Notizblog (57)

Wolfram Weimer baut der Eigentlichkeit ein Gehäuse

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer lässt Journalisten mit seiner intellektuell scheinenden Wortwahl mitunter ratlos zurück. Sind wir tatsächlich zu doof – oder ist Weimer eigentlich nur ein rhetorisches Heißluftgebläse?
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer steht an einem Rednerpult und hält die Eröffnungsrede der Frankfurter Buchmesse 2025.
Eigentlichkeit als Widerstand gegen Populisten? Wolfram Weimer bei der Eröffnungsrede der Frankfurter Buchmesse 2025.Foto: Marc Jacquemin/Frankfurter Buchmesse

Ich habe ein bisschen Angst, dass es irgendwann an der Tür klingelt und Wolfram Weimer dasteht und sagt: „Guten Tag, ich würde gerne mit Ihnen über Eigentlichkeit reden“, und ich dann nicht genug Heidegger oder Adorno im Haus oder im Kopf habe, um darauf angemessen zu reagieren. Solange er noch Kulturstaatsminister ist, ist die Gefahr vermutlich nicht so groß, aber wie lange wird er das schon noch bleiben?

Kaum jemand liebt den Begriff „Eigentlichkeit“ so sehr wie Wolfram Weimer, und wenig liebt Wolfram Weimer so sehr wie diesen Begriff. Seit vielen Jahren benutzt er ihn in seinen Texten und Interviews, auch gerade wieder im Gespräch mit dem „Spiegel“, in dem er ihn als kleines intellektuelles Ornament an ein Gehäuse aus Realitätsverweigerung gehängt hat. (Bitte merken Sie sich dieses Bild.)

Der „Spiegel“ hielt Weimer vor, dass er und Konservative generell keinerlei eigene Vision formulierten. Und Weimer antwortete:

„Das Gehäuse der Bürgerlichen ist immer die Eigentlichkeit, nicht die Möglichkeit.“

Aber weil für Journalisten so ein Gedanke natürlich zu hoch ist, flüchteten sich die „Spiegel“-Leute in Pampigkeit: „Was auch immer das heißen mag.“

Ein wucherndes Gebüsch

Ganz ähnlich hatte Weimer schon im vergangenen November im Gespräch mit der „Zeit“ formuliert. Auch die wünschte sich damals von ihm einen „Vorschlag für einen Konservatismus des 21. Jahrhunderts“, und Weimer antwortete:

„[Die CDU] war immer die Partei des bürgerlichen Pragmatismus. Die Eigentlichkeit ist das Gehäuse der CDU, nicht die Möglichkeit.“

Als er dann noch aufzählte, was alles „in dieser Eigentlichkeit der Bundesrepublik tief eingeprägt“ sei, rief ihm „Zeit“-Interviewer Bernd Ulrich zu: „Sie können sich doch jetzt nicht im Gebüsch der Eigentlichkeit verstecken!“, was einer der schönsten Vorwürfe ist, die einem Bundesminister je gemacht wurden.

Aber Weimers lässt sein Gebüsch schon seit Jahren wuchern und lebt darin. Schlagen wir uns hinein!

Der Nebel der Uneigentlichkeit

2009 schrieb er in seiner damaligen „Stern“-Kolumne über die „uneigentliche Republik“. Sie bestand fast ausschließlich aus einer Aufzählung von Dingen, die eigentlich etwas, tatsächlich aber etwas anderes sind:

„Die Mode der Uneigentlichkeit überschreitet alle Perspektiven. So ist eigentlich die CDU noch die CDU. Tatsächlich spielt sie die neue SPD. Eigentlich ist die FDP die FDP. Tatsächlich spielt sie die neue CDU. Eigentlich ist die SED die PDS. Tatsächlich nennt sie sich Linkspartei. Eigentlich müsste diese ‚Linkspartei‘ von der Finanzkrise profitieren. Tatsächlich schwindet ihre Zustimmung. Eigentlich müsste Guido Westerwelle unter der Finanzkrise leiden, tatsächlich erreicht er Sympathiewerte wie Günther Jauch.“

Ein „Nebel der Uneigentlichkeit“ lege sich übers Land, behauptete er, und verglich „die Welt der Uneigentlichkeit“ mit dem „Lustgarten in Goethes Faust II, in dem der Kaiser die Reize des Papiergeldes entdeckt, Faust die Solidität nur zaghaft anmahnt, doch Mephisto die Uneigentlichkeit der Gelddruckmaschinen durchsetzt“.

