Mehr über KI
Schon seit über einem Jahr senden die „Popwellen“ der ARD abends und nachts ein Gemeinschaftsprogramm. Bei Radiosendern wie WDR 2, MDR Jump oder hr3 müssen die Hörer also auch zu dieser Zeit nicht auf den gewohnten Sound verzichten: Hits, Charts, Geplauder und natürlich Jingles – falls zwischenzeitlich irgendwer Zweifel bekommen hat, dass er wirklich das Programm mit der allerbesten Musik hört.
Die Moderatoren von „Pop – die Abendshow“ und der „Popnacht“ sitzen bei SWR3 in Baden-Baden. Ab 20 Uhr schalten sich nach und nach weitere ARD-Radiosender dazu und übernehmen die Sendung, auch SR1, NDR 2, Bremen Vier und rbb 88.8.
Neu ist, dass seit Anfang März eine sogenannte künstliche Intelligenz mitmoderiert. Denn bisher fehlten im Einheitsprogramm notgedrungen regionale Infos, vor allem zu Wetter und Verkehr. Jetzt vermelden KI-Kollegen zur vollen Stunde nach den Nachrichten den Verkehr, zur halben Stunde noch einmal Wetter und Verkehr. Diese Durchsagen klingen allerdings mehr nach Notlösung als nach Innovation.

Alle Meldungen werden laut ARD weiterhin von Redakteuren formuliert. Das KI-gestützte Programm recherchiert keine eigenen Inhalte, textet nichts, schreibt keine Sätze um. Stattdessen übernimmt die Software zwei Aufgaben: Sie stellt die fertigen Meldungen so zusammen, dass sie in allen Radiosendern exakt gleich lang laufen, und sie liest sie vor.
Beim Wetter kürzt das Programm die Vorhersagetexte nur, die Kürzungsmöglichkeiten sind von Journalisten vorgegeben. Beim Verkehr greift es sich die von den Redaktionen vorgegebenen Pflichtmeldungen für jede Region und ergänzt mit Kann-Meldungen aus dem Sendegebiet. Fürs Sprechen haben die Sender zwei echte Radiomacher geklont, für den Verkehr den SWR-Journalisten Henrik von Tenspolde und fürs Wetter die SWR-Redakteurin Saskia Wöhler. Je 500 Sätze mit Wetter- und Verkehrslage hätten sie und ihr Kollege dafür einsprechen müssen, erzählte Wöhler zum Start.
Das Ergebnis liegt irgendwo zwischen beeindruckend und nervig, wie dieses kleine Medley zeigt:
KI-Stimmen sind über das Niveau von Navi-Ansagen und Telefon-Sprachcomputern inzwischen weit hinaus, aber von menschengemachtem Radio noch Lichtjahre entfernt. Vor allem der Verkehrssprecher leiert seine Infos mit der immergleichen Sprachmelodie herunter. Dabei ist er irritierend gut gelaunt, auch bei ungesicherten Unfallstellen, defekten Fahrzeugen oder „Verzögerungen um bis zu 20 Minuten“. Die Betonung liegt oft einen Mü neben dem, was richtig wäre.
Auch einzelne Aussprachefehler sind noch ein Problem. Die „Chaussee“ erinnert eher an „Geschosse“, und ob nun von „Leitbaken“ oder „Leitplanken“ die Rede war, bleibt auch beim dritten Hören unklar. Schön auch, wie die KI-Stimme aus dem „Brand“ eines Autos eine englische „Brand“ macht, eine Marke. Und natürlich sprechen die künstlichen Stimmen alle Tipp- und Grammatikfehler ungerührt mit aus – immerhin ein Beweis dafür, dass die Inhalte unangetastet bleiben.
Für Radioästheten ist das ein Graus. Alles Verspielte, Freundliche, Persönliche geht verloren. Gerade solche Routinerubriken nutzen Moderatoren ja gerne für Geplänkel, Wortspiele, Nonsens. Stattdessen nüchterne akustische Informationsvermittlung. Die Spätmoderatoren klangen rund um die KI-Einführung verdächtig sarkastisch, mit Hörerfragen wie „Was habt ihr euch mal angeschafft, obwohl ihr es überhaupt nicht bräuchtet?“ und „Welche leblosen Dinge habt ihr besonders lieb?“.
