Ost-West-Debatten

Schluss mit der Ost-(V)erklärung!

Sind Medien in ihrem Bemühen, den Osten zu verstehen, längst über das Ziel hinausgeschossen? Unser Autor sagt: ja. Die ständige Suche nach einer ostdeutschen Identität habe nicht nur wenig Erkenntnis gebracht – sie könnte der AfD sogar in die Hände gespielt haben.
Straße in Bautzen, Sachsen, mit alten und renovierten Häusern.
Straße in der Altstadt von Bautzen, SachsenFoto: IMAGO / Peter Schickert

Was wäre, wenn wir die letzten zehn Jahre nicht permanent über Ostdeutschland, Ostdeutsche und ostdeutsche Identitäten gesprochen hätten? Diese Frage sollten sich vor allem diejenigen medialen und publizistischen Stimmen stellen, die diese Themen permanent auf die Agenda setzen. Ihr Anspruch ist es, die politische Lage im „Osten“ besser zu erklären und zu verstehen. Damit verknüpfen sie den Wunsch nach besseren politischen Verhältnissen. Wobei „besser“ hier natürlich meint: den sagenhaften Erfolg der AfD in der ostdeutschen Fläche in den Griff zu kriegen bzw. einzuhegen. Spätestens nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern ist klar: Mit diesem Anspruch sind sie gescheitert.

Am Anfang stand einmal ein echtes Defizit. Über die Schließung ganzer Industrien, die Treuhand, die Dominanz westdeutscher Eliten im Osten, die Abwertung von Ost-Erfahrungen wurde nach der Vereinigung zu wenig oder häufig von oben herab gesprochen und berichtet. Es gab gute Gründe, denen zuzuhören, die all das erlebt hatten. Nur reden wir darüber inzwischen nicht seit gestern. Wir reden seit mindestens einem Jahrzehnt darüber, in immer neuen Büchern, Ressorts, Podcasts, Fernsehfilmen, Stiftungsprogrammen und Initiativen. Trotzdem klingt die Ankündigung noch immer gleich: Jetzt hören wir dem Osten endlich zu. Jetzt lassen wir die Ostdeutschen selbst sprechen. Jetzt entdecken wir, wie vielfältig sie sind.

Doch wie oft kann man etwas zum ersten Mal entdecken?

Zahlreiche Ost-Initiativen

Schon Anfang der Zehnerjahre organisierte sich die „Dritte Generation Ostdeutschland“ und gründete mit Perspektive³ ein eigenes Netzwerk für Kultur- und Bildungsprojekte. Die „Zeit“ baute 2013 die „Zeit im Osten“ auf. Dort berichteten unter anderem Martin Machowecz, Jana Hensel und Anne Hähnig aus einer dauerhaften Ost-Redaktion. Die „taz“ startete 2016 „taz.neuland“ und gab jungen Autorinnen und Autoren eine eigene Seite für ostdeutsche Themen. 2026 ging der Berliner Verlag mit der „Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung“ an den Start. Niemand kann ernsthaft behaupten, ostdeutsche Stimmen hätten keinen Platz in überregionalen Medien. 

Bücher über den Osten
Bücher, die den Osten erklärenScreenshots: Ch. Links Verlag / Aufbau Verlag / Ullstein / Kiepenheuer & Witsch / Mitteldeutscher Verlag / C. H. Beck

Auch Bucherscheinungen wurden zu medialen Ereignissen: SPD-Politikerin Petra Köpping fragte 2018 in „Integriert doch erst mal uns!“, warum Ostdeutsche sich zurückgesetzt fühlten. „Zeit“-Journalistin Jana Hensel schrieb im selben Jahr mit dem Soziologen Wolfgang Engler „Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“. Steffen Mau beschrieb in „Lütten Klein“ die Umbrüche in seinem Rostocker Herkunftsmilieu; Ilko-Sascha Kowalczuk analysierte in „Die Übernahme“ die Macht- und Eigentumsverhältnisse nach 1990. Thomas Oberender forderte „Empowerment Ost“, Dirk Oschmann landete 2023 mit „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“ einen Bestseller. Die Liste ließe sich noch weiterführen.

