Vertreibungen durch die israelische Armee

Und jetzt werfen wir noch keinen gründlichen Blick auf den Libanon

Deutsche Medien berichten durchaus, wie israelische Soldaten im Südlibanon systematisch ganze Dörfer zerstören. Aber vor allem der Nachrichtenjournalismus beschränkt sich viel zu oft auf die offiziellen Angaben der Armee – wie bei einer absurden Journalistenführung durch einen Waffentunnel.

In einer Nacht im Juni besichtigen internationale Journalisten einen Tunnel in einem libanesischen Dorf. Die Terrormiliz Hisbollah soll hier Waffen gelagert haben. Unter den Journalisten ist auch ARD-Korrespondent Julio Segador. „Leben kann hier vorerst niemand mehr“, schreibt er wenige Tage später in einem „Tagesschau“-Artikel. Denn die israelische Armee hat das Dorf rund um den Tunnel völlig zerstört.

In Segadors Beitrag für die 20-Uhr-Tagesschau ist von dieser Zerstörung allerdings nichts zu sehen. Die Pressetruppe ist „embedded“ unterwegs, geführt und bewacht von der israelischen Armee. „Sie bestimmt, was wir sehen dürfen. Unser Drehmaterial müssen wir der Armee zeigen“, erklärt der Korrespondent in seinem Beitrag. Die genehmigten Drehbilder zeigen große Hisbollah-Drohnen in hell erleuchteten Tunneln, währe…

18 Kommentare

  1. „Andere Redaktionen seien verunsichert, weil Kritik an Israel bei manchen Akteuren grundsätzlich Empörung und Antisemitismus-Vorwürfe triggern.“

    Wir werden sicher bald wissen, ob da etwas dran ist, könnte ich mir denken.

  2. Man kann nicht oft genug versuchen, klarzustellen, dass Kritik an Israels Regierung, Militär oder Teilen der Bevölkerung und Antisemitismus ziemlich unterschiedliche Dinge sind und nicht einmal eine Schnittmenge haben müssen.

  3. Moment mal:
    als langjährigem Übermedien Abonnenten nervt mich der Tenor bei der Israel Berichterstattung.
    Was soll bitteschön an dem Einmarsch der Israelischen Armee im Südlibanon illegal sein? Wer postuliert solch einen Unsinn?
    Der Einmarsch der IDF im Südlibanon ist völlig logisch, nachdem Israels Norden seit dem 7 Oktober 2023 mit tausenden Raketen beschossen wurde.
    Jedes Land der Welt hat das Recht, in Gebiete einzumarschieren, von wo aus es bedroht wird!
    Der Südlibanon hätte seit 2006 längst entmilitarisiert sein müssen, denn dies wurde mit der Resolution 1701 des UN-Sicherheitsrates, die am 11. August 2006 einstimmig verabschiedet wurde beschlossen.
    Unter dieser Voraussetzung hatte sich nämlich damals Israel wieder aus diesen Gebieten zurück gezogen.
    Die libanesische Armee war jedoch zu schwach, um dies durchzusetzen gegen die vom Iran unterstützte Hezbollah.
    In der Zwischenzeit hat auch die Weltgemeinschaft in Form von UNIFIL versagt, denn sie hat unter ihren Augen zugelassen, dass die Hezbollah das Gebiet an der Nordgrenze wieder komplett militarisiert hat.
    Die Einbettung militärischer Strukturen in zivile Strukturen ist eine der Kernstrategien Islamistischer Milizen: sie wollen den Blutzoll erhöhen und den moralischen Druck auf Israel multiplizieren. Menschen, die seit Jahrzehnten im Westen in Frieden leben, lassen sich so sehr leicht emotionalisieren und manipulieren. Weil sie die Realität der Bedrohung Israels schlicht nicht nachvollziehen können.

    Wer sehenden Auges ignoriert, welche Akteure im Mittleren Osten offen die Existenz Israels bedrohen, kann dann auch leichtfertig Israels Gegenmaßnahmen diffamieren. Aus einer humanistischen Perspektive heraus.

    Wem dies egal ist und wer gerne moralisiert, darf gerne so weiter machen.
    Die Realität und die Fakten sind eine Sache, Narrative sind eine andere. Ich mag keine Narrative mehr, seitdem ich mich ohne ideologische Scheuklappen dem Thema zugewandt habe. Ich finde es schade zu sehen, dass die Bürger Israels Jüdische und Muslimische) hier in Deutschland offensichtlich sehr wenig Solidarität erfahren.

