Wolfram Weimer baut der Eigentlichkeit ein Gehäuse
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer lässt Journalisten mit seiner intellektuell scheinenden Wortwahl mitunter ratlos zurück. Sind wir tatsächlich zu doof – oder Weimer eigentlich nur ein rhetorisches Heißluftgebläse?
Eigentlichkeit als Widerstand gegen Populisten? Wolfram Weimer bei der Eröffnungsrede der Frankfurter Buchmesse 2025.Foto: Marc Jacquemin/Frankfurter Buchmesse
Ich habe ein bisschen Angst, dass es irgendwann an der Tür klingelt und Wolfram Weimer dasteht und sagt: „Guten Tag, ich würde gerne mit Ihnen über Eigentlichkeit reden“, und ich dann nicht genug Heidegger oder Adorno im Haus oder im Kopf habe, um darauf angemessen zu reagieren. Solange er noch Kulturstaatsminister ist, ist die Gefahr vermutlich nicht so groß, aber wie lange wird er das schon noch bleiben?
Kaum jemand liebt den Begriff „Eigentlichkeit“ so sehr wie Wolfram Weimer, und wenig liebt Wolfram Weimer so sehr wie diesen Begriff. Seit vielen Jahren benutzt er ihn in seinen Texten und Interviews, auch gerade wieder im Gespräch mit dem „Spiegel“, in dem er ihn als kleines intellektuelles Ornament an ein Gehäuse aus Realitätsverweigerung gehängt hat. (Bitte merken Sie sich dieses Bild.)
Der „Spiegel“ hielt Weimer vor, dass er und Konservative generell keinerlei eigene Vision formulierten. Und Weimer antwortete:
„Das Gehäuse der Bürgerlichen ist immer die Eigentlichkeit, nicht die Möglichkeit.“
Aber weil für Journalisten so ein Gedanke natürlich zu hoch ist, flüchteten sich die „Spiegel“-Leute in Pampigkeit: „Was auch immer das heißen mag.“
Ein wucherndes Gebüsch
Ganz ähnlich hatte Weimer schon im vergangenen November im Gespräch mit der „Zeit“ formuliert. Auch die wünschte sich damals von ihm einen „Vorschlag für einen Konservatismus des 21. Jahrhunderts“, und Weimer antwortete:
„[Die CDU] war immer die Partei des bürgerlichen Pragmatismus. Die Eigentlichkeit ist das Gehäuse der CDU, nicht die Möglichkeit.“
Als er dann noch aufzählte, was alles „in dieser Eigentlichkeit der Bundesrepublik tief eingeprägt“ sei, rief ihm „Zeit“-Interviewer Bernd Ulrich zu: „Sie können sich doch jetzt nicht im Gebüsch der Eigentlichkeit verstecken!“, was einer der schönsten Vorwürfe ist, die einem Bundesminister je gemacht wurden.
Aber Weimers lässt sein Gebüsch schon seit Jahren wuchern und lebt darin. Schlagen wir uns hinein!
Der Nebel der Uneigentlichkeit
2009 schrieb er in seiner damaligen „Stern“-Kolumne über die „uneigentliche Republik“. Sie bestand fast ausschließlich aus einer Aufzählung von Dingen, die eigentlich etwas, tatsächlich aber etwas anderes sind:
„Die Mode der Uneigentlichkeit überschreitet alle Perspektiven. So ist eigentlich die CDU noch die CDU. Tatsächlich spielt sie die neue SPD. Eigentlich ist die FDP die FDP. Tatsächlich spielt sie die neue CDU. Eigentlich ist die SED die PDS. Tatsächlich nennt sie sich Linkspartei. Eigentlich müsste diese ‚Linkspartei‘ von der Finanzkrise profitieren. Tatsächlich schwindet ihre Zustimmung. Eigentlich müsste Guido Westerwelle unter der Finanzkrise leiden, tatsächlich erreicht er Sympathiewerte wie Günther Jauch.“
Ein „Nebel der Uneigentlichkeit“ lege sich übers Land, behauptete er, und verglich „die Welt der Uneigentlichkeit“ mit dem „Lustgarten in Goethes Faust II, in dem der Kaiser die Reize des Papiergeldes entdeckt, Faust die Solidität nur zaghaft anmahnt, doch Mephisto die Uneigentlichkeit der Gelddruckmaschinen durchsetzt“.
