Krieg im Nahen Osten

Antisemitische Vorurteile? Wie unterschiedlich man einen Text lesen kann, wenn es um Israel geht

Wie kann man über die vielen Toten in Gaza und im Libanon schreiben, ohne damit Antisemitismus zu befeuern? Über harsche Kritik an einem Text unserer Autorin – und das Dilemma, einen brutalen Krieg zu beschreiben, ohne Vorurteile zu schüren.
Zwei junge Männer auf einem Platz in Tel Aviv machen ein Selfie mit zwei israelischen Flaggen
Tel Aviv im April 2026Foto: Imago/Zuma Press Wire

Nein, niemand hat mir vorgeworfen, eine Antisemitin zu sein. Wohl aber, dass ich in meinem jüngsten Text zu einseitig auf das Thema Israel blicken würde. Ich hatte kritisiert, wie deutsche Medien aus und über Libanon berichten. Vor allem kürzere Nachrichtentexte verharmlosen oder ignorieren oft, was das Vorgehen der israelischen Armee im Libanon konkret bedeutet: dass dort viele Menschen sterben, aber auch Dörfer zerstört und Felder vergiftet werden.

Es sei ein Text mit viel Sympathie für die Menschen in Gaza und im Libanon – und zu wenig Empathie für Israel, die Menschen dort und die Jüdinnen und Juden in Deutschland. So der Tenor einiger Kommentare und Zuschriften zum Text.

Israel als Angreifer

Ein Kollege, den ich um Feedback bat, kopierte aus meinem Text eine lange Liste von Wörtern heraus, die sich auf die israelische Armee und die dortige Regierung beziehen, darunter: Vertreibungen, systematisch zerstören, Dörfer dem Erdboden gleichgemacht, gesprengt, vermint, vergiftet, Olivenhaine niedergebrannt, Lebensgrundlagen zerstört, Kloster, Kirchen und Moscheen demoliert, einzige Mission sei Zerstörung, völkerrechtswidrig expandieren, Zwangsumsiedlungen, Kriegsverbrechen, brutales Vorgehen…

Als Leser nehme man daraus vor allem mit, dass Israel böse sei, schrieb er mir. Noch deutlicher könne man Gut und Böse nicht verteilen. Die Terrormiliz Hisbollah, der militärische Gegner Israels im Libanon, ist im Text nur ein Randthema. Über ihre Mitglieder findet sich schon deshalb wenig Negatives.

Zwei Seiten, wenig dazwischen

Die Kritik kam nicht überraschend, denn aus Sicht des Kollegen gehöre ich vermutlich zur „Gegenseite“. Wer sich öffentlich zur Lage im Nahen Osten äußert, läuft Gefahr, schnell in eines von zwei Lagern einsortiert zu werden: für oder gegen Israel. Mit meinen Texten über Libanon, Hungerfotos aus Gaza und Doppelstandards in deutschen Redaktionen gehöre ich dieser Logik nach zu den Gegnern Israels.

Dabei versuche ich als Journalistin in erster Linie, mir mit möglichst vielen Quellen ein Bild von der Lage zu machen. Ich habe wenige persönliche Bezüge zu der Region, der Angst dort, dem Sterben und der Sehnsucht nach Sicherheit. 

Auf eine Seite einsortiert zu werden, fühlt sich auch deswegen falsch an, weil es so klingt, als wäre mir die andere Seite egal – also nicht nur die Menschen in Israel, sondern auch die Jüdinnen und Juden in Deutschland. Das trifft nicht zu, im Gegenteil.

