Antisemitische Vorurteile? Wie unterschiedlich man einen Text lesen kann, wenn es um Israel geht

Nein, niemand hat mir vorgeworfen, eine Antisemitin zu sein. Wohl aber, dass ich in meinem jüngsten Text zu einseitig auf das Thema Israel blicken würde. Ich hatte kritisiert, wie deutsche Medien aus und über Libanon berichten. Vor allem kürzere Nachrichtentexte verharmlosen oder ignorieren oft, was das Vorgehen der israelischen Armee im Libanon konkret bedeutet: dass dort viele Menschen sterben, aber auch Dörfer zerstört und Felder vergiftet werden.
Es sei ein Text mit viel Sympathie für die Menschen in Gaza und im Libanon – und zu wenig Empathie für Israel, die Menschen dort und die Jüdinnen und Juden in Deutschland. So der Tenor einiger Kommentare und Zuschriften zum Text.
Israel als Angreifer
Ein Kollege, den ich um Fee…

Vielen Dank für diesen Beitrag!
Ich möchte noch etwas verdeutlichen, was im Artikel bereits angelegt ist. Mein Wunsch für mehr Ausgewogenheit ist, Akteure wie Hamas, Hisbollah, Huthis, aber auch Autonomiebehörde, Regierungen in Iran, Libanon, Ägypten, Syrien auch ganz klar als solche wahrzunehmen und zu beschreiben – nämlich als Akteure.
Auch sie haben Ziele und Handlungsmöglichkeiten. Auch sie treffen Entscheidungen, dieses zu tun und jenes zu lassen.
Dies würde der Ausgewogenheit sehr guttun!
Ich nenne nur ein Beispiel: Bei der Unterversorgung der Bevölkerung in Gaza nur Israel als Akteur zu nennen ist einseitig. Ebenso trugen auch die Entscheidungen der Hamas (die eigenen Leute bei der Verteilung von Hilfsgütern zu bevorzugen; die Geiseln nicht freizulassen; etc.) und die Weigerung der ägyptischen Regierung, die eigene Grenze zu Gaza für Flüchtlinge zu öffnen und diese mit internationaler Hilfe zu versorgen, zur Krise bei.
Insgesamt finde ich, geben deutsche Medien und die deutsche Medienkritik, im Nahost-Schlamassel aber eine recht gutes Bild ab, im Vergleich zum Beispiel zu britischen und skandinavischen Medien. Dieser Artikel ist ein weiterer Beweis dafür. Darum nochmals ein herzlicher Dank für die Reflektion!
Danke erstmal für beide Artikel. Ich finde, dass in deutschen Medien viel zurückhaltender über die Kriegsverbrechen der IDF berichtet wird im Vergleich zur New York Times, dem Guardian oder Hareetz (nachdem ich dort einen Artikel gelesen habe, bekomme ich täglich den Hareetz newsletter, kann ich gar nicht lesen, so schrecklich sind die Dinge da). Wegen dieser medialen Zurückhaltung blockiert die deutsche Regierung EU-Sanktionen gegen israelische Produkte aus dem West-Jordanland. Selbstverständlich sollen auch in deutschen Medien die irren Maulhelden und Terroristen der Hamas und Hisbollah (man sollte die nicht gleichsetzten) vorkommen. Haben die überhaupt noch Waffen? Würde mich interessieren.
Übrigens: Ägypten hat den Grenzübergang nicht geöffnet um die von Isreael gewollte Vertreibung der Palestinenser nicht zu fördern.
PS. Piers Morgan hat auf den Vorwurf in einem Interview der Ritualmord-Legende anzuhängen geantwortet: „Shut up with your Blood Libel accusation.“
https://www.youtube.com/shorts/9XFLNwB5a1w
in diesem Zusammenhang:
https://www.youtube.com/watch?v=DvDvhLkb9ms
Obiger Kanal bedient sich oft beleidigender Sprache, zwar begründet, trotzdem abzulehnen. Die Argumente an sich sind aber faktisch fundiert.
ich würde mir generell wünschen, das Übermedien mehr auf Inhalte in sozialen Medien eingeht.