    Ja, Kritik an der Regierung von Netanyahu und einigen rechten Ministern in seinem Kabinett sind nicht automatisch Antisemitismus. Es ist jedoch irre, wer sich hier alles ins Zeugs wirft, um Israel, Zionismus, die Siedler zu kritisieren, obwohl die Kritiker oft nur über sehr rudimentäres Wissen verfügen. Eben nur so viel, wie es den eigenen Narrativen entspricht und passt.

    Schade.

    Besten Gruß aus Freiburg,
    (gerade zurück aus Israel und der Westbank)

    Wendelin Ackermann

  4. Werden in der Berichterstattung wirklich das legitime Interesse eines souveränen Staates, sein eigenes Gebiet zu kontrollieren, und die dreiste Förderung eines Mörders, seine Opfer sollten gefälligst still halten, gleich gesetzt?
    „… dass Libanon und Hisbollah das als völkerrechtwidrig ablehnen.“ klingt nämlich sehr danach.

  5. #Wendelin Ackermann – Danke. Seit mehr als 76 Jahren muss sich der jüdische Staat gegen feindliche Staaten und barbarische Terrororganisationen wehren. Im Gaza-Streifen und im Südlibanon gibt Israel nun teilweise die stets international lautstark geforderte Zurückhaltung gegenüber einer Zivilbevölkerung auf, die nicht nur die Terrororganisationen weitgehend unterstützt hat, sondern auch ein Schlüssel für ihre Strategie war: Israel zu zwingen, sie entweder nur sehr begrenzt anzugreifen oder aber auch Zivilisten zu treffen – was dann genutzt wird, um die Israelis als Kriegsverbrecher hinzustellen. Das begierige Aufgreifen dieser Vorwürfe in Europa und anderswo zeugt natürlich von nichts anderem als von der modernen Variante des 2000 Jahre alten Antisemitismus.

  6. Übrigens, Herr Trankovitz:

    Die „Zurückaufhaltung gegenüber einer Zivilbevölkerung auf“geben ist in 99,9% geradezu die Definition für den Begriff „Kriegsverbrechen“. Es gibt nur wenige andere Dinge, die noch in Frage kämen.

    Man erkennt übrigens auch daran, wie sehr eine Regierung darauf aus ist, das Völker- und Menschenrecht mit Füßen zu treten, wie oft darauf hingewiesen wird, dass ihr Staat ein Leuchtturm der Zivilisation in einer barbarischer Region sei. Wenn man das liest, heisst es genau hinzuschauen.

  7. Danke für den Artikel, an dem jeder Antisemitismus-Vorwurf aufgrund seiner faktenbasierten Argumentation abperlt.

  8. Da es sonst niemand macht:
    @Wendelin Ackermann:

    Sie beginnen Ihren Kommentar mit einem Strohmann und verschieben zunächst die Torpfosten. Israels Recht auf Selbstverteidigung wurde in dem von Ihnen kritisierten Artikel überhaupt nicht bestritten. Die Frage ist eine andere: Ein Recht auf Selbstverteidigung ist kein Freibrief für die Art und Weise, in der Selbstverteidigung ausgeübt wird.

    Wenn es Ihnen schwerfällt, das konkrete Vorgehen der IDF zu verteidigen, wechseln Sie kurzerhand auf eine Ebene, auf der Ihnen die Verteidigung leichter fällt: vom „Wie“ des Vorgehens zum grundsätzlichen „Ob“ eines israelischen Militäreinsatzes. Ein Klassiker.

    Bemerkenswert ist zudem Ihre Selbstimmunisierung durch die Behauptung der eigenen Unideologisiertheit. Sie beschreiben sich als jemand, der sich „ohne ideologische Scheuklappen“ mit dem Thema beschäftigt und keine „Narrative“ mehr mag. Damit stellen Sie Ihre eigene Position als unmittelbaren Zugang zu „Realität und Fakten“ dar, während die abweichenden Positionen als Narrative, Ideologie, Emotionalisierung, Manipulation oder Ausdruck „rudimentären Wissens“ erscheinen.

    Wie praktisch: Wer die eigene Position zur Realität und die Position des Gegenübers zum Narrativ erklärt, muss die eigene Perspektive schon gar nicht mehr als Perspektive begründen.