Immer mehr Antisemitismus

Natürlich sehe ich nicht nur die Toten in Gaza, sondern kenne auch die aktuellen Zahlen zu Antisemitismus in Deutschland: Mehr als 6.500 antisemitische Straftaten zählte das Bundeskriminalamt im vergangenen Jahr, ein Plus von fünf Prozent. Eine von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes beauftragte Befragung, wie sich der Anschlag vom 7. Oktober 2023 auswirkt auf jüdische und israelische Communitys in Deutschland, berichtet von Diskriminierung, Anfeindungen und Exklusion:

„Studienteilnehmende schildern, wie sie aus Antizipation von Übergriffen ärztliche Termine absagen, Schmuck mit jüdischer Symbolik abnehmen, Studiengänge wechseln und ihre Sprache in der Öffentlichkeit zurückhalten. Eltern schildern, wie die Sorge vor Übergriffen sie dazu veranlasst, die Schulwege ihrer Kinder zu verändern oder einen Einrichtungswechsel abzuwägen.“

In einem älteren Bericht für den Expertenrat Antisemitismus von 2017 machten die dafür befragten Jüdinnen und Juden auch Medien für die Judenfeindlichkeit in Deutschland verantwortlich. Die „verzerrte Darstellung von Israel in den Medien“ sahen 84 Prozent als eher großes oder sehr großes Problem an. Tragen kritische Berichte über Israel also dazu bei, Vorurteile gegen Jüdinnen und Juden zu schüren?

Wenig aktuelle Forschung

Eine objektive Einschätzung dazu zu bekommen, ist schwierig. Das fängt schon bei der Frage an, wie deutsche Medien überhaupt über die israelische Regierung berichten. Dazu gibt es nur wenige aktuelle Erhebungen. Hinzu kommt: Die vorhandenen Auswertungen, Untersuchungen und Einschätzungen kommen teilweise zu gegensätzlichen Ergebnissen.

Gut belegt ist Hetze gegen Jüdinnen und Juden in sozialen Medien. Dort ist Antisemitismus weit verbreitet. 

Speziell mit Antisemitismus in der journalistischen Berichterstattung beschäftigt sich unter anderem das Tikvah Institut, eine Forschungs- und Bildungsorganisation, mitgegründet vom ehemaligen grünen Bundestagsabgeordneten Volker Beck. Im vergangenen Jahr veröffentlichten Wissenschaftler dort eine qualitative Pilotstudie zu antisemitischen Stereotypen in deutschen Qualitätsmedien. 

Die Studie hilft nur begrenzt weiter. Zum einen stammen fast alle Artikel aus den Jahren vor dem Hamas-Massaker am 7. Oktober. Seitdem hat sich die Berichterstattung sehr verändert. Zum anderen werteten die Wissenschaftler lediglich 122 Zeitungsartikel aus, die sie vorher gezielt ausgesucht hatten.

Diese Pilotstudie wird aktuell auf Beiträge bis Ende 2025 ausgeweitet, untersucht dann also auch das, was nach dem 7. Oktober berichtet und geschrieben wurde. Die Ergebnisse sollen 2027 veröffentlicht werden.

Antisemitismus fanden die Forscher in der ersten Studie eher wenig. „Nur eine geringe Anzahl von Aussagen“ sei als eindeutig antisemitisch einzustufen. Dazu gehören etwa Vergleiche der israelischen Regierung mit dem NS-Regime. Häufiger seien Aussagen, „die eine antisemitische Interpretation zwar zulassen, aber nicht eindeutig oder zwingend antisemitisch sind“, heißt es in der Studie. Problematisch fanden die Forscher weniger die Aussagen von Journalisten selbst, sondern vor allem Statements in Gastbeiträgen und Interviews, die zum Teil nicht richtig eingeordnet worden seien. Antisemitische Anklänge sehen die Wissenschaftler auch dort, wo Israel allein als „Aggressor“ dargestellt wird, der „moralisch böse“ agiert, anstatt dass auf den Kontext einer bestehenden Bedrohung hingewiesen wird.

Getötete Kinder in Gaza

Sobald es konkret wird, ist die Abgrenzung allerdings schwierig. Ein immer wieder diskutiertes Beispiel ist die Ritualmordlegende. Diese antisemitische Erzählung behauptet, dass Jüdinnen und Juden christliche Kinder für Rituale töten würden. Sie wurde immer wieder genutzt, um Pogrome gegen Juden zu rechtfertigen, auch die Nationalsozialisten verbreiteten den Lügenmythos in ihrer Propaganda. Die Behauptung, dass Juden grundsätzlich Kinder töten, ist Antisemitismus in Reinform. Auch wenn der Tod von jungen Opfern besonders betont werde, könne das an antisemitische Vorstellungen anknüpfen, heißt es in der Pilotstudie vom Tikvah Institut.

