Hasswort (71)

Biodeutsch

„Biodeutsch“ war einst ein spöttisches Label, um sich über Deutsche lustig zu machen – und über ihre Unart, die Gesellschaft in Menschen „mit“ und „ohne“ Migrationshintergrund einzuteilen. Inzwischen meinen viele das Wort ernst. Höchste Zeit, es nie wieder zu verwenden!

Dass da was schief läuft, war mir spätestens am 12. August klar. An diesem Tag brachte das „Zeit Magazin“ ein sehr kluges Interview mit Steffen Seibert, ehemaliger ZDF-Journalist und bis vor kurzem deutscher Botschafter in Israel. Er spricht darin über seine Zeit in Tel Aviv, sagt viel Bedenkenswertes über Deutschland und Israel.

Nur ein Satz im Text bremst das Lesevergnügen abrupt. Seibert spricht darin über „biodeutsche Jugendliche“. Es ist kein Satz, der spalten soll, im Gegenteil: Seibert sagt, dass nicht nur migrantische, sondern eben auch „biodeutsche“ Jugendliche sich heute fragen, was der Holocaust mit ihnen zu tun habe.

Und doch ist die Formulierung erstaunlich. Denn wenn selbst ein Diplomat und ausgebildeter Nachrichtensprecher den Begriff „biodeutsch“ völlig unironisch verwendet, ein Mann, der im selben Interview sagt, er habe „eine besondere Vorsicht in der Wortwahl“ gelernt, dann ist das Unwort aus dem Jahr 2024 wirklich in der Alltagssprache angekommen.

Alles fing mit einem Cartoon an

Damit hat das Label einen beeindruckenden Werdegang hingelegt. Denn der erste „Bio-Deutsche“ tauchte vor 30 Jahren in einem Cartoon auf. Darin sagt ein Mann zum anderen:

„Der Unterschied zwischen dir und mir besteht darin, Hüsnü: Du bist ein getürkter Deutscher! Eine Fälschung. Und ich bin ein Original. Ein Bio-Deutscher!“

Der Zeichner war Muhsin Omurca, Gründer des ersten türkischen Kabaretts in deutscher Sprache. Bekannt wurde der Begriff später auch durch Reden des Grünen-Politikers Cem Özdemir.

Gemeint waren „biografisch Deutsche“

„Biodeutsch“ erinnerte an das Bio-Siegel, an gesundes Gemüse und Jutebeutel, also an Dinge, die man durchaus mit Deutschen in Verbindung bringen kann, wenn man möchte. Gemeint waren eigentlich aber „biografisch Deutsche“, als nette Umschreibung für deren fehlende Migrationsgeschichte.

Es war ein Label für Menschen, die nicht daran gewöhnt waren, gelabelt zu werden. Neben Etiketten wie „Schwarze“, „Ausländer“ und „Menschen mit Migrationsgeschichte“ gab es nun eben auch ein Wort für alle anderen. Die Schriftstellerin Hilal Sezgin verteidigte den Begriff deswegen 2016 in der „taz“: „Biodeutsche“ meine Menschen, die keinen Alltagsrassismus erfahren würden. Und genau darüber müsse man sprechen können.

Damit wurde aus dem Kabarettwort eine soziale Kategorie. Und das nutzten bald auch diejenigen, denen das Wohlergehen von Migranten völlig egal war. Rechte kaperten es, um „Biodeutsche“ von „Passdeutschen“ zu trennen. 2017 schwadronierte ein AfD-Landtagsabgeordneter über „,Biodeutsche‘ mit zwei deutschen Eltern und vier deutschen Großeltern“. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier stellte schon 2018 klar:

„Es gibt keine halben oder ganzen, es gibt keine Bio- oder Passdeutschen.“

Studie zeigt: Längst eine gängige Kategorie

Aber zu spät: Eine linguistische Studie zeigte 2021, dass das Wort in Medien zwar oft verwendet wurde, um die Unterscheidung von Migranten und Nicht-Migranten zu kritisieren. Immer öfter wurde es aber schon damals genutzt, um eine Gruppe in der Bevölkerung schlicht zu beschreiben. Mit einem vermeintlich neutralen Begriff, wie ihn auch Steffen Seibert wohl zu nutzen meinte.

