Recherchen zu Vergewaltiger-Netzwerken

CNN deckt auf, was der NDR auch schon aufgedeckt hat

CNN präsentiert eine neue Doku über Vergewaltiger-Netzwerke im Internet als schockierende Enthüllung. Dabei recherchieren zwei Journalistinnen des NDR seit Jahren dazu – und haben damit Ermittlungen und politische Debatten angestoßen. Warum dieser Kontext nicht fehlen darf.

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Wann immer besonders schlimme Fälle sexualisierter Gewalt bekannt werden, ist das Entsetzen in der Öffentlichkeit und in den Medien groß. Jeffrey Epstein? „Schockierende Abgründe“. Dominique Pelicot? Ein „Monster“, eine „Bestie“. 

Natürlich ist dieses Entsetzen angebracht und nachvollziehbar. Doch oft schwingt dabei auch ein Staunen darüber mit, wie absonderlich und außergewöhnlich solche Verbrechen doch sind. Dabei sind sie das gar nicht. Epstein und Pelicot sind nur prominente Beispiele für Taten, die häufig geschehen. Leider. 

Das ist nur ein Grund, warum die Recherchen der NDR-Journalistinnen Isabell Beer und Isabel Ströh so wichtig sind. Seit vier Jahren recherchieren die beiden für die Formate „Strg_F“ und „Panorama“ zu einem Thema. Es geht um Täter, die sich auf Telegram und Porno-Plattformen darüber austauschen, wie sie ihre Partnerinnen betäuben und vergewaltigen. Die Männer teilen Fotos und Videos, feuern einander an und schicken sich Anleitungen, mit welchen Mitteln in welcher Dosierung sie ihre Opfer bewusstlos machen können.

Videos von bewusstlosen Frauen kursieren auf der Plattform „Motherless“ als sogenannter „sleep content“. Sie erreichen Millionen Aufrufe. Ströh und Beer berichteten erstmals darüber und haben inzwischen vier Beiträge zum Thema veröffentlicht (siehe Kasten). Eine der Telegram-Gruppen, in die sich die NDR-Journalistinnen einschleusen konnten, hatte mehr als 70.000 Mitglieder. 

70.000 Mitglieder. Und das ist nur eine von vielen Gruppen. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass auch Sie, liebe Leserin, lieber Leser, jemanden kennen, der Mitglied eines solchen Netzwerks ist, solche Videos schon gesehen hat oder sie regelmäßig anschaut. Und das offenbar auch okay findet. 

„Sie haben mir mein Leben gerettet“

Die Recherchen von Isabell Beer und Isabel Ströh führten zu Ermittlungen, Festnahmen und Gerichtsverfahren. Auch die deutschen Innen- und Justizminister reagierten und verabschiedeten zwei Beschlüsse, den Besitz von Vergewaltigungsaufnahmen von Erwachsenen unter Strafe zu stellen – ähnlich wie bei Aufnahmen von Kindesmissbrauch. Eines der Opfer sagt zur Interviewerin in einem der Filme: „Sie haben mir mein Leben gerettet.“ Die Journalistinnen fanden heraus, dass ihr Mann sie jahrelang heimlich vergewaltigt und Bilder davon online geteilt hatte. Erst dadurch wurde die Polizei aktiv.

Isabel Ströh und Isabell Beer bei der Verleihung des Grimme-Preises 2025
Isabel Ströh (l.) und Isabell Beer bei der Verleihung des Grimme-Preises 2025Foto: IMAGO / BREUEL-BILD

Eines steht also fest: Diese Recherche hat enorme Wellen geschlagen und sie hat für viele Opfer konkrete Bedeutung. Nicht nur deshalb wurden Beer und Ströh 2025 mit dem Grimme-Preis für die „besondere journalistische Leistung“ ausgezeichnet. (Transparenzhinweis: Ich war als Jurymitglied an der Entscheidung beteiligt.) Ende 2025 kürte das „Medium Magazin“ die beiden zu den „Journalistinnen des Jahres“.

Umso verwunderlicher ist es, dass eine kürzlich veröffentlichte CNN-Doku das alles ausspart. Sie beschäftigt sich zwar ebenfalls mit Vergewaltiger-Gruppen bei Telegram, den Inhalten auf der Plattform „Motherless“ und den Opfern dieser Taten. Doch vom tatsächlichen Ausmaß des Problems, das durch die NDR-Recherche bereits bekannt ist, ist im ganzen Film keine Rede. Auch die politische Diskussion sowie die Ermittlungs- und Gerichtsverfahren werden nicht erwähnt. Nur im interaktiven Begleittext steht in einem Halbsatz, dass die deutschen Investigativjournalistinnen Isabell Beer und Isabel Ströh die Ersten waren, die über die „Sleep“-Community auf „Motherless“ berichteten. 