Die Frage ist, was das für die Berichterstattung über getötete Kinder in Gaza heute bedeutet. Zum Beispiel berichteten Mediziner von 114 Kindern in Gaza, die offenbar von israelischen Soldaten gezielt be- und erschossen wurden. Niederländische Reporter, die dazu recherchiert haben, wurden gerade erst mit dem European Press Prize ausgezeichnet.

Artikel in “de Volkskrant”: “What the wounds are telling us”
Preisgekrönte RechercheScreenshot: de Volkskrant

Ihre Reportage ist bewegend, drastisch, mit Fotos belegt – und zeichnet offensichtlich ein negatives Bild von israelischen Soldaten, das uralte Stereotype bedienen kann. Womöglich auch bei Menschen, denen die Ritualmordlegende absurd erscheint. Am Ende geht es auch um eine Stimmung in der Gesellschaft, die dadurch bestärkt wird.

Journalistisch ist klar: Wenn Kinder sterben, ist das für Journalisten ein Thema. Sie können nicht nicht berichten, nur um israelische Soldaten nicht als mutmaßliche Kindermörder darzustellen. 

Aber wie viele Indizien und Belege braucht es, um über diesen schrecklichen Verdacht berichten zu dürfen? Wie emotional darf Sprache in einem Artikel über getötete Kinder sein, ohne zu Propaganda zu werden? Andererseits: Wie ließe sich eine Reportage über tote Kinder ohne emotionale Worte schreiben?

Meron Mendel sieht große Sensibilität

Es sei Teil des Journalistenberufs, mitzudenken, welche Register ein Text bei der Leserschaft bediene, hat mir Meron Mendel im Gespräch gesagt, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank. Aber er sagt auch: Journalisten müssten schreiben, was passiert. Über tote Kinder zu berichten, gehöre zur Kriegsberichterstattung dazu. Solange es eine plausible andere Erklärung gebe, warum über ein Thema berichtet werde, sei das Motiv meist nicht Antisemitismus. In deutschen Redaktionen sei die Sensibilität bei diesem Thema sogar vergleichsweise groß. Das Problem der antisemitischen Übergriffe verortet er woanders: „Viele Leute hier begreifen nicht, dass eine Synagoge keine israelische Auslandsvertretung ist.“ Trotz Putins Angriffskrieg würden ja nicht ständig orthodoxe Kirchen angegriffen.

Auch der WDR-Journalist Lorenz Beckhardt glaubt nicht, dass kritische Berichterstattung über die israelische Regierung grundsätzlich zu mehr Antisemitismus führt. Er ist Vorstand des Verbands jüdischer Journalistinnen und Journalisten, der sich 2024 gegründet hat. Problematisch findet er vielmehr eine mangelnde Ausgewogenheit: Über die Operationen und Strategien der israelischen Armee werde ständig berichtet, viel weniger aber über die Angriffe und die Ideologie der Hamas- und Hisbollah-Terroristen. In vielen Berichten stünden sich israelische Soldaten und palästinensische Zivilisten als Gegner gegenüber, während die Hamas-Kämpfer selten gezeigt und fast nie interviewt würden.

Interview mit einem Hamas-Sprecher

Diese Leerstelle ist mir zuletzt selbst aufgefallen, als ich einen Hamas-Sprecher in der Show „Uncensored“ des britischen Moderators Piers Morgan hörte. Er verbreitete dort übelste Lügen: Am 7. Oktober habe die Hamas keine Zivilisten töten wollen, keine Frauen und Kinder – das sei gegen ihre Moral und Ethik. Es sind unsägliche Falschbehauptungen, denen der Moderator vehement widerspricht, und die man in deutschen Medien so nicht hört, auch nicht hören will.