    Das ist eine klassische Rhetorik der Objektivität – oder, zugespitzt, eine „Ideologie der Ideologiefreiheit“. Sie werfen anderen vor, durch Narrative den Blick auf die Realität zu verstellen, während Sie selbst selbstverständlich ebenfalls auswählen, gewichten und interpretieren. Der entscheidende Unterschied besteht lediglich darin, dass Sie Ihre eigene Interpretation nicht als Narrativ bezeichnen.

    Und auch Ihre eigene Perspektive verdient Kontext. Sie schreiben aus der Position eines Menschen, der aus der Westbank kommt – einem Gebiet, in dem seit Jahren sowohl internationales Recht als auch in bestimmten Fällen israelisches Recht durch Siedler verletzt wird und solche Verstöße immer wieder nur unzureichende Konsequenzen haben. Gerade vor diesem Hintergrund wäre etwas mehr Skepsis gegenüber der eigenen Perspektive und etwas weniger Gewissheit darüber, wer hier „die Realität“ und wer lediglich „Narrative“ sieht, durchaus angebracht.

  9. „Die Hisbollah missbrauche das Dorf als menschliches Schild, sagt …“
    Was ist denn drauf zu sehen, auf dem Schild, „Durchfahrt verboten“?
    Wie wäre es mit „menschlichen“ Schild? Danke!

  10. Um mal auf die Ebene zurückkommen, dass es hier nicht um Israelkritik, sondern Medienkritik geht: warum werden keine Militärexperten interviewt, die zur Frage Stellung beziehen äääh, nehmen, ob man wirklich ein ganzes Dorf zerstören muss, um die Hisbollah zu vertreiben, vielleicht hätte das halbe Dorf ja gereicht?
    Oder welche legalen Möglichkeiten hätte Israel?
    Oder was sagt der Iran dazu?

    Klar haben zumindest einige Medien einen israelfreundlichen Bias, aber die Hisbollah könnte ja einfach selbst enbeddeden Journalismus anbieten. Gleiches Recht für alle.

  11. Die joviale Menschenfeindlichkeit von Konservatives-Feuilleton-Man ist mal wieder bemerkenswert.

    „Zurückhaltung gegenüber einer Zivilbevölkerung aufgeben (…)“

    aka.

    „mindestens 71.667 Tote (ohne Unterscheidung zwischen Zivilisten / Kämpfern)
    davon Kinder: 20.179
    davon Schüler und Studenten: >16.879
    davon Frauen: 10.427
    davon medizinisches Personal: >1.700
    davon Bildungsfachkräfte: 734
    davon UNO-Personal: 388
    davon Presse- und Medienvertreter: 258
    171.343 Verletzte“

    Seit 2023.
    Also von einer „Aufgabe der Zurückhaltung“ kann eh nicht gesprochen werden, dafür hätte es in erster Linie eine Zurückhaltung geben müssen.

    „Die Zahlenangaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums in Gaza bzgl. Toten und Verletzten können nicht unabhängig überprüft werden, wurden aber unter anderem von der Weltgesundheitsorganisation (die eine Organisation der Vereinten Nationen ist) als glaubwürdig eingestuft, da die Zahlen in der Vergangenheit zuverlässig gewesen seien.“

    Hierzu hat auch der Eigenbuchverkäufer Fabian Goldmann mehrere Beitrag gemacht:
    Thema Israelkonflikt in den Medien:
    https://www.schantall-und-scharia.de/framing/
    (Kritisiert das Narrativ, das u. A. auch Wendelin Ackermann hier reproduziert)
    Thema „Menschliche Schutzschilde“:
    https://www.schantall-und-scharia.de/hamas-schutzschilde/
    Thema „Palästinensisches Gesundheitsministerium als unglaubwürdige Quelle“:
    https://www.schantall-und-scharia.de/hamas-angaben/

    Ja, Fabian Goldmann will nur sein Buch verkaufen, aber das will Konservatives-Feuilleton-Man ja auch nur.

    Für den durchschnittlichen deutschen Medienkonsumenten nur schwer zu ertragen und Ambiguitätstoleranz ist Pflicht:
    https://www.youtube.com/watch?v=DvDvhLkb9ms
    von „Professor Dave Explains“, Videotitel „Destiny loves Genocide“
    Auch mir gehen hier einige Thesen zu weit, aber es lohnt sich dennoch m. E. zur Horizonterweiterung. Der Dave Farina kommt eigentlich aus der Pseudoscience-Debunking Ecke und argumentiert immer wissenschaftlich, aber aggressiv und sehr sehr klar. Am Ende sagt er auch was zum Wort „Antisemitismus“, dem ich durchaus folgen kann.
    Dass der Staat Israel die größte Bedrohung für Juden sei, hört man ja auch aus jüdischer Richtung immer wieder, ich werfe mal Elhanan Beck als Suchbegriff rein.
    Auch auf Louis Theroux’s „The Settlers“ Dokumentation sei noch mal hingewiesen.