Die Autorinnen und Autoren unterscheiden sich in ihren Diagnosen, doch ihre Bücher stellen dieselbe Grundfrage in den Mittelpunkt: Was ist der Osten, und warum sind die Ostdeutschen anders?

Daneben entstand eine regelrechte Infrastruktur der Ost-Perspektiven – von der 2019 gegründeten Initiative „Wir sind der Osten“, die positive ostdeutsche Biografien sichtbar machen will, bis zu Quote-Ost, die das Ziel hat, mehr Ostdeutsche in Film und Fernsehen zu platzieren.

Kann irgendeine andere regional, ethnisch, religiös, kulturell oder anderweitig konstruierte Gruppe eine derartige Bandbreite an medialer und kultureller Aufmerksamkeit für sich verbuchen? Ich habe erhebliche Zweifel. Aber selbst wenn dem so wäre: Am unteren Ende einer deutschen Diskurs-Aufmerksamkeits-Pyramide stehen Ostdeutschland und die Ostdeutschen in keiner Weise.

Was soll die DNA des Ostens sein?

Nehmen wir den Rundfunk: Der MDR nennt eines seiner Projekte „Die DNA des Ostens“. Schon 2021 erschienen dazu Filme; später wurde das Projekt fortgesetzt, und 2026 kam ein gleichnamiges Buch hinzu. Man muss sich diesen Titel auf der Zunge zergehen lassen. Was wäre eine „DNA des Westens“? Vermutlich hätte sie keine Chance gegen die naheliegende Rückfrage, ob jemand aus Duisburg, dem Wendland und dem Schwarzwald sich tatsächlich auf dieselbe Herkunft festnageln lassen.

Auch Jessy Wellmer, in Mecklenburg geboren und heute Moderatorin der „Tagesthemen“, ist immer wieder losgefahren. 2023 in „Hört uns zu! Wir Ostdeutsche und der Westen“, 2024 folgte ihr Buch „Die neue Entfremdung“ und im selben Jahr die ARD-Reportage „Machen wir unsere Demokratie kaputt?“ – mit Fokus auf Sachsen und Thüringen vor den Landtagswahlen. 

Genug Ost-Formate

Dabei soll hier nicht alles gleichgesetzt werden: Wer mit Dokus über die Baseballschlägerjahre die Opfer rechter Gewalt sichtbar macht, verfolgt etwas anderes als Autor Dirk Oschmann mit seiner Anklage gegen westdeutsche Deutungshoheit. Ein Verein, der vor Ort einen bedrohten Jugendclub unterstützt, leistet etwas anderes als eine Redaktion, die noch ein Porträt über die „ostdeutsche Seele“ bestellt. Aber man kann doch nicht seit über einem Jahrzehnt immer neue Formate zum besseren Verständnis der Ostdeutschen auflegen und anschließend so tun, als fehlte vor allem noch eines: ein weiteres Format zum besseren Verständnis der Ostdeutschen.

Ich glaube daher nicht, dass wir zu wenig über den Osten reden, sondern wir reden viel zu viel über „ostdeutsch“ als Identität. Wer ständig nach einer gemeinsamen ostdeutschen Erfahrung fragt, findet irgendwann überall eine. Wer den Menschen jahrelang sagt, sie müssten sich als Ostdeutsche verstanden und vertreten fühlen, darf sich nicht wundern, wenn immer mehr von ihnen genau das zur wichtigsten politischen Zugehörigkeit machen. Und möglicherweise muss eine AfD dieses „wir“ dann einfach nur noch ausschlachten.