Interview mit geteiltem Bildschirm: Links Moderator Piers Morgan, rechts Hamas-Sprecher Ghazi Hamad
Hamas-Sprecher Ghazi Hamad (rechts) im Interview mit Moderator Piers MorganScreenshot: Piers Morgan Uncensord/YouTube

Ich bin mir deshalb nicht sicher, inwiefern es die Israel-Berichterstattung verbessern würde, Hamas-Entscheider öfter mit ihren Taten zu konfrontieren. Aber vielleicht muss zumindest das Offensichtliche immer wieder aufgeschrieben und erwähnt werden: Die Hamas hat unmenschliche Gräueltaten begangen, die Hisbollah ist eine Terrormiliz. Tote Zivilisten nehmen beide Gruppen mindestens in Kauf, nutzen sie möglicherweise sogar gezielt.

Hätte ich das in meinem Text explizit ausgeführt, anstatt nur abstrakt die Raketenangriffe der Hisbollah zu erwähnen, wäre es nicht mehr so einfach, ein Schema aus Gut und Böse zu konstruieren, wie es mein Kollege in meinem Text kritisierte. Die Strategie der Hisbollah bleibt in dem Artikel vage, obwohl auch sie einen Anteil daran hat, dass Zivilisten bei den Angriffen zu Tode kommen.

Gleiche Maßstäbe für alle

Beiträge können deswegen problematisch sein, auch ohne ein einziges antisemitisches Stereotyp zu enthalten. Entscheidend sind oft die Zwischentöne: die Wortwahl, der Kontext. Manche der Beiträge würden den israelisch-palästinensischen Konflikt so verzerren, dass das „eine negative Wahrnehmung Israels“ begünstige, heißt es im Fazit der Pilotstudie. Das ähnelt dem, was mein Kollege auch meinem Text vorgeworfen hat.

Es reicht also nicht, dass Journalisten offensichtliche antisemitische Stereotype kennen und vermeiden. Wir müssen uns auch fragen lassen, ob wir den Kontext von Angriffen ausreichend einordnen und alle Akteure mit den gleichen Maßstäben beschreiben – was schon allein deshalb herausfordernd ist, weil sich Terrororganisationen nicht einfach mit einem demokratischen Staat und Konflikte weltweit nicht so leicht miteinander vergleichen lassen.

Missbrauch von Artikeln immer möglich

Auf den ersten Blick lässt sich das leicht mit einem zweiten Anspruch verwechseln: Journalisten seien dafür verantwortlich, grundsätzlich eine „negative Wahrnehmung Israels“ zu vermeiden. Doch genau das ist ein häufiger Trugschluss. 

Welche Auswirkungen Berichterstattung hat, können und sollten Journalisten nur begrenzt berücksichtigen. Es lässt sich nicht steuern, wie ein Artikel von Leserinnen und Lesern gelesen und für welche Zwecke er vereinnahmt wird. Und selbst wenn Journalisten auf unzulässige Verallgemeinerungen wie „Juden“ verzichten, stets akkurat von der „israelischen Regierung“ oder „israelischen Armee“ schreiben und Vorwürfe mit dem Adjektiv „mutmaßlich“ absichern: Die Gefahr, dass Leser sich in ihrer Judenfeindlichkeit bestärkt sehen, lässt sich nicht ausschließen. 

Was ich anders machen würde

Würde ich meinen Text über die Libanon-Berichterstattung also noch einmal so schreiben? Jein. 

Die Debatte um den israelischen Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir, der gefordert hat, Palästinenser gezielt zu töten, zeigt gerade wieder, wie wichtig es ist, die israelische Regierung zu kritisieren, ihre Soldaten genau zu beobachten und ihre Strategien zu hinterfragen. Wenn viele Zivilisten sterben, sollten Journalisten immer besonders gut hinschauen. Und wenn dabei Kinder ums Leben kommen, muss auch das berichtet werden. 

Auch mein Text wurde dafür kritisiert, die Zahl der getöteten Minderjährigen gesondert zu nennen und damit die Ritualmordlegende zu bedienen. Aber das zu beschreiben, kann kein Antisemitismus sein. 

Im Nachhinein ärgere ich mich trotzdem, die Hisbollah nur so kurz erwähnt zu haben. Und mich ärgern einige Sätze in meinem Text, die zu schwammig sind. Sie suggerieren zu leichtfertig, dass die israelische Armee eine geheime Agenda verfolge und nur „offiziell“ die Hisbollah angreife. An anderer Stelle nenne ich ihr Vorgehen „illegal“, begründe das aber nicht. Solche Formulierungen schwächen präzisere Kritik an anderer Stelle ab.

