KI-Bilder im Lokalen

Mit KI generiert, statt vor Ort fotografiert

Der Schleswig-Holsteinische Zeitungsverlag bebildert regionale Themen mit KI-generierten Abbildungen. Die Motive sind transparent gekennzeichnet – und dennoch stellt sich die Frage: Was heißt das für den Lokaljournalismus, wenn Leser ihre Region im Blatt nicht wiedererkennen?
Diesen Jugendtreff gibt es nicht: KI-Bild bei shz.de. Ausriss: SHZ / Montage: Übermedien

Wenn es etwas gibt, mit dem Lokaljournalismus in diesen Zeiten punkten könnte, dann ist es Nähe und Präsenz. Denn in lokaler Berichterstattung schwingt immer auch die Botschaft mit: Wir sind hier für euch vor Ort. Ein Versprechen, das weder Google noch „Tagesschau“ geben können – und eines, mit dem Verleger und Chefredakteure entsprechend gerne Selbstmarketing betreiben. 

Insofern verwundert das Vorgehen von shz.de, dem Nachrichtenportal des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags. Denn da werden klassische Lokal- und Regionalthemen neuerdings auch mit KI-Werken bebildert. Statt des echten Jugendtreffs in Reinfeld wird ein KI-generierter Jugendraum gezeigt. (Die Gesichter der Jugendlichen sind übrigens trotzdem zensiert – was ein wenig so wirkt, als wolle man den Eindruck eines echten Fotos erwecken.)

Und es gibt weitere Beispiele: Statt eines Fotos von Bad Oldesloe gibt es eine zusammengenerierte Collage mit Pseudo-Stadtansicht, um die Facebook-Debatten im Ort zu bebildern. Und statt eines echten Motivs aus dem Landkreis Stormarn wird eine Landschaft mit erfundenem Landkreisschild abgebildet.

Reicht Transparenz aus?

Ist das jetzt in Ordnung so oder doch kritikwürdig? Transparent ist der KI-Einsatz der Redaktion zumindest: Unter den Bildern wird darauf hingewiesen, dass sie mit der Google-KI Gemini generiert wurden. Häufig wird in der Bildunterschrift auch die Person genannt, die das Bild gepromptet hat. Und in mindestens einem Fall ist sogar das Wasserzeichen von Gemini in der Ecke zu sehen.

Für Lesende ist also erkennbar, dass es sich bei den Bildern nicht um echtes Fotomaterial aus der Region handelt. Formal und rechtlich ist der Einsatz damit unproblematisch, wie Juliane Lischka erklärt – sie ist Professorin für Digitalen Journalismus an der Universität Hamburg. Der EU-AI-Act sehe eine Kennzeichnungspflicht vor, die eingehalten werde.

Aber ändern KI-generierte Bilder von konkreten Orten im Verbreitungsgebiet nicht, wie „nah dran“ und glaubwürdig Menschen die Berichterstattung ihrer Lokalzeitung wahrnehmen? Schließlich geht es im Lokaljournalismus auch um Emotionen und Identität: Man möchte die eigene Heimat im Blatt wiedererkennen.

Gibt es gute Gründe für den KI-Einsatz?

Vielleicht gibt es im Einzelfall zunächst einmal gute Gründe, das KI-Bild einem echten Foto vorzuziehen. Zum Beispiel, weil im Jugendtreff keine echten Jugendlichen gezeigt werden wollen oder sollen. Weil es dort auch um Konflikte und Probleme geht, mit denen sie sich nicht in der Zeitung sehen wollen. Und weil im Regionalen auch Verpixelung oft nur einen begrenzten Nutzen hat. Allerdings hätte es im konkreten Fall dann auch einfach ein Foto der Jugendpflegerin getan, um deren Arbeit es im Text vorwiegend geht.

Eine mögliche Begründung für das fiktive Stormarner Landkreisschild könnte hingegen ganz banal lauten: Es gibt eben kein Ortsschild, auf dem nur „Landkreis Stormarn“ steht. Und so generiert man sich eben das Symbolbild selbst. Ähnlich ist es auch beim Bild aus Bad Oldesloe: Denn Facebook-Debatten über einen Ort zu bebildern, ist gar nicht so einfach.