Kein Exklusiv-Thema

Es soll hier nicht darum gehen, ob CNN dem NDR die Idee geklaut hat. Der NDR hat dieses Thema nicht gepachtet. Im Gegenteil: Gerade bei einem Thema, bei dem potenziell viele Frauen in vielen Ländern gefährdet sind, gilt: Je mehr Medien darüber berichten, desto besser. Jeder sollte von diesen Taten und ihrem Ausmaß erfahren, auch das CNN-Publikum natürlich. Aber genau das leistet die CNN-Recherche nicht, weil sie ihrem Publikum vieles, was andere bereits herausgefunden haben, unterschlägt. Wer nur die CNN-Reportage sieht, bekommt den Eindruck: Das alles war neu und bislang unbekannt.

CNN-Korrespondentin Saskya Vandoorne auf einer Recherchefahrt im Auto
Den Tätern auf der Spur: CNN-Paris-Korrespondentin Saskya VandoorneFoto: Youtube / CNN

Die CNN-Recherche konzentriert sich auf die Erlebnisse von drei Frauen, zwei aus England, eine aus Italien, die über Jahre hinweg von ihren Partnern missbraucht wurden, ohne das mitbekommen zu haben. Das Reporterteam schleust sich in eine internationale Telegram-Gruppe mit über 1000 Mitgliedern ein und kommt einem Täter in Polen auf die Spur. Es ist, natürlich, alles schockierend.

Und natürlich bekommt diese Recherche viel Aufmerksamkeit. Eine beteiligte CNN-Journalistin sagt in einem Interview, es sei ein Aha-Erlebnis („eye opening“) für sie gewesen, eine Telegram-Gruppe mit mehr als 1000 Mitgliedern zu finden. Das habe ihnen gezeigt, wie umfangreich dieser Missbrauch sei. 

Diese Aussage ist erstaunlich. Denn die Journalistin wusste ja von den Recherchen der NDR-Kolleginnen. In denen geht es, wie gesagt, um deutlich größere Telegram-Gruppen und auch um den Umgang der Behörden und Plattformen mit diesem Thema. CNN berichtete Ende 2025 sogar selbst über einen Gerichtsprozess gegen einen Mann in Aachen. Die Ermittlungen gegen ihn waren durch die Recherchen der NDR-Journalistinnen ausgelöst worden.

Drehtag mit CNN in Hamburg

Das CNN-Team fragte für seine Doku auch bei Ströh und Beer an. Nach Übermedien-Informationen teilten die beiden Ergebnisse ihrer Recherchen und gaben CNN sogar ein ausführliches Interview. Im November verbrachten sie einen Drehtag mit dem CNN-Team in Hamburg. Das Material schaffte es jedoch nicht in den Film.

Wir wollten von CNN wissen, warum die Ergebnisse der NDR-Recherche im Beitrag nicht vorkommen. Ob man sie nicht für relevant halte, um dem Publikum das Ausmaß dieses Missbrauchs klarzumachen.

Ein Sprecher des Senders antwortete eher ausweichend: Das Hauptanliegen des Films sei gewesen, „diesen Missbrauch aufzudecken und den Überlebenden eine Stimme zu geben“. Man bewundere und schätze die Arbeit der Kollegen beim NDR sehr und habe ihre Recherche in der Berichterstattung sowie in nachfolgenden Interviews auf anderen Plattformen deutlich hervorgehoben. 

Als Beleg schickt der Sprecher viele Links. Unter anderem zu einem Interview des US-Magazins „The Meteor“, in dem eine der CNN-Journalistinnen die „amazing work“ der „German journalists“ Beer und Ströh zur Plattform Motherless lobt. Das Interview trägt den Titel „Die Frauen, die die ‚Vergewaltigungsakademie‘ aufdeckten“ – doch damit sind die CNN-Journalistinnen gemeint. 

„Schockierende Enthüllung“

CNN verkauft seine Doku wie einen großen Scoop. Im Text zum Film heißt es, man habe in einer „monatelangen Recherche“ eine „verborgene Online-Welt“ aufgedeckt. Nicht nur das erwähnte US-Magazin, auch andere Medien übernehmen diese Darstellung teilweise. „Schockierende Enthüllung: Reporterin schafft es in geheime Telegram-Gruppe, in der Männer Vergewaltigungen planen“, berichtete etwa RTL.

CNN schreibt in seiner Antwort an Übermedien, dass man seit dem Fall Pelicot und dem Auftauchen der Website „Coco“ – über die Pelicot andere Männer für den Missbrauch seiner Frau angeworben hatte –, über dieses umfassendere Thema berichte. Und weiter:

„Andere Journalisten und Aktivisten in Kanada und Serbien haben bereits zu diesem Thema publiziert – und nun tun dies auch Journalisten in Frankreich. Wir hoffen, dass auch andere weiterhin darüber berichten werden.“

CNN betont außerdem, man habe den NDR-Kolleginnen vor der Veröffentlichung klar gesagt, dass im Film kein Platz für das Interview sei, weil die Aussagen der Überlebenden Priorität hätten.