Ist das nicht wahnsinnig schwierig und frustrierend, dass ein jeder online publizierter Artikel immer alles an Ausgewogenheit und Überblick und Rücksicht integrieren muss? Als Übonnent, der seit Jahren alle Artikel liest, kommt es mir lediglich darauf an, dass mir das Medium insgesamt ausgewogen erscheint. Einzelne Artikel dürfen Tendenzen haben, weil sie z. B. auf einen ganz bestimmten Aspekt fokussieren.
Dass wir als an Häppchenware gewöhnte Onlinewesen größere Publikationskontexte oft nicht mehr berücksichtigen können, das bedaure ich, wohl wissend, dass wir dieses Rad nicht mehr zurückdrehen können und ich jetzt, mit dieser Nostalgie, mit gerade mal 48 Jahren zum alten weißen Mann mutiere.
#5 Das ist ein zentrales Problem: jeder Artikel muss in sich ausgewogen nach allen Seiten sein. da bleibt m.E. die eigene Meinungsbildung auf der Strecke. Die Reflexion der Kollegin Schneider über ihren eigenen Artikel – zunächst mal Chapeau – ist begrüßenswert. Und wenn es um Irrtümer und falsche Schlüsse geht, notwendig. Aber auch den eigentlich „unfehlbaren“ Kolleginnen und Kollegen (Sorry, da bin ich ein wenig altmodisch) muss man das Recht auf Irrtum zugestehen.
Ich schätze Ihre Selbstreflektion sehr. Um ehrlich zu sein, finde ich sie aber viel zu selbstkritisch. Viel der Kritik, die an ihren Text herangetragen wird, ist fernab jeder Differenzierung und jedes sachlichen Anspruchs. Volker Beck, sein Umfeld und eine riesige Anzahl deutscher Journalist*innen haben für sich beschlossen, dass die Konsequenz aus deutscher Geschichte eine ewige Absolution des israelischen Staates ist. Der israelische Staat ist in diesem Weltbild zwar nicht unfehlbar, aber doch strukturell unfähig falsche, fragwürdige oder unmoralische Absichten zu hegen. Dieses Weltbild lässt die Existenz einer mehrheitlich bellikosen und rechtsextremen israelischen Regierung, Politik und Gesellschaft nicht zu. Jeder, der zu einer gegenteiligen Einschätzung kommt, muss also – bewusst oder unbewusst – antisemitischen Narrativen erlegen sein.
Oder konkreter: Volker Beck (und Herr Beck dient hier lediglich als Stand In für dutzende andere Vertreter dieses Lagers) würde israelische Kriegsverbrechen zutiefst verurteilen. Nur, er ist völlig außerstande israelische Kriegsverbrechen wahrzunehmen. Sein gesamtes Weltbild ist darauf ausgerichtet, dass der Staat Israel und das Gute identisch sind. Abzulehnende Anteile können a priori immer nur eine Minderheit des Staates, seiner Regierung und seiner Bevölkerung bilden. Es ist in diesem Weltbild schlicht unmöglich, dass eine Mehrheit der israelischen Bevölkerung Kriegsverbrechen befürwortet, rechtsextreme Parteien wählt und amoralische Positionen unterstützt. Tut sie dies doch, so kann es sich wiederum nicht um Kriegsverbrechen, Rechtsextremismus und amoralische Positionen handeln. Es ist die gleiche wohlmeinende, unreflektiert-unbewusste Selbstbeschränkung der Perspektive, die bei einigen palästinasolidarischen Aktivist*innen zum Schluss führt, dass jeder von einer mit dem Anliegen Palästinas assoziierten Gruppe (lies: Hamas, islamischer Jihad, in Teilen auch Hezbollah) begangene Akt legitimer Widerstand sein muss.
Was folgt daraus? Wenn Personen oder Gruppen mit einem solch vorgefärbten Weltbild eine Äußerung im Feld Israel/Palästina/Libanon wahrnehmen, können sie sie nicht differenziert betrachten. Nicht unbedingt, weil sie bösen Willens sind, sondern weil es ihr Weltbild strukturell nicht zulässt. Wer also vorsichtig und differenziert analysiert, dass der israelische Staat eine Menge Indizien dafür liefert, dass ihm das Völkerrecht und das Leben der libanesischen Zivilbevölkerung völlig gleichgültig sind und er höchstens in einem instrumentellem Verhältnis zu beidem steht, was wiederum deutsche Medien nur unzureichend thematisieren, muss aus diesem Blickwinkel heraus – bewusst oder unbewusst – antisemitisch argumentieren. Denn wenn sich die Faktenlage nicht bestreiten lässt, bleibt nur noch die Rekontextualisierung, um die Faktenlage in das eigene Weltbild einzupassen.
