Mehr über den „Spiegel“
Am Sonntag meldete der „Spiegel“ auf X, in Iran sei „erstmals nach den Massendemos im Herbst 2022 wieder“ ein Todesurteil vollstreckt worden. Das ist offensichtlich falsch.
Das Regime in Iran hat in den vergangenen Jahren Tausende Menschen hingerichtet. Genaue Zahlen sind kaum zu ermitteln, aber dem Menschenrechtsnetzwerk HRANA zufolge starben allein im vergangenen Jahr mehr als 2000 Iranerinnen und Iraner durch die Todesstrafe – nachzulesen erst diese Woche in einem anderen „Spiegel“-Text. Hinzu kommen die vielen Demonstrierenden, die von Revolutionsgarden ohne Urteil oder Verfahren ermordet wurden.
Hinter dem irreführenden Post vom Wochenende steckt ein dummer Fehler. In dem betreffenden Artikel geht es um einen 27-jährigen Iraner. Er wurde 2022 bei den großen Protesten nach dem Tod von Jina Mahsa Amini festgenommen, lange festgehalten, mutmaßlich gefoltert und nun hingerichtet. Korrekt hätte es also heißen müssen, in Iran sei erstmals nach den Massendemos im Herbst 2022 wieder ein Todesurteil vollstreckt worden, das mit genau diesen „Frauen, Leben, Freiheit“-Protesten zu tun hat.
Im „Spiegel“-Text wurde das auch so erklärt. Der Post auf X fasste den Artikel dann aber falsch zusammen:

„In Iran ist erstmals nach den Massendemos im Herbst 2022 wieder ein Todesurteil vollstreckt worden. Menschenrechtler werfen der Justiz Folter vor.“
(Falsch!)
Vermutlich entstand der Fehler an anderer Stelle. Wenn die „Spiegel“-Redaktion Links auf X teilt, postet sie in der Regel einfach den Vorspann eines Artikels, also die kurze, zusammenfassende Einleitung über dem Text.
Im Original-Vorspann des Hinrichtungstextes fiel die falsche Formulierung wohl irgendwann auf, denn die Redaktion änderte die Textstelle nachträglich. In einer „Anmerkung der Redaktion“ unter dem Text heißt es, der Artikel sei „missverständlich formuliert“ gewesen und deswegen „präzisiert“ worden. Die Worte „Fehler“ oder gar „Korrektur“ wurden dabei erst einmal geflissentlich ausgespart.
Weniger geflissentlich war der Umgang mit dem Fehler auf X. Denn dort blieb die falsche Formulierung auch stehen, als die Redaktion die missverständliche Formulierung im Artikel schon präzisiert hatte.
Erst als Übermedien am Dienstagnachmittag beim „Spiegel“ nachfragte, verschwand der Post auf X. Außerdem wurde die „Anmerkung der Redaktion“ verändert. Von einer missverständlichen Formulierung ist jetzt nicht mehr die Rede, stattdessen heißt es jetzt klipp und klar: „Wir haben den Fehler korrigiert.“
Dabei hätte der Fehler auch ohne Anfrage an die Pressestelle viel schneller auffallen müssen. Auf X können Nutzer sogenannte „Community Notes“ unter Beiträgen hinzufügen: kurze Richtigstellungen oder Hintergrundinfos, um zum Beispiel Propaganda und Verschwörungsmythen als solche zu kennzeichnen. Eine „Community Note“ stand auch unter dem „Spiegel“-Post:
„Der Post ist falsch, es wurde nicht ‚erstmals‘ seit Herbst 2022 ein Todesurteil im Iran vollstreckt. Vielmehr wurden allein 2025 weit mehr als 1000 Menschen im Iran hingerichtet, wie der ‚Spiegel‘ selbst berichtet hat.“

Als peinliche Pointe folgte ein Link zum „Spiegel“ selbst. Doch das reichte nicht aus, um die Redaktion zu einer Reaktion zu bewegen.
