Notizblog (9)

Fake Nius: Julian Reichelt verrechnet sich bei Ausländerkriminalität

Beginnen wir mit einer einfachen Textaufgabe:

Ein Unternehmen hat drei Angestellte, zwei Männer und eine Frau. Wie hoch ist der Frauenanteil in Prozent?

Meldet sich Julian Reichelt vom rechten Wutportal „Nius“:

50 Prozent!

Ein Unternehmen, das zwei Männer und eine Frau beschäftigt, hat eine Frauenquote von 50 Prozent? In Reichelts Welt: ja.

Man muss, um zu diesem Ergebnis zu kommen, nur die Größe der einen Gruppe durch die Größe der anderen Gruppe teilen: 1 geteilt durch 2 = 0,5.

Das ist, wie Kinder spätestens in der Sekundarstufe 1 lernen, natürlich falsch. Um den Anteil zu berechnen, muss man die Größe der einen Gruppe durch die Gesamtgröße teilen, in diesem Beispiel: 1 geteilt durch 3 = 0,33.

Kriminelle Prozentrechnung

Tatsächlich hat „Nius“ aktuell keine Falschmeldung über Frauenquoten, sondern über Ausländerkriminalität produziert, aber der Rechenfehler ist exakt derselbe. „Nius“ behauptet aufgeregt, dass „zum ersten Mal in der Geschichte unseres Landes in gleich zwei Bundesländern (Hamburg und Niedersachsen) die Hälfte aller Kriminellen Ausländer“ sind.

ZUM ERSTEN MAL SIND DIE HÄLFTE ALLER KRIMINELLEN AUSLÄNDER
Screenshot: x/jreichelt

Das ist falsch.

„Nius“ bezieht sich auf die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS). In Niedersachsen weist sie folgende Zahlen für Tatverdächtige 2023 aus:

deutsche Tatverdächtige: 153.428
nichtdeutsche Tatverdächtige ohne Flüchtlinge: 55.606
Flüchtlinge: 18.562
Tatverdächtige gesamt: 227.596

 

Der Anteil von Ausländern an den Tatverdächtigen ist also 33 Prozent:

(55.606 + 18.562) / (153.428 + 55.606 + 18.562) = 0,325

„Nius“ hingegen behauptet: „Die Kriminalstatistik in Niedersachen zeigt ebenfalls: Fast die Hälfte aller Tatverdächtigen (48,3 Prozent) hatte 2023 eine ausländische Staatsbürgerschaft.“ Die – falsche – Zahl 48,3 entsteht durch den eingangs beschriebenen Rechenfehler. „Nius“ rechnet:

(55.606 + 18.562) / 153.428 = 0,483

Klammheimlich geändert

Auf den Fehler ist „Nius“ bereits am Dienstagabend von Tobias Wilke auf Twitter hingewiesen worden. Irgendwann am Mittwochmittag hat „Nius“ klammheimlich die Überschrift und den Absatz über Niedersachsen geändert. In einer weiteren intransparenten Korrektur wurde später noch eine ebenso falsch berechnete Vergleichszahl aus 2019 geändert. Der Anteil, den Asylbewerber unter den Tatverdächtigen ausmachen, ist auch jetzt noch falsch (es sind acht Prozent, nicht elf, wie „Nius“ behauptet). Nachtrag, 17:30 Uhr: Auch das wurde nun korrigiert.

Rechnen am offenen Artikel Screenshots: „Nius“

„Nius“-Chef Julian Reichelt hat seinen tausendfach mit Likes versehenen falschen Tweet bis jetzt nicht korrigiert.

Auf Hamburg bezogen stimmt übrigens die Behauptung von „Nius“, dass „im Jahr 2023 fast die Hälfte aller Tatverdächtigen (49,6 Prozent) keinen deutschen Pass“ hatte – „ein erheblich gestiegener Wert“, wie „Nius“ hinzufügt.

