Auslandsjournalismus

Keine festen Richtlinien: Wie die „Tagesschau“ ihre O-Töne übersetzt

Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas spricht in einer englischen Erklärung von „diesem Krieg“, die „Tagesschau“ macht den „russischen Angriffskrieg“ daraus. Stellt sich die Frage: Ab wann werden freie Übersetzungen in Nachrichtenbeiträgen problematisch? Und welche redaktionellen Vorgaben braucht es?
Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas in einem Beitrag der Tagesschau am 23. Februar. Screenshot: Tagesschau

Eines haben Politik und Diplomatie mit dem Journalismus gemeinsam: Einzelne Worte haben eine enorme Bedeutung. Es macht einen Unterschied, ob ein Verbrechen als „Völkermord“ bezeichnet wird, oder eine Invasion als „Spezialoperation“.

Aber während es zur hohen Kunst der Diplomatie gehört, Worte auch mit Blick auf die eigenen politischen Ziele sorgfältig zu wägen, sollte der Journalismus primär eines sein: möglichst präzise. Was das aber genau heißt, scheint in der journalistischen Praxis nicht immer so eindeutig zu sein.

Eine solche Unschärfe ist einem aufmerksamen Übermedien-Leser in den Fernsehnachrichten aufgefallen. Gestolpert war er über einen Beitrag von Tina Hassel. Die Leiterin des ARD-Studios in Brüssel hatte am 23. Februar über den Rat für Auswärtige Angelegenheiten berichtet, bei dem die Außenminister:innen der EU-Staaten unter anderem über ein Sanktionspaket gegen Russland und Unterstützungen für die Ukraine berieten. Ungarn und die Slowakei blockierten dabei zentrale Maßnahmen.

Aus „diesem Krieg“ wurde der „russische Angriffskrieg“

In der 20-Uhr-„Tagesschau“ verwendete Hassel einen O-Ton der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas, den die Korrespondentin auf Deutsch wie folgt übersetzt:

„Ich bedaure es sehr, dass wir heute keine Einigung erzielen konnten. Kurz vor dem traurigen Jahrestag des russischen Angriffskriegs hätten wir ein starkes Signal an die Ukraine senden wollen.“

Die entspricht, wie der Übermedien-Leser zutreffend bemerkt, nicht ganz dem englischen Original. Man kann es sich in einem Video derselben Erklärung ansehen, das der Audiovisuelle Dienst der Europäischen Kommission ins Netz gestellt hat. Demnach sagte Kallas (nach etwa einer Minute und 15 Sekunden):

„I really regret that we didn’t achieve agreement today, considering that tomorrow is the sad anniversary of the start of this war, and we really need to send strong signals to Ukraine that we keep on helping Ukraine […].“

Eine wörtliche Übersetzung könnte so lauten:

„Ich bedauere es sehr, dass wir heute keine Einigung erzielen konnten, wenn man bedenkt, dass morgen der traurige Jahrestag des Beginns dieses Krieges ist und wir der Ukraine wirklich starke Signale senden müssen, dass wir ihr weiterhin helfen werden […].“

Journalismus sollte keine Formulierungshilfen liefern

Die ARD-Übersetzung weicht also an zwei Stellen ab: Die Außenbeauftragte spricht nur von „diesem Krieg“ („this war“), nicht vom „russischen Angriffskrieg“. Und sie bezieht sich am Ende des O-Tons nicht auf die Vergangenheit, sondern formuliert im Präsens: Wir müssen starke Signale senden statt Wir hätten senden wollen.

Nun ist das, was in der Ukraine seit vier Jahren tobt, natürlich ein russischer Angriffskrieg. Ob es die EU-Außenbeauftragte auch so nennt – und zwar im konkreten Kontext und nicht irgendwann –, steht jedoch auf einem anderen Blatt.

Denn der Begriff beinhaltet eine klare Verantwortungszuschreibung – und es wäre zumindest rein theoretisch möglich, dass Kallas diese Wertung im spezifischen Statement nicht vornehmen wollte. Es wäre dann eine fragwürdige journalistische Praxis, würde die „Tagesschau“ diese Wortwahl nachträglich für die Diplomatin ausbügeln wollen.

Der Sinn blieb erhalten, der Wortlaut nicht

Auf Anfrage von Übermedien teilt die Pressestelle des NDR, der die Tagesschau verantwortet, mit:

„In diesem konkreten Fall wäre die präzisere Übersetzung ‚dieser Krieg‘ gewesen. Gleichzeitig ist die gewählte Übersetzung der Aussage von Kaja Kallas jedoch nicht sinnentstellend.“

Das ist so, und es ist ebenso möglich, dass sich Kaja Kallas trotz der unpräzisen Übersetzung der Tagesschau zutreffend wiedergegeben fühlt. Denn an einer anderen – nicht in der „Tagesschau“ gezeigten – Stelle derselben Stellungnahme spricht sie selbst zwar nicht wörtlich vom russischen „Angriffskrieg“, aber zumindest von „Russia’s war“, Russlands Krieg. Sie betont also durchaus, wer verantwortlich für „diesen Krieg“ ist.

