Mehr über Symbolfotos
Manche Themen sind für Medien kaum zu bebildern. Es gibt zum Beispiel Krankheiten, bei denen man Menschen nicht ansieht, dass sie krank sind. Würden Redaktionen ihre Berichte etwa mit dem Foto einer zwar betroffenen, aber eben gewöhnlich aussehenden Person aufmachen, würde sich der Bezug zum Thema niemandem erschließen.
In diesem Dilemma greifen Redaktionen mitunter zu Symbolbildern, die ihrem Thema nur selten gerecht werden: Menschen, die an Depression leiden, kauern ja nicht den ganzen Tag in irgendeiner Zimmerecke und halten sich verzweifelt die Hände vors Gesicht, wie es Medien immer wieder suggerieren. Und wenn Sie jetzt denken, dass man die Illustration von Berichten über Depressionen auch leicht anders lösen kann, dann suchen Sie mal ein Foto zum Thema Länderfinanzausgleich – vor allem, wenn Sie nicht Markus Söder abbilden möchten, der sich verzweifelt die Hände vors Gesicht hält.

Je abstrakter ein Thema, umso größer die Herausforderung. Fotos von Kongressen, Pressekonferenzen, Parlamentssitzungen gibt es zuhauf, doch die sind denkbar langweilig und verraten meistens nicht , worüber die gezeigten Personen dort sprechen oder warum dort konferiert wird.
Bildagenturen lösen dieses Problem auf ihre Weise. Vor allem Anbieter von Stockfotos, die Bilder unabhängig von einem Auftrag oder einem konkreten Anlass vorproduzieren. Sie setzen zentrale Begriffe einfach buchstäblich um. Sehr beliebt ist beispielsweise, sie mit Scrabble-Steinen zu legen. Wahrscheinlich geht ein relevanter Teil des kommerziellen Erfolgs dieses Spiele-Klassikers auf Direktverkäufe an Fotografen zurück. Die legen dann sogar politische Kampfbegriffe wie „Corona-Diktatur“, fotografieren das Ergebnis und bieten es verzweifelten Bildredakteuren zum Download an. Aber gut, klar – in welcher Familie gibt es nicht diesen einen Großonkel, der beim Familien-Scrabble Wörter wie „Schuldenschnitt“ oder „Renteneintrittsalter“ aufs Brett zaubert.

Bei Talkshows bräuchte es all das eigentlich nicht. Reichen würden: Ein zweckmäßig gestaltetes Studio, ein gutes Schnittkonzept für die Bildregie und die Möglichkeit, aussagekräftige Bilder oder Videos einzublenden. Markus Lanz reicht das allerdings nicht. Die Redaktion seiner gleichnamigen ZDF-Talkshow setzt konsequent auf Schilder-Bilder.
Irgendjemand scheint dort große Freude daran entwickelt zu haben, Verkehrsschilder aus Stockfoto-Datenbanken runterzuladen und sie offenbar teilweise selbst mit neuen Wörtern zu versehen. Das wenig subtile Ergebnis sieht das Publikum in praktisch jeder Sendung mehrfach im Hintergrund.

Die verhinderte Bundesverfassungsrichterin-Kandidatin Frauke Brosius-Gersdorf etwa platzierte man vor einem gelben Ortschild mit dem durchgestrichenen Wort „Plagiat“, über dem – quasi als Ziel des eingeschlagenen Weges – der Begriff „Original“ steht. In einer anderen Sendung führte Lanz‘ Straße vom „Politikwechsel“ geradewegs zum „Finanzierungsvorbehalt“, in einer weiteren von „Bürger*in“ zum „Genderverbot“.

Auch Würfel, die die Buchstaben „Handelsbazooka“ zeigen, blendet die Redaktion ein. Oder ein rot-weiß-gestreiftes Flatterband mit dem Aufdruck „Belästigung“, als es um Übergriffe auf Frauen in Freibädern ging, weil die Polizei bekanntermaßen für jedes Delikt die passende Absperrung im Streifenwagen hat (und vielleicht auch, weil man hinter dem Band mal großformatig einen kopflosen Frauen-Oberkörper im Bikini zeigen konnte). Und zur Wehrpflicht-Debatte sehen wir natürlich ein Los, wie man es in Jahrmarktbuden kriegt, hier aber mit dem Aufdruck: „Sie haben gewonnen: 1x Musterung“.

