Mehr über #metoo
Irgendjemand in der Redaktion der „Stuttgarter Zeitung“ hielt das offenbar für eine gute Idee: einen Artikel über Substanzen, mit denen Frauen beim Feiern willenlos gemacht werden, mit dem Foto einer fast nackten Frau zu illustrieren, die auf dem Boden liegt.

Licht, Laser und Nebel sollen wohl an einen Club erinnern. Und die leuchtenden Handabdrücke und Schlieren auf dem Körper der Frau – sind sie womöglich eine kunstvolle Anspielung auf die Übergriffe, die das fiktive Opfer ertragen musste?
Es mag Leute geben, die solche Aktfotos als „ästhetisch“ empfinden und sie sich über die Ledercouch hängen – als Illustration für Themen wie Missbrauch oder Körperverletzung aber ist ein solches Bild ein Fehlgriff.
Es stammt von Imago, einer großen Berliner Bildagentur, die viele deutsche Medienhäuser nutzen, auch Übermedien. Dort finden sich zahlreiche weitere Aufnahmen in diesem Stil: Frauenkörper mit UV-Bodypaintings, die zum Teil mit Begriffen wie „Clubbing“ verschlagwortet sind. Womöglich kam die „Stuttgarter Zeitung“ so zu dem Motiv. Urheber vieler dieser Fotos ist ein Fotograf, dessen Arbeiten auch über andere Bildagenturen vertrieben werden – und wohl eher unter die Kategorie „erotisch“ fallen.
So abwegig die Bildauswahl bei diesem Thema ist, so wenig überraschend ist sie leider auch. Wer sich einmal durch Datenbanken klickt, aus denen Redaktionen Fotos beziehen, stößt bei Themen wie Machtmissbrauch, #MeToo oder sexualisierte Gewalt auf etliche fragwürdige Vorschläge.
Sucht man bei Imago nach „MeToo“, erscheinen zunächst viele Bilder demonstrierender Frauen mit Protestschildern in der Hand. Das ist nicht besonders originell, doch je nach Kontext passabel.
Aber es gibt auch solche Bilder: zusammengekauerte Frauen in kahlen, oft möbellosen Räumen. Derartige Symbolfotos nutzen Medien auch gerne für andere Themen, Texte über Depressionen oder Angststörungen etwa. Was zeigt, wie generisch diese Motive sind. Und wie wenig sie aussagen, wenn man sie auf so vielfältige Weise verwenden kann: Hier Depression, dort sexualisierte Gewalt. Die „Nürnberger Nachrichten“ etwa nutzten ein entsprechendes Motiv für einen Bericht über einen Aktionstag gegen Gewalt gegen Frauen.

Oft sieht man bei diesen Aufnahmen auch die geballte Faust eines fiktiven, gewaltbereiten Partners im Vordergrund – wie hier bei der „Hessenschau“ vom HR:

Das ist weder besonders kreativ, noch arbeitet es gegen das Klischee vom schwachen, verängstigten Opfer an. Es sei falsch, „die Aufmerksamkeit wieder auf den Körper und die Hilflosigkeit der Betroffenen“ zu lenken, „statt auf die Täter und Machtverhältnisse, um die es eigentlich geht“, sagt die Fotografin Lena Giovanazzi, die unter anderem für den „Spiegel“, das „SZ Magazin“ und „Geo“ arbeitet, auf Anfrage von Übermedien. „Gerade bei diesem Thema finde ich, dass man eine besondere Verantwortung hat, sensibel mit Betroffenen umzugehen und ihre Würde nicht noch einmal zu verletzen.“
Lina Moreno, Art Director am Visual Desk der „Süddeutschen Zeitung“, sieht noch ein weiteres Problem. „Bilder, in denen Gewaltsituationen inszeniert werden, können retraumatisierend wirken“, sagt sie im Gespräch mit Übermedien. Moreno betont die besondere Verantwortung der Redaktionen gegenüber ihren Leserinnen und Lesern. Gemeinsam mit ihrem Team hat sie sich deshalb in den vergangenen Monaten intensiv mit der Frage beschäftigt, wie sich Themen wie #MeToo und sexualisierte Gewalt besser bebildern lassen.
Das Problem liege allerdings nicht nur bei den Fotoagenturen und ihrem Angebot, sagt Moreno. Oft dienten die Datenbanken auch als Ausrede dafür, warum Bebilderungen misslingen. Wer nach Begriffen wie „Häusliche Gewalt“ sucht, bekommt meist zuerst Bilder von Frauen, die angegriffen werden. Dabei gebe es durchaus subtilere Möglichkeiten, das zu visualisieren. Man müsse um die Ecke denken, nach anderen Begriffen suchen.
Sonst stößt man bei „MeToo“ oder „Sexuelle Belästigung“ unter anderem auch auf zahllose Stockfotos junger Frauen im Minirock. Zum Beispiel bei Getty Images, einer der größten Bildagenturen weltweit:

Kaum ein Klischee wird häufiger bedient als dieses: der Minirock als Symbol – oder gar Auslöser – sexueller Belästigung. Es reproduziert die alte Erzählung, Frauen würden Übergriffe durch „aufreizende“ Kleidung zumindest provozieren. Diese Sichtweise ist heute weniger verbreitet als früher, als Vorstellungen von der „Macht des Minirocks“ sogar Eingang in strafmildernde Urteile fanden. Aber verschwunden ist sie offenbar nicht. Noch immer werden solche Klischee-Bilder hergestellt und vertrieben.
Und Medien nutzen sie auch für ihre Berichterstattung – etwa der „Stern“, das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) oder „ZDF heute“. Warum?

Zumal man sich auch mal die Frage stellen könnte, wie viele Frauen heute im Büro tatsächlich solche Outfits tragen.
Skurriler ist eigentlich nur noch, wenn Belästigung am Arbeitsplatz in Form einer Art Foto-Lovestory dargestellt wird, was dann eher an die alte „Bravo“ erinnert, an Herzschmerz oder „das erste Mal“, als an eine seriöse Auseinandersetzung mit einem ernsten Thema. Wie geht diese Geschichte, die man unter dem Suchbegriff „MeToo“ findet, wohl aus?

In journalistischen Medien tauchen solche gestellten Fotos zwar seltener auf. Aber doch auch. Die „Nürnberger Nachrichten“ etwa bebilderten 2024 eine Polizeimeldung über die sexuelle Belästigung einer 17-Jährigen mit einem Motiv aus dieser Reihe.

Und man muss wirklich lange nachdenken, bis einem ein Kontext einfällt, in dem das hier eine angemessene Illustration wäre:

Vielleicht als Symbolbild für ein Maskulinisten-Seminar mit dem Titel: „So baggern Sie erfolgreich Ihre Kollegin an“?
Wäre das, worum es hier geht, nicht so schwerwiegend, man könnte es fast komisch finden.
Und natürlich stellt sich die Frage, ob in einer Redaktion wirklich jemand so übernächtigt sein kann, dass er ausgerechnet dieses Bild auswählt – ein Motiv aus der Datenbank der dpa Picture Alliance, das erscheint, wenn man nach einem Symbolbild für Vergewaltigung sucht:

Andererseits zeigen das Beispiel der „Stuttgarter Zeitung“ mit der nackten Frau im Club und die vielen Minirock-Bilder, die es bis heute in die Berichterstattung schaffen, dass Redaktionen bei solchen Themen eben nicht immer sensibel auswählen – besonders dann, wenn es schnell gehen muss.
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Doch wie wäre es besser? Wie lassen sich solche Themen angemessener, auch sensibler illustrieren?
Lena Giovanazzi findet: Statt Missbrauch abzubilden, sollte man lieber andere Aspekte zeigen. „Wenn es möglich ist, sind direkte, starke Porträts von Betroffenen die beste Lösung, weil sie Menschen würdevoll zeigen und nicht auf die Opferrolle reduzieren.“
Sinnvoll sei es auch, den Blick zu weiten und nicht nur Einzelpersonen zu zeigen, sondern eine Bewegung. Bilder von Protesten vermittelten aus ihrer Sicht Solidarität und gemeinsames Handeln. Oder menschenleere Orte: einen Konferenzraum, Hotelflur oder ein Gerichtsgebäude – je nach Kontext. Und wenn das nicht funktioniere: Illustrationen. Die eröffneten automatisch eine abstraktere Ebene, sagt Giovanazzi. „So entsteht gar nicht erst der Eindruck, eine Gewaltsituation künstlich nachzustellen.“
Ähnlich sieht es die Illustratorin Pia Salzer, die unter anderem für die „Zeit“, „Brigitte“ und die „Apotheken Umschau“ arbeitet. „Gerade bei einem so sensiblen Thema können konkrete Motive triggern – etwa eine Hand auf einem Knie“, sagt sie. Deshalb sei es oft besser, abstrakter und schemenhafter zu arbeiten und eher mit Farben, Formen und Texturen ein bestimmtes Gefühl zu vermitteln. Die „Zeit“ finde dafür aus ihrer Sicht oft gute Lösungen.