    Aber die Kritiker sind ja eh alle dumm und haben keine Ahnung, wie #3 ja bereits feststellte. So muss man sich auch die Inhalte nicht anschauen oder gar seine Meinung überprüfen.

  12. Danke, Wendelin Ackermann.
    Der mediale Bias ist mehrheitlich Aggressor Israel und Opfer Araber. Für die gebildeten Schichten abgemildert zu Israel reagiert viel zu hart auf die Barbarei seiner Nachbarn.

    Normalerweise ist die Reihenfolge Actio – Reactio.
    Nicht im Nahen Osten.
    Dort schießt, bombardiert, tötet Israel. Vorangegangen war …

    Shit happens, das ja. Nicht jeder hat immer einen guten Tag. Aber wenn das schon jahrelang so geht, kann man das unter Zufall verbuchen?
    Kommt so eine Niedertracht wie
    Israel erwidert trotz neuer Waffenruhe Beschuss aus Gaza
    nur durch Zufall zustande, und nicht etwa durch eine gewisse Vorspannung?

  13. #10
    „Da es sonst niemand macht: …“

    Beobachtung korrekt, Schlussfolgerung zweifelhaft, würde ich jetzt mal so frech sagen, da haben #8,#9 souveräner agiert. Aber wenn es Ihnen Freude macht…

  14. Nun kommt gleich der nächste „Freund“ Israels aus der Deckung und zeigt sich von der Komplexität der Situation drastisch überfordert.

    Für FrankD heißt es nur: Team Israel oder Team „Araber“ (sic!).
    So weit, so unterkomplex, so weit, so rassistisch.

    Und exakt das ist das Problem: Die Anerkennung von Ambiguität wird als Verrat geframt. Bestenfalls wird noch großmütig angeboten, Kritik an Netanjahu oder seiner Regierung nicht gleich als Antisemitismus zu bezeichnen. Große Seele!

    Derweil feiert Smotrich mit einer Torte in der Knesset ein Gesetz, das die Todesstrafe für palästinensische Terroristen vorsieht – nicht aber für Israelis, die Palästinenser töten.

    Aber was ist das Interesse Israels?

    Netanjahu braucht die Konflikte, um seine Regierung an der Macht zu halten. Schon seine Unterstützung der Hamas, um sie gegen die PLO in Stellung zu bringen, illustriert diesen Politikstil.

    In den USA ist nun erstmals seit der Gründung Israels die Zahl derjenigen, die Palästina unterstützen, größer als die Zahl derjenigen, die Israel unterstützen (41 % zu 36 %, Quelle: Gallup, April 2026). AIPAC findet offenbar keine demokratischen Politiker mehr, die Spenden von der Organisation annehmen wollen, und auch bei der GOP nimmt das Interesse, gemeinsam mit Israel genannt zu werden, rasant ab.

    2023 waren laut einer Umfrage des Senders NBC nur 37 % der US-Amerikaner negativ gegenüber Israel eingestellt; im April dieses Jahres waren es bereits 63 %.

    Selbst bei den Evangelikalen sind es offenbar nur noch die älteren Jahrgänge, die unverbrüchlich hinter Israel stehen.

    Die Auswirkungen auf die Region, sollte sich die USA dazu entschließen, Israel fallen zu lassen, kann sich jeder selbst ausmalen.

    [Zahlen und Fakten aus: https://www.youtube.com/watch?v=Nzu-JT3m9Ts%5D
    @Peter Sievert
    Ich sehe natürlich, was Sie meinen. Trotzdem würde ich diese Zurückhaltung nicht als Tugend werten.

  15. Sorry ein dicker Fehler:
    „2023 waren laut einer Umfrage des Senders NBC nur 37 % der US-Amerikaner negativ gegenüber Israel eingestellt; im April dieses Jahres waren es bereits 63 %.“
    Das bezieht sich auf die US-Amerikaner unter 55 Jahren, also die „jüngeren“ US-Amerikaner.

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