Die redaktionellen Gegenargumente aus der Ära vor KI würden allerdings lauten: Prägnante Gebäude oder Szenerien aus dem Landkreis gehen eigentlich immer. Und es gab auch Zeiten, da hätte sich ein Redakteur für ein Symbolfoto auf den Bad Oldesloer Marktplatz gesetzt und vor diesem Hintergrund seinen Laptop mit der geöffneten Facebook-Startseite fotografiert. Ästhetisch wenig begeisternd sind in diesen Fällen beide Varianten, KI und echtes Foto, aber wenigstens ist eine davon authentisch. Und darum sollte es im Journalismus ja eigentlich gehen.

Chefredakteurin: Eigenen Anspruch nicht korrekt umgesetzt

Allerdings: Vollkommen authentisch ging es im Journalismus auch vor der KI nicht zu. Denn wo es kein passendes Bild gab, haben Medien schon zuvor häufig auf sogenannte Stockfotos gesetzt – also Symbolfotos, die meist gestellte Szenen abbilden. Auch bei shz.de werden solche Motive verwendet. Man könnte sich zumindest fragen, warum KI-Bilder in den Punkten Nähe und Authentizität nun schlimmer als Stockfotos sein sollen.

Auch nicht gerade authentisch: Ein typisches Stockfoto. Ausriss: SHZ

Was sagt also die Redaktion selbst dazu? Louisa Riepe ist eine der Chefredakteurinnen der NOZ-Gruppe, zu der auch die shz gehört, und dort unter anderem für das Thema KI verantwortlich. Laut Riepe gebe es für die gesamte Gruppe eine grundsätzliche Richtlinie zum KI-Einsatz sowie ein umfassendes Schulungsprogramm. Dies beinhalte auch den Umgang mit KI-Bildern. Dabei werde zwischen Illustrationen und Fotorealismus unterschieden:

„Den Einsatz von KI zur Erstellung von Illustrationen für abstrakte Themen unterstützen wir, den Einsatz zur Dokumentation realer Ereignisse sehen wir kritisch und möchten wir dringend vermeiden.“

Gewünscht seien KI-Bilder also für Grafiken und Symbolbilder, für die kein fotografisches Material existiere. Reaktionen der Leserschaft habe es bis dato nur vereinzelt gegeben – was die Redaktion als grundsätzliches Zeichen der Akzeptanz wertet.

Aber trifft das auch auf den Jugendtreff oder das Landkreisschild zu? Tatsächlich räumt die Chefredakteurin ein, dass der eigene Anspruch an Bilder hier nicht korrekt umgesetzt worden sei – auch wenn formal alle KI-Richtlinien erfüllt wurden. Generell aber sollen die Redakteure mit KI arbeiten und auch experimentieren dürfen: „Dabei nehmen wir in Kauf, dass in dieser Phase die Grenzen auch mal unscharf sein können. Dann gehen wir ins Einzelgespräch und erklären unseren Anspruch. Wir wollen nicht jeden Einzelfall definieren, wir wollen den Rahmen für Experimente setzen. Sonst würden wir womöglich die besten Chancen verstreichen lassen.“

KI-Fotos sind bei Lokalmedien noch selten

Die Recherche von Übermedien hat aber zumindest schon eine Konsequenz: „Wir nehmen diese von Ihnen gefundenen Beispiele zum Anlass, unsere Redaktionen im Rahmen einer Gesamtkonferenz im April erneut intensiv zu schulen und unsere Richtlinien nachzuschärfen“, sagt Riepe.

Das Risiko, mit KI-Bildern den eigenen Anspruch an die Präsenz vor Ort zu untergraben, weist die Chefredakteurin zurück. „Diese Frage stellt sich uns nicht“, sagt sie. Der in den Richtlinien formulierte Anspruch der shz sei schließlich ein anderer: „Wir wollen Bilder von vor Ort und diese nicht durch KI ersetzen. Wir wollen nah an den Menschen sein.“ Die vorgelegten Gegenbeispiele sind aus Riepes Sicht somit offenbar als Einzelfälle zu verstehen, in denen dieser Anspruch nicht eingelöst wurde.

