekturen vor und kommunizierte seither keine neue Gesamtzahl.
Listen mehrfach korrigiert
Gemein haben die vier Organisationen eines: Die israelische Regierung und pro-israelische Akteure werfen ihnen vor, auch Terroristen als Journalisten zu zählen. Die Kritik wurde über den Sommer schärfer. RSF und IFJ strichen einzelne Namen von ihren Listen. Das CPJ löschte im Juni nicht nur 20 Einträge, sondern kündigte zugleich eine vollständige Prüfung („full review“) der bisherigen Angaben an. Bei der UNESCO-Liste sind hingegen keine Korrekturen nachvollziehbar.
Es liegt in der Natur der Sache, dass verlässliche Informationen aus Kriegsgebieten rar sind und morgen falsch sein kann, was heute richtig erscheint. Das gilt im Gaza-Krieg umso mehr, zumal die israelische Regierung Berichterstatter:innen einen unabhängigen Zugang zum Gazastreifen nicht erlaubt. Zugleich versuchen Regierungen, bewaffnete Gruppen, verbündete Organisationen, InfluencerPersonen, die in sozialen Medien viele Menschen erreichen, indem sie regelmäßig Inhalte... und viele mehr, die öffentliche Meinung durch Propaganda zu beeinflussen.

Man könnte also fragen: Warum überhaupt so konkrete Angaben machen, wenn diese doch unmöglich verlässlich zu ermitteln sind? Schließlich suggerieren die Todeszahlen eine Genauigkeit, die es gar nicht geben kann. „Medien stürzen sich auf Zahlen. Das verstehe ich, Zahlen sind griffig“, sagt Christopher Resch, Nahostreferent der deutschen RSF-Sektion, im Gespräch mit Übermedien. Doch würden nicht auch gröbere Schätzungen diesen Zweck erfüllen? Es gehöre zum Mandat der Organisation, bekannt zu geben, wenn Journalist:innen getötet wurden, argumentiert Resch:
„Die Leute haben ihr Leben für den Journalismus gelassen. Aus Respekt vor ihrer Arbeit und den Angehörigen wollen wir den Getöteten einen Namen und ein Gesicht geben.“
Team recherchiert von Paris aus
Einerseits ist es nachvollziehbar, dass sich die Informationslage ändern kann – und wichtig, wenn die Organisationen ihre Angaben daraufhin ändern. Andererseits sind Korrekturen immer unschön: Selbst wenn sie nur einzelne Fälle betreffen, sind sie geeignet, die Glaubwürdigkeit der gesamten Darstellung anzukratzen. Diesem Risiko setze sich RSF bewusst aus, sagt Resch: „Aber wenn wir angreifbar sind, müssen wir unsere Arbeit besser machen. Der Anspruch ist, dass die Angaben im Barometer stimmen.“ Allerdings könne es sein, dass man dabei im Gaza-Krieg an Grenzen stoße.
Zu den Einzelfällen recherchiert in der RSF-Zentrale in Paris ein Team mit mehreren arabischen Muttersprachler:innen, unterstützt aus Berlin. Es sucht nach öffentlich verfügbaren Quellen und beobachtet die Telegram- und sonstigen Kanäle der Journalist:innen. Zudem arbeitet RSF mit langjährigen Mitarbeiter:innen der französischen NachrichtenagenturUnternehmen wie die Deutsche Presseagentur (dpa) oder Associated Press (AP), die anderen... AFP vor Ort zusammen. Es gebe einen „Hauptkontakt“ im Gaza-Streifen – einen Kollegen, der Informationen mithilfe seines Netzwerks prüfe. In Zweifelsfällen tauschen sich die Journalistenorganisationen auch untereinander aus. Zudem stehe RSF zu jedem Einzelfall in Kontakt mit offiziellen israelischen Stellen und der Hamas, so Resch, erhalte aber oft nur „sehr dünne“ Rückmeldungen.
Journalistin als Besucherin beim Supernova-Festival
Die Unwägbarkeiten allein erklären aber noch nicht, warum die Angaben der Organisationen so stark voneinander abweichen. Der Grund dafür ist, dass RSF, CPJ und Co. unterschiedlich zählen.