Seitdem hat sich das Wort in unsere Sprache gedrängt und dort breitgemacht – und damit auch in unserem Denken. Denn natürlich haben wir alle ein Bild im Kopf, wenn wir an eine „Biodeutsche“ denken. Und andere Bilder, wenn wir an Menschen denken, die nicht „biodeutsch“ sind. Diese Stereotype werden durch die vermeintlich objektive Kategorie weiter zementiert.

Insofern traf die Karikatur von Muhsin Omurca schon damals ins Schwarze mit ihrer impliziten Kritik, in Deutschland würden Menschen gerne in „deutsch“ und „nicht-deutsch“ unterteilt. Hinzu kommt, dass „bio“ verdächtig nach „biologisch“ klingt und somit an Gene, Rassenlehre, reines Blut denken lässt. Es sind brandgefährliche Konzepte, die wir seit Langem hinter uns gelassen haben sollten.

Wie wir besser über Migration sprechen

Warum ich all das hier aufschreibe, obwohl über den Begriff schon so viel diskutiert und geschrieben worden ist? Weil trotz aller Kritik die Verwendung des Begriffs weiter zunimmt – eine Live-Diskursverschiebung zum Zuschauen quasi.

Wir sollten „biodeutsch“ deswegen ab sofort aus unser aller Wortschatz streichen. In journalistischen Medien hat die grobschlächtige Unterscheidung nach Vorfahren ohnehin nichts zu suchen. Natürlich darf über Migration und Migranten geschrieben werden, auch über Probleme und Unterschiede. Aber es ist fahrlässig, die Gesellschaft dafür einfach in zwei Gruppen zu teilen. Denn auch der schwammige Begriff „Migrationsgeschichte“ reicht nicht aus.

Schreiben wir über Menschen, die in Deutschland geboren sind oder im Ausland. Über Menschen, die Deutsch als Muttersprache sprechen oder es sich erst später draufgeschafft haben. Über Menschen, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben, und Neuankömmlinge der vergangenen Jahre. Über Menschen mit und ohne deutschen Pass. Im Beispiel von Steffen Seibert: Über Menschen, deren Familiengeschichte mit dem Nationalsozialismus verknüpft ist, oder eben nicht.

Welche Eigenschaften relevant sind, hängt vom Thema ab. Und wer anfängt, in die Migrationsdebatte Gruppen wie Straftäter oder Islamisten einzubringen, muss sowieso viel genauer argumentieren.

Bleiben diejenigen, die sich einst über das Wort gefreut haben, um auch mal über „typisch deutsche“ Eigenheiten schimpfen zu können. Sie können von mir aus gerne auf die „Kartoffel“ ausweichen – ein Quatschwort, das wenig Gefahr läuft, als pseudo-offizieller Fachbegriff vereinnahmt zu werden.

33 Kommentare

  1. Bisschen schade drum. In den Nullern war „Biodeutsche“ bei uns tatsächlich eine schillernde Bezeichnung für jenen Teil der gebildeten, autochthonen Mittelschicht, die linksliberal tickte und schon Öko kaufte, bevor Denn’s zur Großkette wurde. Prenzlauer Berg-Blase avant la lettre.

    War kritisch gemeint, mit einem augenzwinkernden Beiklang. Aber ich sehe es ein: Der Begriff ist verbrannt.

