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Die Nazizeit ist – mal wieder – in aller Munde. Das passiert alle paar Jahre, wenn die öffentliche Aufmerksamkeit über das normale historische Grundrauschen hinaus ein Thema aus dem „Dritten Reich“ findet, das besonders fasziniert. Aktuell bieten der „Spiegel“, die „Zeit“ und neuerdings auch die „Süddeutsche Zeitung“ Tools an, mit denen sich die nun frei verfügbare NSDAP-Mitgliederkartei durchsuchen lässt. Und noch einmal fragen sich deshalb jetzt viele Deutsche, was ihr (Ur-)Opa denn damals gemacht hat.
Aber auch abseits der Familienforschung ergeben sich immer neue Fragen. Fast jedes Ministerium und jede Behörde hat sich in den vergangenen 20 Jahren wissenschaftlich mit der eigenen Geschichte befasst, und die meisten großen Konzerne haben mal mehr, mal weniger seriöse Aufarbeitungen in Auftrag gegeben. Nun, wo diese Firmengeschichten vorliegen, rücken ihre Entscheidungsträger in den Blick, denn die waren nicht nur Vorstände in NS-Unternehmen, sondern nach dem Krieg oftmals hoch angesehene Bürger, Mäzene, Helden des „Wirtschaftswunders“.
Einer davon war Ernst Sigle. Der gelernte Schuhmacher hatte zusammen mit seinem Bruder und zwei weiteren Geschäftspartnern aus einer kleinen Hausschuhmanufaktur die große deutsche Schuhmarke „Salamander“ geformt. Dafür war er schon in den 1920er-Jahren von seiner Heimatgemeinde Kornwestheim in Baden-Württemberg mit der Ehrenbürgerwürde ausgezeichnet worden, nach seinem Tod 1960 wurde das neugebaute Gymnasium nach ihm benannt. Sigle und Kornwestheim, das gehörte lange fest zusammen.
Doch das Bild bekam Risse: Die Salamander AG hatte von „Arisierungen“ jüdischer Betriebe profitiert. Kornwestheim beschloss 2025, die Geschichte ihres Ehrenbürgers noch einmal genauer untersuchen zu lassen, und engagierte dafür die Historikerin Anne Sudrow, eine für dieses Thema anerkannte Expertin.
Ihr Gutachten kam zu der Empfehlung, Sigle beide Ehrungen abzuerkennen. Neben dem Profit, den er aus der Enteignung von Juden gezogen hatte, hatte die Firma Salamander unter seiner Führung nicht nur Zwangsarbeiter eingesetzt – wie alle anderen Produktionsgewerbe auch –, sondern sich durch besondere Gleichgültigkeit für deren Schicksal hervorgetan. Am schwersten wog Sigles Engagement an der „Schuhprüfstrecke“: Im KZ Sachsenhausen hatten Häftlinge auf einem Rundkurs mit verschiedenen Schuhen mehr als 40 Kilometer am Tag laufen müssen, um die Abnutzung der Materialien zu prüfen. Wer dabei zusammenbrach, wurde erschossen.
All diese Erkenntnisse stellte Sudrow im Mai der Öffentlichkeit in Kornwestheim vor. Für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtete der Historiker und Baden-Württemberg-Korrespondent Rüdiger Soldt am 10. Juni von der Veranstaltung – mit einer bemerkenswerten Leerstelle.

Soldt erwähnte in seinem Artikel auch kritische Stimmen: Einige Bürger in Kornwestheim waren für Sigle in die Bresche gesprungen, schließlich könne der sich 65 Jahre nach seinem Tod nicht mehr wehren, und man vergesse seine Wohltaten für die Stadt. Das Urteil in der FAZ über solche Versuche der Schuldabwehr ist eindeutig:
„Die Diskussion erinnerte ein wenig an Debatten in den Achtzigerjahren, als die Aufarbeitung von NS-Unrecht vielfach gegen hartnäckige Widerstände durchgesetzt werden musste.“
Das stimmt, denn gerade zu Beginn der breiten Beschäftigung mit der NS-Geschichte gab es auch viele, die den berüchtigten „Schlussstrich“ unter die Vergangenheit ziehen wollten.
Nur: In Soldts immerhin eine Drittelseite füllenden Artikel im Politik-Teil der FAZ findet sich selbst ein blinder Fleck, wie es sie in der westdeutschen Gesellschaft der 1980er-Jahre zuhauf gab. Denn neben Ernst Sigle gab es noch einen weiteren großen Mann bei der Salamander AG: ihr Generaldirektor Alex Haffner, der in Sudrows Gutachten ebenfalls kritisch erwähnt wird.