Mit jeder Ost-Debatte wuchs die AfD

Während all die Ost-Versteher-Formate entstanden, passierte politisch etwas Bemerkenswertes: Die AfD gewann kontinuierlich Wähler hinzu. Bei der Bundestagswahl 2013 lag die AfD in den fünf ostdeutschen Flächenländern noch bei ungefähr vier bis sieben Prozent. Bei der Bundestagswahl 2025 wurde sie in sämtlichen fünf Ländern stärkste Kraft, mit 32,5 bis 38,6 Prozent der Zweitstimmen. Das ist – sorry to say – auch eine Bilanz des immer wieder versprochenen besseren Verständnisses.

Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat und Wahlsieger in Sachsen-Anhalt, auf einer Wahlkampfveranstaltung in Schwerin.
Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat und Wahlsieger in Sachsen-Anhalt, auf einer Wahlkampfveranstaltung in SchwerinFoto: IMAGO / Chris Emil Janßen

Wie schief die Aufmerksamkeit verteilt ist, zeigen schon die Zahlen. In Sachsen-Anhalt wählen rund 1,7 Millionen Wahlberechtigte, in Nordrhein-Westfalen rund 12,9 Millionen. Im Bundesrat repräsentiert eine Stimme aus Sachsen-Anhalt etwa 434.000 Wahlberechtigte, eine aus NRW rund 2,15 Millionen – ein Verhältnis von fast 1 zu 5. Die Überrepräsentation kleinerer Länder ist staatsrechtlich gewollt und Teil der föderalen Konstruktion der Bundesrepublik. Aber muss sie derart hoch sein? Darüber wird bei Ost-West-Vergleichen und der Frage nach Repräsentation erstaunlich selten (um nicht zu sagen: nie) gesprochen.

Und wer erklärt den Erfolg der AfD im Westen?

Gleichermaßen schief ist der Fokus auf den Osten, wenn man sich den Erfolg der westdeutschen AfD anschaut: In absoluten Zahlen entfielen rund 70 Prozent aller AfD-Stimmen bei der letzten Bundestagswahl auf den Westen. Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg 2026 gewann die Partei ausgerechnet im migrantisch geprägten Wahlkreis Mannheim I ihr einziges Direktmandat. Eine AfD-Hochburg innerhalb einer westdeutschen Großstadt verdient mindestens so viel Neugier wie eine AfD-Hochburg in Sachsen. Hinzu kommen Gelsenkirchen, Duisburg, Pforzheim oder strukturschwache Kreise in Rheinland-Pfalz. Und trotzdem stellt man selten die Frage nach der „Seele der Westpfalz“. Wo ist die vergleichbare Debatte darüber, was dort politisch und sozial vor sich geht? Was haben diese Orte gemeinsam, und was trennt sie? 

Mit „Ost gegen West“ kommt man jedenfalls nicht weiter.

Wo der Zug nicht mehr kommt

Wer mit dem Zug von Hamburg über Bremen Richtung Köln oder weiter ins Rhein-Main-Gebiet fährt, macht häufig dieselbe Erfahrung: Bis Münster geht es einigermaßen, danach summieren sich die Verspätungen. Denn in den am dichtesten besiedelten Teilen des Landes ist das Bahnnetz marode, Rheinbrücken müssen gesperrt werden und die Städte sind seit Jahrzehnten chronisch überschuldet. Das lässt sich nach meiner persönlichen Erfahrung von den mittlerweile hervorragend sanierten Trassen zwischen Berlin, Leipzig, Erfurt und München nicht behaupten.

Ich erzähle das nicht, um die Sanierung eines ostdeutschen Marktplatzes gegen eine kaputte westdeutsche Brücke aufzurechnen. Aber es verblüfft mich, wie gelassen und selbstverständlich viele die völlig kaputte Infrastruktur in NRW oder zwischen Mainz und Aschaffenburg zur Kenntnis nehmen. Dabei betrifft sie Millionen Menschen, die einfach aus einer Debatte über deutsche Ungleichheiten herausfallen. 

