Marie-Luise Lewicki

„Die Hausfrau-oder Rabenmutter-Debatte haben vor allem Männer geführt“

Seit 60 Jahren macht die Zeitschrift „Eltern“ Familienjournalismus. Marie-Luise Lewicki war 27 Jahre dabei, unter anderem als Chefredakteurin und Herausgeberin. Im Interview erzählt sie von Konferenzen voller Männer, gewagten Titelfotos und warum es heute so viele Erziehungsinfluencer gibt.

Als die Zeitschrift „Eltern“ 1966 zum ersten Mal erschien, wollte die Redaktion Tabus brechen. „Der Penis heißt bei uns im Heft Penis“, sagte damals der erste Chefredakteur Carl Piepenburg dem „Spiegel“. Leitbild des Heftes sei aber „die intakte christliche Familie“.

Die erste Ausgabe bot dem „Spiegel“ zufolge eine Reportage über das Familienglück des US-Politikers Bob Kennedy, den Erfahrungsbericht einer 35-jährigen Anonymen, die 500 Anti-Baby-Pillen schluckte, Deutungsversuche kindlicher Malkünste sowie „alles über Kinderfüße“. Die Zeitschrift kostete 1,50 Mark und wurde von Springer damals mit einer riesigen Anzeigenkampagne beworben. Später übernahm der Verlag Gruner + Jahr den Titel.

Cover der „Eltern“ im Oktober 1966: "Die Zeitschrift für die schönsten Jahren des Lebens"
Cover: Eltern

Seit ein paar Jahren gibt es die „Eltern“ nicht mehr am Kiosk, sondern kostenlos zur Mitnahme in Apotheken. Marie-Luise Lewicki hat die Redaktion lange geleitet. Zum 60. Jubiläum der Zeitschrift berichtet sie, wieso Journalismus über Familienthemen heute ganz anders funktioniert und welche Ratgeber-Artikel sie nerven.


Übermedien: Die Zeitschrift „Eltern“ wird in diesem Monat 60 Jahre alt. Wie blicken Sie darauf?

Marie-Luise Lewicki: Im Familienjournalismus sehen wir in a nutshell, was auch im Rest der Gesellschaft passiert ist. In den Sechzigerjahren war „Eltern“ die erfolgreichste Zeitschrifteneinführung des Jahrzehnts, innerhalb von drei Monaten hatte sie eine Million Auflage. Die Macher haben damit etwas völlig Neues auf den Markt gebracht, davor hatte es keine Familienzeitschrift in Deutschland gegeben. Und die gesellschaftliche Sehnsucht nach Veränderung war groß. Man muss bedenken: In den Sechzigern hatten viele Familien noch das Buch von Johanna Haarer zu Hause, „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“. Das riet unter anderem dazu, Kinder einfach schreien zu lassen. Dieses Buch wurde bis in die Achtziger hinein verlegt.

Welche Haltung hatte „Eltern“?

Konservativen Menschen hat diese Zeitschrift viel zugemutet. Die Leser konnten Bilder einer Geburt sehen, auf denen nicht nur das Baby nackt war. Es gab mal eine stillende Frau auf dem Titel, da hat man die Brust gesehen. Das hat nicht jedem gefallen. Doch es gab ein gesamtgesellschaftliches Bedürfnis danach, anders mit Kindern umzugehen als sie nachts in ein anderes Zimmer zu schieben, um ihr Weinen nicht zu hören. Die offene Frage war, wie. Dieses Bedürfnis hat „Eltern“ bedient und die Antwort mitgestaltet. Die wirtschaftlichen Probleme begannen nicht mit dem Internet, wie viele immer denken. Wir haben das Online-Angebot „Eltern.de“ 1997 gegründet, und die Nullerjahre waren für Magazine noch sehr erfolgreich.

Womit begannen die Probleme dann?

Mit der Vereinzelung. Die deutsche Elternschaft hat sich in immer kleinere Gruppen aufgespalten, das Verbindende verschwand. Die „Eltern“ hat es lange geschafft, einen breiten Raum zu schaffen, für Menschen, die der Tyrannenkinder-Analyse von Michael Winterhoff folgten, bis hin zu denen, die mit Nora Imlau ganz bedürfnisorientiert erziehen wollten. Imlau begann ihre Karriere ja bei der „Eltern“, blutjung und hochschwanger mit ihrem ersten Kind. Ein Magazin für all diese unterschiedlichen Menschen zu machen, ist heute nicht mehr möglich, denn die meisten Menschen möchten sehr gern stets in ihrer Meinung bestätigt werden. Ein Beispiel: Viele Leserinnen und Leser wollen nach wie vor beraten werden. Andere finden, in jedem Ratschlag sei das Wort „Schlag“ drin. Das geht nicht zusammen. Dieses Problem hat nicht nur der Familienjournalismus.

