Mehr Bahnthemen

Eine Dampflok schnauft durchs Bild, dazu schwingt verträumt der Jazzstandard „Sentimental Journey“. So beginnt seit über 1000 Folgen die Reihe „Eisenbahn-Romantik“. Oder besser gesagt: begann. Mit Ablauf des vergangenen Jahres produziert der SWR keine neuen Folgen mehr.
Man könnte das Format leicht für angestaubt halten. Nostalgie für Männer mit Modelleisenbahn. Doch damit tut man ihm unrecht. Unter dem Label „Eisenbahn-Romantik“ ist in 35 Jahren ein Schatz an kleinen, feinen Reisereportagen entstanden.
Sicher, es gab auch immer Folgen, die sich an die Pufferküsser richteten, wie sich beinharte Eisenbahnfans nennen, etwa wenn von einer bestimmten Lokomotiv-Baureihe in der Schweiz berichtet wurde. Aber den Machern war stets wichtig, dass nicht nur der Opa, sondern auch seine Frau und die Enkel sich nicht langweilen, wie der langjährige Redaktionsleiter Harald Kirchner zum Abschied in einem Interview erzählt.
So fuhren Filmteams raus in die Welt, um die großen und kleinen Geschichten aufzulesen, die sich so angesammelt haben, seit vor 200 Jahren der erste Dampfzug durch den Nordosten Englands rollte. Dabei ging es längst nicht nur um Züge und Schienen, sondern vor allem auch um Land und Leute. Das Kloster oder die Käserei neben der Strecke, die Eisenbahner mit ihrem Stolz und ihren Spleens.
„Eisenbahn-Romantik“ gelang dabei vielleicht nicht ganz der lakonisch-liebevolle Ton, den der Norddeutsche Rundfunk in seinen Reportagen über Häfen, Schiffe und Imbissbuden anschlägt. Ein Augenzwinkern fuhr aber immer mit. Etwa in einer der letzten Folgen, einem kürzlich verstorbenen Eisenbahner aus Österreich gewidmet, in der dieser im Gartenstuhl direkt am Gleis von den Vorzügen eines ehemaligen Bahnhofs als Wohnort erzählt – während im Hintergrund ein Güterzug vorbeidonnert und man kaum ein Wort versteht. „Eisenbahn-Romantik“ setzte sich wohltuend ab vom britischen Erfolgsformat „The World’s Most Scenic Railway Journeys“, in dem Schauspieler Bill Nighy im Originalkommentar jeden Fußgängerüberweg zum Weltereignis macht – untermalt von dramatischer Musik.
Die Melodie aus dem Vorspann, ein Klassiker des Easy Listening aus den 1940er-Jahren, beschreibt eine sentimentale Reise, um das Herz zu beruhigen. Genauso war auch eine gute Folge „Eisenbahn-Romantik“: unaufgeregt, ruhig erzählt und mit einem Schuss Sehnsucht. Eine kleine Auszeit, ein Abtauchen in eine andere Welt, die etwas leichter schien.
Reiner Eskapismus war „Eisenbahn-Romantik“ dennoch nicht, es ließ sich auch immer etwas mitnehmen. Etwa über Stuttgart 21, das die Sendung aus dem Südwesten von Anfang an kritisch begleitete. Man konnte lernen, warum in Estland immer noch Gleise in der russischen Spurweite liegen, was heute weltpolitisch wieder brandaktuell ist. Und wenn ein Zug durch die Sommernacht in Nordnorwegen begleitet wurde, ging es eben nicht nur um die schöne Landschaft, sondern auch um die Zwangsarbeiter, die während der deutschen Besatzung die Tunnel graben mussten.
Man könnte auch sagen: Bildungsfernsehen.