Die „redaktionellen Abläufe“ hätten in diesem Fall leider „nicht vollständig gegriffen“, schreibt der „Spiegel“ auf die Anfrage von Übermedien. Die Berichtigung sei nicht auf alle Social-Media-Plattformen übertragen worden. Inzwischen habe man die Posts erst mit einem Korrekturhinweis versehen und anschließend gelöscht. Und weiter: „Grundsätzlich gehen wir auf allen Kanälen transparent mit Fehlern um. Auf Social Media lassen viele Plattformen das nachträgliche Bearbeiten von Beiträgen leider nicht zu, weswegen wir in Ausnahmefällen wie diesem auch Beiträge löschen.“
Dass es bis zur Löschung diesmal über zwei Tage dauerte, hatte Folgen: Weitgehend ungestört feierten sich unter dem Post Medienskeptiker dafür, die „Lügenpresse“ mal wieder auf frischer Tat ertappt zu haben. Neben viel Häme gab es auch die Vermutung, der „Spiegel“ wolle die Verbrechen der iranischen Herrscher gezielt unter den Teppich kehren. Die „Beschönigung einer barbarischen Diktatur“ warf eine Nutzerin der Redaktion vor, ein anderer User schrieb: „So eine Verdrehung der Realität ist kein Journalismus mehr, sondern Propaganda der Islamischen Republik in der deutschen Medienlandschaft.“
Zu so einem Schluss kommt vermutlich nur, wer den Artikel selbst nicht gelesen hat – darin geht es explizit um unfaire und politisch motivierte Hinrichtungsverfahren in Iran, Foltervorwürfe und das brutale Vorgehen des iranischen Regimes gegen Proteste. In der aufgeheizten Stimmung auf X spielen solche Fakten allerdings keine weitere Rolle. Stattdessen unterfütterte der Post fleißig vorhandene Vorurteile gegen „die Medien“ im Allgemeinen und das „Relotius-Magazin“ im Besonderen. Während gleichzeitig der „Spiegel“ untätig zusah.
Die Redaktion hätte den Post direkt richtigstellen oder zumindest löschen müssen. Sich für den Fehler entschuldigen oder für die Hinweise dazu bedanken können. Stattdessen ignorierte sie zwei Tage lang die über 260 Kommentare und Zehntausenden Views. Als wäre X ohnehin keine Plattform mehr, die weitere Betreuung und Aufmerksamkeit lohnt.
Dabei hatte eine „Spiegel“-Sprecherin X kürzlich erst als „wichtigen Kontaktpunkt zu unseren Zielgruppen“ bezeichnet. Anlass war eine Recherche von Netzpolitik.org zur Frage, warum viele große Medienhäuser weiterhin auf X aktiv sind – trotz aller gefährlich-fragwürdigen Entwicklungen dort.
„Wenn wir mit den redaktionellen Inhalten unserer Medienmarken neue Nutzerinnen und Nutzer erreichen wollen, müssen wir dorthin gehen, wo sie sich informieren, und das sind eben oft Plattformen, die weniger offen und verantwortungsvoll sind, als wir uns das wünschen“, hatte die „Spiegel“-Sprecherin gegenüber Netzpolitik.org gesagt.
Mehr Offenheit und Verantwortung müsste man sich in diesem Fall allerdings wohl eher vom „Spiegel“ wünschen. Wer neue Nutzerinnen und Nutzer erreichen will, müsste schon auch den Anspruch haben, Infos zu korrigieren, wenn sie sich als falsch herausstellen. Oder zumindest zu reagieren, wenn Nutzer auf eine offensichtliche Falschmeldung hinweisen.
Alles andere durchlöchert Vertrauen in Qualitätsjournalismus und zeugt von einer erstaunlichen Geringschätzung für Social-Media-Nutzer – als fände der „echte“ Journalismus nur auf der eigenen Webseite statt. X wurde auf diese Weise tatsächlich zum „Kontaktpunkt“ – allerdings zu einem, an dem sich unter einer unkorrigierten Falschmeldung unmoderiert Häme und Feindlichkeit ansammeln.