Haffner war nach der aktuellen Quellenlage im Nationalsozialismus nicht von politischer Überzeugung getrieben, wusste das System aber doch zu seinem unternehmerischen Vorteil zu nutzen. Von der Schuhprüfstrecke muss auch er Kenntnis gehabt haben, von der Lage der Zwangsarbeiter ohnehin. Und in die Anstellung von NS-Tätern als Manager in der Nachkriegszeit war er ebenfalls eingebunden.
Bis heute aber ist Alex Haffner vor allem wegen einer anderen Tätigkeit bekannt: 1949 gehörte er zu den Initiatoren der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Der Historiker Peter Hoeres nennt ihn in seinem Buch zur Geschichte der FAZ neben Herausgeber Erich Welter den „wichtigsten Mann bei der Gründung“: Er trommelte andere Industrielle zusammen, gab das erste Geld und formte die Zeitung damit maßgeblich. Das von ihm eingerichtete Kuratorium der Eigentümerstiftung nennt die FAZ selbst die „DNA dieser Zeitung“.
Wenn also das Blatt über die NS-Geschichte der Firma berichtet, aus der ihr Gründungsvater Einfluss und Vermögen bekam, sollte diese Doppelrolle zumindest ein paar einordnende Sätze bekommen. Bekam sie in dem Artikel aber nicht. Auf Anfrage von Übermedien, wieso dem so ist, hat FAZ-Korrespondent Soldt nicht geantwortet.
Einem kritischen Leser gegenüber begründete er die Auslassung knapp damit, dass sein Text den Fokus auf Ernst Sigle und seine Heimatstadt lege. Doch gerade weil Soldt die Abwehrreflexe einiger Kornwestheimer mit der umkämpften Geschichtsdeutung der 1980er vergleicht, fällt die Leerstelle umso stärker ins Gewicht.
Sie passt allerdings in die Blattlinie: Die FAZ hat Haffner immer mal wieder in Artikeln erwähnt – und dabei insbesondere seine großen Leistungen hervorgehoben: Die Initiative des gleich zweifach promovierten Ökonomen und Juristen, des Liberalen Haffner, habe dazu geführt, dass die westdeutsche Industrie genug Geld locker machte, um mit der FAZ ein publizistisches Gegengewicht gegen „die sozialistisch orientierte Presse“ (Ludwig Erhard) zu schaffen.
Ein kritisches Wort findet sich im FAZ-Archiv nicht. Dazu ist Haffner in der Betrachtung deutscher Industrieller der NS-Zeit bisher auch zu unauffällig geblieben: Er war weder NSDAP-Mitglied, noch fiel er durch besondere Loyalitätsbekundungen gegenüber Adolf Hitler auf. In seinem Fragebogen zur Entnazifizierung bezeichnete er sich gar als „Antinazi“, der Kontakte zum bürgerlichen NS-Widerstand gehabt habe – Belege dafür gibt es zumindest laut des Sudrow-Gutachtens aber keine. Die ehemalige Salamander-Zwangsarbeiterin Vera Friedländer hat die Frage nach Haffners Widerstand in ihren Memoiren so beschrieben, dass er wohl ein Gegner Hitlers gewesen sei, aber nicht des Systems, das ihn zu einem vermögenden Mann gemacht habe.
All das muss die FAZ natürlich nicht in einem Artikel diskutieren, der sich mit der Person Ernst Sigle und der Stadt Kornwestheim befasst. Doch den Namen Haffner einfach auszulassen, spricht auch nicht für den Willen des Blattes, die dunklen Stellen dieses Teils der Blattgeschichte zu beleuchten. Ganz so wie in den 1980er-Jahren.
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Die FAZ kann man nicht mehr ernst nehmen. Erst recht nicht nach dem gestrigen, vor bourgeoiser Arroganz nur so triefenden von Altenbockum’schen Leitartikel.
@D W B (#1):
Na ja, einen Jürgen Kaube nehme ich schon sehr ernst. Bei der FAZ gab es immer schon starke Unterschiede zwischen Politik (knallkonservativ), Wirtschaft (neoliberal) und Feuilleton (oft klug). Für letzteres schreibt neben dem liberalen Intellektuellen Kaube immerhin auch ein ausgewiesener Linker wie Dietmar Dath.
@Kritischer Kritiker #2 Diesen Spread gab es schon immer, da geben ich Ihnen recht. Aber das Politikressort ist inzwischen sehr stramm nach rechts gerückt. Die Verharmlosung der AfD ist schon signifikant bis erschreckend.