Das zeigt der Fall der 22-jährigen israelischen Journalistin Ayelet Arnin. Sie starb beim Hamas-Angriff auf das Supernova-Musikfestival am 7. Oktober 2023. Das CPJ führte sie zunächst auf, entfernte sie dann jedoch schon vor längerer Zeit wieder von seiner Liste, weil sie zum Zeitpunkt des Anschlags nicht als Journalistin im Einsatz gewesen sei. RSF dagegen führt den Fall auf. Der Grund: Arnin habe das Festival zwar privat besucht, dann aber mit dem Telefon Informationen zum Anschlagsgeschehen an ihre Redaktion durchgegeben.
Das Beispiel zeigt: Die so genau erscheinenden Zahlen der im Einsatz getöteten Journalist:innen sind nicht das Ergebnis exakter Mathematik. Auf den Listen bestehen Spielräume für Bewertungen.
Diese betreffen vor allem eine Frage: Wer gilt als Journalist:in?
Mehr zur Nahost-Berichterstattung in deutschen Medien

Kombattanten sind ausgeschlossen
Die Frage ist bereits in Westeuropa nicht leicht zu beantworten, wo sich beispielsweise parteinahe YouTuber mit einem Mikrofon ausstatten und als – wenn auch missionarische – Pressevertreter verstehen. In einer seit Jahrzehnten von Kämpfen geprägten Region fällt die Unterscheidung noch bedeutend schwerer.
Dass Kombattanten oder Mitglieder von Terrororganisationen oder bewaffneten Gruppen keine Journalist:innen sind, darüber besteht Einigkeit. RSF legt noch strengere Maßstäbe an und würde auch Personen ausschließen, die aktiv zu Gewalt aufrufen.
Doch selbst in diesem Punkt sind die Grenzen fließend. Wie bei Hassouna Salim: Der damalige Direktor des palästinensischen Onlinemediums „Quds News“ kam im November 2023 durch eine Rakete ums Leben und hatte zuvor bereits Morddrohungen erhalten – das ist unstrittig. In seinem weiterhin aktiven Telegram-Profil wird Salim inzwischen allerdings als „Journalist und Märtyrer“ bezeichnet. Am Morgen des 7. Oktober 2023 hatte er dort einen antisemitischen Aufruf zur Waffengewalt geteilt (der Link liegt Übermedien vor). Da es jedoch der Aufruf einer Organisation war, den Salim nicht selbst verfasst, sondern weitergeleitet hatte, beließ RSF ihn auf der Liste. Das lässt sich so entscheiden – aber ebenso gut auch anders.
Gründe für Änderungen zum Teil unklar
Das CPJ erläutert seine Änderungen offensiv: Bei acht zunächst eingetragenen Personen habe sich herausgestellt, dass diese an Kämpfen beteiligt waren, bei sieben habe sich gezeigt, dass diese keine Journalisten sind, zwei waren gar nicht gestorben und drei starben außerhalb ihrer journalistischen Arbeit.
So strich das CPJ beispielsweise den Palästinenser Ahmed Fatima, der am 13.November 2023 bei einem Luftschlag in Gaza starb. Das CPJ stuft ihn inzwischen nicht mehr als Journalist ein – während RSF, UNESCO und IFJ Fatima weiterhin als Fotojournalisten des ägyptischen Senders „Al Qahera News“ aufführen.
Ob das CPJ noch weitere Korrekturen vornimmt, ist offen. Der zunächst für Juli dieses Jahres in Aussicht gestellte Prüfbericht liegt bisher noch nicht vor. Auf Anfrage von Übermedien teilte die Organisation mit, dass sie für den laufenden September mit einer Publikation des Reviews rechne. Weitere Fragen wollte das CPJ unter Verweis auf die Prüfung nicht beantworten.
Nicht überall sind die nachträglichen Änderungen der NGOs so leicht zu erkennen. So listet die IFJ aktuell einen Fall weniger auf als noch vor wenigen Wochen. Gelöscht wurden insgesamt offenbar neun Einträge, zugleich aber neue eingetragen. Wer die Liste anschaut, findet keine Erläuterungen dazu.
Bei RSF findet sich seit wenigen Wochen ein Hinweis unter der langen Liste von Namen. Darin heißt es, dass die Angaben fortlaufend aktualisiert würden, sobald neue Informationen vorliegen – wer aus welchen Gründen entfernt wurde, erklärt die Organisation an dieser Stelle jedoch nicht. Wer die aktuelle Liste mit einer archivierten Version aus dem Mai vergleicht, stellt fest, dass vier Personen fehlen:
- Da ist Mohammed Fayez Abou Matar, der als Fotograf für mehrere internationale Nachrichtenagenturen gearbeitet haben soll und am 11. Oktober 2023 bei einem israelischen Luftschlag im Gaza-Streifen starb. Ihn strich auch das CPJ von der Liste, weil er nach neueren Hinweisen kein Journalist gewesen sei. Das IFJ und die UNESCO führen Matar weiter auf.