Der „Spiegel“ teilte den falschen Post auch auf mindestens zwei weiteren Plattformen. Bei BlueSky postete eine Nutzerin eine Korrektur darunter, auch hierauf reagierte die Redaktion nicht. Auf Facebook löste der Post wiederum eine Kaskade polemischen Bullshit-Bingos aus. Dass die Meldung selbst falsch war, schien dabei schlicht keinem aufgefallen zu sein. Auch diese Posts sind inzwischen gelöscht.
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Und dann hat sich der Spiegel selbst ins Knie geschossen.
Ein Problem ist, daß ein Teil des Publikums in jedem Fehler des ÖRR und der sog. „Mainstreammedien“ Absicht erkennen zu müssen glaubt. Während bei BILD Online das Video zur der Geschichte des afghanischen Ehepaars, das wegen eines angeblichen Shoppingausflugs am Flughafen nicht abgeschoben werden konnte, bis heute im Netz aufgerufen werden kann.
@ D W B (#2)
Das ist mir auch schon aufgefallen.
Beispiel Fukushima. Nur weil die ÖRR und die sog. „Mainstreammedien“ seit 15 Jahren die immer gleiche Fake-News mit den absurden Atomtodeszahlen verbreiten, glaubt ein Teil des Publikums Absicht erkennen zu müssen.
Aber warum?
Gem. Hanlons Law soll man Absicht dort nicht unterstellen, wo zur Erklärung auch die schnöde menschliche Dummheit reicht. So liegt es hier.
Zugegeben, ein pöser Rechter hat einfach nicht genug Fantasie, sich vorzustellen, wie dumm die Propagandaassistenten sind. Die sagen “so dumm kann man doch gar nicht sein, 15 Jahre lange die immer gleiche Lüge verbreiten.
Das geht doch gar nicht.“
Doch, das geht!
@ #2: Ja, die rechten Mainstreammedien lügen halt so gut wie immer:
https://correctiv.org/faktencheck/2025/09/23/afghanen-verpassten-rettungsflug-nicht-beim-shoppen-sondern-weil-rollstuhl-fehlte/
Qualitätsjournalist Thomas Laschyk vom überhauptnichtstaatlichen Wahrheitsportal Volksverpetzer hat „rechte Mainstreammedien“ entdeckt. Dazu verlinkt er auf einen sog. „Faktencheck“ des staatlichen Hetz- und Lügenportals Correctiv.
Vielen Dank. Besser wird´s heute nicht mehr.
+
Falls sich noch jemand für die olle Kamelle interessiert:
https://uebermedien.de/109402/die-wut-maschine/
Hier Alles zur Spendenfinanzierung des Blogs Volksverpetzer (deren Betreiber ich nicht bin): https://www.volksverpetzer.de/ueber-uns/
Hier Alles zur Finanzierung von Correctiv: https://correctiv.org/ueber-uns/finanzen/
Wie bei den letzten 3 Malen schon, hat FrankD keine Belege für Staatsfinanzierung, die er wider besseres Wissen behauptet.
Zum konkreten Inhalt: Es ist halt so, dass der Bild Bericht frei erfunden war. Auch hierzu liegen FrankD sicher weitergehende Infos vor, aus denen hervor geht, dass der Faktencheck von Correctiv nur ein „so genannter“ ist. Oder?
Da es hier weder um Correctiv noch um den Volksverpetzer geht, bitte zum Thema des Artikels zurückkehren. (Zur BILD-Story sollte tatsächlich im bereits verlinkten Übermedien-Text alles gesagt sein.)
Danke und Grüße aus der Redaktion.
Die Lüge das Volksverpetzer und Correctiv staatlich finanzierten seien ist langsam echt langweilig und ausgelutscht. Können sich deine Kameraden nicht mal was neues ausdenken.
FrankD denkt halt immer noch er könnte hier in den Kommentaren auf gleichgesinnte treffen. Und es ist immer wieder schön zu sehen dass lediglich sachliche Korrekturen als Antwort kommen und keiner auf seinen rechten Lügen/Wut/Hetze-Bullshit-Zug mit aufspringt.
Daher danke FrankD für die kontinuierliche finanzielle Unterstützung der Übermedien Seite.