Vorerst scheint diese Form des KI-Einsatzes bei Regionalmedien noch nicht verbreitet zu sein. Ein besonders fragwürdiges Beispiel liefert aber der News-Aggregator „Upday“ von Axel Springer. Dort bebildert man einen nachrichtlichen Artikel über die Erbschaftssteuer in Hamburg mit einem Gebäude, das mit etwas Fantasie dem Hamburger Rathaus ähnelt – inklusive einer fiktiven Demonstration. In der Bildbeschreibung wird zwar erwähnt, dass es sich um ein KI-generiertes Symbolbild handelt. Nur: Was soll das Bild symbolisieren, wenn es nicht das echte Rathaus zeigt?

Was bedeutet das für freie Fotografen?

Es dürfte zudem nicht schwer sein, ein authentisches Motiv des Rathauses in einer der üblichen Fotodatenbanken zu finden. Man darf daher vermuten, dass hier schlicht Kosten gespart werden sollen. Ob damit die eigene Glaubwürdigkeit Schaden nimmt, ist eine andere Frage.

Mit Blick auf shz.de bleibt die Frage, was das alles für die freien Fotograf:innen des Hauses bedeutet. Chefredakteurin Riepe sieht kein Problem: „Unsere engagierten Fotografinnen und Fotografen sind für die Dokumentation des Zeitgeschehens in Niedersachsen und Schleswig-Holstein unersetzlich. KI befreit uns lediglich von der Suche nach generischen Stockfotos für abstrakte Themen.“

Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Grenzen dieser Kategorien sind fließend – und der Anreiz für Redakteur:innen groß, schnell selbst ein Bild zu erzeugen, statt einen Fotografen zu beauftragen. Zumal es natürlich günstiger ist. Ein Umstand, der in den kriselnden Regionalverlagen zunehmend Gewicht haben dürfte.

11 Kommentare

  1. Lokale Medien befinden sich im Existenzkampf. Als Einnahmen fallen weg: Anzeigen für Immobilien, Stellen, Autos und anderes sowie Werbung (größtenteils). Es bleiben fast nur noch Abonnenten. Und die werden aus Geldmangel mit immer schlechteren Produkten (hier Fotos) abgespeist.

    Es ist eine traurige Abwärtsspirale. Und ich sehe leider keinen Weg, das zu ändern.

    Ist es der Tod des Regionaljournalismus? Vielleicht nicht.

    Ist es der Tod der Lokalzeitung? Ja, leider…

  2. https://uebermedien.de/34382/datenschnullis-mit-kapuzenpullis/

    Durch LLMs wird sich die Einseitigkeit der Bebilderung natürlich noch sehr viel stärker verschlimmern, weil jetzt jeder Depp einfach das gleiche Bild per Prompt erhält, statt Photoshop lernen und beherrschen (oder Geld für einen Grafikdesigner ausgeben) zu müssen.
    „KI“ (kommerzielle LLMs) saugen nur das Geld aus anderen (kreativen) Branchen heraus – Der (monetäre) Wert der (Design)leistung sinkt, während die Qualität der Kreativität ebenfalls leidet, weil nur Altes in neue Schläuche gepresst wird. Immer wieder. Am Ende werden wir Simulacren nicht mehr erkennen können, da das Referenzmaterial fehlt.
    Aber KI-Bild is‘ halt billiger. Da kann man nichts machen. Wirklich, absolut nichts. Es ist unvermeidbar, dass sich diese LLMs durchsetzen. Echt jetzt. Auch die nachträgliche EU-Legalisierung des extrem massiven Datenklaus, der für das Anlernen dieser Modelle begangen wurde, war unvermeidbar. Nichts konnte man da tun. Man hätte ja sonst den Anschluss verloren.
    Nicht nach oben schauen!

  3. Schon vor KI und Symbolfotos haben sich viele Lokalzeitungen in Sachen Bilder nicht gerade an Kreativität übertroffen. Habe in den Nullerjahren für eine gearbeitet, und die Hälfte der selbstgemachten Fotos zeigte Leuten, die an Tischen sitzen (z.B. Bauausschuss) oder Leute, die nebeneinander stehend in die Kamera schauen (z.B. neuer Vorstand des FC XY). Außerdem sehr beliebt: Die örtliche Fußgängerzone (immer, wenn’s um Handel ging).

    Ich verstehe das nicht, denn mit einer halbwegs tauglichen Kamera und ein bisschen Schulung für die Kollegen könnte man da für sehr wenig Geld richtig was rausholen. Das Konkurrenzblatt leistete sich damals noch eine eigene Fotografin, aber das dürfte inzwischen auch Vergangenheit sein.