Und insgesamt verschleiert die Europäische Kommission in ihrer offiziellen Kommunikation auch nicht, dass der russische Angriffskrieg ein russischer Angriffskrieg ist. Nur einen Tag nach dem Ministertreffen in Brüssel veröffentlichte sie ein Video, das sogar mit der entsprechenden englischen Terminologie betitelt ist: „war of aggression“.

Bevorzugte Formulierung, aber keine Vorgabe

Andererseits hat die ARD-Korrespondentin Tina Hassel keine wirkliche Not, vom gesagten Wortlaut abzuweichen. Somit drängt sich der Verdacht auf, die „Tagesschau“ könnte ihre eigene redaktionelle Festlegung auf eine Formulierung wie „russischer Angriffskrieg“ einer Politikerin in den Mund gelegt haben, die sich hier aber nun einmal anders ausgedrückt hat.

Tatsächlich bestätigt der NDR, dass sich die Redaktion der ARD-Nachrichtenformate auf die Bezeichnung „russischer Angriffskrieg“ als „in den Sprechertexten bevorzugte Formulierung“ verständigt habe. Wenngleich dies „keine feste Vorgabe“ sei und sich nicht auf Übersetzungen beziehe.*

Anders liegt der Fall bei der abweichenden Zeitform – wenn die „Tagesschau“ aus Kallas‘ O-Ton („we really need to send strong signals“) eine die Vergangenheit kommentierende Formulierung macht („hätten wir ein starkes Signal an die Ukraine senden wollen“). Darauf angesprochen, erklärt der NDR, dass sich Kallas „im direkten Zusammenhang mit ihrer Enttäuschung über die verfehlte Einigung des Tages“ so geäußert hätte, daher halte man die Übersetzung für „vertretbar“.

Recherche deckte Fehler in Übersetzungen auf

Die Übersetzung von O-Tönen im Fernsehen stand vor einigen Jahren schon einmal in der Kritik. 2020 hatten „Correctiv“ und das Branchenmagazin „Journalist“ stichprobenhaft Beiträge von Auslandskorrespondent:innen analysiert. Während es bei den 30 geprüften ARD-Beiträgen nichts zu beanstanden gab, fielen in den ZDF-Nachrichtensendungen eine Reihe von Unschärfen auf: Die ins Deutsche übersetzten Zitate von gezeigten Gesprächspartnern stimmten nicht immer mit dem arabischen, russischen oder chinesischen Wortlaut des Originaltons überein.

Teilweise hätten Gesprächspartner:innen die vom Sprecher zitierten Aussagen an einer anderen Stelle des Interviews gesagt, hieß es damals beim ZDF – die Übersetzung war in diesen Fällen also eine Art vom exakten Wortlaut abweichende, inhaltliche Zusammenfassung des Gesagten. Der Sender räumte aber auch Fehler ein. Einmal sei einer Person eine Aussage zugeordnet worden, die sie gar nicht getätigt hatte.

„Es geht hier nicht um den großen Skandal. Es geht um fragwürdige Instrumente im täglichen Handwerk“, schrieb „Correctiv“ nach der Stichproben-Recherche von 2020. Damals habe das ZDF reagiert und seine Vorgaben für die Auslandsberichterstattung verschärft, wie der „Journalist“ berichtete:

„In einer schriftlichen Anweisung der Chefredaktion an alle Korrespondenten heißt es jetzt: ‚Es dürfen grundsätzlich keine übersetzten Aussagen über eine bildliche Interviewsequenz montiert werden, die in dieser nicht enthalten sind. Das gilt auch für an anderer Stelle Gesagtes, das nicht über dem ausgewählten Interview-Ausschnitt zusammengezogen werden darf.‘ Ein Sprecher des ZDF sagte, es gehe bei dieser Frage um ‚Exaktheit und Authentizität bei übersetzten O-Tönen in der Auslandsberichterstattung‘. So dürfe vor und nach dem O-Ton in indirekter Rede paraphrasiert werden – ‚nicht aber über dem Originalton‘.“

Welche redaktionellen Vorgaben gibt es?

Die Ungenauigkeit, mit der die „Tagesschau“ den Kallas-O-Ton ins Deutsche übertrug, hat natürlich erst recht nicht die Dimension eines Skandals. Es weicht aber von Leitlinien ab, wie sie zumindest das ZDF vor sechs Jahren formuliert hatte – und lädt damit zur Diskussion ein, ob so ein Vorgehen handwerklich akzeptabel ist oder nicht.