- Mohamed Nasr Abu Huwaidi bezeichnete RSF zunächst als Fotojournalisten. Er starb, als er am 23. Dezember 2023 mit Presseweste die Folgen eines Luftangriffs filmte. In der Liste fehlt Huwaidi einfach, einen Hinweis auf die Korrektur gibt es hier nicht. Eine Pressemitteilung von September 2024, die den Tod des Palästinensers erwähnt, ergänzte RSF dagegen um den Hinweis, dass Huwaidi Mitglied der Gruppe „Palästinensischer Islamischer Dschihad“ (PIJ) gewesen sei. Auch das CPJ entfernte ihn von seiner Liste, weil es Hinweise gebe, dass er an Kampfhandlungen beteiligt war. Die IFJ listet Huwaidi nicht auf, die UNESCO dagegen bis heute.
- Muhammad Mahmoud Abu Sharia war nach ursprünglichen RSF-Angaben Chefredakteur der palästinensischen Nachrichtenagentur Shams News. Er sei am 1. Juli 2024 nach einem israelischen Bombenangriff gestorben, als er mit Presseweste und Helm vor seinem Haus stand und zu einem Einsatz aufbrechen wollte. Nun fehlt er auf der RSF-Liste – während ihn IFJ, CPJ und UNESCO weiterhin nennen. Im „Update“ zur Pressemitteilung von 2024 bezeichnet RSF auch Sharia inzwischen als Mitglied des PIJ – eine nachträgliche Einordnung, die allerdings nicht an jeder Stelle der RSF-Website transparent wird: In einem 2025 veröffentlichten Bericht über eine Zeremonie im „War Reporters’ Memorial“, einer Gedenkstätte in der französischen Stadt Bayeux, nennt RSF Abu Sharia weiterhin als getöteten Journalisten.
- Besonders interessant ist der vierte von RSF gestrichene Name: Mohammad Jarghoun. Der im Medienzentrum „Smart Media“ in Rafah tätigte Reporter wurde bei Kämpfen im Gaza-Streifen am 7. Oktober 2023 erschossen. RSF nahm ihn vor kurzem von der Liste, anders als CPJ, IFJ und UNESCO.
Die pro-israelische Organisation „Honest Reporting“ bezeichnet Jarghoun als Terroristen. Tatsächlich existiert ein Märtyrer-Poster der Hamas, das ihn als Mitglied einer Brigade ausweist, also einer Kampfeinheit. RSF hat auch in diesem Fall nach dem Löschen keinen Transparenzhinweis auf seiner Liste publiziert, schreibt aber seit Mitte August 2026 als „Update“ unter einem anderen Text, der Jarghoun namentlich erwähnt: „Diese Entscheidung folgt auf die Behauptung der Hamas, Jarghoun sei ein Mitglied der Gruppe gewesen, was RSF bestätigen konnte.“
Interessant ist der Zeitpunkt der Korrektur. Denn die Kritik an der Einstufung Jarghouns als Journalist ist nicht neu. Bereits im Juni 2024 hatte der britische „Telegraph“ den Mann unter Berufung auf die pro-israelische Organisation Committee for Accuracy in Middle East Reporting and Analysis (CAMERA) als Dschihad-Kämpfer bezeichnet. Die Frage von Übermedien, ob man die damaligen Hinweise kannte und wie man diese bewertete, ließ RSF offen.
Massive Kritik an den Listen
Nicht nur in Bezug auf Jarghoun, sondern ganz grundsätzlich gab es bereits früh Einwände gegen die Listen der in Gaza getöteten Journalist:innen. Bereits seit Oktober 2023 warfen „Honest Reporting“, CAMERA sowie der britische Journalist David Collier den Organisationen vor, Terroristen fälschlicherweise als Journalisten einzustufen. Den detailliertesten Report mit Gegenrecherchen zur UNESCO-Liste legte die in der Schweiz sitzende NGO UN Watch im Juli 2026 vor. Die UNESCO reagierte darauf nicht, und auch eine Anfrage von Übermedien an die UN-Sonderorganisation blieb unbeantwortet.