  2. Es ist ein grundsätzliches Problem mit Sprache und Definitionen. Der „Migrationshintergrund“ begegnete mir erstmals im Soziologiestudium, und zwar in der Bildungssoziologie. Um Ungleichheit untersuchen zu können, muss man Begriffe haben. Wenn es um Diskriminierung geht, reicht die Kategorie „Staatsangehörigkeit“ nicht, da es die Diskriminierung von deutschen Kindern mit Migrationshintergrund unsichtbar machen würde. Der Begriff wurde in der Folge dann oft genug mit der Absicht verwendet, bestimmten Deutschen das „richtige“ Deutschsein abzusprechen. Was für sich genommen absurd genug ist, da die Staatsangehörigkeit ja sowieso nur ein soziales Konstrukt ist. Und ähnlich scheint das mit dem Wort „biodeutsch“ zu laufen. Ich dachte allerdings immer, es käme ursprünglich von Rechten als Selbstbeschreibung und wurde nur ironisch von Nicht-Rechten verwendet, um sich über das verquere Weltbild lustig zu machen.

  3. Nutzen wir also zukünftig stattdessen „Kartoffel-Deutsche“, gefällt mir sehr gut. Man sollte auch mal über sich selbst lachen können. :D

  4. Almans für Deutsche ist wie Yankees für US-Bürger. Nicht alle Deutsche sind Almans.
    Schwarzbrote. Die kommen tatsächlich nämlich nicht aus Südamerika.
    „Schwarzbrot“ klingt auch nicht rassistisch oder so.

  5. Im Alltag genügen mir die Wort Deutsche oder Menschen.
    Wenn es in Texten oder Diskussionen um eine Differenzierung bzw. die Beschreibung von „Gruppen“ geht, kann man auch ausformulieren, wenn man meint.
    Bio-Deutsch fand ich nett als Ausruck des Vorurteils, dass es im Abi die einfachste Wahl war, um die Bereiche Math/Nat und Hauptfach (Deutsch/Mathe) abzudecken.

  6. Zu #3

    Liebe Inga,

    ich habe kein Soziologiestudium absolviert, finde aber gerade das Feld Bildung ein interessantes Beispiel. Um Unterschiede zu untersuchen, eignen sich Kriterien wie die, ob zu Hause Deutsch gesprochen wird, ob Eltern bei den Hausaufgaben helfen können, welchen Bildungshintergrund sie haben, ob Kinder von Fluchttraumata betroffen sind, Alphabetisierung etc. doch viel mehr, als die schlichte Frage nach Migrationsgeschichte ja oder nein.

    Auch die aktuelle PISA‑Studie beschreibt die Schülergruppen detaillierter, als nur allgemein einen „Migrationshintergrund“ abzufragen. Ich finde es deshalb gar nicht so einfach zu sagen, in welchen Bereichen die schlichte Kategorie Migrationsgeschichte tatsächlich noch einen Mehrwert hat.

    Herzliche Grüße,
    Annika Schneider

  7. Oja, bitte weg mit diesem idiotischen Begriff.

    Ich verstehe gar nicht, warum die Ursprungsvokabel „deutschstämmig“ außer Mode kam. „Deutschstämmig“ beschreibt so neutral wie genau, was Leute meinen, die „bio-deutsch“ sagen.

    Bitte einfach „deutschstämmig“ oder die im Artikel angebotenen Alternativen verwenden. Das täte so gut…

  8. @Chateaudur
    Kurze Frage: Ab wann ist man denn „deutschstämmig“? Nur Müller, Meier Weber oder doch auch Grabowski oder Sarrazin?

  9. Liebe Annika,
    natürlich kann und sollte man das alles genauer aufdröseln und beschreiben, und das wird ja auch getan (siehe PISA). Die von dir genannten Kriterien sind aber alles Variablen, die tatsächlich und objektiv die Leistung der Schüler*innen beeinflussen. Wenn die Forschungsfrage aber ist, ob es Diskriminierung gibt, geht es aber ja gerade um Zuschreibungen, die *nicht* über solche objektiven Umstände erklärbar sind. Tatsächlich wird Diskriminierung oft als das gemessen, was eben nicht durch andere Variablen erklärt wird. Und um das zu messen, brauche ich eben eine Kategorie wie z.B. den Migrationshintergrund, die die diskriminatorischen Kategorien (Aussehen, Name etc.) zumindest näherungsweise abbilden.
    Häufig versucht man auch, Kriterien zu nehmen wie das Aussehen (was extrem schwammig und auch wieder in sich problematisch ist) oder nicht-deutsch klingende Namen. Letzteres wird z.B. häufig verwendet, wenn man messen will, wie es mit der Diskriminierung am Wohnungsmarkt aussieht (Spoiler: schlecht): Wieviele Rückmeldungen auf E-Mails erhält [Deutsch klingender Name] vs. [Türkisch klingenden Name].
    Insgesamt bleibt aber das Dilemma, dass man diskrimatorische Zuschreibungen durch die Forschung derselben häufig reproduziert.