Abrissarbeiten an einer Brücke in Bonn
Abrissarbeiten an der maroden Nordbrücke in BonnFoto: IMAGO / Marc John

Was wäre also, wenn wir statt Ost-West mal andere Karten zeichneten? Dort verliefe die interessante Grenze zwischen Orten, an denen man noch ohne große Mühe am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann, und Orten, die diese Möglichkeit Stück für Stück verloren haben. Keine Postfiliale, keine Bank, der Bahnhof wird nicht mehr bedient und der Bus fährt einmal am Tag – wenn überhaupt. Für den kleinen Obst- und Gemüsehändler findet sich ebenso wenig ein Nachfolger wie für die Arztpraxis. Wer kein Auto hat, kommt nicht ohne Weiteres zum Amt oder zur Arbeit.

Solche Orte gibt es in Thüringen und Sachsen-Anhalt. Es gibt sie aber ebenso in der Westpfalz, im Saarland und in Bayern. Sogar mitten in einer Metropolregion kann ein Viertel von guten Schulen, Arbeitsplätzen und Wohlstand abgeschnitten sein. In diesen Ballungszentren kommt hinzu, dass dort seit Jahrzehnten sehr viel mehr Menschen mit Einwanderungsgeschichte leben, als es in großen Teilen Ostdeutschlands je der Fall war. Ihre Kinder wachsen nicht automatisch unter guten Bedingungen auf, nur weil sie in einer westdeutschen Stadt wohnen. Und warum interessieren die Aufstiegschancen eines migrantischen Arbeiterkindes in Bottrop in dieser Debatte weniger als die eines ostdeutschen Arbeiterkindes in Leipzig? 

Faktor Daseinsvorsorge

Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung und des Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung hat die Daseinsvorsorge mit den AfD-Ergebnissen in deutschen Kreisen verglichen. Ihr Befund: In Ost und West sind die Ergebnisse der Partei tendenziell niedriger, je besser Bildungsangebote, soziale Infrastruktur und Breitbandversorgung sind. Bei Ärzten und Nahverkehr spielt nicht nur eine Rolle, ob sie grundsätzlich vorhanden sind, sondern auch, wie gut das Angebot ist. Ein Bus, der nur selten kommt, oder eine Arztpraxis, die keine spontanen Termine hat, werden als genauso schlecht erlebt, als wenn sie gar nicht da wären.

Die Sozialforscherin Larissa Deppisch beschreibt, wie das Gefühl entsteht, der eigene Ort habe keine Zukunft mehr, wenn einzelne Einrichtungen schließen. Auch aus Frankreich oder Großbritannien gibt es ähnliche Befunde – ganz ohne eine ostdeutsche Identität, die man für diese Entwicklungen heranziehen könnte. Es geht schlicht um Orte, denen etwas genommen wurde – und politische Bewegungen, die darauf ihre Antwort geben.

Weiße Nachbarn sind einigen wichtiger als die Busverbindung

Natürlich erklärt sich so nicht jede AfD-Stimme. Deppisch fand schlecht versorgte Gegenden, in denen die AfD wenig Zuspruch hat, und besser gestellte, in denen sie stark ist. Es gibt im Osten auch herausgeputzte Städte und Dörfer, neue Straßen und sanierte Marktplätze – und trotzdem ein politisches Ressentiment, das man nicht mit der nächsten Investition in Pflastersteine beseitigen wird. 

Denn zur Wahrheit gehört eben auch: Ein Teil der AfD-Wähler will nicht einfach eine bessere Busverbindung oder Respekt für die Lebensleistung seiner Eltern. Er hat ein völkisches Verständnis von Gesellschaft, das außerhalb des Grundgesetzes steht – und diese rassistische Motivation schlägt alle anderen. 

In der Leipziger Autoritarismus-Studie 2024 stimmten 61 Prozent der bundesweit befragten AfD-Wähler allen drei Aussagen zu, mit denen die Studie ein geschlossen ausländerfeindliches Weltbild misst. Im Osten lag die entsprechende Zustimmung in der Gesamtbevölkerung bei 31,5 Prozent, im Westen bei 19,3 Prozent. Wer daraus ableitet, der Westen habe kein Rassismusproblem, hat die Zahlen nicht verstanden. Wer den Unterschied zwischen Ost und West wegredet, ebenfalls nicht.

