Was richten Medien mit reißerischen Berichten über Terror und Amok an?
Seit Jahren versagen viele Medien, wenn sie über Terrorakte oder Amokläufe berichten: Sie stigmatisieren einzelne Gruppen, retraumatisieren Beteiligte und machen im schlimmsten Fall sogar Werbung für Attentäter und Terrororganisationen. Anruf bei Benedikt Till, der dazu seit Jahren forscht.
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Wir haben auch hier bei Übermedien schon häufig die Berichterstattung über Terroranschläge und Amokläufe kritisiert: Zu häufig verbreiten Medien vorschnell falsche Informationen, bedienen mit Fotos oder Videos Schaulust und spekulieren über das Motiv von Tätern. Wie erst vor einem Jahr, beim Amoklauf an einer Schule in Graz. Was genau alles falsch läuft, hat der Medienpsychologe Benedikt Till gemeinsam mit der Kommunikationswissenschaftlerin Brigitte Naderer wissenschaftlich untersucht.
Seit drei Jahren forscht das Team dazu, welche Auswirkungen solche Medienberichte haben. Dafür haben sie unter anderem mehr als 1.900 Artikel von deutschen und österreichischen Medien ausgewertet und analysiert, wie sie über Terrorattentate zwischen 2016 und 2020 berichtet haben. Tills Fazit: Medien würden immer noch zu häufig „die Geschichte des Täters erzählen“.
Der Fokus auf dessen Identität, seine Methode oder das Motiv würden Attentätern überhaupt erst eine Plattform geben. Man mache damit „praktisch Werbung für seine Sache“, sagt Till im Übermedien-Podcast. Außerdem stigmatisierten die Berichte regelmäßig einzelne Gruppen:
„Sehr oft wird nicht wirklich differenziert zwischen Islamist und Moslem, oder einer Person muslimischen Glaubens.“
Dasselbe Problem erkenne er auch bei Menschen mit psychischen Erkrankungen – alle würden in einen Topf geworfen.
Zudem unterscheide sich das mediale Narrativ zwischen islamistisch motivierten und rechtsextremen Attentätern: Bei Ersteren liege der Fokus oft auf deren Radikalisierung und einer Terrororganisation im Hintergrund. Rechtsextreme hingegen würden häufiger als Einzeltäter benannt und eine Erklärung für die Tat in der jeweiligen Biografie gesucht – obwohl es auch hier Netzwerke gebe.
Was sollten Medien bei der Berichterstattung über Terror und Amokläufe beachten? Wie beeinflussen Medien eine mögliche Radikalisierung von potenziellen Attentätern? Und was hat das mit Suizidberichterstattung zu tun? Darüber sprechen Holger Klein und Benedikt Till in der neuen Folge „Holger ruft an…“.
Der Gesprächspartner
Benedikt Till ist Psychologe und Assoziierter Professor am Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit der Rolle der Massenmedien bei der Vermittlung potenziell psychisch belastender Inhalte sowie deren möglichen Auswirkungen. Er arbeitet auch zu Suizidprävention, Gesundheitskommunikation, Public Mental Health und Medienpsychologie.
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