Tatsächlich ist die Zahl der nichtdeutschen Tatverdächtigen dort um 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen – allerdings ist auch die Zahl der nichtdeutschen Bevölkerung in Hamburg insgesamt erheblich gestiegen, sogar um 14 Prozent. Das heißt, der Anteil der Tatverdächtigen unter den Ausländern ist stabil geblieben. Ob das Grund für einen „Alarm“ ist, wie ihn „Nius“ ausruft, ist Ansichtssache – aber diesen Kontext, mit dem die Zahlen sich einordnen lassen und auch von der Polizei selbst eingeordnet werden, verschweigt das rechte Wutportal seinen Lesern lieber.

(Über die generelle Problematik der Kriminalstatistik und den Umgang mit ihr durch Journalisten und Julian Reichelt haben wir im vergangenen Jahr ausführlich berichtet.)

Nachtrag, 16:00. „Nius“ hat den Artikel um die Anmerkung ergänzt:

Eine falsche Bezugszahl sorgte im Falle von Niedersachen für eine falsche Schlussfolgerung. Tatsächlich waren im vergangenen Jahr 32,6 Prozent und nicht 48,3 Prozent der Tatverdächtigen nicht-deutscher Herkunft. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen und haben ihn korrigiert.

12 Kommentare

  1. Das scheint mir bei nius durchaus übliche Arithmetik zu sein. In einem Artikel vom 6.2.2024 7:30 Uhr – es geht um eine AxD-initierte Kleine Anfrage im Bundestag zu Messerdelikten an Bahnhöfen. Der Bundestag bzw. die PKS konnte aber nur Zahlen zu Bahnhöfen, deren Umgebungen und Flughäfen inklusive liefern.

    In diesem Artikel werden aus 1160 Gewalttaten zuerst 777 Straftaten (Einsätze von Stichwaffen) und 383 mutmaßliche Ordnungswidrigkeiten (verbotenes Führen von Messern) . In der Folge werden dann wieder alle Tatverdächtigen als Messerangreifer tituliert. Aus der im Subtitel behaupteteten „Mehr als die Hälfte der Täter hat keinen deutschen Pass“ wird dann plötzlich „mehr 50% der bekannten(!) Tatverdächtigen“ hat keinen deutschen Pass (459 Personen). 444 haben einen solchen und bei 270 Taten konnte niemand ermittelt werden. Die hat man jetzt aus der Rechnung herausgenommen.

    Im Subtitel schreibt nius zudem: „An der Spitze der Messerangreifer liegen Syrer.“. Nun ist es aber so, dass an der Spitze der Tatverdächtigen Deutsche stehen (444 Personen) und Syrer (40 Personen) einen weitaus kleineren Anteil der Tatverdächtigen ausmachen. Im Fließtext steht dann auch „Syrer führen die Liste der nicht-deutschen Tatverdächtigen an“. Danach leitet man dann direkt über auf die “Argumente“ eines blauen MdB, dass dies die Folge von „ungebremster Massenmigration“ sei…

    …ich kann gar nicht so viel essen…

  2. „In Mathe war ich immer schlecht“ gilt leider für viele Journalisten. Deshalb sind sie vermutlich auch Journalisten geworden. ;-)

  3. Überschrift geändert? Das heißt bei nius dann, dass man “Nord-Bundesländern“ durch „Alarm im Norden“ ersetzt hat – der Rest blieb gleich: „Alarm im Norden: Zum ersten Mal sind die Hälfte aller Kriminellen Ausländer“. Also gleich noch ein wenig alarmistischer formuliert. Da fällt mir doch direkt wieder das Schlagwort FUD – fear, uncertainty and doubt ein….

    Das Schlimme an der “Verschmierung“ von ein paar „echten Zahlen“ mit sehr selektiv ausgewählten weiteren Zahlen, teils aus dem Kontext gerissen und gerne auch mit eigenen Formeln be- *ähm* verrechnet ist meiner Meinung nach: Bei vielen Menschen bleibt dann leider hängen, dass doch ein „wahrer Kern“ da sei. Viele Vorurteile sind damit erst mal bestätigt. Das macht es dann auch im privaten Umfeld immer wieder kompliziert bis sehr aufwändig das das ganze wieder zu korrigieren bzw. in den richtigen Kontext zu rücken. Und man läuft schnell Gefahr als „Theoretiker“, „Besserwisser“ oder „Pedant“ wahrgenommen zu werden.