Ich habe es daher – wie, so vermute ich, sehr viele Menschen – aufgegeben, zu versuchen, es der radikalen Israel first-crowd recht zu machen. Denn das ist schlicht unvereinbar mit einem ehrlichen und differenzierten Umgang mit der Realität. Ich habe große Empathie für die israelische Zivilbevölkerung, die so unglaublich viel Leid ertragen und mit so viel Angst leben muss. Nur kann kein Leid dieser Welt und keine Angst es rechtfertigen, den systematischen Verstoß gegen Menschlichkeit, Menschenrechte, Völkerrecht und moralische Grundsätze zu unterstützen oder gar zu fordern. Der 11. September gab den USA nicht das Recht, Recht zu brechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu begehen. Und der 7. Oktober gibt Israel ebenso wenig dieses Recht.
Liebe Annika Schneider, meine Hochachtung für Ihren Artikel! Es ist eine so wichtige Fähigkeit, mit kritischen Blick auf das eigene Handeln zu schauen. Das empfinde ich als so wohltuend, wenn Menschen dazu in der Lage sind, und zeigen: es ist überhaupt kein Drama, seine Position zu reflektieren. Für mich sind beide Artikel sehr gelungen, aber Sie haben vollkommen recht, in diesem Themenkomplex kommt es so häufig auf Nuancen an und es ist nur allzu leicht, einen Aspekt außer Acht zu lassen oder nicht treffend zu formulieren.
Vielen Dank für Ihre Arbeit!
Bei aller Ausgewogenheit, dürfen wir an einen Staat Israel nicht höhere moralische Ansprüche stellen als an eine Terrororganisation?
Würde ich hierzulande an die Polizei nicht auch höhere Ansprüche stellen als an einen Straftäter?
Zunächst:
Gibt es in Deutschland eine „Lex Israel“?
Nicht im Sinne von „Israel darf nicht kritisiert werden“. Natürlich darf es das.
Ich meine etwas anderes: Warum scheint Kritik an Israel so häufig einer besonderen Rechtfertigungspflicht zu unterliegen?
Kaum berichtet man über zivile Opfer eines israelischen Angriffs, kommt der Einwand, man müsse zugleich Hamas, den 7. Oktober, Israels Sicherheitsinteressen oder die Hisbollah erwähnen. Natürlich sind das relevante Themen. Aber müssen sie wirklich in jeden einzelnen Bericht eingebaut werden?
Wenn über einen konkreten israelischen Angriff berichtet wird, ist die Frage zunächst: Was ist passiert? Wen hat es getroffen? Was sagt die IDF? Welche Belege gibt es dafür? Was lässt sich unabhängig überprüfen?
Dass Hamas eine Terrororganisation ist, beantwortet keine dieser Fragen.
Und nein, palästinensische Zivilisten sind nicht automatisch die „Gegenseite“ der israelischen Armee, nur weil sie in einem von Hamas kontrollierten Gebiet leben. Wenn Zivilisten Opfer eines Angriffs werden, darf darüber berichtet werden, ohne zum Ausgleich erst einmal Hamas-Verbrechen aufzuzählen.
Kontext ist wichtig. Aber Kontext ist nicht dasselbe wie Gegenrechnung.
Sonst wird aus „Berichte ausgewogen“ irgendwann: „Berichte über Israel nur dann, wenn du gleichzeitig erklärst, warum Israel es tun musste.“
Und dann kann die Gegenseite fordern: „Berichte über Palästina nur, wenn gleichzeitig über die Geschichte der Nakba, die Besatzung, die Siedlungspolitik, die humanitäre Lage in Gaza, israelische Menschenrechtsverletzungen berichtet wird.
Genau da beginnt für mich Whataboutism 2.0.
Und deshalb finde ich die Frage durchaus legitim, ob in der deutschen Berichterstattung über Israel tatsächlich andere Maßstäbe angelegt werden als bei anderen Staaten.