Der Autor
Stefan Niggemeier ist Gründer von Übermedien. Er ist Diplom-Journalist, hat das Bildblog gegründet und als Redakteur die Medienseite der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ aufgebaut. Er hat unter anderem für den „Spiegel“ und Friedrich Küppersbuschs „Tagesschaum“ gearbeitet, seit 2026 schreibt er vor allem für die „Süddeutsche Zeitung“. Seit 2017 redet er mit Sarah Kuttner im Podcast „Das kleine Fernsehballett“ über Fernsehen. Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet.
Der Text wirkt wie ein einziger Versuch, möglichst inflationär Varianten des Wortes „eigentlich“ zu benutzen: 40 sind es am Ende geworden.
Schein und Sein
2010 verfasste Weimer einen Essay für das Jahrbuch des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger: „Das gedruckte Wort ist wie ein Kuss“. Die „taz“ gab später seinen Inhalt so wieder:
„Weimer zufolge seien Printmedien als eine ‚Heimstatt der Eigentlichkeit‘ zu verstehen, denn Print sei ‚wirklicher als elektronische Medien‘ und ‚auch dem Print-Inhalt wird die Wirklichkeitsnähe stärker zugesprochen‘.“
Im Februar 2011 lobte die „Lebensmittel Zeitung“ Weimer – damals „Focus“-Chefredakteur – für eine „scharfsinnige Analyse einer medien-dominierten Wirklichkeit“, die er beim „Club für Moderne Markt Methoden“ präsentiert und in der er eine „Welt der Uneigentlichkeit“ beklagt habe, in welcher der bloße Schein das Sein immer mehr überstrahlt.
Zwei Monate später prangerte er in seiner „Focus“-Kolumne Politikerphrasen von zu bauenden Brücken oder zu knüpfenden Netzen an:
„Die Metaphorik verrät einen Paternalismus der Unsicherheit. Dieser Jargon der Uneigentlichkeit soll verschleiern, dass die große Staatsschuldenblase bald platzen könnte und Deutschland einen hohen Preis zahlen müsste.“
Was Söder und Lafontaine verbindet
In den folgenden Jahren wandte er sich zunehmend vom Beklagen der Uneigentlichkeit zum Feiern der Eigentlichkeit. Im März 2016 fragte er in seiner „Handelsblatt“-Kolumne:
„Wo bleibt eine Kultur- und Geschichtspolitik, die ernsthaft nach Herkunft und Identität und Kulturformen der Eigentlichkeit und nicht bloß der politisch-korrekten Machbarkeit fragt?“
Im September 2016 lobte er in seiner „ntv“-Kolumne den CSU-Politiker Markus Söder, damals noch bayerischer Finanzminister:
„Er kommt aus dem Arbeitermilieu Nürnbergs und hat sich seinen Aufstieg erarbeitet und erkämpft. Habituell wirkt er auf die CSU wie weiland Gerhard Schröder auf die SPD – als Verkörperung von Eigentlichkeit und etwas Handfestem.“
Und was Marcus Söder verkörpert, verkörpert Oskar Lafontaine schon lange. Ebenfalls bei ntv schrieb Weimer 2018 über den früheren SPD-Politiker, er sei „wie saarländisches Altholz in den Kunststoff-Lounges der Berliner Republik“:
„Diese Eigenart, selbst zu denken, riskant zu denken, und dann ohne Rücksicht auf Verluste laut zu sagen, was er meint, das hat ihn stark gemacht – über Jahrzehnte. Ein Mann der Eigentlichkeit in einer immer nebulöseren Sphäre der uneigentlichen Republik.“
Eigentlich nichts Neues