Der Text wirkt wie ein einziger Versuch, möglichst inflationär Varianten des Wortes „eigentlich“ zu benutzen: 40 sind es am Ende geworden.

Schein und Sein

2010 verfasste Weimer einen Essay für das Jahrbuch des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger: „Das gedruckte Wort ist wie ein Kuss“. Die „taz“ gab später seinen Inhalt so wieder:

„Weimer zufolge seien Printmedien als eine ‚Heimstatt der Eigentlichkeit‘ zu verstehen, denn Print sei ‚wirklicher als elektronische Medien‘ und ‚auch dem Print-Inhalt wird die Wirklichkeitsnähe stärker zugesprochen‘.“

Im Februar 2011 lobte die „Lebensmittel Zeitung“ Weimer – damals „Focus“-Chefredakteur – für eine „scharfsinnige Analyse einer medien-dominierten Wirklichkeit“, die er beim „Club für Moderne Markt Methoden“ präsentiert und in der er eine „Welt der Uneigentlichkeit“ beklagt habe, in welcher der bloße Schein das Sein immer mehr überstrahlt. 

Zwei Monate später prangerte er in seiner „Focus“-Kolumne Politikerphrasen von zu bauenden Brücken oder zu knüpfenden Netzen an:

„Die Metaphorik verrät einen Paternalismus der Unsicherheit. Dieser Jargon der Uneigentlichkeit soll verschleiern, dass die große Staatsschuldenblase bald platzen könnte und Deutschland einen hohen Preis zahlen müsste.“

Was Söder und Lafontaine verbindet

In den folgenden Jahren wandte er sich zunehmend vom Beklagen der Uneigentlichkeit zum Feiern der Eigentlichkeit. Im März 2016 fragte er in seiner „Handelsblatt“-Kolumne:

„Wo bleibt eine Kultur- und Geschichtspolitik, die ernsthaft nach Herkunft und Identität und Kulturformen der Eigentlichkeit und nicht bloß der politisch-korrekten Machbarkeit fragt?“

Im September 2016 lobte er in seiner „ntv“-Kolumne den CSU-Politiker Markus Söder, damals noch bayerischer Finanzminister:

„Er kommt aus dem Arbeitermilieu Nürnbergs und hat sich seinen Aufstieg erarbeitet und erkämpft. Habituell wirkt er auf die CSU wie weiland Gerhard Schröder auf die SPD – als Verkörperung von Eigentlichkeit und etwas Handfestem.“

Und was Marcus Söder verkörpert, verkörpert Oskar Lafontaine schon lange. Ebenfalls bei ntv schrieb Weimer 2018 über den früheren SPD-Politiker, er sei „wie  saarländisches Altholz in den Kunststoff-Lounges der Berliner Republik“:

„Diese Eigenart, selbst zu denken, riskant zu denken, und dann ohne Rücksicht auf Verluste laut zu sagen, was er meint, das hat ihn stark gemacht – über Jahrzehnte. Ein Mann der Eigentlichkeit in einer immer nebulöseren Sphäre der uneigentlichen Republik.“

Eigentlich nichts Neues

Im selben Jahr erschien Weimers Buch „Das konservative Manifest: Zehn Gebote der neuen Bürgerlichkeit“. Darin formulierte er:

„[…] Heimat bedeutet das ganz Konkrete, keineswegs ein Ideal, keine Verklärung von Gegenwärtigem und Gewesenem. Der Heimatbegriff des Konservativen ist gerade kein utopischer wie bei Ernst Bloch, der in Heimat bloß einen ‚philosophischen Begriff gegen die Entfremdung‘ sieht. In Wahrheit ist Heimat das genaue Gegenteil – die pure Eigentlichkeit. Sie ist keine Mobilie, sie ist gerade eine Menschen bestimmende Immobilie.“

Fünf Jahre recycelte Weimer das fast wörtlich für seine Kolumne bei web.de:

„Heute bedeutet Heimat für sehr viele wieder das ganz Konkrete, keineswegs ein Ideal, keine Verklärung von Gegenwärtigem und Gewesenem. Der wieder entdeckte Heimatbegriff ist gerade kein utopischer wie bei Ernst Bloch, der in Heimat bloß einen ‚philosophischen Begriff gegen die Entfremdung‘ sieht. In Wahrheit ist Heimat das genaue Gegenteil – die pure Eigentlichkeit. Sie ist keine Mobilie, sie ist gerade eine Menschen bestimmende Immobilie.“

Im September 2025 brachte Weimer die Eigentlichkeit endlich in den Bundestag. Er war inzwischen Kolumnist Staatsminister für Kultur und Medien und nannte den Etat von 2,5 Milliarden Euro in der Debatte über den Haushalt 2026

„ein Bekenntnis zur inneren Größe unseres Landes, zu unserer Eigentlichkeit und Innerlichkeit einer Kulturnation, zu unserer Herkunft, ohne die es keine Zukunft gibt.“

Schon einen Monat später sprach Weimer wieder im Parlament, diesmal zum 35. Jubiläum der deutschen Wiedervereinigung, und feierte die friedliche Revolution in der DDR:

„Die Ostdeutschen fassten Mut, sich ihres eigenen Verstandes, ihrer eigenen Freiheit, ihrer Eigentlichkeit zu bedienen.“

Was bedeutet das alles?

Im Oktober 2025 sprach Weimer auf der Frankfurter Buchmesse, und die „Süddeutsche Zeitung“ notierte, wie die Blicke auf dem Podium „fragend werden, als Weimer sich in einem Wort zu verbeißen beginnt“:

„‚Der Widerstand gegen den neuen Autoritarismus kann auch darin bestehen, dass wir die Eigentlichkeit pflegen.‘ Um sich nicht stumm machen zu lassen von der Lautstärke von Populisten müsse man ‚die Eigentlichkeiten wieder herzeigen‘. (…) ‚Die Eigentlichkeit des Ortes, die müssen wir wieder annehmen‘, schloss er, und Mara Delius’ Frage, was der Begriff zu bedeuten habe, wirkte damit noch nicht beantwortet.“

Im November sprach Weimer auch mit dem „Stern“. „Wir müssen die Mauern der Echokammern überwinden“, ist das Interview überschrieben, in dem Weimer sagt:

„Den Kulturkampf gegen die Autoritären gewinnen wir, indem wir objektive Probleme benennen und lösen. Und für einen Aufschwung sorgen. Die Eigentlichkeit des wirtschaftlichen Erfolges ist stärker als jede Stimmung.“

Im Februar 2026 war er im Podcast von „Table.Media“ zu Gast und sagte über konservative Kulturpolitik:

„(…) Wir sehen ja Kultur gerade nicht als ein NGO mit Orchester oder ein Erfüllungsgehilfen der politischen Korrektheit, sondern wir wollen ja die Eigentlichkeit der Kultur stärken.“

Ein zweites Lieblingswort

Aber es wäre ungerecht, Wolfram Weimers Rhetorik darauf zu reduzieren, dass er dauernd von „Eigentlichkeit“ redet.

Er redet auch dauernd von „Gehäuse“.

Schlimmstenfalls kombiniert er beides, wie im aktuellen „Spiegel“-Interview, wo er ja davon spricht, dass „das Gehäuse der Bürgerlichkeit immer die Eigentlichkeit“ ist. Was die Metapher vom „Gehäuse“ in diesem Zusammenhang genau bedeuten soll, bleibt dabei unklar: Es ist ja nicht so, dass man „Bürgerlichkeit“ in einer Art Schachtel aufbewahren müsste, und selbst wenn man es täte, hülfe es einem nicht, weil sie aus dieser rätselhaften Eigentlichkeit besteht.