Für ihre Kritik an den Zahlen der Pressefreiheits-Organisationen führen die Absender nun ihrerseits Zahlen an: 57 Prozent der vom CPJ gelisteten Personen sowie über 25 Prozent der Personen auf der RSF-Liste hätten Verbindungen zum Terrorismus, behauptet „Honest Reporting“. Unabhängige Belege für diese Angaben gibt es nicht, RSF geht im Widerspruch dazu nur von wenigen Einzelfällen aus.
Versuche, Journalist:innen zu delegitimieren
Denn richtig ist auch: Bei den Reports der Kritiker handelt es sich nicht um neutrale Recherchen. Urheber sind klar pro-israelisch positionierte Akteur:innen, die teilweise mit der israelischen Regierung kooperieren.
RSF nennt „Honest Reporting“ eine aktivistische Gruppe, die gezielt Journalist:innen diffamiere und Kriegsverbrechen der israelischen Armee leugne. Sie spricht zudem von gezielten Versuchen israelischer Kräfte, Berichterstattende zu delegitimieren. Auf seiner Internetseite beklagt die NGO, die israelische Armee habe unter Benjamin Netanyahu eine gefährliche, weltweite Propaganda-Kampagne ausgerollt, um „Journalisten“ mit „Terroristen“ gleichzusetzen und dadurch Kriegsverbrechen zu rechtfertigen. Hinzu kommt, dass auch Märtyrer-Nachrufe oder nachträgliche Vereinnahmungen von Terrororganisationen wie der Hamas nicht unbedingt verlässliche Quellen sind.
Das macht die kritischen Recherchen nicht per se falsch. Womöglich tun sich pro-israelische Kräfte jedoch leichter als zum Beispiel RSF, eine:n Reporter:in als anti-israelischen Terroristen einzustufen.
So geht „Honest Reporting“ pauschal von einer Terrorverbindung aus, wenn eine Person für parteiische Medien wie den Hamas-Sender „Al-Aqsa TV“ oder das PIJ-nahe „Al Quds Today“ arbeitete – unabhängig davon, ob sie persönlich Mitglied einer Terrorgruppe oder an Kämpfen beteiligt war. Dass sich CPJ, RSF und Co. damit schwerer tun, ist nachvollziehbar. RSF-Referent Resch gibt zu bedenken, dass man mit dem Etikett vorsichtig sein müsse, um die so Bezeichneten nicht zu gefährden:
„Wer als Hamas-nah bezeichnet wird, steht auf einer Abschussliste. Da haben wir als Organisation auch eine Verantwortung.“
Einerseits gilt es also, keine Terrorist:innen als Journalist:innen zu verklären. Andererseits sollen Reporter:innen aber auch nicht leichtfertig des Terrors bezichtigt werden, wenn pro-israelische Kräfte dies behaupten.
Heftige interne Debatten
In dieser Gemengelage diskutieren die Pressefreiheitsorganisationen durchaus kontrovers über die Frage: Wer ist Journalist? Ende Juni dieses Jahres erhielt die Öffentlichkeit auf XSoziales Netzwerk, in dem jeder Texte, Videos und Bilder veröffentlichen, teilen und... einen seltenen Einblick in die interne Diskussion des CPJ, das offenbar erwog, den Begriff neu zu definieren.
Mohammed El-Kurd, Palästina-Korrespondent des US-Magazins „The Nation“, berichtete auf X von Überlegungen, künftig niemanden mehr als „Journalist“ zu zählen, der für staatspropagandistische oder terrornahe Medien arbeitet. Wer politisch nicht auf der Linie des CPJ sei, gelte dann nicht mehr als Journalist, spitzte El-Kurd zu – für ihn ein Vorhaben, um unter anderem palästinensische Kolleg:innen pauschal auszuschließen. Das Lemkin Institute for Genocide Prevention warf dem CPJ daraufhin einen „schrecklichen Akt der Beteiligung am Völkermord“ vor. Zu den Gegnerinnen einer solchen Neudefinition gehörte Nika Soon-Shiong, Herausgeberin des investigativen US-Magazins „Drop Site News“. Inmitten der Kontroverse schied sie aus dem Leitungsgremium des CPJ aus, über die Gründe gibt es unterschiedliche Angaben. Soon-Shiong stellte ihr Ausscheiden jedenfalls in einen Zusammenhang mit der Diskussion über eine Neu-Definition des Journalistenbegriffs – und veröffentlichte den Auszug einer E-Mail, mit der sie nach eigenen Angaben gegenüber CPJ-Kolleg:innen gegen die Idee gewandt hatte.