Angriffe wurden vertuscht

Und das Problem im Osten beginnt eben nicht erst mit der Wende: 1975 jagten in Erfurt etwa 300 Menschen algerische Gastarbeiter durch die Innenstadt. Für viele vietnamesische Vertragsarbeiter war eine gemeinsame Gesellschaft mit ihren deutschen Nachbarn ohnehin nicht vorgesehen. Der offizielle Antifaschismus der DDR hat Angriffe nicht verhindert, sondern höchstens vertuscht. Der frühere DDR-Kriminalpolizist Bernd Wagner ermittelte für die späten Achtzigerjahre rund 200 neonazistische Gruppen und 15.000 Rechtsradikale in der DDR. 

Nach 1989 brach die rechtsextreme Gewalt dann offen hervor. Dass sie nicht einfach von ein paar westdeutschen Kadern in den Osten importiert wurde, sagen ausgerechnet die Beteiligten selbst.

Nährboden für Neonazis

Der führende westdeutsche Neonazi Christian Worch erinnert sich in der NDR-Reportage „Der Traum vom Umsturz – Neonazis und die Wende“, dass die extreme Rechte in der alten Bundesrepublik vor dem Mauerfall kaum 1.000 Anhänger mobilisieren konnte. Nach der Grenzöffnung verfügte sie im Osten plötzlich über einen viel größeren Resonanzraum.

Westdeutsche Kader bauten Organisationen, aber die völkischen Zustände, an die sie anknüpften, waren schon da. Das ist die spezifische Vorgeschichte der Pogrome von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, die sich eben weder mit der Treuhand noch mit zugereisten Westnazis erklären.

Es folgten die Baseballschlägerjahre der Neunziger und die sogenannten „national befreiten Zonen“ der Nullerjahre sowie über ein Jahrzehnt unentdeckter Terror des „Nationalsozialistischen Untergrunds“. Darauf reagierten unzählige Menschen, die nicht ins Weltbild rechtsradikaler Hegemonie passten, mit Abwanderung: Wer anders aussah, links war oder offen schwul oder lesbisch lebte, musste einschätzen, wie sicher der Weg zum Bahnhof, das Dorffest oder der Besuch am Baggersee war. In so mancher Erzählung darüber, was „die Ostdeutschen“ denken, fehlt dieser Teil der Menschen, die unter anderen Bedingungen geblieben wären. Nach den örtlichen Kontinuitäten solcher Milieus zu fragen, bringt jedenfalls mehr als die nächste allgemeine Rede von enttäuschten Ostdeutschen.

Wer repräsentiert eigentlich wen?

Gerade deshalb halte ich manche Vergleiche von ostdeutscher Herkunft und rassistischer Diskriminierung für verfehlt. Ja, über einen sächsischen Akzent macht man sich „im Westen“ lustig, in Mecklenburg-Vorpommern aber auch. Ja, westdeutsche Eliten können ostdeutsche Biografien geringschätzen. Aber eine Person mit türkisch klingendem Namen kann schon aussortiert werden, bevor irgendjemand ihren Akzent hört. Wer schwarz ist, kann auf dem Wohnungsmarkt oder auf der Straße nicht entscheiden, seine Herkunft heute für sich zu behalten. Das ist eine andere Art, als „anders“ markiert zu werden. 

Der Historiker Patrice G. Poutrus kritisiert den ostdeutschen Opfermythos auch deshalb, weil die Gefahr besteht, sehr verschiedene Erfahrungen politisch gegeneinander zu verrechnen. Worauf er auch hinweist: Die Rede von einer ostdeutschen Identität sei jünger, als sie oft klingt. Menschen in der DDR hätten sich vor 1989 nicht als „Ostdeutsche“ bezeichnet, so Poutrus. Dieses gemeinsame „Wir“ sei auch durch die Vereinigung entstanden und die Art, wie danach über sie gesprochen wurde.