Aber wenn ich nicht verstehe, was Wolfram Weimer sagen will, spricht das möglicherweise nur gegen mich – und für den Anschein, dass Weimer einfach sehr klug, sehr intellektuell, sehr belesen ist. Ein Mann, der weiß, wie man in einer Welt der Uneigentlichkeit vorankommt, in welcher der bloße Schein das Sein überstrahlt

Ganz viel heiße Luft

Weimer hat das Wort „Gehäuse“ benutzt, als Widerstand gegen seine Berufung zum Kulturstaatsminister laut wurde: „Ich bin ein Mensch der bürgerlichen Mitte. Mein Gehäuse ist die weltoffene, liberale Demokratie.“

Und seitdem fast ununterbrochen:

„Ich bin Germanist, mein Gehäuse ist die Literatur.“ („Zeit“, 16.5.2025)

„[Thomas Manns] Sprache ist eine Kathedrale an Raffinesse, Rhythmus und Eleganz. Als Souverän feinsinniger Ironie, als Poet des bürgerlichen Gehäuses, als Genie des Satzbaus und sogar als originellen Großmeister des Semikolons lässt man ihn durchgehen.“ („Lübecker Nachrichten“, 6.6.2025)

„Heute können wir uns einerseits freuen und würdigen, dass eine freie Demokratie unser Gehäuse ist, und auch unsere Nachbarn in Tschechien und Polen wirkliche Freiheit leben.“ (Ausstellungseröffnung zum Thema Freiheit in Dresden, 20.6.2025)

„Europa und der Westen sind für uns Herkunft und Zukunft, Heimat und Hoffnung zugleich. Die AfD hingegen will genau dieses Gehäuse unserer Identität niederreißen und dem autoritären Nationalismus eine neue Burg bauen.“ („Welt“, 9.8.2025)

„Es gibt fünf Dinge, die diese Regierung im besten Fall erreichen kann. Das Gehäuse unserer Sicherheit neu bauen, eine neue Nato etablieren: Da liefern wir.“ („Stern“, 20.11.2025)

Weimer will „die Exzellenz der institutionellen Gehäuse von Kultur stärken“. („Welt“, 28.11.2025)

„Wir werden in den nächsten Jahren Hunderte Kulturbauten renovieren, umbauen oder neu errichten. (…) Das sind mehr als Immobilien. Sie sind Sehnsuchtsräume, Gehäuse unserer Identität, die wir ganz anders achten sollten.“ („Südwest Presse“, 26.2.2026)

„Habermas hat als Meisterdenker die geistigen Grundlagen der Demokratie in der Bundesrepublik geprägt und ein Gehäuse für den offenen Meinungsstreit und Toleranz geschaffen.“ („Zeit“, 14.3.2026)

„Ich habe Habermas als Student in Frankfurt noch persönlich ­gehört. Und auch wenn ich tagespolitisch manches anders sah, so fühle ich mich doch in seinem ­Diskursgehäuse für den offenen Meinungsstreit und Toleranz zu Hause“ („Zeit“, 19.3.2026)

„Die Deutsche Nationalbibliothek ist mit das Erhabenste, was wir haben in Deutschland, das Gehäuse unserer geistigen Zukunft.“ („Süddeutsche Zeitung“, 20.3.2026)

„[Kulturbauten] sind Gehäuse unserer Herkunft, sie sind Gehäuse unserer Identität.“ (dpa, 4.5.2026)

„Ich möchte nicht mit Menschen regieren, die ihr politisches Gehäuse auf Ressentiment und Verachtung bauen.“ („Focus“, 29.5.2026)

Wolfram Weimer ist ein Großproduzent heißer, nach Intellektualität riechender Luft, und die Eigentlichkeit seines Gehäuses ist ein Gebläse.

23 Kommentare

  1. Selten so gelacht
    Selten so auf den Punkt gebracht
    Danke für diese aufwändige Recherche im Gehäuse des Gebüschs der Eigentlichkeit!