Am Ende blieb jedoch alles beim Alten: Am 1. Juli 2026 stimmte der CPJ-Vorstand dafür, auch weiterhin grundsätzlich all jene als Journalisten zu werten, die regelmäßig und faktenbasiert öffentlich berichten – unabhängig vom Medium, für das sie arbeiten. Gleichwohl sah sich das CPJ mit dem Verdacht konfrontiert, die 20 gestrichenen Personen nur aufgrund von politischem Druck von der Liste der getöteten Journalist:innen entfernt zu haben – ein Vorwurf, gegen den sich die Organisation öffentlich verwahrte.
Plötzlich Partei
Das Beispiel zeigt: Im Nahost-Konflikt werden Organisationen, die eigentlich „nur“ für ein universelles Menschenrecht wie die Pressefreiheit kämpfen, als Akteure wahrgenommen, die vermeintlich Partei für eine der beiden Seiten ergreifen.
So halten pro-israelische Akteure auch Reporter ohne Grenzen für zunehmend parteiisch. Als die NGO in Deutschland darauf hinwies, dass Auslandskorrespondent:innen über einen verengten Meinungskorridor in Redaktionen klagten, wenn es darum gehe, die israelische Kriegsführung zu kritisieren, wollte der Jüdische Journalistenverband darin Empathie für antisemitische Äußerungen erkennen.
Tatsächlich hat Reporter ohne Grenzen die israelische Regierung scharf kritisiert, ihr einen orchestrierten „media blackout“ vorgeworfen und in einer Kampagne mit 250 anderen Organisationen ein Ende der Tötung palästinensischer Journalist:innen gefordert. Vier ihrer fünf Anzeigen beim Internationalen Strafgerichtshof wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen gegen Journalist:innen richtete sie ausschließlich gegen israelische Verantwortliche. Zugleich sparte RSF nicht mit Kritik an der Hamas und distanzierte sich gegenüber Übermedien klar von der „Weltsicht“ und Medienfeindlichkeit der Dschihadisten. Das alles leitete sie erkennbar aus der Haltung ab, die Pressefreiheit schützen zu wollen.
Gesamtbefund unverändert
Selbst wenn die Kritik von „Honest Reporting“ und anderen vollständig zuträfe, wenn also jede von pro-israelischen Kräften eingeforderte Korrektur bei der Bewertung von Einzelfällen vollzogen werden würde: Die Zahlen würden sich ändern, aber nicht der Gesamtbefund. Der Eindruck, dass die israelische Regierung die Pressefreiheit massiv beschneidet und eine außergewöhnlich hohe Zahl von Medienschaffenden durch die israelische Armee getötet wurde, bestünde fort.
Und so bleibt auch das grundsätzliche Dilemma: Über Pressefreiheit lässt sich abstrakt sprechen – die Wirkung wäre wohl äußerst begrenzt. Wer aber verständlicherweise konkrete Angriffe dokumentieren, wer Namen nennen und Gesichter zeigen will, der muss in extrem unübersichtlicher Lage Fälle bewerten. Er entscheidet sich bewusst dafür, etwas zu beziffern, was sich nicht genau zählen lässt. Und weil sich Fehler dabei nie ganz vermeiden lassen werden, weil die Fälle unterschiedlich interpretiert werden können, wird es auch immer Akteure geben, die aufgrund einzelner Fälle das ganze Bild in Zweifel ziehen.


Langer Artikel, lange Lektüre. Suggeriert wird Faktengenauigkeit, dabei erfährt man an keiner Stelle, wie die RSF zu der erstaunlichen Korrektur von 220 getöteten angeblichen Journalisten auf 61 kam. Der RSF-Sprecher wird dazu nicht zitiert – dabei wäre das doch erklärungsbedürftig. Problematisch ist auch die Verquickung von Bericht und Kommentar. „Die Zahlen würden sich ändern, aber nicht der Gesamtbefund“ – diese Einschätzung ist angesichts der Korrektur von 220 auf 61 nicht nachvollziehbar. Die Zahlen erscheinen völlig willkürlich, das ist der Gesamtbefund.
Zu #1: Es gab keine Korrektur von 220 auf 61 Journalisten. Die erste Zahl bezog sich auf alle getöteten Journalist:innen. Die zweite nur auf die, die bei der Arbeit ums Leben kamen.
Für die Journalist vor Ort ist das Dilemma sicher noch weitaus größer. Wer sich entscheidet, nach Gaza zu gehen und dort abseits des vom IDF kontrollierten, eingebetteten Journalismus Informationen zu sammeln, wird unweigerlich Berührungspunkte mit der Hamas haben. Das kann wiederum dazu führen, dass ihm Parteinahme für die Hamas oder gar eine Beteiligung an Kampfhandlungen vorgeworfen wird.