  4. Es mag nicht der wichtigste Aspekt bei diesem Thema sein aber ist wirklich niemandem in der Redaktion aufgefallen, dass einer der KI-Jugendlichen an der Stirnseite des Kickers „spielt“?

  5. Ich glaube, da geht es nicht nur mir so: Ich finde alles, was derart lieblos mit KI bebildert wird, wertet sich selbst ab. Ob Werbung, Symbolbilder wie hier oder Podcast-Titelbilder, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Das sind so zentrale Elemente, die jeweils so lieblos behandelt werden.

  6. @ #7: Solange es die Klickzahlen nicht beeinflusst, ist es doch egal. Du hörst dir den Podcast ja trotzdem an, liest den Text trotzdem, schaust das YT-Video dennoch an (Du = Alle = der Verbraucher). Wie immer steuert der Endkunde das Marktverhalten mit seinen Kaufentscheidungen. Wenn man das konsequent bekämpfen wollte, müsste man auf jeglichen Konsum verzichten, der zur Anpreisung LLM-generierte Bilder (Texte, Videos, etc.) verwendet. Und das bestenfalls großflächig und von Verbraucherseite organisiert. Sprich: Haha, guter Witz.
    Lesetipp: „GameStop Short Squeeze“.
    Als ob mich der 90°-Kickertisch davon abhält, einen Artikel über den lokalen Jugentreff zu lesen. Falls ich ihn überhaupt wahrnehme.
    Oder man greift auf Legislationsseite ein, aber der Zug scheint abgefahren und schon auf Ludicrous Speed beschleuningt zu haben. Der Datenklau wurde retroaktiv legalisiert. Kammanixmachenisalternativlos.

  7. @#8
    „Als ob mich der 90°-Kickertisch davon abhält, einen Artikel über den lokalen Jugentreff zu lesen. Falls ich ihn überhaupt wahrnehme.“

    Das hält mich vielleicht nicht ab. Aber der Artikel zum Jugendtreff vor Ort ist doch vor allem für diejenigen Interessant, die auch vor Ort leben. Und die wissen häufig genug, dass das Bild ja gar nicht der echte Raum ist. Und wenn ich langfristig das Gefühl habe, dass ich ja gar nicht echten Content vor Ort konsumiere, dann höre ich ggf. irgendwann auf, ihn zu konsumieren.

  8. Zum Gesamtbild der KI-Nutzung im Hause SHZ gehört ja auch, dass die seit letztem Jahr zwei KI-generierte tägliche Nachrichtenpodcasts (Fokus SH, Fokus Husum) anbieten. Diese werden lt. Abbinder zwar von einer Redaktion bearbeitet, aber von einer KI namens „Eddy“ (oder so) eingesprochen, wobei dann natürlich auch Fehler entstehen – das ganz dann noch per Werbung monetarisiert.

    Ich bin da generell beim Tenor des Artikels, dass der Lokaljournalismus damit seine große Stärke weiter verspielt – und zugleich dem medialen Ökosystem drumherum schadet.

    Wobei es hier eh das Problem gibt, dass die SHZ (wie auch die anderen großen Tageszeitungen des Landes) nicht mehr im Land selbst ansässig sind, sondern niedersächsischen Verlagshäusern gehören.

  9. @#5 Orangutanklaus:

    Es mag nicht der wichtigste Aspekt bei diesem Thema sein aber ist wirklich niemandem in der Redaktion aufgefallen, dass einer der KI-Jugendlichen an der Stirnseite des Kickers „spielt“?

    Wenn man generierende KI aus Effizienzgründen einsetzt, dann muss das bestehende Personal deutlich mehr in gleicher Zeit abliefern. Alternativ wird Personal gespart. Beides wirkt sich auf die Qualität aus.

    Und das ist leider vielerorts beim Einsatz von KI der Fall: Manager/Eigentümer erwarten Effizienzsteigerungen und preisen diese im „Arbeitstakt“ gleich mit ein. Besonders „lustig“ wird es, wenn man die Effizienzsteigerungsquoten anhand der Lösung von bekannten Problemen berechnet hat, aber die eigentliche Arbeit das Lösen unbekannter oder schlecht bekannter Probleme ist.

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