  2. Olle Adorno wußte es schon.
    https://www.kritiknetz.de/images/stories/texte/Jargon_der_Eigentlichkeit.pdf

    „[…]
    In Deutschland wird ein Jargon der Eigentlichkeit gesprochen, mehr noch
    geschrieben, Kennmarke vergesellschafteten Erwähltseins, edel und anheimelnd in
    eins; Untersprache als Obersprache. Er erstreckt sich von der Philosophie und
    Theologie nicht bloß Evangelischer Akademien über die Pädagogik, über
    Volkshochschulen und Jugendbünde bis zur gehobenen Redeweise von Deputierten aus
    Wirtschaft und Verwaltung. Während er überfließt von der Prätention tiefen
    menschlichen Angerührtseins, ist er unterdessen so standardisiert wie die Welt,
    die er offiziell verneint; teils infolge seines Massenerfolgs, teils auch weil
    er seine Botschaft durch seine pure Beschaffenheit automatisch setzt und sie
    dadurch absperrt von der Erfahrung, die ihn beseelen soll. Er verfügt über eine
    bescheidene Anzahl signalhaft einschnappender Wörter. Eigentlichkeit selbst ist
    dabei nicht das vordringlichste; eher beleuchtet es den Äther, in dem der Jargon
    gedeiht, und die Gesinnung, die latent ihn speist.  […]“ ( durchaus lesenswert).

  3. Wie herrlich, mal wieder Adorno zu lesen:
    „Auf ihn [den Jargon der Eigentlichkeit, Anm. v. m.] paßt Richard Wagners gegen schlechte Kunst gerichtete Definition des Effekts als Wirkung ohne Ursache.“
    Theodor W. Adorno, Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie, Quelle s.o.
    Faust aufs Auge, denkt man sogleich.
    Letztlich schöpft der Jargon im Allgemeinen und der Begriff der Eigentlichkeit im Besonderen seine Attraktivität für den so Sprechenden aus einer, wie ich finde, theologisch zu nennenden Aufladung. Das eigene Denken erscheint erhaben, wird von den ebenfalls Wissenden geteilt und gegen die Nicht-Wissenden als Makel gerichtet.

    Begründung und Plausibilität sind dann beinahe so blasphemisch wie der Gottesbeweis.

  4. »Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.«  (Johann Wolfgang v. Goethe)

  5. Reden ist Silber und Schweigen ist wie Gold in den Händen von Jesus von Nazarus (Toni Mahoni)

  6. Nach Lesen dieses Textes – ich gebe es zu – habe ich noch immer nicht mehr als eine Ahnung, was Weimer mit diesen Begriffen sagen möchte, bzw. ob er etwas damit sagen oder nur scheinbar elegant verwischen möchte, dass er nichts zu sagen hat. Offensichtlich möchte er vor allem vorführen, dass er Adorno gelesen und stellenweise verstanden habe (oder glaubt, ihn verstanden zu haben), aber die darüber hinausgehenden inhaltlichen Aussagen sind mir weiterhin schleierhaft (womit ich immerhin auf dem Niveau von Spiegel-Journalist*innen zu sein scheine).

  7. You made my day:
    „Wolfram Weimer ist ein Großproduzent heißer, nach Intellektualität riechender Luft, und die Eigentlichkeit seines Gehäuses ist ein Gebläse.“

    Aber sein sinnbefreites, aufgeblasenes Gelaber, das man auch nicht viel gutem Willen nicht versteht, ist unglaublich peinlich!

  8. @Fabian Müller-Klug

    Ich glaube nicht, dass er dazu Adorno gelesen hat. Er bezieht sich wohl eher auf Heidegger, nur eben auf eine Weise, wie Adorno sie im Jargon der Eigentlichkeit demaskiert. Adorno kritisiert damit ja nicht einfach Heidegger, sondern eher diejenigen, die „Eigentlichkeit“ für sich in Anspruch nehmen, quasi im luftleeren Raum. In dem Sinn auch Wagners „Effekt als Wirkung ohne Ursache“.

    Heideggers Philosophieren über das Sein führt ja zu dieser Unterscheidung von Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit — im Englischen vielleicht deutlicher: authenticity und inauthenticity. So wie Hegel vorher beim „unbestimmten Unmittelbaren“ landet, oder Adorno später in den Minima Moralia beim Déjà-vu.

  9. @Kwink (#7):

    „Offensichtlich möchte er vor allem vorführen, dass er Adorno gelesen und stellenweise verstanden habe (oder glaubt, ihn verstanden zu haben)“

    Ergänzend zu Frank Gemein: Adorno kritisiert den „Jargon der Eigentlichkeit“ – er macht sich auf sehr unterhaltsame Weise über eine geschwollene Sprechweise lustig, die in der frühen BRD sehr verbreitet war und mit Pathos und bebender Stimme Banalitäten von sich gab. Zum Beispiel „Haus der Begegnung“ sagte, wo „Treffpunkt“ genügt hätte, oder „ein echtes Gespräch führen“ statt „sich unterhalten“. Im Ergebnis klingt sie (frei nach Terry Pratchett) sehr bedeutungsvoll, ohne allzu viel zu bedeuten.