Der Medienwandel spielt gar keine Rolle?

Doch, natürlich. Allein finanziell. Früher kursierte die Faustregel: Mit der gleichen Anzahl Leser kann man 100 Euro im gedruckten Medium verdienen, zehn Euro mit digitalen Formaten wie Webseiten und einen Euro im mobilen Internet. Zudem kann heute jeder „Content-Creator“ werden, früher waren die Einstiegshürden einfach höher. Antworten darauf hat man nicht wirklich gefunden: Beim Verlag Gruner+Jahr, wo auch die „Eltern“ die längste Zeit erschien, gab es in den 2000er-Jahren zum Beispiel die Idee, jeden Chefredakteur zu einer Marke aufzubauen, um all den Influencern etwas entgegenzusetzen. Dabei funktioniert ein Magazin anders als eine Einzelperson. Die kann Grenzen zwischen Inhalt und Werbung überschreiten, alles mit ihrer Persönlichkeit vermischen. Redaktionen dürfen das nicht. In den wenigen Fällen, in denen es Verlagen gelungen ist, einen Mitarbeiter als Marke aufzubauen, stellen sich die nächsten Fragen: Was passiert, wenn der Mensch kündigt? Wem gehören die Follower, wem der Erfolg?

Im Familienbereich gab und gibt es eine sehr große und aktive Blogger- beziehungsweise Influencer-Szene. Eine Idee, warum gerade da?

Ich glaube, der Grund ist die Nähe, die sich bei dem Thema herstellen lässt. Und das große Mitteilungsbedürfnis junger Eltern. Je persönlicher man sprechen und schreiben kann, desto erfolgreicher ist man im Internet. Zudem muss man über Kinder nicht viel wissen, um etwas erzählen zu können. Wenn Sie Finanztipps geben wollen, müssen Sie sich erst ein Fundament erarbeiten, zumindest wenn Sie nicht nur Unsinn verbreiten wollen.

Ich fände mehr Fachkompetenz beim Thema Familie auch gut. Es wird reichlich Unsinn verbreitet, mittlerweile auch in allen Medien.

Ich teile diese Beobachtung. Ich war schon immer eine manische Leserin, lese seit Jahrzehnten die SZ, die FAZ, die „New York Times“, den „Spiegel“, die „Zeit“ und vieles mehr. Familie spielte dort früher keine große Rolle. Die „Eltern“ hat zu der Zeit, als ich Chefredakteurin war, jedes Jahr gemeinsam mit dem Meinungsforschungsinstitut Forsa eine Umfrage zu einem gesellschaftspolitischen Thema gemacht, beispielsweise zu Gewalt in der Familie. Zu unserer Pressekonferenz darüber schickte zwar jede Redaktion jemanden und machte eine Meldung. Aber niemand machte kontinuierliche familienpolitische Berichterstattung.

Wann und warum hat sich das geändert?

Die erste Familienministerin, die es geschafft hat, aus der Gedöns-Ecke herauszutreten, war Ursula von der Leyen von der CDU mit der Elterngeld- und Kitaplatzreform. Das waren nicht ihre Ideen, die Konzepte stammten von der SPD-Politikerin Renate Schmidt. Aber erst von der Leyen hat sie durchgesetzt, vielleicht, weil es der richtige Moment dafür war.

Seitdem finden Familienthemen auch im Politikteil statt, vor allem aber haben viele Medien ihre Berichterstattung im Ratgeber- und Lifestyle-Segment stark ausgebaut. Wie blicken Sie auf diese Inhalte?

Die Texte kommen zum Teil nicht auf das Niveau, das die Leitmedien an anderer Stelle immer noch haben. Ich lese zum Beispiel oft das „Familientrio“ in der Süddeutschen Zeitung, eine Kolumne, in der drei Experten Leserfragen zu Erziehung beantworten. Zwei der drei Autoren kenne ich persönlich, Herbert Renz-Polster und Nora Imlau. Mir herrscht an dieser wie auch an anderen Stellen zu großes Verständnis für alles, was das Kind tut. Eltern wird viel zu viel abverlangt. Dass immer weniger Kinder zur Welt kommen, ist zwar zum großen Teil Mathematik. Es gibt eben weniger Frauen im reproduktionsfähigen Alter. Aber zudem wird auch die Messlatte für gute Elternschaft immer weiter nach oben geschoben.

Was meinen Sie genau?