Beim Thema Nahost besteht für alle die Gefahr, nur noch die Informationen und Meldungen wahrzunehmen, die zum eigenen Weltbild passen. Für Journalistinnen und Journalisten ist das besonders fatal. Umso wertvoller die Gespräche, die ich für diesen Text geführt habe.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Auf Äußerungen zum hochkomplexen Konflikt im Nahen Osten wird immer Kritik folgen. Das wird auch bei diesem Text so sein. Ich bin gespannt.

Ergänzung, 3.9.2026. Auf Bitte des Tikvah Instituts haben wir einen Satz über die Studie sprachlich präzisiert.

13 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag!
    Ich möchte noch etwas verdeutlichen, was im Artikel bereits angelegt ist. Mein Wunsch für mehr Ausgewogenheit ist, Akteure wie Hamas, Hisbollah, Huthis, aber auch Autonomiebehörde, Regierungen in Iran, Libanon, Ägypten, Syrien auch ganz klar als solche wahrzunehmen und zu beschreiben – nämlich als Akteure.
    Auch sie haben Ziele und Handlungsmöglichkeiten. Auch sie treffen Entscheidungen, dieses zu tun und jenes zu lassen.

    Dies würde der Ausgewogenheit sehr guttun!

    Ich nenne nur ein Beispiel: Bei der Unterversorgung der Bevölkerung in Gaza nur Israel als Akteur zu nennen ist einseitig. Ebenso trugen auch die Entscheidungen der Hamas (die eigenen Leute bei der Verteilung von Hilfsgütern zu bevorzugen; die Geiseln nicht freizulassen; etc.) und die Weigerung der ägyptischen Regierung, die eigene Grenze zu Gaza für Flüchtlinge zu öffnen und diese mit internationaler Hilfe zu versorgen, zur Krise bei.

    Insgesamt finde ich, geben deutsche Medien und die deutsche Medienkritik, im Nahost-Schlamassel aber eine recht gutes Bild ab, im Vergleich zum Beispiel zu britischen und skandinavischen Medien. Dieser Artikel ist ein weiterer Beweis dafür. Darum nochmals ein herzlicher Dank für die Reflektion!

  2. Danke erstmal für beide Artikel. Ich finde, dass in deutschen Medien viel zurückhaltender über die Kriegsverbrechen der IDF berichtet wird im Vergleich zur New York Times, dem Guardian oder Hareetz (nachdem ich dort einen Artikel gelesen habe, bekomme ich täglich den Hareetz newsletter, kann ich gar nicht lesen, so schrecklich sind die Dinge da). Wegen dieser medialen Zurückhaltung blockiert die deutsche Regierung EU-Sanktionen gegen israelische Produkte aus dem West-Jordanland. Selbstverständlich sollen auch in deutschen Medien die irren Maulhelden und Terroristen der Hamas und Hisbollah (man sollte die nicht gleichsetzten) vorkommen. Haben die überhaupt noch Waffen? Würde mich interessieren.
    Übrigens: Ägypten hat den Grenzübergang nicht geöffnet um die von Isreael gewollte Vertreibung der Palestinenser nicht zu fördern.

  3. Ist das nicht wahnsinnig schwierig und frustrierend, dass ein jeder online publizierter Artikel immer alles an Ausgewogenheit und Überblick und Rücksicht integrieren muss? Als Übonnent, der seit Jahren alle Artikel liest, kommt es mir lediglich darauf an, dass mir das Medium insgesamt ausgewogen erscheint. Einzelne Artikel dürfen Tendenzen haben, weil sie z. B. auf einen ganz bestimmten Aspekt fokussieren.
    Dass wir als an Häppchenware gewöhnte Onlinewesen größere Publikationskontexte oft nicht mehr berücksichtigen können, das bedaure ich, wohl wissend, dass wir dieses Rad nicht mehr zurückdrehen können und ich jetzt, mit dieser Nostalgie, mit gerade mal 48 Jahren zum alten weißen Mann mutiere.

