Mehr über Das ganze Gedöns
Auch ich habe schon zahlreiche Tabus öffentlich gebrochen. Oder geglaubt, das zu tun. Ich habe über meine Fehlgeburt geschrieben, meine Depressionen, und bis zu meinem Text über die Wechseljahre kann es nicht mehr lange dauern.
Allerdings verspreche ich an dieser Stelle, dass ich ihn nicht mit „Tabuthema Wechseljahre“ überschreiben werde, denn zumindest in meiner Wahrnehmung ist das Thema schon lange keines mehr. Stattdessen ist es überall: in der „Bild“, in der „Bunten“, im NDR, bei der SZ, der „Zeit“, dem „Stern“, der „Frankfurter Rundschau“. Sogar das – früher sagte man: Politmagazin – „Spiegel“ hatte im vergangenen Jahr eine Titelgeschichte dazu. Auf dem Cover stand „Vom Tabu zur Chance“, die Überschrift im Heft lautete „Aufbruch aus dem Schambereich“.

Nicht falsch verstehen, es ist großartig, dass über all diese Themen gesprochen, geschrieben und gepodcastet wird. Ich mache fleißig mit (Transparenzhinweis: vor allem für den „Spiegel“) und ich habe nicht vor, demnächst damit aufzuhören.
Doch seit ich im Frühjahr zuerst den berührenden Text der SZ-Journalistin Valerie Höhne über ihre Fehlgeburten las und kurz danach auf Instagram eine Kampagne zur Enttabuisierung von Fehlgeburten mit der Schauspielerin Marie Nasemann entdeckte, fragte ich mich:
Ab wie viel Berichterstattung gilt ein Tabu als gebrochen? Und sind Fehlgeburten wirklich noch eins?

Ich frage Natascha Sagorski, Mitinitiatorin der Anti-Tabuisierungs-Kampagne. Sie sagt: „Ja, auf jeden Fall.“ Noch immer sei eine Fehlgeburt für Frauen mit Schuld und Scham verknüpft und viele trauten sich nicht, darüber zu reden. Die Kampagne soll das ändern. Von den Erfahrungen anderer Frauen zu hören, sei empowernd, und es brauche mehr Berichterstattung.
Als ich einwende, dass sehr viel zum Thema Fehlgeburten gesendet und geschrieben wird, sagt Sagorski: „Ja, wir sind weiter als vor zehn Jahren.“ Aber dass sich einzelne Frauen in Medien äußern, helfe der nicht-prominenten Betroffenen nur bedingt dabei, selbst im Bekanntenkreis offen darüber zu reden. Damit hat sie möglicherweise recht. Allerdings verstehe ich nicht, wie mehr Medienberichterstattung dann hilft.
Mein erster, niederer Impuls war es deshalb, loszuschimpfen über diese jungen Frauen, die denken, das Rad neu erfunden zu haben, wenn sie jetzt die gleichen Geschichten machen wie wir vor ein paar Jahren und dabei die gleichen vermeintlichen Tabus brechen. Hätten sie doch mal ins Archiv geschaut!
Dann aber erinnere ich mich: Hab ich ja auch nicht.
Ich habe nach meiner eigenen Fehlgeburt einfach drauflosgeschrieben, ohne davor andere Texte zu lesen, und erst bei der Recherche – genau wie Valerie Höhne – festgestellt, wie oft sowas vorkommt. Beruflich wie privat mache ich seitdem immer wieder die Erfahrung, dass es von allen Seiten „Ich auch, ich auch, ich auch“ schallt, wenn die erste Frau anfängt, ihr persönliches Erleben öffentlich zu beschreiben.
Vielleicht gibt es eben Geschichten, die sich jede Generation aufs Neue gegenseitig erzählen muss?
Um mir diese Frage zu beantworten, spreche ich mit einer Frau, die sich schon journalistisch mit dem ganzen Gedöns beschäftigt hat, als ich noch zur Grundschule ging. Marie-Luise Lewicki prägte mehr als 20 Jahre lang die Berichterstattung der Zeitschrift „Eltern“. 16 Jahre lang war sie deren Chefredakteurin.
Fehlgeburten? Das sei früher wirklich ein Tabu gewesen, sagt Lewicki. Die erste Titelgeschichte dazu habe „Eltern“ Anfang der Neunziger gemacht, das Heft habe sich herausragend verkauft. Damals habe noch kaum jemand öffentlich über Dinge gesprochen, die mit dem Körper der Frau zu tun hatten.
Doch schon zehn Jahre später hätten Fehlgeburten nicht mehr gezogen. „Natürlich haben wir weiter darüber berichtet und es wurde gelesen, aber ein Tabubruch war es nicht mehr“, sagt Lewicki. Dafür kamen immer wieder neue Aspekte dazu: Texte über späte Fehlgeburten, über die Frage der Bestattung von Föten. Aktuell wird über den gestaffelten Mutterschutz diskutiert, also über die Frage, ob und wie viel Mutterschutz einer Frau nach einer Fehlgeburt zustehen soll.
