Mehr über Jens Spahn
Gegen 15 Uhr vermeldeten Medien am Samstag den Rücktritt des Unionsfraktionsvorsitzenden Jens Spahn. Nur drei Stunden später ging es in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ schon um sein mögliches Comeback. Der NRW-Korrespondent des FAZ-Feuilletons hatte einen Kommentar zu Spahns Rücktritt geschrieben.
„Nun ist Jens Spahn der erste deutsche Politiker, der wegen eines Kinderwunschs zurücktreten musste“,
lautet der erste Satz des Textes. Das ist falsch. Spahn ist nicht zurückgetreten, weil er mit seinem Mann eine Familie gründen wollte und sich diesen Wunsch erfüllt hat. Er ist zurückgetreten, weil das Paar sein Kind von einer Leihmutter hat austragen lassen und der Politiker Spahn sich vorher öffentlich gegen Leihmutterschaft ausgesprochen hatte.
Er vertrat also politisch das eine und tat privat das Gegenteil. Die Diagnose lautet nicht „Kinderwunsch“, sondern „Doppelmoral“.
Eigentlich weiß der FAZ-Autor das auch. Für jeden Rücktritt gäbe es „Gründe, Ursachen und Anlässe“, die oft nicht leicht auseinanderzuhalten seien, schreibt er später im Text. Spahn habe gute Gründe, den Kinderwunsch als einzigen Anlass „zu hegen und zu pflegen“.
Darin steckt eine richtige Beobachtung: Für Spahn und seine Berater wäre es ein gelungenes Ablenkungsmanöver, den Rücktritt nur auf die Familiengründung – also den „Anlass“ – zu schieben. Schön weit weg von Debatten um Doppelmoral, die Maskenaffäre und den Kauf einer Luxusvilla.
Leider vergisst der FAZ-Autor, all diese „Ursachen“ für den Rücktritt zumindest einmal zu erwähnen. Er verkünstelt sich so im Text, dass es am Ende wirklich scheint, als sei es bei Spahn nur um den harmlosen Wunsch gegangen, Vater zu werden.
Gleich zu Beginn zählt der Text ausführlich „Kuriositäten“ auf, für die deutsche Politiker schon zurückgetreten sind. Wobei es natürlich nicht wirklich kurios ist, wegen eines Stasi-Spitzels im eigenen Büro oder wegen fragwürdiger Kredite sein Amt abzugeben. Doch um alle tieferen Gedanken zu Unbestechlichkeit und Glaubwürdigkeit von Politikern, macht der Text einen weiten Bogen.
„Je läppischer der Anlass, desto besser für den betroffenen Politiker“, schreibt der Autor stattdessen. Für ein mögliches Comeback sei der Kinderwunsch von Spahn „geradezu ideal und im Grunde nicht zu übertreffen“. Denn er sei nicht läppisch, sondern menschlich:
„Wie konnte es nur dazu kommen, so könnte in einigen Jahren gefragt werden, dass ein Politiker zurücktreten musste, nur weil er sich gemeinsam mit seinem Ehemann den Kinderwunsch erfüllt hat? Waren die Zeiten damals wirklich so herzlos?“
Sollte das tatsächlich irgendwann jemand so fragen, wäre das eine ziemliche Verdrehung der Wirklichkeit. Es wäre gut gewesen, das dazuzuschreiben, damit nichts Falsches hängenbleibt. Denn „herzlos“ sind „die Zeiten“ gerade nicht. Wenn man die sozialen Medien außen vor lässt, gibt es in der aktuellen Debatte viel Verständnis für Spahns Kinderwunsch und kaum Missgunst. Auch Parteikollegen, die seinen Rücktritt forderten, gratulierten zur Geburt, freuten sich für die Familie, wünschten ihr alles Gute.
Selbst die christlich-konservativen Stimmen aus der Union stellen öffentlich nicht mehr in Frage, dass zwei Männer in der Lage sind, Kinder gemeinsam großzuziehen. Natürlich kann es sein, dass es hinter den Kulissen weiterhin Queerfeindlichkeit gibt, aber trotzdem: Das ist ein riesiger Fortschritt. Im FAZ-Kommentar kommt Spahn deswegen zu gut, die Union zu schlecht weg.
Wer genau liest, wird spätestens hier feststellen: Der ganze Text ist zynisch gemeint. Der Autor beschreibt eine Gesellschaft, die schon in wenigen Jahren vergessen haben wird, warum ein Spitzenpolitiker wirklich gehen musste.