Im selben Jahr erschien Weimers Buch „Das konservative Manifest: Zehn Gebote der neuen Bürgerlichkeit“. Darin formulierte er:
„[…] Heimat bedeutet das ganz Konkrete, keineswegs ein Ideal, keine Verklärung von Gegenwärtigem und Gewesenem. Der Heimatbegriff des Konservativen ist gerade kein utopischer wie bei Ernst Bloch, der in Heimat bloß einen ‚philosophischen Begriff gegen die Entfremdung‘ sieht. In Wahrheit ist Heimat das genaue Gegenteil – die pure Eigentlichkeit. Sie ist keine Mobilie, sie ist gerade eine Menschen bestimmende Immobilie.“
„Heute bedeutet Heimat für sehr viele wieder das ganz Konkrete, keineswegs ein Ideal, keine Verklärung von Gegenwärtigem und Gewesenem. Der wieder entdeckte Heimatbegriff ist gerade kein utopischer wie bei Ernst Bloch, der in Heimat bloß einen ‚philosophischen Begriff gegen die Entfremdung‘ sieht. In Wahrheit ist Heimat das genaue Gegenteil – die pure Eigentlichkeit. Sie ist keine Mobilie, sie ist gerade eine Menschen bestimmende Immobilie.“
Im September 2025 brachte Weimer die Eigentlichkeit endlich in den Bundestag. Er war inzwischen Kolumnist Staatsminister für Kultur und Medien und nannte den Etat von 2,5 Milliarden Euro in der Debatte über den Haushalt 2026
„ein Bekenntnis zur inneren Größe unseres Landes, zu unserer Eigentlichkeit und Innerlichkeit einer Kulturnation, zu unserer Herkunft, ohne die es keine Zukunft gibt.“
Schon einen Monat später sprach Weimer wieder im Parlament, diesmal zum 35. Jubiläum der deutschen Wiedervereinigung, und feierte die friedliche Revolution in der DDR:
„Die Ostdeutschen fassten Mut, sich ihres eigenen Verstandes, ihrer eigenen Freiheit, ihrer Eigentlichkeit zu bedienen.“
Was bedeutet das alles?
Im Oktober 2025 sprach Weimer auf der Frankfurter Buchmesse, und die „Süddeutsche Zeitung“ notierte, wie die Blicke auf dem Podium „fragend werden, als Weimer sich in einem Wort zu verbeißen beginnt“:
„‚Der Widerstand gegen den neuen Autoritarismus kann auch darin bestehen, dass wir die Eigentlichkeit pflegen.‘ Um sich nicht stumm machen zu lassen von der Lautstärke von Populisten müsse man ‚die Eigentlichkeiten wieder herzeigen‘. (…) ‚Die Eigentlichkeit des Ortes, die müssen wir wieder annehmen‘, schloss er, und Mara Delius’ Frage, was der Begriff zu bedeuten habe, wirkte damit noch nicht beantwortet.“
Im November sprach Weimer auch mit dem „Stern“. „Wir müssen die Mauern der Echokammern überwinden“, ist das Interview überschrieben, in dem Weimer sagt:
„Den Kulturkampf gegen die Autoritären gewinnen wir, indem wir objektive Probleme benennen und lösen. Und für einen Aufschwung sorgen. Die Eigentlichkeit des wirtschaftlichen Erfolges ist stärker als jede Stimmung.“
Im Februar 2026 war er im Podcast von „Table.Media“ zu Gast und sagte über konservative Kulturpolitik:
„(…) Wir sehen ja Kultur gerade nicht als ein NGO mit Orchester oder ein Erfüllungsgehilfen der politischen Korrektheit, sondern wir wollen ja die Eigentlichkeit der Kultur stärken.“
Aber es wäre ungerecht, Wolfram Weimers Rhetorik darauf zu reduzieren, dass er dauernd von „Eigentlichkeit“ redet.
Er redet auch dauernd von „Gehäuse“.