Auch die mangelnde Repräsentanz ist keinesfalls so eindeutig, wie manche tun: Zwar weist der Elitenmonitor für 2024 unter rund 3.000 Führungspositionen einen ostdeutschen Anteil von nur 12,1 Prozent aus, in der Wirtschaft ganze vier Prozent. So ernst zu nehmen dieser Befund ist, so seltsam ist zuweilen, mit welcher Allgemeingültigkeit er medial vermittelt wird. Denn ebenso bemerkenswert ist, wen diese Statistik ostdeutsch nennt: Entscheidend ist der Geburtsort oder erste bekannte Wohnort; die Herkunft der Eltern wird nicht systematisch erfasst.

Das Kind einer ostdeutschen Mutter, das im Westen aufwächst und später Chef wird, gilt demnach als westdeutsch. Die Kinder westdeutscher Beamter, die nach der Wende im Osten gebraucht wurden und Karriere machten, werden dagegen als ostdeutsch gezählt. Es ist eine nachvollziehbare Definition für eine Studie. Nur ist sie nicht deckungsgleich mit der Ostidentität, die man in der Debatte gern bis in die Enkelgeneration weitergibt. Und sie verschleiert den Erfolg von Ossis und deren Kindern im Westen.

Warum die Ost-West-Sortierung oft in die Irre führt

Ähnlich geht es mir mit der Behauptung, Ostdeutsche zahlten ihre Mieten an westdeutsche Vermieter. Abgesehen davon, dass es gar keine belastbare Gesamtzählung aller deutschen Vermieter nach ihrer Herkunft gibt: Ich habe mein ganzes Leben Miete bezahlt und werde mir in einer deutschen Großstadt wahrscheinlich auch kein Eigentum mehr leisten können. Was genau wäre besser, wenn mein Vermieter ein Dresdner Geldsack statt eines Hamburger Pfeffersacks wäre? Die Miete wäre dieselbe, die Abhängigkeit auch. Wer besitzt Wohneigentum, wer bestimmt die Preise, wer lindert die Wohnungsnot? Aus einem Konflikt zwischen Besitzenden und Habenichtsen wird ohne guten Grund ein Konflikt zwischen Ossis und Wessis.

Denn schon die Sortierung nach Ost und West führt in die Irre: Die Bruchlinien verlaufen zwischen wohlhabenden Großstädten und schlecht angebundener Peripherie, zwischen Mietern und Eigentümern, zwischen Menschen mit und ohne Vermögen, zwischen anerkannten und verachteten Berufen und Biografien. Hinzu kommt ein offener Rechtsextremismus, der Einwanderung, gleiche Rechte für queere Menschen und andere Lebensentwürfe schlicht ablehnt – und Menschen, die nicht in sein Weltbild passen, zum Teil gewaltsam angreift.

Die AfD dankt

Je länger ich auf die ganzen Ost-Formate schaue, desto weniger glaube ich, dass Deutschland an einem Mangel an ostdeutscher Repräsentation leidet. Eher fehlt die Bereitschaft, das immer gleiche Versprechen an seinem Ergebnis zu messen. Noch ein Gespräch, noch ein Film, noch ein Buch über das Unverstandensein: Wie lange soll die Einladung, endlich zuzuhören, ihre eigene Wiederholung überleben? Denn vielleicht hat sie längst einen Preis: Die deutsche radikale Rechte erhält einen besonders gut ausgeleuchteten Schauplatz namens „der Osten“ und eine fertige Geschichte vom missachteten Kollektiv. Ihre westdeutschen Wähler, ihre Organisationen und die gesellschaftlichen Verhältnisse, aus denen sie dort gewinnt, verschwinden leichter im Hintergrund.