Leihmutterschaft sei bald ohnehin akzeptiert, prognostiziert er. Das hat aus seiner Sicht irgendwas mit Longevity, Selbstoptimierung und humanoiden Robotern zu tun, auch wenn der Zusammenhang rätselhaft bleibt. Spahn könne dann „auf relativ problemlose Weise“ in die Politik zurückkehren, so die Vermutung.
„Ein Spitzenpolitiker, der sein Amt aufgibt und seine Karriere aufs Spiel setzt, um sich einen Kinderwunsch zu erfüllen, das ist der Stoff, aus dem sich Legenden schnitzen lassen.“
Genau das ist die Gefahr, und auf diese Strategie hätte der FAZ-Kommentator deutlicher hinweisen sollen. Stattdessen bleibt beim schnellen Lesen etwas ganz anderes hängen: dass der Grund für den Rücktritt wirklich ein harmloser Kinderwunsch war.
Dazu trägt auch die pathetische Überschrift bei: „Er folgte nur seinem Herzen“. So schnitzt der Autor schon jetzt fleißig mit an der Legende von Spahn, der nur seinem Herzen folgte, und der herzlosen Gesellschaft, die ihm das nicht gönnen wollte. Obwohl der Text vermutlich genau das Gegenteil bezwecken wollte.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Turnstile. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Instagram. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von X. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen
Was das Absicht, dass auch hier die Aufklärung über die Intention des FAZ-Autors erst so spät benannt wird und man auf dem Weg dahin über manch eine vorherige Formulierung gewundert hat? :)
(„Warum sollte jemand, der Spahn offenbar auf Biegen und Brechen verteidigen möchte, X oder Y noch tun, um die Wahrheit zu betonen…?“ so etwa gings mir durch den Kopf in den ersten Absätzen.)
Wenn ja, hat der Kniff gut gewirkt und man konnte das Erlebnis des FAZ-Artikels womöglich ganz gut nachempfinden.
Lieber Peter Sievert,
diese Absicht hatte ich tatsächlich gar nicht. Das ist dann wohl eher eine Schwäche meines Textes, wenn Sie sich in die Irre geführt fühlen. Aber nett, dass Sie das als „Kniff“ auslegen :)
Herzliche Grüße
Annika Schneider
Mir ging das tatsächlich auch so wie #1 beim Lesen.
Tatsächlich nehme ich die Berichterstattung aktuell aber auch so wahr, dass der Rücktritt vor allem auf diese Leihmutterschaft bzw. die damit verbundene Doppelmoral zurückgeführt wird. Dabei ist das so ziemlich die harmloseste Verfehlung, die sich Spahn seit seiner Zeit als Gesundheitsminister geleistet hat. Von daher scheint es mir fast schon Kalkül zu sein, den unvermeidlichen Rücktritt jetzt so herbeizuführen („Für ein mögliches Comeback sei der Kinderwunsch von Spahn ‚geradezu ideal und im Grunde nicht zu übertreffen’“). Nur dass ich mir nicht mal bei Jens Spahn vorstellen kann, dass in diesen Karrierismus jetzt ein Kind mit reingezogen wird.
Nachfrage aus Interesse: Gibt es einen Grund, weshalb Sie Herrn Spiegel nicht beim Namen nennen ubd konsequent vom „FAZ-Autor“ schreiben?
Dass Narrativ wurde übrigens auch von Herrn Neubauer (Spiegel) im Presseclub vertreten. Zitat „die Partei der Christen, die Partei der Familien, diePartei der heiligen Leihmutter Maria (sic!)“.
Bisschen seltsam, dass sich die Schlagworte „Homophobie“ und „Queerfeindlichkeit“ unter dem Artikel finden, obwohl Frau Schneider doch selbst darauf hinweist, dass dies in der Debatte erfreulicherweise keine Rolle gespielt hat.
Zu #4: Ich fand den Namen für die Kritik nicht weiter relevant. Sehen Sie das anders?
Zu #5: Die Debatte um Jens Spahn ist sicherlich interessant für Leser:innen, die mehr Inhalte zum Thema Queerfeindlichkeit/Homophobie suchen – gerade weil ich sie als Positivbeispiel sehe.
Ich tue mich ein wenig schwer mit dem Begriff Doppelmoral.
