Geht doch (7)

Nazis beim Plaudern zuhören

Der RTL-Podcast „Braune Kinderzimmer“ erzählt eine dramatische Geschichte, macht daraus aber kein Drama. Die Sprach- und Textnachrichten von rechtsradikalen Jugendlichen, die wir darin hören, sind schockierend genug. Endlich ein Recherche-Format, das ohne nerviges Storytelling auskommt!

„Ich stehe im Bad und putze mir die Zähne, als ich plötzlich innehalte. Das, was ich mir kurz vorm Schlafengehen noch anhöre, ist ein ganz normaler Podcast. Einer von vielen, in die ich reinschalte, weil es zu meiner Arbeit als Medienjournalistin eben dazugehört. Doch etwas ist diesmal anders. Etwas klingt anders. In diesem Moment weiß ich noch nicht, dass mich dieser Podcast über Tage begleiten wird…“

So würde es klingen, wenn dieser Text ein Storytelling-Podcast wäre, also ein Podcast, der mit dramaturgischen Mitteln eine Recherche nacherzählt. Eine banale Szene aus dem Alltag der Journalistin. Ein künstlicher Spannungsbogen. Dann ein überzogener Cliffhanger, der neugierig machen soll. Das Ganze garniert mit pseudoprivaten Details. Solche Szenen finden sich in Podcast-Formaten ständig.

In vielen Podcasts mehr Storytelling als Story

Mich nerven diese Ausschmückungen. Recherche-Podcasts von großen Medienhäusern sind meist aufwendig recherchiert und behandeln wichtige Themen. Aber die eigentliche Geschichte ist oft begraben unter Dramatisierung und Zuspitzung. Szenen aus dem Reporteralltag wie Autofahrten oder Recherche-Anrufe werden gern minutenlang ausgewalzt, das Ganze ständig unterbrochen von Andeutungen, was später noch alles passieren wird.

Dass sich darin viele Podcast-Produktionen ähneln, ist kein Zufall: Redaktionen und Produktionsfirmen ködern ihre Hörerinnen und Hörer mit den immer gleichen Tricks, damit die einschalten, dranbleiben, durchhören.

„Braune Kinderzimmer“ braucht keine Köder

Umso beeindruckender, wenn ein Podcast das gar nicht nötig hat. Denn den Moment im Badezimmer gab es wirklich. Der Podcast, der mich so überrascht hat, heißt „Braune Kinderzimmer – undercover bei jungen Nazis“. Obwohl er fast ohne nervige dramaturgische Lockmittel auskommt, habe ich alle sechs Episoden in einem Rutsch durchgehört.

Die RTL-Journalistin Angelique Geray erzählt darin, wie sie sich verdeckt in eine Gruppe rechtsradikaler Jugendlicher eingeschlichen hat, die „Letzte Verteidigungswelle“. Monatelang las sie in Chats mit, wie die Mitglieder „Aktionen“ und Anschläge planten. Sie beschreibt, wie sie sich eine Tarn-Identität zulegte. Wie sie in die geschlossene Whatsapp-Gruppe der Rechtsradikalen hineinkam, später ein Mitglied der Gruppe auch persönlich traf und sogar zum Kauf von zwei Kugelbomben begleitete. Der Mann erzählte ihr zufolge, er wolle damit eine Flüchtlingsunterkunft in Brand setzen. Einige Mitglieder der Gruppe stehen inzwischen vor Gericht.

Die Erzählerin erzählt einfach

Der Stoff hätte das Zeug zum ganz großen Drama: Die Reporterin als Heldin, die sich in Gefahr begibt. Die ständige Bedrohung, dass ihre Tarnung auffliegt. Und natürlich der Cliffhanger: Wird am Ende eine Flüchtlingsunterkunft brennen?

Nichts davon schlachtet der Podcast aus. Die Autorin erzählt darin schlicht die Geschichte ihrer Recherche, und das zum größten Teil chronologisch. Sie berichtet, wie sie auf das erste Tiktok-Video stößt, in dem ein Kind Hakenkreuz-Kekse backt. Wie sie immer tiefer in die rechte Szene einsteigt und manchmal an ihrer Recherche zweifelt. Sie beschreibt die Gespräche mit ihrem Team und die schwierigen Entscheidungen: Wann geht man zur Polizei? Wann wird es zu gefährlich?