  10. Danke!
    Fand diesen Begriff schon immer schrecklich, selbst vor der Vereinnahmung der Rechten, konnte ihn aber getrost ignorieren.
    Aber mittlerweile versprüht er den Charme von Rassenkunde und ist wirklich ekelhaft geworden.

    Die Unterscheidung der Deutschen in, was auch immer, um irgendwelche Zugehörigkeiten aufzuzeigen finde ich allgemein sehr unnütz.
    Zur witzeln über spezielle „deutsche Eigenheiten“ finde ich Kartoffel sehr passend und nutze es selbst gerne hin und wieder mal.

  11. Zu #11:

    Liebe Inga,
    danke für die Erklärung, ich hatte nicht verstanden, dass es dir speziell um Diskriminierungserfahrungen geht. Ja, das klingt tatsächlich nach einem Dilemma für die Forschung, vielleicht auch für die Medienberichterstattung über diese Probleme. Auf jeden Fall eine spannende Frage, um darüber weiter nachzudenken.
    Herzliche Grüße,
    Annika

  12. @MT:
    Westfalen und Rheinländer? Franken und Bayern? Ossis und Wessis? Alles unnütze Einteilungen, ok.

    Ureinwohner oder Indigene ginge auch.

  13. Kartoffel, biodeutsch, Ureinwohner: seit wann? Da der homo sapiens ja mutmaßlich aus Afrika stammt, haben wir allesamt einen Migrationshintergrund. Meine Vorfahren wanderten vor über hundert Jahren aus Österreich nach Deutschland ein. Bin ich noch eine Mozartkugel oder schon Ritter Sport?

  14. @Mycroft
    Mit
    „Die Unterscheidung der Deutschen in, was auch immer, um irgendwelche Zugehörigkeiten aufzuzeigen finde ich allgemein sehr unnütz.“
    meinte ich eigentlich die Unterscheidung Deutsche und Menschen die aus irgendeinem Grund nicht „vollständig“ deutsch sind/sein sollen. Zb Menschen mit Migrationshintergrund, Asylsuchende, nicht deutsch gelesene Menschen etc.

    Diese Unterscheidungen sind mMn fast ausschließlich negative Fremdbezeichnungen.
    Innerdeutsche Unterscheidungen Schwabe Badener, Franke Bayer etc sind ja eher positiv. Sie sind auch sehr stark identitätsstiftend.

  15. @uli: Wenn Ihre Familie damals von Ungarn in Teile Litauen gezogen wäre, oder von Tschechien ins westliche Polen, könnten Sie genau dasselbe darüber sagen.
    Also Gulasch oder Piroggen?

  16. Was also soll „biodeutsch“ oder auch „deutschstämmig“ bedeuten?

    Charly Huber war für mich immer ein Bayer, Michel Abdollahi ist für mich Hanseat durch und durch, und wenn Yared Dibaba Platt prokt, denke ich an alles, aber nicht an Äthiopien. Einer meiner besten Freunde ist Sohn eines Schwarzen GIs, der kurz nach seiner Geburt in Vietnam gefallen ist. Seine Mutter, eine gebürtige Hamburgerin, zog ihn allein auf. Die Familie seines Vaters lernte er erst viel später auf eigene Initiative kennen.