Parteien bilden immer ein breites Spektrum an Meinungen ab, der Konsens innerhalb der Partei ist dann enger. Wenn Herr Spahn jetzt zum zweiten Mal gegen den parteiinternen Konsens verstoßen hat, dann ist es halt schwierig weiterhin Fraktionsvorsitzender zu sein. In beiden Fällen hat er sich krass am Frauenbild der Union vergangen.
Falls sich das Frauenbild der Union zum Positiven ändert, würde ich die Kröte mit dem Comeback von Herrn Spahn glatt fressen.
Nichtsdestotrotz wünsche ich ihm und seiner Familie alles Gute. Und möge er möglichst lang in Elternzeit bleiben.
Sehr gerne bis der Kurze volljährig ist. Und vielleicht mag er ihn auch im Studium noch tagesfüllend begleiten? Mittags für ihn kochen und so? Familie ist wichtig, Herr Spahn! Die Macht und Peter Thiel können warten.
Dieser Artikel von transparency international ist nun fast genau ein Jahr alt.
https://www.transparency.de/aktuelles/detail/article/forderung-untersuchungsausschuss-amtsfuehrung-spahn
„Besonders alarmierend sind die neu von Correctiv aufgedeckten Verbindungen zwischen Spahn und dem Millionär Frank Gotthardt, Gründer der CompuGroup Medical und Financier der rechtspopulistischen digitalen Plattform NIUS. Diese Konstellation offenbart eine problematische Dreiecksbeziehung zwischen politischen Entscheidungsträger:innen, profitierenden Unternehmen und meinungsbildenden Medien. Die Methode, Entscheidungen zugunsten derjenigen zu treffen, die man „persönlich kennt und einschätzen kann“ (Zitat Spahn), ist zu Spahns fragwürdigem Markenzeichen geworden. Unter seiner Amtsführung wurde ein Gefälligkeitssystem geschaffen, von der ausgewählte Unternehmen offenbar gezielt profitierten.
Dazu Christin Lüttich, Geschäftsführerin von Transparency Deutschland:
Diese Form der Günstlingswirtschaft höhlt das Vertrauen in unsere demokratischen Institutionen aus. Wenn persönliche Netzwerke und Bekanntschaften die Vergabe öffentlicher Mittel bestimmen, untergräbt dies die Grundprinzipien unseres Vergaberechts: Wirtschaftlichkeit, Diskriminierungsfreiheit und Korruptionsfreiheit. “
Für mich ist Spahn der Posterboy der Politikverdrossenheit. Sinnbild für das, was in der Union falsch läuft.
Klar, die Verkürzung auf „Kinderwunsch“ wird der Sache nicht gerecht aber ich würde die Kritik daran teilen, dass man als Begründung für seinen Rauswurf nun etwas so schwammiges, nicht strafbares, ja geradezu menschliches (und damit später gut zu verzeihendes) wie „Doppelmoral“ heranzieht, wohingegen Maskendeals, 9999 € Spendendinner usw. anscheinend folgenlos blieben. Da ist es doch wirklich nicht weit hergeholt, wenn dann spekuliert wird, dass das später den Spin „Kinderwunsch“ kriegt.
„Kinderwunsch in herzlosen Zeiten“. So könnte auch die Schlagzeile der Yellow Press über Helene Fischer lauten.
@7:
Zitat Jens Spahn während einer Debatte über Leihmutterschaft vor ein paar Jahren: „Als schwuler Mann und Christ kann ich mich persönlich nur sehr schwer mit der Idee eines gemieteten Mutterbauchs anfreunden.“
Es war also nicht nur Parteiräson, sondern seine eigene Meinung. Diese änderte er, als es ihn selbst betraf. Insofern kann man ihm sehr wohl Doppelmoral vorwerfen, denn ich kann doch von einem Politiker erwarten, dass er eine Meinung bildet – und damit eine politische Entscheidung trifft -, nachdem er sich hat beraten lassen und das Für und Wieder abgewägt hat. Oder aber dass er klar kommuniziert, warum er jetzt anderer Meinung ist. Spahn blieb in seiner Rücktrittserklärung aber (absichtlich) schwammig von wegen „ich habe nicht vorausgesehen, dass dieser Kinderwunsch so viel Aufruhr verursacht“.
Ich sehe hier aber nur einen von vielen. Ich möchte wetten, wären bestimmte Politiker morgen auf Bürgergeld angewiesen, würden sie ihre Meinung über die „soziale Hängematte“ auch ändern. Insofern ist Spahn nur ein Symptom einer weit verbreiteten Krankheit.