Die Reporterin ist dabei Protagonistin, aber sie nimmt sich nicht zu wichtig. Sie bläht Nebensächliches nicht auf, schmückt Gefahren nicht aus. Dramatisch ist der Stoff von ganz allein, die Erzählweise ist es nicht.

„Letzte Verteidigungswelle“ flog schon im Mai auf

Der Podcast fesselt vor allem dank der vielen Sprach- und Textnachrichten aus der rechtsradikalen Chatgruppe. Die Stimmen sind verfremdet und die Namen geändert, aber davon abgesehen hört man hier Jugendlichen direkt beim Plaudern zu – mit pubertären Unsicherheiten, aber auch mit schockierender Brutalität.

Wie das Ganze ausgeht, hätte ich auch woanders nachlesen können. Die Recherche ist schon älter. Im Mai 2025 flog die „Letzte Verteidigungswelle“ auf, viele Medien berichteten darüber. Im vergangenen Jahr haben RTL und der zum gleichen Medienkonzern gehörende „Stern“ mehrere Texte und eine Doku darüber herausgebracht, im April veröffentlicht die Reporterin ein Buch dazu.

Es sei das erste Mal, dass sie einen Podcast geschrieben habe, sagt Angelique Geray mir am Telefon. Sie habe das Skript erst einmal allein getextet – ohne Storytelling-Coach, ohne Dramaturgin. Erst in einer zweiten Schleife hätten Kollegen den Text gelesen und Vorschläge für Verbesserungen gemacht.

Die Hälfte der Episoden reicht manchmal

Womöglich ist das der Grund, warum der Podcast so klingt, wie er klingt. Er ist das Gegenteil von einem „Zeit“-Podcast, über den ich 2024 geschrieben habe: aufwendiges Storytelling über einen Mord, obwohl es diesen Mord vielleicht niemals gab.

Wenn ich solche episch erzählten Formate höre, denke ich mir manchmal: Für das, was ich in fünf oder sechs Podcast-Stunden Neues erfahren habe, hätte ich auch einen langen Artikel lesen können. Oder mir hätte die Hälfte der Episoden gereicht.

Bei „Braune Kinderzimmer“ hatte ich dieses Gefühl nie. Ich verstehe nach dem Hören immer noch nicht, wie es sein kann, dass Jugendliche sich innerhalb von Wochen online radikalisieren. Aber stundenlang zuzuhören, wie sie miteinander chatten, hat mir das abstrakte Problem von „rechtsradikalen Jugendlichen“ nähergebracht, als es eine klassische Reportage je könnte – und das ganz ohne Storytelling-Tricks.


Alle Folgen von „Braune Kinderzimmer“ sind bereits bei RTL+ und „Stern+“ zu finden. Die ersten zwei Folgen stehen außerdem überall, wo es Podcasts gibt. Jeden Freitag erscheint dort eine neue Folge.

3 Kommentare

  1. Danke für die Empfehlung.
    Der habe ich jetzt schon ein paar mal in meinen Empfehlungen gesehen aber der Zusatz „Stern/RTL+“ hat mich davon abgehalten ihn überhaupt in Erwägung zu ziehen.
    Gut zu wissen, dass er mit den erwarteten und befürchteten Klischees bricht.

  2. Danke, endlich kritisiert man mal Storytelling, mir ist es schon seit Langem ein Graus, ob in Podcasts oder in journalistischen Texten; ein ähnliches Übel wie Clickbaiting.

  3. Aktuell ein Artikel in der ZEIT über die aktuellen Aktivitäten der ehemaligen EU Kommissarin Margrethe Vestager , erster Satz:
    „Margrethe Vestager schreitet in weißem Jumpsuit über die Bühne in der großen ehemaligen Fabrikhalle, und schon mit ihren ersten Sätzen macht sie klar, dass es hier um nicht weniger als Europas Zukunft geht. “
    So was lese gar nicht erst weiter. Es kostet mich absolut unnötig Lebenszeit, lesen zu müssen, welche Farbe ihre Kleidung trägt. Wer braucht diesen Käse?

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