Das wäre keine antisemitische Frage. Im Gegenteil: Es wäre eine ziemlich wichtige Frage an den Journalismus.
Warum frage ich das eigentlich?
Seit kurzem habe ich mit „Die neuen Zwanziger“ einen neuen Lieblingspodcast. In einer Folge fiel der Begriff „Diskursverengung“ als Beschreibung dessen, wie die DIG streckenweise auf Kritik an Israel reagiert. Ich fand das ziemlich treffend.
Denn wir befinden uns inzwischen in einer absurden Situation.
Ausgerechnet im Land der Holocaust-Täter wird Antisemitismus zunehmend als importiertes Phänomen und, mehr noch, als Merkmal vor allem linker Politik und Kultur geframt.
Das passiert auch international. Aber in Deutschland hat diese Erzählung, vielleicht gerade wegen unserer Geschichte, eine besondere Durchschlagskraft.
So entsteht mitunter ein bemerkenswerter Schulterschluss: zwischen Teilen der politischen und geistigen Erben einer Gesellschaft, die den Nationalsozialismus hervorgebracht hat, und Teilen der heutigen Antisemitismusbekämpfung. Die gemeinsame Klammer ist nicht selten eine ausgeprägte Islamfeindlichkeit.
Und immer steht dabei der beruhigende Satz: „Natürlich darf man die israelische Regierung kritisieren.“
Nur: Was bedeutet dieses „natürlich“ eigentlich?
Es klingt inzwischen fast wie ein Warnhinweis. Du darfst kritisieren, aber bitte nur innerhalb eines vorher abgesteckten Korridors.
Dabei geht es nicht um irgendeine Regierungspolitik. Es geht um eine israelische Politik, die über Jahre hinweg unter anderem die Stärkung der Hamas in Kauf genommen beziehungsweise durch bestimmte Maßnahmen begünstigt hat. Netanyahu selbst hat die Logik hinter dieser Politik später offen beschrieben: Hamas als Gegenpol zur Palästinensischen Autonomiebehörde zu erhalten, erschwerte eine politische Lösung und die Bildung eines palästinensischen Staates.
Genau über solche Zusammenhänge müsste man reden können.
Stattdessen wird die Debatte häufig schon vorher auf die Frage verengt, ob eine Kritik „antisemitisch“ sein könnte.
Und damit sind wir wieder bei der Diskursverengung.
Wenn ich über einen israelischen Angriff, zivile Opfer oder mögliche Verstöße gegen das Völkerrecht spreche, muss ich dann wirklich jedes Mal Hamas, den 7. Oktober, die Hisbollah und Israels Sicherheitsinteressen mitliefern, damit mein Text als legitim gilt?
Oder darf ein Bericht auch einfach einmal das untersuchen, was gerade passiert ist?
Ich finde, das ist eine ziemlich wichtige Frage. Gerade in Deutschland.
Klar kann man nicht jede denkbare Missinterpretation eines Artikels vorweg nehmen.
Insofern muss man auch mal dickes Fell haben.
Danke für den Text. Ich glaube auch, die Lösung liegt darin, möglichst konkret und genau zu sein und denke, Israels Regierung und privaten Partner geben noch weit mehr Anlass für sehr spezifische Kritik. Das fehlt mir im Deutschen und alles, was ich international lese, gibt mir viele offene Fragen, die mir in Deutschland zu wenig gestellt werden. Israel (Regierung & Unternehmen) arbeitet weltweit intensiv mit Autokraten zusammen, um Sicherheits-/Überwachungsstrukturen aufzubauen, etwa nun in Kolumbien. Auch Deutschland will die Zusammenarbeit und dazu gäbe es so viel Anlass für journalistische Fragen. Was macht Dobrindt genau? Mit dem spricht er auf seinen Israel-Reisen? Worüber? Warum ist das alles so intransparent? Was wurde bereits recherchiert und wie legit ist das? Ich würde wirklich gerne vieles schlicht verstehen. Was ich sonst noch ergänzen würde: Wie bei allen Themen würde Berichterstattung über die engagierte Zivilgesellschaft gut tun. Wer arbeitet am Frieden, was versteht man darunter, und wie geht man vor? Welche Risiken geht man ein, welche Gefahren und Konsequenzen gibt es? Liebe Grüße