Zunächst waren die Eisenbahnfilmchen mal als Pausenfüller gedacht, weil man sie auf beliebige Länge kürzen konnte. Das kam bei den Zuschauern offenbar gut an. Der ehemalige Sportredakteur und Bahnfan Hagen von Ortloff bekam Anfang der 1990er die Aufgabe, ein regelmäßiges Format zu entwickeln. Die von ihm anmoderierten Filme wurden bald zu dem, was man „Kultsendung“ nennt. Zu Hochzeiten wurden wöchentlich neue Ausgaben gesendet, es gab „Lange Nächte der Eisenbahn-Romantik“ im SWR, in denen mehrere Sendungen nacheinander liefen, und sogar ein Printmagazin.
Zuletzt waren es vor allem Wiederholungen, die im Vormittagsprogramm versteckt wurden, darunter mischte sich noch gut ein Dutzend neu produzierter Folgen im Jahr. Im August 2025 dann die Nachricht, dass die Reihe eingestellt wird. Der SWR verweist auf niedrige Quoten: In den vergangenen Jahren hätten bundesweit nur noch zwischen 60 000 und 270 000 Menschen eingeschaltet. Die Marke solle aber weiterbestehen, heißt es. Darunter ist wohl zu verstehen, dass man die Dritten Programme weiter mit Episoden aus dem Archiv bespielt.
Am 1. März hat der SWR auch den eigenen YouTube-Kanal von „Eisenbahn-Romantik“ abgeschaltet. Diesen hatten immerhin 137.000 Menschen abonniert, einzelne Videos erzielten über eine Million Aufrufe – und damit ein Vielfaches dessen, was zuletzt im linearen TV erreicht wurde. Viele Folgen sind zwar weiterhin im Mutterkanal des SWR zu finden, gehen dort aber zwischen Lafer und Lokalpolitik unter.

Hagen von Ortloff blieb das einzige Gesicht der Sendung, nach seinem Ausscheiden 2015 sparte man sich den Moderator. Als „Mr. Eisenbahn-Romantik“ kritisiert er regelmäßig auf YouTube den SWR für die Einstellung seines Herzensprojekts. Auch in den Kommentaren zeigen sich viele Fans entsetzt. Ein besonders engagierter Fan der Sendung hat eine Petition für den Erhalt gestartet, die über 32 000 Unterschriften gesammelt hat.
Die Empörung, die dem SWR von Zuschauerinnen und Zuschauern entgegenschlug, muss beachtlich gewesen sein. Im November sah man sich genötigt, den Rundfunkrat feststellen zu lassen, dass die Einstellung der Sendung keine Verletzung von Programmgrundsätzen darstellt. In der Stellungnahme heißt es:
„Der SWR muss sich auf neue Sehgewohnheiten und veränderte Mediennutzung einstellen, die mehr und mehr im Digitalen stattfinden. Dafür müssen Ressourcen freigemacht werden, was leider zur Folge hat, dass auch beliebte Formate – wie die ‚Eisenbahn-Romantik‘ – eingestellt werden müssen.“
Mit anderen Worten: Die Sendung war wohl zu teuer. Wie aufwändig eine Folge in der Produktion war, rechnete Redaktionsleiter Kirchner 2024 in einem Podcast vor: ein Jahr Vorlauf. Drehgenehmigungen, die sich die Bahnen mitunter bezahlen lassen. Acht bis zehn Drehtage vor Ort. Nochmal zehn Tage Schnitt. Sprecher, Musik. Und das für 30 Minuten, die zuletzt irgendwann im Nirwana versendet wurden.
Zu stemmen war das nur noch, indem man parallel für die Arte-Reihe „Mit dem Zug …“ produzierte. Beim Kultursender waren vor allem Reportagen aus Übersee gefragt. Statt zur Sauschwänzlebahn im Südschwarzwald reisten die Teams immer öfter nach Thailand oder in die Karibik. Nicht gerade ein glücklicher Eindruck für eine Sendung, die schon länger auf der Abschussliste stand. Von den 14 Folgen, die noch für 2025 produziert wurden, spielten drei in Europa, keine davon in Deutschland.