    „Nein, ich meine, wo du wirklich herkommst“, „das wird man doch noch fragen dürfen“. Wenn ich diese Menschen schon nicht negativ abkanzeln darf, muss ich mich halt irgendwie pseudo-positiv von ihnen abgrenzen.

    Die Geschichte des Rassismus in Deutschland ist viel älter, als man erst glauben mag, aber auch viel jünger, als man denken könnte. Sie beginnt in etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts.

    „Im Kaiserreich standen die sogenannten auslandspolnischen Saisonarbeiterinnen und Saisonarbeiter mit auf den untersten Stufen, gefolgt von den (meist männlichen) Italienern und den weit privilegierteren Holländern und Österreichern, während jüdische Polinnen und Polen zeitweise gar nicht als Arbeitsmigrantinnen und -migranten zuwandern durften.

    In der Weimarer Republik waren es die sogenannten „Ostjuden“, die auf der untersten Hierarchiestufe der Herkünfte standen.

    Im „Dritten Reich“ waren es die als Sklavenarbeiterinnen und Sklavenarbeiter eingesetzten, meist osteuropäischen Jüdinnen, Juden und Roma-Minderheiten. Etwas weiter oben in der Hierarchie standen die sogenannten „Ostarbeiter“ aus Russland und die ebenso mit einem „P“ markierten polnischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter.“

    […]

    „So lösten Ende der 1950er-Jahre die Italiener als „Messerstecher“ die „asozialen Polen“ ab, die direkt nach dem Krieg als displaced persons und spätere heimatlose Ausländer die Figur des unerwünschten und kriminellen „Ausländers“ geprägt hatten – ein rassistischer Wissensbestand, der den Hass gegen „Ausländer“ auch nach 1945 legitim erscheinen ließ.

    In den 1980er-Jahren dominierten die „Kameltreiber“ und „Kümmeltürken“ sowie die „Scheinasylanten“.

    Heute sind es die „Kopftuchmädchen“ und die „Messermigranten“.“

    „Der verengte Blick

    Der Inbegriff des „Ausländers“ ist nicht lediglich kriminell, sondern noch im Duktus der 1950er-/60er-Jahre für den „deutschen Volkskörper“ gefährlich oder das deutsche Volk und seit etwa zwei Jahrzehnten für die deutsche Demokratie. Mit der Produktion dieser Figur korrespondierte, dass Kriminalität und Gewalt von „Ausländern“ stets im Fokus auch des medialen Interesses am „Ausländerproblem“ in Deutschland standen, während Gewaltverbrechen an „Ausländern“, die nach 1945 bis in die 1990er-Jahre hinein – als man dann begann, diese systematisch, aber weiterhin unvollständig zu erfassen – auch konstant durch deutsche Rassistinnen und Rassisten verübt wurden, kaum als solche wahrgenommen wurden.“

    https://www.demokratie-bw.de/rassismusgeschichte

    Schaut man sich unser Handeln genau an, so scheint es, wir wollten keine Integration. In der dritten Generation noch suchen wir nach Trennung und kommen nicht einmal auf die Idee, wie sehr wir sie durch Ungleichbehandlung befördern.

    Einbürgerung ist ein Integrationsturbo, wir behandeln sie wie eine unverdiente Gnade und bemühen uns, Eingebürgerte via Sonderbezeichnung zweitklassig halten zu können.

    Sichtbare Kriminalität korrespondiert vor allem mit sozialem Status; wir aber wollen sie den Externalisierten unterschieben können. Die ja nicht anders können, weil sie eine archaische Gruppenidentität haben, während bei uns immer nur der Einzelne strauchelt, aufgrund von individuellen Problemen.

    Es macht mich nur noch traurig.