Mir scheint daher, dass zwei Dinge parallel laufen: Zwar findet tatsächlich eine schrittweise Enttabuisierung statt. Heute wird ganz anders über solche Themen gesprochen als noch vor zehn, zwanzig, dreißig Jahren, und auch in anderen Medien. Während unsere Mütter und Großmütter zum „Brigitte“-Sonderheft greifen mussten, wird man seit einigen Jahren auch von Politikmagazinen und Tageszeitungen bestens versorgt.
So schrieb Datenressortleiterin Marie-Louise Timcke in der „Süddeutschen Zeitung“ vor zwei Jahren einen dreiseitigen Text über ihren Körper nach der Schwangerschaft. In den Neunziger Jahren haben Chefinnen (falls es überhaupt welche gab) lieber nicht so offensiv darauf hingewiesen, dass sie ein Kind haben. Oder gar einen Körper.
Doch trotz dieser erfreulichen Entwicklung kann und wird es passieren, dass auch die nächste Frau, die schwanger wird, eine Fehlgeburt erlebt oder das Klimakterium erreicht, verblüfft darüber ist, was ihr dabei alles passiert und passieren kann. Nicht, weil über diese Vorgänge niemand spricht– sondern weil fast immer nur die zuhören, die es bereits betrifft.
Für Redaktionen bedeutet das: Sie müssen diese Themen immer und immer wieder machen, denn wer sich heute dafür interessiert, hat den Text aus dem vorletzten Jahr vermutlich nicht gelesen. Nur das Tabu-NarrativNarrative fassen komplizierte Zusammenhänge in einer einfachen Erklärung zusammen. Der Begriff ist..., das können sie sich sparen.
Familie, Feminismus, Gefühle: Jahrzehntelang haben Redaktionen diese Themen belächelt, mittlerweile dominieren sie die Startseiten. Als Journalistin für Psychologie und Familie freut sich Barbara Vorsamer darüber – vermisst aber manchmal die Qualität und Expertise, die in anderen Ressorts selbstverständlich sind. Bis es so weit ist, schreibt sie diese Kolumne.
Als freie Autorin schreibt Barbara Vorsamer auch sonst über Psychisches, Politisches, Persönliches, oft für den „Spiegel“ und einmal wöchentlich in ihrem Newsletter „Innen und Außen“. War davor viele Jahre Redakteurin bei der „Süddeutschen Zeitung“. Lebt in München, hat zwei Kinder.
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Ich bin ein Fan der Couragierten, die kalte Eisen anpacken, die reden wo keiner schweigt, die Tabus brechen.
Jeden Tag aufs neue entzückend, wie gefühlt zigtausend MitgliederInnen der Geschwätzliga die größten Tabus unserer Zeit (Nazi und Klami) enttabuisieren. Immer mit der Gefahr im Nacken, bei der Couragepreisverteilung unberücksichtigt zu bleiben.
Am meisten berührt hat mich das von Menstruationsforscherin Sophie Bauer gebrochene Tabu: Menstruation.
Keine Frau, erst recht kein Mann, hätte je von Menstruation gehört, wenn sie nicht das kalte Eisen angepackt und geredet hätte, wo keiner schweigt.
Ich frage mich, ob „Tabu“ in der Hasswort-Kolumne nicht besser aufgehoben wäre.
„Früher“ waren Tabus Dinge, die man nicht tat, wie Geschwisterehe oder Kannibalismus.
„Heute“ sind es Dinge, über die man nicht gerne spricht, weil sie traurig sind. Oder unangenehm.
#1
Normalerweise kann ich Sie ja gut ignorieren, aber da viele Betroffene meine Schutzbefohlenen sind, ärgert es mich, wie ignorant und/oder niederträchtig Sie offenbar sind und es bedauert mich, dass wahrscheinlich noch viele mehr Menschen so „denken“ wie Sie.
Erst einmal wird in Ihrem verlinktem Artikel nicht behauptet, über ein Tabuthema zu sprechen. Im Gegenteil wird ja sogar festgestellt, dass die mediale „Enttabuisierung“ bereits stattgefunden hat, während die Menstruation selber noch mit sehr großer Scham behaftet ist. Also Textverständnis schon mal durchgefallen. Aber gut…
Schlimmer: Dass insbesondere viele junge Mädchen sehr stark unter dieser fremdinduzierten Scham leiden, ist für Sie offenbar nur eine Gelegenheit, Ihren überheblichen Spott loszuwerden. Ekelhaft.
