Wieso ist das so? (36)

Wann werden Kommentare auf den Social-Media-Kanälen der „Tagesschau“ gelöscht? 

Darf ein User einen anderen „Schwachkopf“ nennen? Wann kippt harte Kritik in Beleidigung? Und wie behält man bei zehntausenden Kommentaren den Überblick? Darüber haben wir mit Timo Spieß, Head of Social Media bei der „Tagesschau“, gesprochen.
Logo der Tagesschau, daneben wütende Emojis in einer Sprechblase
Screenshot: ARD / Montage: Ü

Unter den Posts der „Tagesschau“ auf Instagram und anderen Social-Media-Plattformen wird sehr viel diskutiert. Zehntausende Kommentare gehen täglich ein, je nach Nachrichtenlage sogar bis zu 150.000. Die meisten davon seien konstruktiv, sagt Timo Spieß, Head of Social Media bei der „Tagesschau“. Dennoch gibt es bei dem hohen Aufkommen an Kommentaren auch viel Hass.

Spieß‘ Team legt fest, was von der Meinungsfreiheit gedeckt ist – und was gelöscht werden muss. Warum diese Entscheidung oft gar nicht so einfach und eindeutig ist und warum im Zweifel problematische Kommentare stehen bleiben, darüber haben wir mit Spieß gesprochen.


Übermedien: „Schwachkopf“, „du Mongo“, „Remigration rettet Leben“. Solche Kommentare finden sich unter Instagram-Beiträgen der „Tagesschau“. Haben die da was verloren? 

Timo Spieß: Es gibt eine klare Netiquette, die regelt, welche Kommentare wir nicht tolerieren und löschen. Wir dulden zum Beispiel keine Hassrede, ehrverletzende Beleidigungen oder Diskriminierung. Wir löschen auch Drohungen, Aufrufe zur Gewalt oder Kommentare, die sich nicht mit dem Thema des Beitrags beschäftigen. Trotzdem ist das oft eine Einzelfallentscheidung, je nach Kontext. 

Den „Schwachkopf“ hat ein User kontextlos auf einen Kommentar eines anderen Users geantwortet. 

„Schwachkopf“ ist klar beleidigend und über der Grenze. Wir müssen immer genau schauen, ob es eine ehrverletzende Beleidigung ist oder einfach harte inhaltliche Kritik. Das zeigen auch die unterschiedlichen Urteile, die es gerade zu der Frage gibt, was eigentlich als Beleidigung gilt. Es ist also auch etwas, bei dem wir uns im Zweifel von unserem Justiziariat beraten lassen. 

Ich sehe schon, Sie wollen sich da jetzt nicht so festlegen. Was ist denn mit „du Mongo“ oder „Remigration rettet Leben“? 

„Du Mongo“ ist klar diskriminierend, „Remigration rettet Leben“ ist nicht eindeutig, da würden wir Rücksprache halten mit unserem Justiziariat. 

Gefunden habe ich die Kommentare trotzdem. Warum wurde nicht zumindest der diskriminierende Kommentar gelöscht?

Wir arbeiten mit mehreren Schichten am Tag an der Kommentarmoderation und haben ein sehr hohes Kommentaraufkommen. Da kann es vorkommen, dass wir manche Kommentare, die gegen die Netiquette verstoßen, erst mit einer gewissen Verzögerung sehen und löschen.  

Wie wird die Social-Media-Redaktion auf problematische Kommentare aufmerksam? 

Weil wir so viele Kommentare bekommen, haben wir mit einem Dienstleister zusammen ein System entwickelt, das uns technisch unterstützt und mit Wortfiltern und künstlicher Intelligenz die Kommentare vorsortiert. Zum Beispiel, wenn sie Triggerwörter beinhalten. Das reicht aber nicht immer. Es gibt auch problematische Kommentare ohne problematische Worte. Oft geht es um den Kontext, auch Ironie ist schwer zu erkennen. Wenn User häufig gegen die Netiquette verstoßen, werden sie von uns auch gesperrt. 

Wer trifft die Entscheidung, ob ein Kommentar gelöscht oder ein Nutzer gesperrt wird?