Aber es geht nicht nur um Geschmacksfragen. In den ersten Tagen landeten zum Beispiel Verkehrsmeldungen aus Frankfurt an der Oder im hessischen Programm, wohl wegen einer Verwechslung mit Frankfurt am Main. Gerne werden als Füllmasse auch Sperrungen verkündet, die man jeden Tag vermelden kann, weil sie wochenlang andauern. Manchmal werden dabei auch Autobahnen genannt, die nur tagsüber gesperrt und nachts frei sind – Autofahrer dürfte das eher verwirren.
Viel Zeit füllt die KI auch mit einem unerschöpflichen Vorrat an Jingles. Immer wieder hört die genervte Hörerin, sie sei „informiert, wenn’s passiert“, ihr Sender „sei immer für dich da“, mal wird geduzt, mal gesiezt. Mehr Infos gebe es bei Instagram und Facebook, erfährt man in ständiger Wiederholung, auch in der App und auf der Webseite und bei WhatsApp. Lange Handynummern werden durchgegeben, beim Autofahren eher semi-praktisch.
Eine Sparmaßnahme ist das vom WDR und SWR zwei Jahre lang entwickelte KI-Projekt nicht. Projektleiter Jürgen Kraus, Chef von WDR 2 und WDR 4, betont, es falle keine einzige Stelle weg. Das sei auch nicht das Ziel. In den Wetter- und Verkehrsredaktionen seien die gleichen Menschen im Einsatz wie vorher. Die reichten aber nicht aus, um für diverse Regionen halbstündlich Meldungen zusammenzustellen und zu sprechen.
Aus seiner Sicht ist die Neuerung ein zusätzlicher Service, damit man eben am Bodensee nachts keinen Stau im Elbtunnel mehr vermeldet bekommt. Die Aussprache verbessere das Projektteam kontinuierlich weiter, auch dank Hörerrückmeldungen. Und für Geisterfahrer, Unwetter und andere Notlagen gebe es weiterhin den Live-Moderator.
Den Projektmachern ist es vor allem wichtig, die Hörer nicht zu täuschen. Die KI-Stimmen stammen deswegen nicht von den Moderatoren, die den Rest der Sendung moderieren, und vor jedem KI-Meldungsblock laufen Disclaimer („KI-unterstützt, geschrieben von unseren Redaktionen, von der KI für eure Region sortiert und gesprochen“). Rund um den Start gab es Beiträge im Programm und Erklärvideos auf der Webseite.
Schon vorher hatte die ARD 800 Nutzer gefragt, was sie von KI-Stimmen im Radio halten. Die Mehrheit der Popwellen-Stammhörer habe die Idee gut gefunden, sagt Jürgen Kraus. Rund 373.000 Hörer hat das Gemeinschaftsprogramm zwischen 22 und 23 Uhr laut ARD im Schnitt, später in der Nacht vermutlich noch sehr viel weniger. Bisher gebe es noch keine konkreten Pläne, die Software auch in anderen Programmstrecken einzusetzen, sagt Kraus, ausschließen will er das aber nicht.
Der Bayerische Rundfunk macht als einziger Sender nicht beim Pop-Gemeinschaftsprogramm mit, nutzt aber ebenfalls KI-Verkehrsmeldungen in seinem Nachtprogramm bei Bayern 3. Dort ist nach Mitternacht oft gar kein Moderator mehr im Studio.
Ist das also der Anfang vom Ende? Die Invasion von KI-gemachtem Programm auch bei den Öffentlich-Rechtlichen?
Sonst wird der ARD gerne vorgeworfen, an Althergebrachtem zu kleben oder Experimente zu scheuen. Zumindest das trifft auf das KI-Projekt nicht zu. Die automatisierten KI-Meldungen liefern den Hörern tatsächlich einen Mehrwert, mit Abzügen in der B-Note. Dass die ARD die Technologie in Zukunft auch anderswo und in größerem Stil nutzen könnte, klingt aber eher nach Drohung als nach Verheißung – zumindest für eingefleischte Radioliebhaber.