  4. Wenn ich mich auf Statistiken berufe, sollten diese seriös sein. Ferner sollte ich richtig zitieren und richtig rechnen. Insofern ist die Kritik von Herrn Niggemeier an Nius berechtigt. Was aber wäre, wenn Nius sorgfältig gearbeitet hätte? Wäre ein Drittel Anteil von Ausländern an kriminellen Verdachtsfällen viel oder wenig? Oder normal? Bei der Interpretation solcher Zahlen spielt doch immer die politische Grundeinstellung des Betrachters eine Rolle. Ja, es ist noch schlimmer. Jeder sucht sich seine Statistik und interpretiert sie gemäß seiner Weltanschauung.

  5. @Florian Blechschmied:
    Wo finde ich denn gleich die Berichte, die versuchen die Taten von „Ausländern“ gering zu rechnen?

    Es gibt imho nur Artikel, die, unisono mit dem BKA, die Zahlen in einen Kontext zu setzen.
    Frauen, ganz besonders ältere Frauen, sind in der Gewaltkriminalität kaum vertreten. Warum sollte ich eine Gruppe, die wesentlich mehr junge Männer aufweist, mit einer überalterten Gesellschaft vergleichen, wenn mein Anliegen nicht das ist, gegen diese Männer zu hetzen?
    Warum verschweige ich, dass zu diesen „Ausländern“, die im PKS auftauchen, auch jede Menge Menschen gar nicht zu der Wohnbevölkerung gehören, die da in Relation gesetzt wird?
    Warum. verschweige ich, dass es sich in den Statistiken um „Tatverdächtige“ handelt, wobei Ausländer öfter kontrolliert und verdächtigt werden? Das alles beschreibt sogar das BKA im PKS, weil es gelernt hat, wie oft diese Statistiken von Rechten mißbraucht werden.

    So, jetzt zeigen Sie uns doch ein einziges linkes Machwerk, welches ähnlich tendenziös und/oder stümperhaft versucht, Stimmung pro Ausländer zu provozieren,

    Die anderen machen es ja genauso! In welcher Welt war das denn mal ein ernstzunehmendes Argument?

  6. @Frank Gemein: Hat sich FB hier eigentlich jemals an einer Diskussion beteiligt? Gefühlt lädt FB bei bestimmten Übermedien-Themen nur einen – inzwischen vorhersehbaren – Beitrag ab und taucht dann unter.

  7. @#6 Florian Blechschmied: „ Bei der Interpretation solcher Zahlen spielt doch immer die politische Grundeinstellung des Betrachters eine Rolle. Ja, es ist noch schlimmer. Jeder sucht sich seine Statistik und interpretiert sie gemäß seiner Weltanschauung.“

    Nein.

    Es ist nicht allzu schwer über Kriminalstatistiken ohne Wertung zu berichten. Auch Analysen/Teilauswertungen ohne Wertung und im angemessenen Kontext sind möglich. Seriöse Berichterstattung trennt hier Bericht und Meinung/Kommentar. Für nius und andere rechte Alarmisten ist das halt zu aufwändig, zu langweilig oder es kommt nicht das heraus, was sie sich wünschen.

    PS. Eine Antwort von Florian B. erwarte ich nicht.

  8. Was leider ebenfalls häufig durcheinander gebracht wird ist die Gleichstellung von „Tatverdächtigen“ mit „Kriminellen“. Denn so lange noch kein (gerichtlicher) Prozess stattgefunden hat kann man nicht von „Kriminellen“ reden.

  9. „Ein Unternehmen, das zwei Männer und eine Frau beschäftigt, hat eine Frauenquote von 50 Prozent? In Reichelts Welt: ja.“
    Vermutlich ist bei Nius so auch eine 50%ige Frauenquote erreicht worden. Bei Reichelt weiß man wirklich oft nicht, was Absicht ist und was Dummheit.

  10. Ganz abgesehen davon, dass diese Möchtegern-Redaktöre durchs Band kaum Ahnung haben, wie „Niedersachsen“ denn nun geschrieben wird.

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.