Ich finde daher, die medialen Fürsprecher einer Ostidentität müssen sich die Frage durchaus gefallen lassen, wie diese Wahlergebnisse wohl ohne ihr Engagement aussehen würden. Sollen wir wirklich glauben, ohne die intensive Ost-West-Debatte, die sie immer und immer wieder neu anstoßen und am Laufen halten, hätte die AfD noch mehr Stimmen? Läge sie dann „im Osten“ bei 60 Prozent? Oder ist das Ganze ein riesiger Trugschluss?

12 Kommentare

  1. Wo ist die vergleichbare Debatte darüber, was dort politisch und sozial vor sich geht? Was haben diese Orte gemeinsam, und was trennt sie?

    Eine solche Debatte wir es nicht geben, denn es gilt immer noch, was ein (westdeutscher) Germanist vor bestimmt 15 Jahren vortrug: Der Westen braucht „den Osten“ als Folie, auf der sich alles Negative darstellen lässt.
    Das will man nicht verwischen.

  2. Ein bisschen auch wie die Debatte „Rabenmutter“ oder „Hausfrau“, die hauptsächlich von Männern geführt wird…
    S. Nachbar-Artikel

  3. @Jörg:
    Ich weiss zwar nicht, wer das gesagt hat, aber letztlich ist es nur eine Kopie dessen, was Edward Saids in „Orientalism“ (1978) schreibt, nur bezieht der sich auf den Orient, der als Gegenbild zu dem „Westen“ konstruiert wurde. Oder aber Larry Wolffs „Inventing Eastern Europe: The Map of Civilization on the Mind of the Enlightenment“ (1994) der dieses Phänomen in Bezug zu Ost-Europa analysiert.

    Man kann dieses Bild aber auch als Schild gegen jegliche Kritik benutzen, wenn sie denn nur von „dem Westen“ kommt, egal wie berechtigt oder konstruktiv die sein mag. Beispiele wie Überalterung, Brain Drain und eklatante Versäumnisse im Umgang mit Rassismus und verdecktem Rechtsextremismus in der DDR lassen sich nicht als Wessie-Bashing abtun, sondern müssen ernst genommen werden, wenn sich da etwas tun soll.

    Es gilt dasselbe wie überall: Wenn sich Kritik auf Empirisches, konkrete Vorkommen und Phänomene bezieht, ist sie gerechtfertigt, egal von wem.
    Wenn sie sich nur allgemein von Gruppen gegen Gruppen wendet, ist sie es nicht.

  4. PS:
    Das gilt natürlich auch umgekehrt. Der Raubzug der Nachwendezeit ist eine Tatsache. Nur war es eben nicht „der Westen“. Es waren letztlich dieselben Akteure, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ihre Hemmungen und ihre Scham verloren hatten und sich die passende Politik dafür einkauften. Sie sorgten nicht nur dafür, dass ihnen im Zuge der Privatisierung und Umstrukturierung ein erheblicher Teil des ostdeutschen Vermögens zufiel. Auch im vereinigten Deutschland wurden die politischen Rahmenbedingungen zunehmend so gestaltet, dass Steuern und Abgaben für sie sanken und die wachsende Produktivität überproportional bei ihnen landete, statt breiter bei den Beschäftigten und der Gesellschaft anzukommen. Und diesen Menschen ist es natürlich ganz recht, wenn die Schuldzuweisungen immer andere Gruppen treffen. Ossis, Wessis, Migrant:innen, Feministinnen … u name it.