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Ja, schade und irgendwie traurig. Allerdings verstehe ich, dass das vollkommen seinen Zweck erfüllt – sofern noch Aussprachefehler behoben werden. Was die Moderatoren da manchmal an Varianz und „Menschlichkeit“ einbringen, ist mir allerdings auch immer wieder einen Tacken neben der Spur. Oft wirkt das aufgesetzt oder lenkt sogar von der Information ab. Nicht jeder Mensch kann Form und Inhalt gut trennen. Ob KI da hilfreich ist oder genau das Gegenteil bewirkt, kann ich jedoch nicht beurteilen und wäre eine spannende Frage.
Bei aller Kritik bleibt ohnehin fraglich, ob nicht sowieso immer mehr KI-Systeme die Zuhörer werden und dann KI für KI spricht. Vermutlich werden vorher die Radiosender aber abgeschafft, weil jeder seinen individuellen KI-Sender hat und man sich den Zwischenschritt Audio sparen kann.
Ich hoffe jedenfalls, dass ich alt genug bin, um bis zum Ableben vorwiegend mit Menschen zu tun haben zu können und menschliche Kunst noch einen Wert hat. Mein Freundeskreis ballert mich jetzt schon mit KI-Musik zu. Erschreckend ist, wie stolz es Menschen macht, wenn sie ihren „eigenen“ Song gepromptet haben. Dieser Stolz dürfte auch eine Triebfeder für den ganzen AI-Slop sein – gepaart mit Aussicht auf schnellem und mit wenig Mühe generierten Fame.
Bei aller Kritik muss ich aber auch sagen, dass ich Teil des Problems bin. Denn ich nutze täglich KI-System, um Texte zu verbessern oder Ideen für Grafiker zu skizzieren. Was ich vorher mühevoll erklären oder unverständlich hinkritzeln musste, ist oft mit wenigen Prompts recht anschaulich umgesetzt. Leider zu gut, sodass es immer wieder heißt, dass die Grafik das bitte nicht nachbauen soll, sondern einfach nur leicht bearbeiten. Bei für mich offensichtlichen Fehlern heißt es dann, dass das eh keiner sieht oder keinen interessiert. Das scheint tatsächlich so zu sein, denn Beschwerden gibt es nicht.
Es gibt ja viel Kritik bezüglich der Umwelteinflüsse durch den hohen Stromverbrauch von KI. Dabei frage ich mich: Sofern man nicht stundenlang rumpromptet und man mit dem ersten Schuss weiterkommt, müsste das doch deutlich effizienter sein, als wenn ich stundenlang von Hand am Rechner rumtüftle. Die Rechnung geht natürlich nur auf, wenn man in der gewonnenen Zeit nicht einfach weiter am Rechner sitzt und sich zudröhnt.
Die Dinger heißen Leitbaken ohne R.
Trotzdem sollten man sie auch akustisch von Leitplanken unterscheiden können.
Danke, ist im Text korrigiert!
Ich höre das Programm relativ oft weil hier mdr jump im Multiroom läuft wenn ich so 2-3 Nächte mal Radio höre und nebenbei liegengebliebene Hausarbeiten erledige. Diese transparenten KI Meldungen finde ich (ähnlich wie die Autorin) passabel und angesichts dessen das wir bei KI noch relativ am Anfang stehen qualitativ ok. Zumal ja zB nachrichten von bspw mdr aktuell live gesendet werden. Finde es einfach mal wieder typisch, das Bayern auch in der ARD seine „Extrasuppe“ kocht und eigenes sendet während man bei Jump (meistgehörter Sender im Osten, wie man gerade wieder oft dort erwähnt) dieses Gemeinschaftsprogramm hat. Auch wäre es doch bei einem Gemeinschaftsprogramm nur fair wenn man auch mal aus den anderen Funkhäusern sendet, zB wöchentlich wechselnd oder quartalsweise – gerade vor dem Hintergrund das die Leute sich im Osten ja eh nicht verstanden fühlen wird hier meiner Meinung nach das nur bestätigt, denn die Jump Moderatoren machen mindestens genauso ein gutes Programm wie der SWR, ich denke da vorallem an deren Redakteur Felix wo immer beeindruckend vorbereitet alöes mögliche zu den Bands weiss