Tut mir leid Herr Graf.
Als ich meinen Kommentar geschrieben habe war ihrer noch nicht online.
Zum Artikel
Vor Allem der Umgang mit X und Bluesky finde ich krtikwürdig.
Der Verbleib auf X ist beschämend und die Erklärung mMn nur vorgeschoben. Hauptgrund sind wohl einfach Klickzahlen. Denn informiert wird auf X eher nicht mehr, da gibt es Großteils nur noch Wut, Hass und Desinformation.
Und das auf Bluesky nicht auf die Korrektur einer Nutzerin eingegangen wird ist auch sehr vielsagend. Auf der Plattform auf der es zivilisiert zugeht und es einen vernünftigen Austausch geben kann, geht man nicht auf die Korrektur ein sondern löscht einfach nur den Post.
Da haben die Verantwortlichen für Spiegels Social Media keine gute Figur gemacht.
@ Alexander Graf: Ich frug schon Ende letzten Jahres mal nach mehr Moderation, und wie in Zukunft rechte Lügen in der Kommentarspalte auf übermedien behandelt werden, leider antwortete mir niemand und ich finde den Artikel gerade nicht.
Meinetwegen können wir gerne auf das immer wiederkehrende Reinhold-Helge-Spiel verzichten. Wenn das aber bedeutet, dass FrankD’s Behauptungen wider besseres Wissen (Man könnte es z. B. Lügen nennen) einfach so stehen bleiben, dann copypaste ich halt die Links weiter unter jeden Kommentarstrang, unter dem FrankD seine freie Interpretation der Realität proklamiert.
Ich rede auch nicht davon, wenn er VP und Correctiv als „Hetz- und Lügenportal“ bezeichnet, freie Meinung und so, ist mir echt egal. Es geht um substanzielle Behauptungen, ein spendenfinanziertes Portal (das gerade vom Millionär Holger Friedrich SLAPP-verklagt wird) sei staatlich finanziert. Das ist der vierte Thread, in dem das so geht. FrankD will keine Fakten zur Kenntnis nehmen, die seinem Weltbild nicht entsprechen.
Beitrag #5 ist halt absoluter Unfug. Springer selbst hat ja eingeräumt, dass sie Quatsch behauptet haben. Springer selbst „gibt also zu“, dass der Faktencheck von Correctiv in Ordnung war. Selbst daraus macht FrankD noch ein „Hetz- und Lügenportal“, staatlich finanziert …
Und ich krieg dann den Ordnungsruf, weil ich die Fakten zurechtrücke.
Noch mal: Das ist ein Moderationsproblem von übermedien! Bitte schaut euch das mal an. Mit 7271 Übonnenten sollte das im Budget liegen.
Lieber Anderer Max,
nicht Sie bekommen einen „Ordnungsruf“, weil Sie Fakten zurechtrücken – es ging mir schlicht darum, die Diskussion nach erfolgter Widerrede wieder zum Thema des Beitrags zurückzubringen.
Zu Ihrer eigentlichen Kritik: Wir werden da noch einmal verstärkt ein Auge darauf haben. Grundsätzlich funktioniert das Fact-Checking hier in der Community aus unserer Sicht sehr gut, das wissen wir auch zu schätzen. Wir versuchen dann meist mit der Moderation vor allem die Diskussionen wieder zum Thema zurückzubringen (das hätte ich in meinem Post #7 vielleicht deutlicher machen sollen).
Beste Grüße
Sprich: Alles bleibt, wie es ist. Immerhin eine klare Ansage, danke dafür!
Dem Spiegel wohlgesonnen mag man meinen, dass das „nach“ einen kausalen Unterton enthalten sollte. („Nach der Arbeit fühle ich mich immer gestresst“ ist ja auch mehr als eine rein zeitliche Abfolge von Ereignissen.) Macht die Formulierung nur unwesentlich besser – und hier geht es ja auch noch eher um den Umgang mit der Korrektur –, aber aus meiner Sicht entschärft das den Vorwurf der absichtlichen Falschdarstellung.