  17. „Rassismus ist ’ne ganz natürliche Geschichte, hat doch jeder von uns. Rassismus ist sozusagen Natur. Was da fehlt, woran es mangelt, ist die Kultur.
    Rassismus war evolutionär möglicherweise gar nicht so unwichtig. Um seinen eigenen Genpool nach vorne zu kriegen, muss man sich abgrenzen von anderen Gruppen, aber das ist halt Rückenmark-Rassismus. Das ist maximal Krokodil-Gehirn. Was dann dazugekommen ist, ist halt der Neo-Cortex.
    Und das ist ein Mangel an Kultur, dass man dem Rückenmark freien Lauf lässt.“
    – Hagen Rether

  18. So sehr ich Hagen Rether schätze, da irrt er. Das ist zu kurz gedacht. Die Rassismus Definition verträgt sich nicht mit dem evolutionsbiologischem „Rückenmark“ Ansatz.
    Rassismus entstand nicht umsonst in der Aufklärung und bedurfte einer pseudo intellektuellen Plausibilität in Form von biologistischen- und später auch anderen scheinwissenschaftlichen Begründungen für Höher- vs Minderwertigkeit.
    Davor reichte es aus, dass der Fremde eine andere Religion hatte, um ihn abzuwerten.

    Ich mag diese Erklärungen allgemein nicht, die Dinge vorschnell natürlich nennen.

  19. Ich meine, er irrt nicht. Rassismus entstand auch sicher nicht in der Aufklärung, da wurde er vielleicht intellektuell definiert.
    Selbstverständlich sind die Begründungen für Höher- vs Minderwertigkeit scheinwissenschaftlich – Rückenmark eben.
    Meine einzige Kritik an Rether wäre, dass „Rassismus“ evtl. zu klein gefasst ist. Evolutionsbiologisch ging es wahrscheinlich mit Speziesmus los.

    Ich sag’s mal so: Evtl. orientiert sich Rether nicht ordnungsgemäß an der akademischen Rassismus-Definition. Muss er als Kabarettist ja auch nicht.

  20. Kinder sind phasenweise xenophobisch, weil sie in diesen Phasen entwicklungsbiologisch besonders eng an ihre Eltern gebunden sind.
    Der Urmensch hat nicht unterschieden, ob der Genpool des Fremden ein anderer war als der des Nachbarn. Das ist imo Unfug.
    Es ging wenn um seine eigenen Gene auch in Konkurrenz zu den Stammes Mitgliedern.

    Diese trivialen Erklärungen sind afaik meist nur vordergründig logisch und helfen daher nicht. Es ging auch nicht um eine Abwertung der Fremden, das kam kulturhistorisch später dazu und hatte immer auch ein Setting ( und sei es die reale Gefahr oder eine ideologische Instrumentalisierung ).
    Die jüngeren anthropologische Studien lassen auch vermuten, dass die frühen Menschen viel weiter rumkamen und sich mischten, als bislang vermutet.
    ( vergleiche Anfänge: Eine neue Geschichte der Menschheit , David Graeber und David Wengrow )
    Wertigkeiten wurden konstruiert. Wir könnten Rassismus auch wieder verlernen. Dass uns ein dunkler Teint anders reagieren lässt als ein heller ist konditioniert, nicht biologisch.

  21. @MT: Bayern >> Franken ist eigentlich dieselbe Denke wie Deutsch >> Polen:
    „Wir >> die“, was ja sicherlich „positiv und identitätsstiftend“ ist, keine Frage, aber nunja.

  22. @Mycroft
    Ich wiederhole mich jetzt nochmal
    „die Unterscheidung Deutsche und Menschen die aus irgendeinem Grund nicht „vollständig“ deutsch sind/sein sollen. Zb Menschen mit Migrationshintergrund, Asylsuchende, nicht deutsch gelesene Menschen“
    Ich dachte es ist verständlich dass ich von Menschen rede die sich selbst als Deutsche sehen, aber von anderen nicht als solche bezeichnet werden. Worauf sich ja auch die Bezeichnung Biodeutsch bezieht wenn sie von Rechten benutzt wird.

    Hat sich nichts damit zu tun : Deutsch >> Polen:
    „Wir >> die“

  23. @MT:
    Das hatte ich schon verstanden, aber dasselbe Gruppendenken, das bei Bayern und Franken als „positiv und Identität stiftend“ gilt, führt fast zwangsläufig dazu, dass die jeweilige Gruppe kontrollieren will, wer zur Gruppe gehören soll und wer nicht.