Schlimmstenfalls kombiniert er beides, wie im aktuellen „Spiegel“-Interview, wo er ja davon spricht, dass „das Gehäuse der Bürgerlichkeit immer die Eigentlichkeit“ ist. Was die Metapher vom „Gehäuse“ in diesem Zusammenhang genau bedeuten soll, bleibt dabei unklar: Es ist ja nicht so, dass man „Bürgerlichkeit“ in einer Art Schachtel aufbewahren müsste, und selbst wenn man es täte, hülfe es einem nicht, weil sie aus dieser rätselhaften Eigentlichkeit besteht.
Aber wenn ich nicht verstehe, was Wolfram Weimer sagen will, spricht das möglicherweise nur gegen mich – und für den Anschein, dass Weimer einfach sehr klug, sehr intellektuell, sehr belesen ist. Ein Mann, der weiß, wie man in einer Welt der Uneigentlichkeit vorankommt, in welcher der bloße Schein das Sein überstrahlt.
Ganz viel heiße Luft
Weimer hat das Wort „Gehäuse“ benutzt, als Widerstand gegen seine Berufung zum Kulturstaatsminister laut wurde: „Ich bin ein Mensch der bürgerlichen Mitte. Mein Gehäuse ist die weltoffene, liberale Demokratie.“
„[Thomas Manns] Sprache ist eine Kathedrale an Raffinesse, Rhythmus und Eleganz. Als Souverän feinsinniger Ironie, als Poet des bürgerlichen Gehäuses, als Genie des Satzbaus und sogar als originellen Großmeister des Semikolons lässt man ihn durchgehen.“ („Lübecker Nachrichten“, 6.6.2025)
„Europa und der Westen sind für uns Herkunft und Zukunft, Heimat und Hoffnung zugleich. Die AfD hingegen will genau dieses Gehäuse unserer Identität niederreißen und dem autoritären Nationalismus eine neue Burg bauen.“ („Welt“, 9.8.2025)
„Es gibt fünf Dinge, die diese Regierung im besten Fall erreichen kann. Das Gehäuse unserer Sicherheit neu bauen, eine neue Nato etablieren: Da liefern wir.“ („Stern“, 20.11.2025)
Weimer will „die Exzellenz der institutionellen Gehäuse von Kultur stärken“. („Welt“, 28.11.2025)
„Wir werden in den nächsten Jahren Hunderte Kulturbauten renovieren, umbauen oder neu errichten. (…) Das sind mehr als Immobilien. Sie sind Sehnsuchtsräume, Gehäuse unserer Identität, die wir ganz anders achten sollten.“ („Südwest Presse“, 26.2.2026)
„Habermas hat als Meisterdenker die geistigen Grundlagen der Demokratie in der Bundesrepublik geprägt und ein Gehäuse für den offenen Meinungsstreit und Toleranz geschaffen.“ („Zeit“, 14.3.2026)
„Ich habe Habermas als Student in Frankfurt noch persönlich gehört. Und auch wenn ich tagespolitisch manches anders sah, so fühle ich mich doch in seinem Diskursgehäuse für den offenen Meinungsstreit und Toleranz zu Hause“ („Zeit“, 19.3.2026)
„Die Deutsche Nationalbibliothek ist mit das Erhabenste, was wir haben in Deutschland, das Gehäuse unserer geistigen Zukunft.“ („Süddeutsche Zeitung“, 20.3.2026)
„[Kulturbauten] sind Gehäuse unserer Herkunft, sie sind Gehäuse unserer Identität.“ (dpa, 4.5.2026)
„Ich möchte nicht mit Menschen regieren, die ihr politisches Gehäuse auf Ressentiment und Verachtung bauen.“ („Focus“, 29.5.2026)
Wolfram Weimer ist ein Großproduzent heißer, nach Intellektualität riechender Luft, und die Eigentlichkeit seines Gehäuses ist ein Gebläse.
Ein Kommentar
Selten so gelacht
Selten so auf den Punkt gebracht
Danke für diese aufwändige Recherche im Gehäuse des Gebüschs der Eigentlichkeit!
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Selten so gelacht
Selten so auf den Punkt gebracht
Danke für diese aufwändige Recherche im Gehäuse des Gebüschs der Eigentlichkeit!