    Der Begriff „Eigentlichkeit“ kommt bei den Existenzphilosophen (vor allem Heidegger) ständig vor und wird deshalb zu Adornos Chiffre für diesen Jargon. Wenn Weimer also ausgerechnet ihn ständig verwendet, zeigt er damit eher, dass er Adorno nicht gelesen hat.

    (Und natürlich ist der „Jargon der Eigentlichkeit“ heute veraltet. Abgelöst hat ihn vielleicht ein „Jargon der Authentizität“, der ihm in vielem gar nicht unähnlich ist, politisch aber anders konnotiert.)

  10. Hochinteressante Sammlung Weimer’scher Ergüsse über die Jahrzehnte hinweg. Weit gekommen ist er damit nicht. Aber das braucht man ja auch nicht, wenn man sich auf anspruchsvollen Qualitätsjournalismus „spezialisiert“, wie man auf der Web-Seite der Weimer Media Group nachlesen kann:
    „Die WEIMER MEDIA GROUP hat sich auf anspruchsvollen Qualitätsjournalismus spezialisiert“.
    Schließlich ist der Sandkuchen auf der sonntäglichen deutschen bürgerlichen Kaffeetafel auf wertigem Porzellan auch eine leuchtende Konstante der Eigentlichkeit, die die Jahrzehnte deutscher Kultur markiert. Oder nicht?

    Ich finde, diese Sammlung Weimer’scher Zitate hat Potential als kleines Buch ei Reclam publiziert zu werden – mit Vorwort von Eckhard Henscheid.
    An Frank Gemein ein Dankeschön für den Link.

  11. Ich glaube, er meint, dass Konservative den Ist-Zustand erhalten wollen, und daher keinen Soll-Zustand definieren müssten.
    Aber bei Gehäuse denke ich an Schnecken, nicht an Apfelkerne.

  12. Großartig! DANKE Herr Niggemeyer, ich bin Fanboy. Dass es so schlimm steht um den reaktionär-floskelig vor sich hin heideggernden Kulturkonservativismus unseres obersten Kulturhüters war mir so nicht bewusst. Den Adorno muss ich dringend mal wieder heranziehen. Grüße übrigens von der Uni, geisteswissenschaftliches Fach. KI ist bei uns ja im Moment ein Thema. Die Studierenden greifen im Fall von Essays und Hausarbeiten gerne auf das Instrument zurück, wie man weiß. Volle KI-Arbeiten erkennt man übrigens u.a. an einem wolkig vor sich hinfloskelnden Bedeutungsüberschwang, dem bei genaueren Hinsehen wenig zugrunde liegt. Das hält uns in den Geisteswissenschaften natürlich auch selbst den Spiegel vor. Aber es zeigt, was möglich ist und vielleicht noch stärker auf uns kommt: Noch mehr Eigentlichkeit, die eigentlich völlige Leere ist. Kann aber sein, dass sich das dann bald totläuft. Was ich mir heute von einem Kulturpolitiker wünschen würde? Die Sachlichkeit eines Überparteilichen.

  13. Wenn wir „Gehäuse“ überall durch „Raum“ ersetzen, klingt Weimer dann nicht gleich viel vertrauter? Heiße Luft weht, wo sie will.

  14. @Mycroft:
    Wenn Weimer eines ganz sicher nicht möchte, dann den Ist-Zustand erhalten. Deshalb muss die Gegenwart in allen schillernden Farben des Regenbogens als Autobahn zur Hölle ausgemalt werden, um das eigene reaktionäre Tun zu rechtfertigen.

    Kaum ein Begriff ist derzeit umkämpfter als der des Konservatismus. Viele, die ihn heute für sich reklamieren, fälschen zunächst Gegenwart und Geschichte, um anschließend so zu tun, als wollten sie genau diese bewahren. Quasi Heimatfilm next-gen.