Erst gibt es den Text, dass man am Familientisch nicht streiten soll. Im nächsten steht, man soll mindestens einmal am Tag als Familie zusammensitzen und etwas Gesundes, frisch Gekochtes essen. Idealerweise hat der Nachwuchs selbst bei der Zubereitung geholfen. Das Kind soll möglichst viele verschiedene Nahrungsmittel probieren, man darf es aber zu nichts zwingen, und es muss auch nicht aufessen. Also: Allein beim Essen ist der Anforderungskatalog einen halben Meter lang. Als junges Paar kann man da Angst kriegen. Ich finde, wir sollten alle ein bisschen abrüsten. Familie geht auch mit weniger. Mit weniger Dingen, mit weniger Zwängen, mit weniger Stress. Es ist Aufgabe der Medien, das zu zeigen.

Das tun sie. Das Stück darüber, dass Eltern sich ganz dringend mehr entspannen sollen und das auch dürfen, erscheint genauso regelmäßig wie Beikost-, Hausaufgaben- und Einschlaftipps.

Ich befürchte, dass der „Entspannt euch“-Artikel wie ein kleiner Flyer in einem unfassbar dicken Pflichtenkatalog liegt. Der dringt nicht durch. Es sind zu viele Ratgebertexte in der Welt, und in dieser Menge befeuern sie einen gefährlichen Machbarkeitswahn. Als wäre ein Kind eine formbare Masse, mit der man alles erschaffen kann, wenn man nur richtig agiert. Die Botschaft ist: Wenn du dich genug anstrengst, kannst du ein gesundes, glückliches Kind haben, das seinen Harvard-Abschluss schafft und viel Geld verdient. Dabei ist Familie ein wunderbares, aber unkontrollierbares Abenteuer.

Ich befürchte, so bald rüstet hier niemand ab. Ratgebertexte verkaufen sich blendend, und auch Medienunternehmen müssen Geld verdienen.

Natürlich, und wir Journalisten wollen für unsere Arbeit bezahlt werden. So frisst der Kapitalismus die Kinder. Dasselbe sieht man in der politischen Berichterstattung, wo ebenfalls immer mehr problematisiert und zugespitzt wird. Unsere Qualitätsmedien klingen dabei leider manchmal nur noch wenig intellektueller als die Zeitung mit den vier großen Buchstaben. Wenn ich darüber zu lange nachdenke, werde ich zur Kulturpessimistin, das liegt mir eigentlich nicht.

Gibt es auch Themen, die früher Tabuthemen waren und über die heute besser berichtet wird? Bei Fehlgeburten wird das zum Beispiel gelegentlich behauptet.

Es war in den achtziger und neunziger Jahren viel tabuisierter, über Vorgänge zu sprechen, die den Körper der Frau betreffen, das stimmt. Die erste Titelgeschichte zu Fehlgeburten machte „Eltern“ Anfang der Neunziger, kaum ein Heft hat sich so gut verkauft. Im Text erzählten viele Betroffene von ihren Erfahrungen, und damals gab es ja noch kein Internet, keine sozialen Netzwerke. Wer wissen wollte, wie es anderen Frauen geht, abgesehen von der eigenen Freundin oder Schwester, der musste Magazine wie die „Eltern“ oder die „Brigitte“ lesen. Heute ist das Netz voll mit Erfahrungsberichten. Ich sehe da schon lange kein Tabu mehr.

Wie ist es mit dem Stillen in der Öffentlichkeit?

Haben wir damals auch schon diskutiert. Wenn ich die Berichte heute lese, und dann die Debattenstücke über die Sexualisierung der weiblichen Brust hinterher, denke ich: Hallo, die Siebziger haben angerufen und wollen ihre Themen zurück! Wir haben damals Bikinis gekauft, bei denen gar kein Oberteil dabei war.

Hat sich wenigstens beim Thema Vereinbarkeit etwas getan? Zur Berufstätigkeit von Frauen und Müttern hatte man im Westdeutschland der Sechziger noch eine andere Haltung als heute.

Stimmt, es gab die Hausfrau-oder-Rabenmutter-Debatte, die haben aber vor allem Männer geführt. Auch weil gar nicht so viele Frauen in den Medien tätig waren. In den Chefredakteursrunden von Gruner+Jahr saß ich anfangs mit drei Kolleginnen und 28 Männern.

Und das fand niemand problematisch? Magazine wie die „Brigitte“ oder die „Eltern“ richteten sich ja vor allem an Frauen. Heutzutage müssen sich männliche Autoren, die was übers Stillen oder die Wechseljahre schreiben, manchmal ganz schön was anhören.