Das ist bei uns immer ein Mensch, das System löscht also nichts automatisch. Für die Moderation der Kommentare sind bei uns pro Tag fünf Leute zuständig, die sich in verschiedenen Schichten abwechseln. Davon sind zwei feste Redakteure und drei kommen aus einem größeren Kreis von Community-Assistenten mit unterschiedlichen Backgrounds, darunter sind viele Studierende. 

In vielen Social-Media-Redaktionen sind oft Werkstudenten oder Jobeinsteiger für das Community-Management verantwortlich. Aus der Branche hört man, dass das für viele ein belastender Job ist, den sie nicht lange machen wollen. Wie erleben Sie das?

Wir halten unsere Community-Assistenten dazu an, möglichst viele ihrer Schichten vor Ort zu arbeiten. Dort ist mehr Austausch möglich, der dabei hilft, eine emotionale Distanz zu dem Gelesenen aufzubauen. Darüber hinaus berichten die Kollegen, dass schon nach relativ kurzer Zeit im Team ein Gewöhnungseffekt eintritt und eine rein professionelle Sicht auf die Kommentare im Sinne unserer Netiquette den Arbeitsalltag prägt. Nichtsdestotrotz haben wir in der Vergangenheit präventive psychologische Supervision angeboten.

Und wie oft passiert es, dass Kommentare gelöscht werden? 

Wir bekommen im Schnitt täglich 35.000 Kommentare auf allen Kanälen, an manchen Tagen sind es aber auch bis zu 150.000. Wie viel Prozent wir davon löschen, kann ich nicht sagen. Das erheben wir nicht. Es hängt auch sehr vom Thema und der Nachrichtenlage ab. Gefühlt ist die Hemmschwelle, die Grenzen des Sagbaren unter Klarnamen zu überschreiten, niedriger geworden. Dennoch überwiegen eindeutig die konstruktiven Kommentare.

Wenn es oft eine Einzelfallentscheidung ist, ob ein Kommentar gelöscht wird: Wie stellen Sie sicher, dass es trotzdem fair zugeht und Kommentare nicht nach dem Gusto der jeweiligen moderierenden Person gelöscht werden? 

Im Zweifel entscheiden wir immer für den User. Uns ist wichtig, dass unter unseren Posts Meinungsfreiheit gilt und ein Diskurs stattfinden kann. Gleichzeitig wollen wir aber ein Klima schaffen, in dem ein Diskurs möglich ist. Ich denke, dass unsere Netiquette schon ein klares Regelwerk ist, in vielen Fällen ist die Lage auch eindeutig. Aber natürlich gibt es Grenzfälle, über die sich auch Gerichte streiten. Unsere erfahrenen Community-Redakteure begleiten die Community-Assistenzen gerade bei hohem Kommentaraufkommen engmaschig und besprechen gemeinsam Zweifelsfälle und Grauzonen. Die Assistenzkräfte haben häufig bereits in Redaktionen mit größeren Communities gearbeitet oder sind selbst in der journalistischen Ausbildung.   

Es gibt auch subtilere Kommentare, die zwar für sich genommen von der Meinungsfreiheit gedeckt sind, aber die Kommentarspalte in ihrer Masse trotzdem zu einer hasserfüllten Umgebung machen. Wie gehen Sie damit um? Und wäre es eine Möglichkeit, solche Kommentarspalten zu schließen?  

Soziale Netzwerke sind ganz offensichtlich nicht mit der Priorität gebaut worden, dass sie immer einen konstruktiven und differenzierten Austausch gewährleisten. Aber sie sind eine gesellschaftliche Realität. Für die meisten jungen Menschen ist Social Media die primäre Informationsquelle für politische Themen. Deswegen ist es so wichtig, dass wir als öffentlich-rechtliche Anbieter diese Medienrealität anerkennen und unsere Inhalte dort anbieten – und natürlich auch unsere Netiquette durchsetzen. Dadurch können wir aber natürlich die grundsätzlichen Dynamiken auf diesen Plattformen und ihre Logiken nicht ändern. Geschlossen werden Kommentarbereiche bei uns etwa bei Livestreams auf Instagram oder unter vielen YouTube-Videos. 