Auch der Stil änderte sich. Die Titelmelodie wurde durch eine schmissigere Variante ersetzt, die Filme schneller geschnitten. Die Gemütlichkeit, die die Reportagen auszeichnete, war zuletzt nicht mehr immer da. Und auch die Eisenbahn spielte eine immer kleinere Rolle. Bei Teilen des Publikums kam das nicht gut an. Zu viel Zuckerrohr, zu wenig Züge, liest man in Eisenbahnforen. Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit, heißt es. Bei „Eisenbahn-Romantik“ könnte es umgekehrt gewesen sein.
Und dennoch: In seinen besten Momenten war „Eisenbahn-Romantik“ gutes Fernsehen, und für den SWR eines der wenigen überregionalen Aushängeschilder. Man überlässt das Feld nun den Influencern, die im POV-Stil Zugfahrten filmen und über die Sauberkeit der Toiletten berichten – ein überraschend erfolgreiches Format auf YouTube. Über Zwangsarbeiter in Norwegen werden sie indes wohl nicht berichten.
Nachdem „Die schönsten Bahnstrecken Deutschlands“ schon lange aus dem ARD-Nachtprogramm verbannt wurden und der MDR seine „Bahnzeit“ vor vielen Jahren eingestellt hat, schickt der SWR nun das letzte regelmäßige Eisenbahn-Format im deutschen Fernsehen aufs Abstellgleis. Es ist eine Facette des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die damit verschwindet. Man muss kein Zugfan sein, um kurz sentimental zu werden und das schade zu finden.
Sebastian Wilken schreibt in seinem Newsletter Zugpost selbst Reportagen über Bahnreisen. Eine gelungene Ausgabe stellt er sich vor wie eine gute Folge „Eisenbahn-Romantik“.
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Danke für den Beitrag und verflucht sei der SWR. Das Geld wird halt für eine weitere öde Krimi- Reihe benötigt.
Schade, in der Tat! Da bleibt dem SWR nur noch die Handwerkskunst als Format mit bundesweiter Strahlkraft.
Was Bahnthemen bei YouTube angeht, bin ich aber nicht so skeptisch. Es gibt zum Beispiel den Kanal „Bahnblick“ mit immerhin 90.000 Abonnenten – eher trocken als romantisch, aber auch kein Influencer-POV-Zeugs, sondern in meinen Augen gut informiert und ziemlich informativ. Oder liege ich da falsch, Herr Wilken?
Hier als Beispiel ein (recht kritischer) Fahrbericht aus dem dänischen Talgo, dem Äquivalent zum neuen ICE-L der DB: https://www.youtube.com/watch?v=-mQZxHLNdl8
@Kritischer Kritiker:
Ich habe nichts gegen YouTube, als mittelalter Mann verbringe ich auch viel zu viel Zeit auf der Plattform. Das genannte Format ist allerdings ein gutes Beispiel, warum mir „Eisenbahn-Romantik“ fehlen wird: Es ist mir viel zu industrienah und dümpelt immer mal wieder in der Grauzone des Werblichen. Die Konzerne haben natürlich längst erkannt, dass es viel günstiger ist, zwei Youtuber auf exklusive Fahrten und Werksführungen einzuladen, als in klassische Werbung zu investieren.
Das, was sie daraus produzieren, ist sicher gut gemacht und für viele Bahnfans interessant. Mit fehlt da aber einiges von dem, was für mich die Eisenbahn ausmacht. Geschichtliches, Kulturelles, überhaupt der Aspekt des Reisens. „Eisenbahn-Romantik“ hat da eine deutlich breitere Perspektive geboten.
Kurz gesagt: Das Format hat sicher seine Berechtigung, mich persönlich interessiert es nicht.
@Sebastian Wilken:
Es stimmt, ums Reisen geht es dem Kanal leider nicht. Habe aber auch nicht den Eindruck, dass er besonders industrienah wäre. Dafür ist manches doch zu kritisch. Aber ja: Aus Vergnügen schaue ich mir das auch nicht an. Manchmal aber durchaus als Informationsquelle, weil ich beruflich mit Bahnthemen zu tun habe.
Bleibt zu hoffen, dass Wiederholungen ihren Platz finden.