Das halte ich für Blödsinn. Man muss kein Hund sein, um über Hundefutter zu schreiben. Männer waren damals eben überall in den Entscheiderpositionen, auch bei Frauen- und Familienzeitschriften. Das war ein strukturelles Problem, kein inhaltliches. So etwas wie Führung in Teilzeit, das erschien undenkbar. Habe ich selbst auch nie gemacht. Mein aktueller Job ist meine erste Teilzeitstelle.

Sie sind also nicht zur „Eltern“ gegangen, weil es dort einfacher war, Familie und Job zu vereinbaren?

Nein. Ich wollte nach ein paar Jahren als freie Journalistin wieder Kollegen haben. Damals, Anfang der Neunziger, war das freie Arbeiten viel lukrativer als sich fest anstellen zu lassen. Doch dann ergab sich eine Schwangerschaftsvertretung bei der „Eltern“ für die Beziehungsthemen und das gefiel mir. Als ich dann auch noch feststellte, dass die beiden stellvertretenden Chefredakteure kurz vor der Rente standen, sah ich eine Perspektive.

Und wie war das mit der Vereinbarkeit als Journalistin in den Achtziger und Neunziger Jahren?

1987 gab es in ganz München sechs Kinderkrippen. Das weiß ich so genau, weil ich im Elternbeirat war. Die Plätze waren eigentlich für Frauen in prekären Situationen gedacht. Bei der Anmeldung guckte mich die Dame ganz streng an und meinte: Sie sind aber nicht in einer sozialen Notlage? Da antwortete ich: Nein, aber ich bin einer psychischen Notlage, ich will wieder arbeiten. Auch in meinem Vorstellungsgespräch bei der „Eltern“ musste ich mich für diese Entscheidung rechtfertigen. Ich habe dann meinen ersten großen Artikel über Kindertagesstätten geschrieben.

Welche Haltung hatte die „Eltern“ zu arbeitenden Müttern?

Zu meiner Zeit hat sie immer die These vertreten, dass eine liebevolle, gut ausgesuchte Betreuung einem Kind nicht schadet, und dass ein Kind ohnehin mehr als zwei Bezugspersonen braucht. Wir haben aber auch geschrieben, dass das Kind erst sicher gebunden sein muss. Und dass Frauen ehrlich zu sich selbst, sich ihrer Ambivalenz bewusst sein sollten. Viele Mütter hatten so ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihre Kinder in die Krippe gegeben haben, dass es dann auch deswegen nicht geklappt hat. Kinder spüren, wenn Erwachsene unsicher sind.

Noch ein Dauerbrenner der Familienberichterstattung: das schlechte Gewissen der Mütter.

Ja. Heute darf eine Mutter zwar arbeiten, sie soll es sogar, aber nur, wenn sie vorher fünf verschiedene Gemüsesorten in Tierform schnitzt, den von der Stiftung Warentest mit „sehr gut“ bewerteten Kindersitz kauft und die Gefühle ihres Kindes jederzeit liebevoll begleitet. Diese absurden Ansprüche haben Mütter in den Achtzigern noch nicht an sich gestellt. Leider hat ihnen unter anderem der Familienjournalismus zum Durchbruch verholfen. Ich hatte gehofft, dass Frauen freier werden, wenn sie ihr eigenes Geld verdienen. Stattdessen sind so viele neue Zwänge dazugekommen.

3 Kommentare

  1. 16 Jahre lang die Redaktion geleitet, aber die Themensetzung kritisieren: Klingt ein bisschen nach Großer Koalition.

  2. Als Hobbyfotograf, der sich mit Porträts schwertut, möchte ich mal festhalten: Wie großartig ist eigentlich dieses Titelbild?! So viel Ausdruck im Blick des Frischlings – und gleichzeitig so viel Verletzlichkeit, die durch das Größenverhältniss mit der Erwachsenenhand deutlich wird. Tolles Foto!

    Magazine wie die „Brigitte“ oder die „Eltern“ richteten sich ja vor allem an Frauen.

    Ich gehörte um 1990 zur (vermutlich eher kleinen) Zielgruppe der großen Brüder. Bekam mit 13 noch eine Schwester und hatte – neben eigener Pubertätsbewältigung – plötzlich Aufgaben wie Wickeln, Fläschchen machen und Schreihals trösten. Meine Eltern hatten die „Eltern“ abonniert, und ich war ein fleißiger Rezipient. :-)

  3. @Simin #1. Da bin ich ganz anderer Meinung. Was für ein tolles Interview. Gute Fragen, selbstkritische und schlaue Antworten.

    Ich war selbst Leser als meine Eltern (mehr so meine Mutter) das gekauft haben (mein Bruder hatte Pubertät für eine ganze Fußballmannschaft inkl. Ersatzspieler) und dann später auch selbst als wir Eltern wurden.

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