  24. „Das hatte ich schon verstanden, aber dasselbe Gruppendenken, das bei Bayern und Franken als ‚positiv und identitätsstiftend‘ gilt, führt fast zwangsläufig dazu, dass die jeweilige Gruppe kontrollieren will, wer zur Gruppe gehören soll und wer nicht.“

    Was natürlich wieder kompletter Blödsinn ist:

    Es ist nicht die Gruppe, die bestimmt, welches Verhalten positiv ist, sondern das Verhalten, und da spielt natürlich auch eine Rolle, welche Implikationen ein solches Verhalten mit sich bringt.

    „Du wirst nicht integriert, weil deine Eltern zugewandert sind und wir nur ‚Bio-Franken‘ wollen, egal, wie sehr du fränkelst und dich um die Tradition bemühst“, ist Arschlochverhalten, egal, wie verwurzelt einer sein mag.

    Exklusive Rückzugsräume sind nur für die Opfer der Mehrheitsgesellschaft relatable, damit sie auch einmal unbeschwert das erfahren können, was alle anderen als Default kennen.
    Deshalb sind die Räume mitunter nötig.
    Und nur um nicht missverstanden zu werden. Natürlich geht es hier nicht um Verbote. Jede(r) hat das Recht zum Arschlochsein solange niemand anderes dadurch eingeschränkt oder mehr wird.

    So, nun 3, 2, 1: rechte Opferrolle, los!

  25. Ach, Herr Gemein, natürlich ist Gruppenverhalten tendenziell auch Arschlochverhalten. Das ist doch mein Punkt. MT meinte, dass das nicht so sei. Beschweren Sie sich bei dem.

  26. Ich bin bei Ihnen ganz richtig: Sie versuchen die Verallgemeinerung und geraten aufs Glatteis. Gruppenverhalten ist Gruppenverhalten. Ob Engel oder Arschloch entscheidet sich von Fall zu Fall.

  27. @Mycroft
    Das einzige was ich gesagt/gemeint habe, dass es Gruppen gibt die von anderen bestimmt werden. Diejenigen die als Menschen mit Migrationshintergrund bezeichnet werden sehen sich selbst nicht als die Gruppe Menschen mit Migrationshintergrund. Dieses wird ihnen auferlegt und meistens in einem negativen Kontext.
    Aber wir Schwaben (bin einer) sehen uns als die Schwaben und nutzen dies auch als positives Merkmal und Identifikationsmerkmal.
    Und wie Herr Gemein schon sagt führt das nicht zwangsläufig zu Arschlochverhalten gegenüber anderen Gruppen. Meistens ist es nur spaßiges Gezanke.

  28. @MT: „zwangsläufig“ haben Sie jetzt gesagt. Aber offenbar wissen Sie für Ihr spaßiges Gezanke genau, wer Schwabe ist und wer nicht. Insofern ist es nicht meine Entscheidung, kein Schwabe zu sein.
    Ansonsten ok, solange es um nichts wichtiges geht, ist Gruppenverhalten selten arschig. Aber natürlich könnte man auch aufs spaßige Gezanke verzichten…

  29. @Mycroft
    Ich weiß ehrlich gesagt nicht worauf genau sie hinaus wollen.
    Meiner Meinung nach habe ich meine vorherigen Kommentar zur Genüge erklärt und jedes weitere diskutieren bringt uns immer weiter weg vom Thema des Artikels.
    Bzgl spaßiges Gezanke, es geht hier um die Klischees (geiziger Schwabe, bekannt für Kehrwoche und Häusle baue) und wenn einer es nicht mehr als lustig empfindet ist es auch nicht mehr spaßig.

  30. Ja, das meinte ich. Ist „irgendwann“ nicht mehr lustig.
    Aber gut, hat nur noch am Rande mit dem Artikel zu tun.

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