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Kurz vor der Sommerpressekonferenz mit Bundeskanzler Friedrich Merz schien in der „Spiegel“-Nachrichtenredaktion noch alles möglich. „Kommt heute der ‚Wir schaffen das‘-Moment für Merz?“, spekulierten sie im Live-Ticker.
Da klangen die Ticker-Redakteure noch voller Hoffnung, dass der CDU-Politiker der Welt vielleicht auch ein so legendäres Zitat hinterlassen würde, wie die damalige Kanzlerin Angela Merkel in der Sommerpressekonferenz 2015 – ein Zitat, das sogar einen eigenen Wikipedia-Beitrag hat, wie der „Spiegel“ tickerte.
Daraus ist nichts geworden. Gut 70 Minuten lang durften am Mittwoch die Journalisten der Hauptstadtpresse den Kanzler befragen, querbeet zu Allgemeinem, Aktuellem und Persönlichem. Wie jedes Jahr vor der Sommerpause des Parlaments kam der Kanzler dazu ins Gebäude der Bundespressekonferenz, war also zu Gast beim Verein der Hauptstadtjournalisten.

Obwohl im „Spiegel“-Ticker am Ende sieben beteiligte Autoren fast 50 Ticker-Einträge verfasst hatten, konnten sie nicht wirklich Neues vermelden. Die drei wichtigsten „Erkenntnisse“ waren, dass Merz sich von den Journalistenfragen nicht habe provozieren lassen, seine Reformen für einen großen Wurf halte und weiterhin nicht mit der AfD zusammenarbeiten wolle. Trotzdem brachte der „Spiegel“ später am Tag noch einen Analyse-Text zur Pressekonferenz. Fazit: „Gelacht wurde wenig, alles sehr ernst.“
Viel mehr konnten auch die anderen Medien aus der Befragung nicht herausdeuten. Merz habe sich zuversichtlich und entspannt gegeben, so der Tenor. Berichtet wurde trotzdem umfangreich, bei „Bild“, „FAZ“, „taz“, „Welt“, teilweise mit gleich mehreren Beiträgen. Der Deutschlandfunk widmete der Sommerpressekonferenz sogar einen der beiden Themenplätze in seinem Flaggschiff-Podcast „Der Tag“.
Viele der Beiträge tarnen sich als Analysen, sind aber eine Aneinanderreihung von Kanzler-Zitaten, Altbekanntem und Selbstverständlichem. Ist ja klar, dass Merz von seiner Regierung überzeugt ist – oder das zumindest behauptet.
Die Berichte sind im besten Fall banal. Im schlimmsten Fall wirken sie wie Lobhudelei. Wie die Überschrift des Deutschlandfunk-Podcasts, ein Kanzler-Zitat:
„Viel erreicht, aber noch lange nicht genug“
Oder bei der „Tagesschau“, die ebenfalls schon in der Überschrift Merz zitiert:
„Die Koalition hat Tritt gefasst“
Die „Süddeutsche Zeitung“ nutzte dasselbe Zitat in einer Überschrift. Der Text danach besteht zu großen Teilen aus Selbstlob und Zuversichtsbekundungen des Kanzlers. Merz findet demnach, dass seine Koalition „geliefert“ habe, ist „überzeugt“, dass sich die wirtschaftliche Lage bessern könne und gibt sich „optimistisch“ angesichts der Landtagswahlen im Herbst.
Solche Beiträge sind ganz im Sinne des Bundeskanzlers. Sie sind auch wenig überraschend. Gefragt werden darf in der Jahrespressekonferenz zwar frei zu allen möglichen Themen, auch kritischen. Der Kanzler antwortet darauf aber nur so ausführlich, wie er Lust hat – im Zweifel also knapp, ausweichend oder gar nicht.
Schön zu sehen an den Fragen von Wulf Schmiese, stellvertretender Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios.
Schmiese: „Was empfinden Sie rückblickend als den schwächsten Moment Ihrer Amtszeit als Bundeskanzler?“
Merz: „Herr Schmiese, darüber müsste ich länger nachdenken.