Diese Entscheidung nehmen Isabell Beer und Isabel Ströh CNN offenbar auch gar nicht übel. Dass ganze Interviews oder Drehtage aus einem Film fliegen, kennen die erfahrenen Journalistinnen aus ihrem Berufsalltag. Auf Übermedien-Anfrage betonen die NDR-Reporterinnen auch, wie wichtig es ihnen ist, dass andere Medien über das Vergewaltiger-Netzwerk berichten und betroffene Frauen Gehör finden. 

Kooperation für mehr Öffentlichkeit

Sie seien selbst immer wieder mit anderen Journalisten im Austausch. So hätten sie zum Beispiel Ausschnitte aus einem Interview, das eine kandadische Journalistin mit einer Betroffenen geführt hat, verwenden können. Auf das Opfer waren auch sie während ihrer Recherchen in den Telegram-Chats gestoßen. „So eine Zusammenarbeit ermöglicht es, eine möglichst große Öffentlichkeit zu erreichen.“

CNN, so Ströh und Beer, habe dem Thema mit seiner englischsprachigen Berichterstattung internationale Aufmerksamkeit verschafft. Aus ihrer Sicht fehlen in der CNN-Berichterstattung dennoch wichtige Aspekte. Der Film bilde nicht ab, dass es rund um dieses Vergewaltiger-Netzwerk längst Entwicklungen gab, dass sie seit 2023 fortwährend Ermittlungsbehörden dazu angefragt haben, später auch die Politik. 

Isabell Beer und Isabell Ströh schreiben außerdem:

„Unserer Meinung nach haben diese Entwicklungen auch international eine große Bedeutung. In Gesprächen mit Betroffenen und Zuschriften von Zuschauern ist eine zentrale Frage, ob und wie Politik und Polizei gegen dieses Vergewaltiger-Netzwerk vorgehen. Wir sind überzeugt, dass diese Informationen für Betroffene auf jeden Fall wichtig sind und nicht fehlen sollten.“

Das CNN-Team hat sich offenbar entschieden, diesen Kontext bewusst auszuklammern. So wirkt die eigene Recherche über die „verborgene Online-Welt“ bedeutender und exklusiver, als sie tatsächlich ist. Doch beim Publikum riskiert man damit den gleichen Effekt wie immer: Oh schon wieder so entsetzliche Taten, von denen bisher niemand wusste!

Dabei würde sich gerade in weiterführenden Recherchen die Gelegenheit bieten, Strafverfolgungsbehörden und Politik mit einer naheliegenden Frage zu konfrontieren: Was haben sie bisher konkret getan, um diesen seit Langem bekannten Missstand zu beenden?


Nachtrag, 11.05.2026: Die Plattform „Motherless“ ist aktuell offline. In einem am 9. Mai auf der Website veröffentlichten Statement heißt es, man habe die Seite freiwillig offline genommen, um „regelwidrige Inhalte“ zu identifizieren und zu entfernen. CNN berichtet, niederländische Behörden hätten die Website nach ihrer Berichterstattung schließen lassen. Bereits 2025 hatte die Plattform nach Recherchen der NDR-Journalistinnen vereinzelt reagiert, indem beispielsweise Suchbegriffe wie „drugged“ blockiert und einige Videos gelöscht wurden.

2 Kommentare

  1. Tja, ist das nicht das altbekannte Thema der Refernzierung auf andere Quellen? Im wissenschaftlichen Bereich eine notwendige Vorgehensweise, im journalistischen Bereich eher störend, um ein Alleinstellungsmerkmal zu suggerieren. Oder?

  2. Aber das wirklich Verstörende an dem Ganzen ist doch gerade, dass es so verbreitet ist. Bei Pelicot dachte man ja eben genau das, dass dieser Mann und seine Komplizen offensichtlich ein beängstigendes Extrem sind, wie eine Art Charles Manson. Die Strg_F-Recherche hat dann umso mehr schockiert, weil sie deutlich zeigt, dass es ja im Gegenteil offensichtlich geradezu weltweiter Alltag ist.
    Das herauszustellen müsste doch auf jeden Fall der journalistische Anspruch sein und nicht, wie toll und einzigartig man recherchiert hat. Aber leider hat die Strg_F -Recherche viel zu wenig bis gar keine Aufmerksamkeit in anderen Medien bekommen, mir völlig unverständlich. Auch das zeigt schon deutlich misogyne Strukturen. Man sieht aber an den beiden NDR-Journalistinnen, dass man daraus durchaus in Zusammenarbeit mit anderen eine produktive Langzeitrecherche machen kann und schnöde Exklusivität in einem solchen Kontext nun wirklich herzlich egal sein sollte.

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