  4. #5 Das ist ein zentrales Problem: jeder Artikel muss in sich ausgewogen nach allen Seiten sein. da bleibt m.E. die eigene Meinungsbildung auf der Strecke. Die Reflexion der Kollegin Schneider über ihren eigenen Artikel – zunächst mal Chapeau – ist begrüßenswert. Und wenn es um Irrtümer und falsche Schlüsse geht, notwendig. Aber auch den eigentlich „unfehlbaren“ Kolleginnen und Kollegen (Sorry, da bin ich ein wenig altmodisch) muss man das Recht auf Irrtum zugestehen.

  5. Ich schätze Ihre Selbstreflektion sehr. Um ehrlich zu sein, finde ich sie aber viel zu selbstkritisch. Viel der Kritik, die an ihren Text herangetragen wird, ist fernab jeder Differenzierung und jedes sachlichen Anspruchs. Volker Beck, sein Umfeld und eine riesige Anzahl deutscher Journalist*innen haben für sich beschlossen, dass die Konsequenz aus deutscher Geschichte eine ewige Absolution des israelischen Staates ist. Der israelische Staat ist in diesem Weltbild zwar nicht unfehlbar, aber doch strukturell unfähig falsche, fragwürdige oder unmoralische Absichten zu hegen. Dieses Weltbild lässt die Existenz einer mehrheitlich bellikosen und rechtsextremen israelischen Regierung, Politik und Gesellschaft nicht zu. Jeder, der zu einer gegenteiligen Einschätzung kommt, muss also – bewusst oder unbewusst – antisemitischen Narrativen erlegen sein.

    Oder konkreter: Volker Beck (und Herr Beck dient hier lediglich als Stand In für dutzende andere Vertreter dieses Lagers) würde israelische Kriegsverbrechen zutiefst verurteilen. Nur, er ist völlig außerstande israelische Kriegsverbrechen wahrzunehmen. Sein gesamtes Weltbild ist darauf ausgerichtet, dass der Staat Israel und das Gute identisch sind. Abzulehnende Anteile können a priori immer nur eine Minderheit des Staates, seiner Regierung und seiner Bevölkerung bilden. Es ist in diesem Weltbild schlicht unmöglich, dass eine Mehrheit der israelischen Bevölkerung Kriegsverbrechen befürwortet, rechtsextreme Parteien wählt und amoralische Positionen unterstützt. Tut sie dies doch, so kann es sich wiederum nicht um Kriegsverbrechen, Rechtsextremismus und amoralische Positionen handeln. Es ist die gleiche wohlmeinende, unreflektiert-unbewusste Selbstbeschränkung der Perspektive, die bei einigen palästinasolidarischen Aktivist*innen zum Schluss führt, dass jeder von einer mit dem Anliegen Palästinas assoziierten Gruppe (lies: Hamas, islamischer Jihad, in Teilen auch Hezbollah) begangene Akt legitimer Widerstand sein muss.

    Was folgt daraus? Wenn Personen oder Gruppen mit einem solch vorgefärbten Weltbild eine Äußerung im Feld Israel/Palästina/Libanon wahrnehmen, können sie sie nicht differenziert betrachten. Nicht unbedingt, weil sie bösen Willens sind, sondern weil es ihr Weltbild strukturell nicht zulässt. Wer also vorsichtig und differenziert analysiert, dass der israelische Staat eine Menge Indizien dafür liefert, dass ihm das Völkerrecht und das Leben der libanesischen Zivilbevölkerung völlig gleichgültig sind und er höchstens in einem instrumentellem Verhältnis zu beidem steht, was wiederum deutsche Medien nur unzureichend thematisieren, muss aus diesem Blickwinkel heraus – bewusst oder unbewusst – antisemitisch argumentieren. Denn wenn sich die Faktenlage nicht bestreiten lässt, bleibt nur noch die Rekontextualisierung, um die Faktenlage in das eigene Weltbild einzupassen.