Wenn sich eine NGO die Mühe macht, Zahlen und Informationen erneut zu überprüfen und zu verifizieren, wird sie dafür mitunter ebenfalls abgestraft. Das wirkt wie eine organisierte Verengung des Diskurses.
Es ist schon seltsam, wie gut es mittlerweile funktioniert, Organisationen der nicht regierungsabhängigen Zivilgesellschaft zu diskreditieren und damit bestimmte Inhalte aus dem Bewusstsein der Menschen verschwinden zu lassen.
McCarthyismus lässt grüßen.
Bei Palästinensern soll man akribisch unterscheiden zwischen Terroristen und Journalisten, aber Deutsche können Gründungsmitglied einer terroristischen Vereinigung werden, aber Tante Wiki und Google so: „Einmal Journalismus, immer Journalismus!“, aber „später auch Terror“…
So richtig trennscharf ist das im Gazastreifen bestimmt auch nicht. Was niemanden abhalten soll, das zu versuchen, aber das auf einen Eintrag in einer Liste zu reduzieren, wird der Sache wohl nicht gerecht.
Warum sollte es Journalist:innen auch besser gehen als Rettungskräften, wenn sie auf die IDF treffen.
Ich muss mich präzisieren: wer zuerst journalistisch arbeitet und dann noch Terrorismus betreibt, zählt als Journalist:in, wer mit Terror anfängt und dann mit Journalismus weitermacht, als Terrorist:in. Jedenfalls ist das so bei Meinhof und Proll.
Das System ist halt kaputt.
Ich bin jetzt etwas verwirrt:
Sind nicht alle getöteten arabischen Journalisten Terroristen, weil sie ja sonst nicht getötet worden wären?
Keine Ahnung. Es gibt ja auch arabischsprachige israelische Moslems. Dürfen die nicht auch als Journalist arbeiten?
Aber wenn man nach Tante Wiki geht: wer lebt ist Terrorist m, wie Proll, wer tot ist, ist Journalist, wie Meinhof. Alles mwd.
Oder es ist halt ein Spektrum…
Geht wieder los
„Es gibt ja auch arabischsprachige israelische Moslems“
Der Satz war:
„Sind nicht alle getöteten arabischen Journalisten Terroristen, weil sie ja sonst nicht getötet worden wären?“
Ich steig mal wieder aus, es wird absurd.
Derweil die Zivilgesellschaft zwischen „Ganz Palästina“ und „Groß Israel“ auf dem Altar der faschistoiden Fanatiker geschlachtet wird.
Die Frage war offensichtlich nicht ernstgemeint, denn es ging darin um arabische, nicht konkret palästinensische Journalisten bzw. Terroristen. Was Israel nämlich mit toten Journalisten/Terroristen bspw. in Saudi-Arabien oder Ägypten zu tun haben sollte, weiß der Gilb.
Mein Punkt war der, dass der Unterschied zwischen Terroristen und Journalisten offenbar unscharf ist. Sicher nicht die Schuld der Israelis.
Lesen Sie doch einfach nochmal nach, worum es in diesem Artikel geht.
Vielleicht kommen Sie ja drauf.
Von den Schwierigkeiten, Todesopfer eindeutig als Journalist:in oder Terrorist:in einzuordnen? Und dass dieser „Mangel“ an Eindeutigkeit denen zum Vorwurf gemacht wird, die diese Listen ggfs auch mal korrigieren?
Da bin ich sehr bei den Leuten, die diese Listen führen: es ist offenbar schwierig, und wenn jemand denkt, dass diese Listen „akkurat“ wären, oder überhaupt sein könnten, sollte er oder sie mal nicht so pingelig sein.
https://www.youtube.com/watch?v=b4qeYfFSVS8
Ja, was auch immer Herr Gemein fragt, wenn ich darauf antworte, gefällt ihm meine Antwort eh nicht.
Die Arbeit von Journalisten und Journalistinnen wir auch nicht gerade dadurch einfacher, wenn Regierende die in diesem Beruf Tätigen pauschal als „Fake News“ bezeichnen, nur weil Ihnen die Berichterstattung nicht passt.
Und als Leser*in von Berichterstattung sollte sich auch jeder permanent selbst hinterfragen, die Frage stellen: „Kann das wahr sein, auch wenn meine eigene Überzeugung „Lüge“ schreit?“