Ein paar Redaktionen hätten auch bereits begonnen, eigene Bilddatenbanken mit passenden Illustrationen anzulegen und die Urheberinnen bei Bedarf anzufragen, berichtet Salzer. Dabei greifen sie auf bereits existierende Arbeiten zurück. Das sei günstiger, als jedes Mal neue Illustrationen in Auftrag zu geben.
So ähnlich macht es auch die „Süddeutsche Zeitung“. Das Team am Visual Desk hat in den vergangenen Wochen Material für einen hauseigenen Bilderpool gesammelt, auf den Redakteurinnen und Redakteure zurückgreifen können, wenn sie kurzfristig Bilder zum Thema benötigten. „Denn #MeToo und sexualisierte Gewalt“, sagt Moreno, „sind leider keine Themen, die überraschend auftauchen.“
Man kann also durchaus vorbereitet sein, wenn es wieder um solche Themen geht. Statt schnell irgendein Klischee-Bild aus einer Datenbank hervorzukramen.
Ergänzung, 1.6.2026: Auch der Journalistinnenbund setzt sich im Projekt „Genderleicht & Bildermächtig“ bereits seit längerer Zeit kritisch mit diesem Thema auseinander. Die Kommunikationswissenschaftlerin Christine Meltzer hat hier einen Leitfaden zur Bebilderung von Medienbeiträgen über Gewalt gegen Frauen verfasst.
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Wirklich gruselig, die Beispiele. Dabei muss wirklich nicht alles bebildert werden, und (gestellte) Gewalt schon mal gar nicht. Ich sehe darin auch eine Folge der Symbolfoto-Flut, die in den Nullerjahren ausgebrochen ist. „Da muss noch was hin“, mag ein Motiv sein, oder: „Such mal noch ein Bild, das Template sieht da noch ein Foto vor, sonst sieht der Dreispalter nicht aus“. Und heraus kommen dann die berüchtigten Blaulicht-Fotos oder die wehende Europaflagge — und eben die beschriebenen Entgleisungen. Kein einziges dieser Bilder informiert über irgendetwas, sie sind daher Rauschen und dürften eigentlich in Nachrichten-Medien nichts verloren haben. Und dennoch leistet sich praktisch kein Medien-Medium mehr die Größe, mal nur die Typografie arbeiten zu lassen. Wieviel mehr Wucht hätten wichtige Texte, wenn sie souverän auf der Seite stünden!
@Carsten Witt
Leider unrealistisch. Bei Print ist eine typografische Lösung in Ausnahmen möglich. Bei Online nicht. Texte ohne Bild werden erwiesenermaßen viel weniger geklickt/gelesen. Die Not für „da muss ein Bild hin“ besteht nunmal. Umso wichtiger, dass sich Redaktionen in einer ruhigen Minute darüber beraten, wie man es besser machen kann.
Derjenige, der ein Bild zu dem Thema braucht, ist auch derjenige, der den Artikel sowieso nicht liest, geschweige denn versteht.
Ich habe mich schon oft über Bilder/Darstellungen zu eindeutigen Themen gewundert. Grade bei diesem Thema finde ich es auch kritisch, ob nicht der gegenteilige Effekt auftritt:
Text wird nicht gelesen aber Bild macht aufmerksam und wirkt kontraproduktiv anregend oder auffordernd.
@ Chateaudur
Hab Dank für den Einblick! ich glaube gern, dass „mit Bild“ generell besser klickt als „ohne“. Hinzufügen möchte ich, dass „Klicks“ gar nicht der erstrebenswerte KPI sind. Abschlüsse an der Paywall (nach bewiesenem Wert) zählen und Steigerung des Life-time Value (durch länger anhaltende Mitgliedschaft). Es mag aber auch Argumente dagegen geben — Sichtbarkeit? doch andersrum: braucht das der Spiegel? Mindestens ein A/B-Test über „qualifizierte Bildaussage“ vs. „Stockfoto“ sollte allemal drinsein. Da kommt dein Punkt mit der „ruhigen Minute“ genau richtig.