    Ich habe es daher – wie, so vermute ich, sehr viele Menschen – aufgegeben, zu versuchen, es der radikalen Israel first-crowd recht zu machen. Denn das ist schlicht unvereinbar mit einem ehrlichen und differenzierten Umgang mit der Realität. Ich habe große Empathie für die israelische Zivilbevölkerung, die so unglaublich viel Leid ertragen und mit so viel Angst leben muss. Nur kann kein Leid dieser Welt und keine Angst es rechtfertigen, den systematischen Verstoß gegen Menschlichkeit, Menschenrechte, Völkerrecht und moralische Grundsätze zu unterstützen oder gar zu fordern. Der 11. September gab den USA nicht das Recht, Recht zu brechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu begehen. Und der 7. Oktober gibt Israel ebenso wenig dieses Recht.

  6. Liebe Annika Schneider, meine Hochachtung für Ihren Artikel! Es ist eine so wichtige Fähigkeit, mit kritischen Blick auf das eigene Handeln zu schauen. Das empfinde ich als so wohltuend, wenn Menschen dazu in der Lage sind, und zeigen: es ist überhaupt kein Drama, seine Position zu reflektieren. Für mich sind beide Artikel sehr gelungen, aber Sie haben vollkommen recht, in diesem Themenkomplex kommt es so häufig auf Nuancen an und es ist nur allzu leicht, einen Aspekt außer Acht zu lassen oder nicht treffend zu formulieren.
    Vielen Dank für Ihre Arbeit!

  7. Bei aller Ausgewogenheit, dürfen wir an einen Staat Israel nicht höhere moralische Ansprüche stellen als an eine Terrororganisation?
    Würde ich hierzulande an die Polizei nicht auch höhere Ansprüche stellen als an einen Straftäter?

  8. Zunächst:

    Gibt es in Deutschland eine „Lex Israel“?

    Nicht im Sinne von „Israel darf nicht kritisiert werden“. Natürlich darf es das.

    Ich meine etwas anderes: Warum scheint Kritik an Israel so häufig einer besonderen Rechtfertigungspflicht zu unterliegen?

    Kaum berichtet man über zivile Opfer eines israelischen Angriffs, kommt der Einwand, man müsse zugleich Hamas, den 7. Oktober, Israels Sicherheitsinteressen oder die Hisbollah erwähnen. Natürlich sind das relevante Themen. Aber müssen sie wirklich in jeden einzelnen Bericht eingebaut werden?

    Wenn über einen konkreten israelischen Angriff berichtet wird, ist die Frage zunächst: Was ist passiert? Wen hat es getroffen? Was sagt die IDF? Welche Belege gibt es dafür? Was lässt sich unabhängig überprüfen?

    Dass Hamas eine Terrororganisation ist, beantwortet keine dieser Fragen.

    Und nein, palästinensische Zivilisten sind nicht automatisch die „Gegenseite“ der israelischen Armee, nur weil sie in einem von Hamas kontrollierten Gebiet leben. Wenn Zivilisten Opfer eines Angriffs werden, darf darüber berichtet werden, ohne zum Ausgleich erst einmal Hamas-Verbrechen aufzuzählen.

    Kontext ist wichtig. Aber Kontext ist nicht dasselbe wie Gegenrechnung.

    Sonst wird aus „Berichte ausgewogen“ irgendwann: „Berichte über Israel nur dann, wenn du gleichzeitig erklärst, warum Israel es tun musste.“
    Und dann kann die Gegenseite fordern: „Berichte über Palästina nur, wenn gleichzeitig über die Geschichte der Nakba, die Besatzung, die Siedlungspolitik, die humanitäre Lage in Gaza, israelische Menschenrechtsverletzungen berichtet wird.

    Genau da beginnt für mich Whataboutism 2.0.

    Und deshalb finde ich die Frage durchaus legitim, ob in der deutschen Berichterstattung über Israel tatsächlich andere Maßstäbe angelegt werden als bei anderen Staaten.

    Das wäre keine antisemitische Frage. Im Gegenteil: Es wäre eine ziemlich wichtige Frage an den Journalismus.