@3:
Ich weiß, was Sie meinen, aber wenn Medien jedes Thema, das mit den Problemen von Frauen zu tun hat, zum Tabu erklären, um Schlagzeilen zu erzeugen – könnte es nicht sein, dass genau das diese sogenannten Tabus verstärkt?
Muß man wirklich über alles auch reden?
Ich kenne in genügender Zahl Frauen, die einfach keine Lust haben zu reden. Über ihre Menstruationsbeschwerden oder ihr Klimakterium. Ist das deswegen auch ein Tabu?
#4
Ich verstehe nicht, wie Sie das aus meiner Äußerung herauslesen wollen, die sich rein auf den Kommentar #1 bezog.
#5
Nö, müssen wir natürlich nicht. Stattdessen bezeichnen wir so was einfach mit „über alles“ und lassen dadurch Themen in der Scham-Ecke stehen und sorgen weiter dafür, dass sich bspw Jugendliche in der Schule nicht trauen zu sagen, dass sie unbedingt auf Toilette müssen, weil die Binde durch ist.
Dass man nicht gerne über ein Thema redet, liegt doch eben genau an der Scham, mit der es beladen ist. Und das haben die Ihnen bekannten Frauen offenbar so internalisiert, dass man über „so was“ nicht sprechen sollte.
@#6
Ich weiß nicht, was ich aus Ihrer Aussage herausgegeben haben soll, aber eigentlich geht’s doch hier im Artikel darum, dass „Tabu“ etwas inflationär verwendet wird.
#6 Ein „akutes Problem“ wie das von Ihnen Beschriebene möchte ich von meiner Aussage ausdrücklich ausnehmen. So hatte ich das nicht gemeint (auch wenn so rübergekommen sein mag).
Mir geht es wie @Microsoft und ich frage mich, gibt es einen Kipppunkt, wo eine Thematisierung das Tabu nicht mehr bricht, sondern eher wieder verstärkt? Hört man eine Aussage lang genug, ist es egal ob sie stimmt. Der Mythos verbreitet sich.
Und das hat glaube ich wenig damit zu tun, dass wir definitiv alle Themen immer wieder erzählen sollten, für jede Gernation wieder neu. Die Belletristik hört ja auch nicht auf Krimis zu schreiben, obwohl es schon zig Varianten jedweden Mordes als Erzählung gibt. Aber jede neue Perspektive auf ein bekanntes Thema ist eben genau das: Wieder eine neue Perspektive.
Wenn ich allerdings irgendwo groß „TABU-THEMA XY“ sehe, dann hat das einfach ein Clickbait-Geschmäckle. Drüber berichten: immer gerne; mit dem reißerischen Tabuschild wedeln: muss vielleicht nicht sein.
„Tabu”-Themen ziehen ja im aktuellen Stand des Kapitalismus auch immer eine wachsende Beratungsindustrie nach sich. Coaches, Produkte, Seminare, Bücher…die verkaufen sich besser wenn die Menstruations-Speakerin im Interview mit ihrer Freundin von einer Medien-Plattform betont wie gerade ihre Dienstleistungen einen wichtigen Beitrag leisten um ein Tabu anzugehen. Das ist ja auch erst mal völlig ok und wie bei allen Themen gibt es die Bandbreite von Griftern, thematischen Influencerinnen und einem Mainstream der mitverdienen will.
Seltsam, dass Texte über Frauenthemen manche Leser immer noch so heftig triggern, dass sie sich mit üblen Beschimpfungen der Autorin Luft machen müssen. Für mich Anlass, hier mal festzuhalten, wie gern ich Barbara Vorsamer lese. Weil sie nicht nur gründlich recherchiert, sondern immer ein bisschen mehr fragt und weiter denkt und als viele, die über dieselben Themen schreiben.
Fremdinduzierter Scham wegen einer Sache, die in der heutigen Wahrnehmung belangloser nicht sein kann. Auf die Idee muss man erst mal kommen.
Aber interessant, was bei manchen im Kopfkino läuft.
Ach, Frank, ach Peter. Euch ist schlicht nicht klar, dass es einen großen Unterschied macht, ob man in dieser Gesellschaft als Junge oder Mädchen sozialisiert wird. Wer nie Gefahr lief, wegen Blutflecken auf der Hose ausgelacht zu werden, sollte vielleicht wirklich mal schweigen, anstatt sein Unverständnis in die digitale Landschaft zu plärren.
Bei allem Respekt, aber die Situation der Sechzehnjährigen wird durch eine „enttaubuisierende“ Berichterstattung auch nicht besser. Niemand verlangt von ihr, dass sie genau erklärt, warum sie zur Toilette muss.
Aber ja, das ist natürlich nicht „kein Problem“. Es ist bloß kein Tabu. Wenn es eines wäre, gäbe es viel mehr Beschwerden. Stellen Sie sich vor, die Brigitte bräche das Tabu, Hundefleisch zu essen, und stellte die leckersten Hunderezepte vor…