  15. @Frank Gemein
    Er will vermutlich das sagen. was ich geschrieben habe. Wenn er damit lügt, ändert das nichts an dem Inhalt.

  16. #12 @mycroft:
    Die Schnecken sehe ich da auch sehr deutlich. Der King Charles Spaniel eigentliche Frisurigkeit des Herrn W. lässt mich da auch etwas an Wadenbeißereien denken… Sehr viel deutlicher als die philosophische Schuhabputzerei bei Nietzsche, Adorno etc. denke ich an „Frau Mühlenbeck im Gehäus“ (1980) von Brigitte Kronauer, das käme auch inhaltlich näher. – KI sagt dazu: Der Begriff „im Gehäus“ verweist direkt auf das kunsthistorische Motiv „Hieronymus im Gehäus“ (bekannt durch den Kupferstich von Albrecht Dürer). Es symbolisiert den Rückzug in eine geordnete Studierstube, die vollkommene Konzentration auf das Wesentliche und das Bändigen der inneren Leidenschaften im Alter. – Das passt besser, als die toten Philosophen. Wär schön, wenn der Herr W. sich zurückzöge. Dieses Auroritätszitatgebolze werden auch nicht mehr viel goutieren können. Und trägt Inhalt zur Leere, wie Dackel zum Jagen.

  17. „Und zwar so sehr, dass Weimer sich auch nicht scheut, Oswald Spenglers über 100 Jahre altes Werk Der Untergang des Abendlandes wiederholt als Quasi-Gegenwartsdiagnose heranzuziehen.“

    https://www.zeit.de/kultur/2025-05/wolfram-weimer-kulturstaatsminister-publizist-kulturpolitik?utm_source=chatgpt.com
    „Ist-Zustand verteidigen“ 2.0.
    Er betreibt Alarmismus, der Alarmismus beklagt, wie so viele andere Rechte auch. Verbieten um Verbote zu verhindern, Canceln um Canceln zu unterbinden.

    Man muss übrigens seine Bücher nicht selber lesen um zu wissen, dass er bevorzugt bei den Geistesgrößen der Philosophie und Literatur räubert um seine wilden Thesen zu stützen.

  18. Frank Gemein so: „Das kann er nicht meinen, weil’s gelogen wär.“
    Auch Frank Gemein: „Konservative lügen wie gedruckt.“

  19. @Mycroft:
    Letzter take, weil’s sonst wie immer endet.

    Ehrlich gut gemeint: Sie sollten entscheiden an Ihrem Textverständnis arbeiten.

    Und Tschüß.

  20. Frank Gemein so: „Ich muss Mycroft widersprechen, weil seine Interpretation von Weimer viel zu nett ist.“
    Auch Frank Gemein: „Ich beende die Diskussion mit Mycroft, die ich selbst begonnen habe, weil ich ehrlich gute Absichten habe.“

    @Funkenmarie: ich stelle mir gerade eine Pressekonferenz vor, wo jeder Journalist eine eigene Interpretation von Weimers gesammelten Reden vorträgt und fragt, ob die richtig wäre. Wie in der Schule mit Gedichten.
    Vielleicht hört er dann damit auf.

  21. Wunderbar!
    Mir ist dieser Typ schon länger unsympathisch, ich hatte den (begründbaren) Verdacht, daß hinter hochschwebender Rhetorik einfach nur bräsiger rückwärts gewandter Konservatismus steht.
    Was ja eigentlich auch regelmäßig bestätigt wird, wenn man genau schaut.
    Nebenbei würde ich aber von einem Minister mit dieser Aufgabe auch erwarten, sich ab und zu mal verständlich auszudrucken. Kulturverständnis und Kulturvermittlung werden eher geschwächt, wenn immer nur hochtrabend rumgelabert wird.
    Bei einem Präsidenten der amerikanischen Notenbank, zu dessen Jobbeschreibung gehört, möglichst kryptische Analysen und Prognosen abzugeben, würden solche Worthülsen begeisterte Diskussionen über den wahren Inhalt auslösen.
    Bei einem Kultusminister, der das Amt angemessen ausfüllt, sollte das unbedingt anders sein.

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