  9. Warum frage ich das eigentlich?

    Seit kurzem habe ich mit „Die neuen Zwanziger“ einen neuen Lieblingspodcast. In einer Folge fiel der Begriff „Diskursverengung“ als Beschreibung dessen, wie die DIG streckenweise auf Kritik an Israel reagiert. Ich fand das ziemlich treffend.

    Denn wir befinden uns inzwischen in einer absurden Situation.

    Ausgerechnet im Land der Holocaust-Täter wird Antisemitismus zunehmend als importiertes Phänomen und, mehr noch, als Merkmal vor allem linker Politik und Kultur geframt.

    Das passiert auch international. Aber in Deutschland hat diese Erzählung, vielleicht gerade wegen unserer Geschichte, eine besondere Durchschlagskraft.

    So entsteht mitunter ein bemerkenswerter Schulterschluss: zwischen Teilen der politischen und geistigen Erben einer Gesellschaft, die den Nationalsozialismus hervorgebracht hat, und Teilen der heutigen Antisemitismusbekämpfung. Die gemeinsame Klammer ist nicht selten eine ausgeprägte Islamfeindlichkeit.

    Und immer steht dabei der beruhigende Satz: „Natürlich darf man die israelische Regierung kritisieren.“

    Nur: Was bedeutet dieses „natürlich“ eigentlich?

    Es klingt inzwischen fast wie ein Warnhinweis. Du darfst kritisieren, aber bitte nur innerhalb eines vorher abgesteckten Korridors.

    Dabei geht es nicht um irgendeine Regierungspolitik. Es geht um eine israelische Politik, die über Jahre hinweg unter anderem die Stärkung der Hamas in Kauf genommen beziehungsweise durch bestimmte Maßnahmen begünstigt hat. Netanyahu selbst hat die Logik hinter dieser Politik später offen beschrieben: Hamas als Gegenpol zur Palästinensischen Autonomiebehörde zu erhalten, erschwerte eine politische Lösung und die Bildung eines palästinensischen Staates.

    Genau über solche Zusammenhänge müsste man reden können.

    Stattdessen wird die Debatte häufig schon vorher auf die Frage verengt, ob eine Kritik „antisemitisch“ sein könnte.

    Und damit sind wir wieder bei der Diskursverengung.

    Wenn ich über einen israelischen Angriff, zivile Opfer oder mögliche Verstöße gegen das Völkerrecht spreche, muss ich dann wirklich jedes Mal Hamas, den 7. Oktober, die Hisbollah und Israels Sicherheitsinteressen mitliefern, damit mein Text als legitim gilt?

    Oder darf ein Bericht auch einfach einmal das untersuchen, was gerade passiert ist?

    Ich finde, das ist eine ziemlich wichtige Frage. Gerade in Deutschland.

  10. Klar kann man nicht jede denkbare Missinterpretation eines Artikels vorweg nehmen.
    Insofern muss man auch mal dickes Fell haben.

  11. Danke für den Text. Ich glaube auch, die Lösung liegt darin, möglichst konkret und genau zu sein und denke, Israels Regierung und privaten Partner geben noch weit mehr Anlass für sehr spezifische Kritik. Das fehlt mir im Deutschen und alles, was ich international lese, gibt mir viele offene Fragen, die mir in Deutschland zu wenig gestellt werden. Israel (Regierung & Unternehmen) arbeitet weltweit intensiv mit Autokraten zusammen, um Sicherheits-/Überwachungsstrukturen aufzubauen, etwa nun in Kolumbien. Auch Deutschland will die Zusammenarbeit und dazu gäbe es so viel Anlass für journalistische Fragen. Was macht Dobrindt genau? Mit dem spricht er auf seinen Israel-Reisen? Worüber? Warum ist das alles so intransparent? Was wurde bereits recherchiert und wie legit ist das? Ich würde wirklich gerne vieles schlicht verstehen. Was ich sonst noch ergänzen würde: Wie bei allen Themen würde Berichterstattung über die engagierte Zivilgesellschaft gut tun. Wer arbeitet am Frieden, was versteht man darunter, und wie geht man vor? Welche Risiken geht man ein, welche Gefahren und Konsequenzen gibt es? Liebe Grüße

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