  5. Danke für diesen Artikel.
    Ich bin mit einer Sachsen-Anhaltinerin verheiratet und habe dadurch neben den Schwiegereltern auch Freunde aus dieser Gegend gewonnen. Wenig überraschend kann ich also sagen: In Sachsen-Anhalt leben ganz normale Menschen mit ganz normalen Problemen. Die sind nicht größer oder kleiner, wichtiger oder unwichtiger als die Probleme der Menschen in Südangola, an der Ostküste Chinas oder im Zentrum Mannheims.
    Und jedes Mal, ebensowenig überraschend, wenn ich mit den dortigen Familienmitgliedern und Freunden über „Ost“ und „West“ spreche, kommen neben den üblichen Aspekten (Westdeutsche Plünderung der darniederliegenden DDR, kaputte Industrie im Osten) vor allem verwunderte Blicke über diese ganzen „Ostanalysen“. Die übrigens kaum jemand in meinem Bekanntenkreis nicht ignoriert.
    Und ich kann mittlerweile nur noch den Kopf darüber schütteln. Wie bei so vielen Themen verdienen einfach viel zu viele Leute viel zu viel Geld damit, Ostbücher zu schreiben, Ost-Podcasts aufzunehmen etc. pp. Einen Nutzen hat das allein für diejenigen selbst. Die Statisten wundern sich bestenfalls.

  6. „Am unteren Ende einer deutschen Diskurs-Aufmerksamkeits-Pyramide stehen Ostdeutschland und die Ostdeutschen in keiner Weise.“
    Kleine Nörgelei als Randnotiz: ist das nicht ein schiefes Sprachbild?

  7. Eine sehr schöne Analyse. Neue Identitäten werden ja historisch gesehen oft geschaffen: aus den Bewohnern Amerikas, die vorher Azteken, Maya, Tlaxcalteken, Zapoteken etc. waren, wurden „Indianer“, aus der ebenfalls diversen afrikanischen Bevölkerung wurden „Schwarze“, umgekehrt wurden aus Jugoslawen plötzlich wieder Serben, Kroaten und Bosnier oder aus Spaniern werden Katalanen und Basken. Immer ist das mit entsprechenden Eigen- und Fremdzuschreibungen verbunden und wird politisch genutzt.
    Auch eine „gesamtdeutsche“ Identität gibt es ja noch nicht so lange, vor 1871 war man Untertan irgendeines der vielen Könige oder Fürsten und sprach zufällig deutsch. Aber genau wie eine deutsche ist dann auch schnell eine ostdeutsche Identität konstruiert und kann politisch instrumentalisiert werden.

  8. Der Artikel made my day! Prima!!
    Randbemerkung: Das ist der erste journalistische Beitrag, den ich in meinen journalistischen Quellen lese, der auch einmal explizit die Westpfalz erwähnt. Dort gib es Orte in den Landkreisen Kusel und Birkenfeld, die es locker mit Sorge und Elend im Harz (hier standen „nomen est omen“ Pate) aufnehmen können.

  9. Was ich „dem Osten“ zugute halten würde, ist, dass die Diskussion „Ostdeutsche – üble Rassisten oder arme Opfer der Kolonialherrschaft“ überwiegend von Wessis geführt wird, so dass ich mich als Ostdeutscher auch nicht repräsentiert fühlte.
    Aber da hat Herr Reisin ja Recht: hätte man im Westen die Debatte nicht an sich gezogen, wäre da Problem vielleicht gar nicht da.

  10. @ Thorsten Wittwer: Ja, ich verstehe, dass das schief wirken kann. Ich hatte dabei klassische Hierarchie-Darstellungen in Pyramidenform in Kopf wie zB militärische Rangordnungen:
    https://fritzmayer85.wordpress.com/wp-content/uploads/2011/04/hierarchie_n.jpg?w=490&h=332

    Oder die Darstellung von Ständen im Mittelalter:
    https://www.reddit.com/media?url=https%3A%2F%2Fpreview.redd.it%2Fsocial-hierarchies-should-be-added-v0-qc4n9ckij5ig1.png%3Fwidth%3D640%26crop%3Dsmart%26auto%3Dwebp%26s%3Df56d8e71d4f08a016b8ec8d4f095275d0a74cef0

    Gemeint ist also, am unteren Ende der Hierarchie oder der Aufmerksamkeitsökonomie. Wenn man an Ernährungspyramiden oder ähnlich denkt, dann wirkt das Bild dagegen falsch.

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.