Schmiese: „Zusatzfrage: Aus welchen Fehlern haben Sie dann gelernt?
Merz: „Herr Schmiese, ich bin ein lernfähiges System und lerne jeden Tag dazu.“
Erlaubt ist immer nur eine Nachfrage, kritisches Nachbohren ausgeschlossen. Die jährliche Fragerei hat deswegen mehr etwas von einer Theateraufführung als von kritischem Journalismus.
Es wird gefragt, geantwortet und dann berichtet. Aber was gefragt, geantwortet und berichtet wird, scheint eher nebensächlich.

Inszenieren darf sich dabei nicht nur der Kanzler. Mindestens ebenso sorgfältig vorbereitet ist die Selbstinszenierung der Journalisten, die ihre penibel vorbereiteten Fragen der Öffentlichkeit präsentieren. Darunter sind ausschweifende Balkonfragen mit Zahlen, Zitaten und eigenen Einschätzungen. So wie bei dem „Phoenix“-Korrespondenten, der nicht nur die steigenden Sozialabgaben thematisiert, sondern gleich noch unterbringt, wie persönlich enttäuscht er von der geplanten Rentenreform ist.
Oder seine Kollegin vom „Focus“, die wissen will, ob Merz das Gefühl habe, dass die Koalition genug gegen die hohen Umfragewerte der AfD unternommen habe. Merz findet das natürlich, eine erwartbare Antwort. Kurz darauf postet die Journalistin den Videoausschnitt von ihrer Frage samt Antwort schon auf ihrem Instagram-Profil („Meine Frage heute“).
Man mag all das als trautes Ritual abtun. Einmal im Jahr gönnt sich die Hauptstadtpresse diese Gelegenheit, sich der eigenen Wichtigkeit zu vergewissern und den Kanzler himself in den eigenen Räumlichkeiten zu begrüßen, wo sonst meist nur sein Pressesprecher sitzt. Der Termin bietet die Möglichkeit, über die Stimmung in der Regierung zu berichten, das Stresslevel des Kanzlers abzuchecken und vor der Sommerpause Bilanz zu ziehen.
Aber die Texte hinterlassen einen schalen Eindruck. Inmitten der schwachen Wirtschaftslage sägt die Regierung am Sozialsystem, zulasten von Alleinerziehenden und Kassenpatienten, die internationale Lage bleibt furchteinflößend und die Klimakrise hat sich gerade erst mit über 5000 Hitzetoten ins Gedächtnis gerufen. 84 Prozent der Deutschen sind laut ARD-Deutschlandtrend mit Merz unzufrieden. Sie erwarten von Journalistinnen und Journalisten eher kritisches Nachhaken als das ausführliche Verbreiten von Politiker-Selbstlob. In ihrer Gesamtheit wirken die Berichte, als stünden Regierung und Hauptstadtpresse sich näher als beiden guttut.
Deswegen zum Schluss ein Gedankenexperiment. Was wäre, wenn nach einer solchen Sommerpressekonferenz ein Berlin-Korrespondent kurz in der Redaktion durchklingelt: „Sorry, war heute nichts Spannendes dabei, das lohnt dieses Jahr nur eine kurze Meldung.“ Und die Chefin vom Dienst antwortet: „Super, wir können den Platz/die Sendezeit/die Ressourcen gut für andere Themen brauchen.“ So undenkbar?
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Zu #2: Danke, diese Rückmeldung freut mich sehr.
Zu #1: Das stimmt, ich würde nie argumentieren, dass wir die Bundespressekonferenz nicht brauchen. Auch die Sommerpressekonferenz liefert der Hauptstadtpresse ja einen Mehrwert: die Möglichkeit, bei aktuellen Themen nachzuhaken und zum Beispiel auch rückblickend in Protokollen zu schauen, wie Kanzler und Kanzlerinnen sich dazu mal geäußert haben. Dafür braucht es aber aus meiner Sicht nicht die extensive Berichterstattung über die Pressekonferenz selbst. Danke für den Vorschlag.