Es gibt in den Kommentarspalten ja nicht nur Hässliches, sondern auch viel inhaltlichen Austausch. User stellen konkrete Fragen zum Post oder zur Arbeit der „Tagesschau“. Antworten darauf bekommen sie aber selten. Warum?

Wir verstehen unsere Kommentarbereiche vor allem als Diskursraum für unsere Community. Wenn wir da inhaltlich mehr reingehen würden, müssten wir dabei auch ein gewisses Niveau halten und bei allen Posts mitkommentieren. Das ist natürlich mit vielen Kapazitäten verbunden und recht aufwendig. Wenn es aber Fragen zu unserer Arbeit gibt, versuchen wir schon, darauf zu antworten. 

Wäre es nicht diskursbildend und damit Aufgabe der Redaktion, auch auf inhaltliche Fragen der Community einzugehen? 

Unter manchen Reels geben wir solche Zusatzinfos in der Kommentarspalte. Wir lesen viele der Kommentare und lassen sie in unsere weitere Berichterstattung einfließen. Unter einem Post, in dem es um die Entkriminalisierung von Schwarzfahren ging, haben wir mit einem Blick in die Kommentarspalte auch etwas gelernt: Sehr viele Leute haben das missverstanden. Die dachten, Entkriminalisierung würde bedeuten, es gäbe kein Bußgeld mehr fürs Schwarzfahren. Für uns war dann klar: Das Wort „Entkriminalisierung“ ist vielleicht zu akademisch, zu unklar, das vermeiden wir das nächste Mal. In dem Fall waren die Kommentare also eine total wichtige Rückmeldung für uns. 

An die Nutzer haben Sie das aber nicht zurückgemeldet. Die haben da in den leeren Raum kritisiert und haben weiterhin eine falsche Annahme davon, was der Begriff Entkriminalisierung bedeutet. Warum wurde das nicht einfach kurz erklärt? 

Das ist eine Kapazitätsfrage. Wir ziehen sehr viel Input aus den Kommentaren und geben das auch an die Kollegen vom Fernsehen oder tagesschau.de weiter. In den Kommentarspalten achten wir dann aber vor allem auf die Einhaltung unserer Netiquette und antworten auf Fragen eher in neuen Beiträgen. Am Ende ist es eine Frage der Priorisierung.

Müsste es eine Verschiebung der Prioritäten geben? Oder mehr Kapazitäten, um auch in den Kommentaren inhaltlich mitdiskutieren zu können? 

Nicht alle User nutzen Kommentarspalten gleich viel. Je nach Plattform und je nach Studie schreiben nur zwischen zehn und 20 Prozent der Nutzer überhaupt Kommentare, lesen tun sie zwischen 30 und 40 Prozent. Und der Algorithmus entscheidet, welche Kommentare man überhaupt angezeigt bekommt. Wir erreichen deutlich mehr Leute, wenn wir statt einer Diskussion in den Kommentaren extra einen Post oder ein Reel zu Fragen aus der Kommentarspalte machen. Wir haben auch explizite Formate für Impulse aus der Community, zum Beispiel die „Communityfrage“ oder „akkurat“ auf YouTube.

Wie wichtig sind die Rückmeldungen aus der Social-Media-Community für die anderen Redaktionen? 

Von den Kollegen bekommen wir zurückgespielt, dass sie das als sehr wertvoll empfinden. Natürlich darf man die Kommentare nicht für repräsentativ halten und muss ein Gespür für Dynamiken in sozialen Netzwerken haben. Aber gerade für das Fernsehen kann das schnelle und direkte inhaltliche Feedback aus Social Media eine gute Ergänzung zum Feedback aus Zuschauerzuschriften sein. Wir haben das auch medienübergreifend bei der Diskussion über das Wehrdienstgesetz über Ostern erlebt. Nachdem die „Frankfurter Rundschau“ über die darin vorgesehene Genehmigungspflicht für Auslandsaufenthalte für junge Männer berichtet hatte, wurden überall in sozialen Netzwerken Diskussionen laut. Die haben sicher zu der politischen Brisanz beigetragen, die sich dann entwickelt hat, und die zeigt, wie wichtig der Diskurs in sozialen Netzwerken ist.

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