Welche Vorgaben gibt es also für die „Tagesschau“-Korrespondent:innen? Veröffentlicht hat die ARD lediglich Standards für Untertitel, was auch eine Art der Übersetzung (von Ton in Text) ist. „Möglichst lippensynchron untertiteln und so nah wie möglich am Originaltext bleiben“, heißt es darin beispielsweise. Und: „Es wird immer die Originalsprache (O-Ton/Voiceover/Offsprecher) untertitelt. Sprachliche Eigenheiten bleiben erhalten.“

Die Idee ist also, bei den Untertiteln möglichst eng am Wortlaut zu bleiben. Das ergibt Sinn, schließlich geht es nicht nur in der Diplomatie darum, dass Menschen ihre Formulierungen abwägen. Zudem vermitteln sich über ihre sprachlichen Eigenheiten Informationen jenseits des bloßen Inhalts ihrer Worte. Natürlich kann das bei der Übertragung aus einer anderen Sprache nicht immer 1:1 erhalten bleiben. Doch je freier die Übersetzung, umso größer ist auch die Gefahr, dass Journalist:innen ihre eigenen Färbungen und Deutungsmuster auf den Interviewpartner übertragen.

ARD hat keine Richtlinien für O-Ton-Übersetzungen

Es ist daher bemerkenswert, dass es – anders als bei den Untertiteln – „keine festen ARD- oder NDR-Richtlinien speziell für die Übersetzung von O-Tönen“ gibt, wie der NDR Übermedien mitteilt:

„Die Übersetzung und kontextgerechte Einordnung von O‑Tönen ist Teil des journalistischen Handwerks und unterliegt den journalistischen Standards. Bei der Abnahme eines Beitrags gilt grundsätzlich das Mehr-Augen-Prinzip.“

Für die Auslandsberichterstattung bringt das einige praktische Probleme mit sich. Manche Korrespondent:innen beherrschen die Landessprache zum Beispiel nicht oder nicht ausreichend gut, um jeden O-Ton perfekt übersetzen zu können. Sie sind dann angewiesen auf Übersetzer:innen, die sie selbst nicht kontrollieren können – und in den deutschen Redaktionen gibt es je nach Sprache womöglich ebenfalls niemanden, der imstande wäre, die Übersetzung noch schnell vor der Sendung zu prüfen (wobei mittlerweile gute technische Tools verfügbar sind).  

Für englischsprachige O-Töne gilt das nicht. Laut NDR nutzt das Studio Brüssel „mehrere Überprüfungsmechanismen“, nämlich „die Sprachkenntnisse der Korrespondentinnen und Korrespondenten, ebenso wie Producerinnen und Producer bzw. weitere Ortskräfte“.

Mit anderen Worten: Die Frage, wie viel Freiheit beim Übersetzen von O-Tönen erlaubt ist, hängt derzeit vom Bauchgefühl der beteiligten Journalist:innen ab. Besser wäre es, für diese sensible Aufgabe klare redaktionelle Standards zu haben.


*Ergänzung, 6. März: Wir haben an dieser Stelle folgende Passage ergänzt: „(…) und sich nicht auf Übersetzungen beziehe.“

6 Kommentare

  1. Aus „we need…“ hätte man ja einen Konjunktiv-Präsens machen können: „wir müssten starke Signale senden“ (können es aber weiterhin nicht).

    Das mit dem „russischen Angriffskrieg“ geht mMn gar nicht. Schön, dass die Formulierung inhaltlich stimmt UND von der Person auch so gesehen wird, aber beim nächsten Mal trifft eines davon nicht zu, und dann?

  2. Ich finde die Übersetzung gelungen. Da man ja nicht die ganze Rede zeigt, vermittelt man so auch ein wenig den Kontext, also fügt quasi Informationen hinzu, die das Verständnis erhöhen.

  3. Als jemand, der beruflich Tonmischungen von (TV-) Dokumentationen macht, kann ich vielleicht noch einen Aspekt aus der Praxis beisteuern:
    Oft ist es auch so, dass bei einem Overvoice nicht wörtlich übersetzt werden kann, weil es vom Timing her nicht hinhaut. Gerade Englisch ist oft in seinen Formulierungen und in der Länge der Wörter so extrem viel kürzer, dass man in der deutschen Übersetzung irgendwie tricksen muss. Anderfalls würde das Overvoice länger als das Original werden. Dieses Problem hat man mit Untertiteln nicht, weshalb die meistens näher am Original sind.

  4. Danke, danke, danke für diesen Artikel. Seit Jahren ärgere ich mich bei jeder zweiten Übersetzung aus einer Sprache, die ich spreche, über die kreative Freiheit, die sich die Übersetzenden nehmen. Ich habe den Eindruck, dass das bei wenig gesprochenen Sprachen noch sehr viel prävalenter ist. In der Zeit, als Schweden noch NATO-Beitrittskandidatin war, erinnere ich mich an eine Vielzahl absurder Übersetzungen. Ich habe mich immer gefragt, ob das an rudimentären Schwedisch-Kenntnissen liegt, bin aber schlussendlich eher zu der Einschätzung gelangt, dass die Übersetzenden oft hören, was ihren Hörgewohnheiten entspricht. Diese sind natürlich ideologisch vorgeprägt. Ein solcher Fall ist auch hier naheliegend.

  5. Ich mutmaße, die BBC kann das und macht das besser. Dass man sich in diesem Land die Arbeit nicht einfach macht und an guten Standards ein Beispiel nimmt, ist mir ein ewiges Rätsel.

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