Und was könnte deutscher sein als Stempel? Lanz verfügt über eine eindrucksvolle Auswahl an Fotos von Holzstempeln mit Aufdrucken wie „Zurückweisung“, „Stromsteuer“, „Mütterrente“, „Impfpflicht“, „Handelskrieg“, „US-Angriff“ und „Krise“. Man ertappt sich bei dem Gedanken, dass es all diese Stempel in irgendeiner Amtsstube wirklich geben könnte. Im Kanzleramt etwa, wo eifrige Beamte ihre Grönland-Akten sicherheitshalber gleich doppelt stempeln: „US-Angriff“, „Krise“ – Klarheit auf einen Blick.
Doch am meisten haben es der Lanz-Redaktion Verkehrsschilder angetan. Ein rotes Stoppschild mit der Aufschrift „Zollschranke“; ein Baustellenzeichen mit dem Zusatzschild „Wirtschaft“; ein Abzweig, an dem wir entweder zum „Debattenraum“ oder, in die Gegenrichtung, zur „Cancel Culture“ abbiegen können. Kreativ auch das unter eine Art Bahnhofsuhr montierte Schild mit einem grünen Pfeil nach rechts für die „Spätrentner“ und einem roten nach links für die „Frührentner“. Zwei Wegweiser mit dem Aufdruck „Bundeswehr“ und „Verteidigung“ zeigen immerhin in dieselbe Richtung, während manchmal nur ein mögliches Ziel existiert, zum Beispiel: „Kulturkampf“.

Dank dieses Stilmittels gibt es plötzlich kein Thema mehr, das sich einer Bebilderung entziehen kann. Abschiebung? Bitte: Ein Pfeil auf einem Schild mit der Aufschrift „Afghanistan“ deutet nach oben, gen Himmel, im Hintergrund ein Stück Stacheldraht und ein abhebendes Flugzeug vor strahlend blauem Himmel. Man weiß ja, dass sich die Piloten der Abschiebe-Flieger an solchen Schildern orientieren: Nach Afghanistan? Bitte einmal nach oben abbiegen. Auf allen Flughäfen sorgen solche Schilder für Orientierung.
Spannend auch: das Straßenschild mit dem Text „Nationale Notlage?“ Wahrscheinlich gibt es wenige Dinge, die besser in unsere Zeit passen als Wegweiser mit Fragezeichen. „Berlin?“ – ja, nö, weiß doch ich nicht, ob diese Richtung stimmt.
Womöglich hat alles als eine Art stummer Protest eines bemitleidenswerten Lanz-Redakteurs begonnen. Eines Redakteurs, der stundenlang (zwischendurch mit den Händen vorm verzweifelten Gesicht) eine Bilddatenbank nach der anderen durchsuchte und ums Verrecken kein sinnvolles Foto für die jeweiligen Themen der Sendung fand – und dann irgendwann entnervt sein erstes Gaga-Schild produzierte, um fortan einfach so weiterzumachen, weil niemand, hihi, ein Stoppschild setzte.
Inzwischen ist die Redaktion längst auf den Geschmack gekommen und illustriert wirklich jedes Thema mit Schildern, Stempeln, Absperrbändern, völlig egal. Nötig ist das nicht, das beweisen die Nachbarredaktionen von Illner, Miosga, Maischberger & Co. – es ist gewollt, so schräg die Ergebnisse auch sind. Dabei ist kein Bild zweifellos oft besser als ein abwegiges und unfreiwillig komisches Symbolbild, und für eine Talkshow-Redaktion wäre das ungleich einfacher zu beherzigen als für die Gestalter:innen von Zeitungsseiten, die ihrer Leserschaft keine Bleiwüste zumuten wollen.
Vielleicht sollte man angesichts ihrer anscheinend schmerzbefreiten Konsequenz aber auch anerkennen, dass die Lanz-Redaktion es geschafft hat, ihren Schildaismus zu einer zwar fragwürdigen, aber eben ganz eigenen Kunstform zu erheben. Und das muss man mit plumpen Symbolbildern ja auch erst einmal hinbekommen.
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Ich hebe ein Schild hoch: „Gut Beobachtet“
Ein schöner Führer durch das Pandämonium der Symbolfotos. Ich muss seit 18 Jahren Pressemitteilungen bebildern und kenne die Beispiele alle. Es ist furchtbar – vor allem, wenn der Arbeitgeber nicht genug Budget hat, eine anständige Bildagentur zu abonnieren.
Versuchen Sie mal, eine wochenlange Debatte über E-Mobilität zu bespielen, ohne jeden zweiten Tag das Bild einer Ladesäule hochzuladen! Oder Cyberkriminalität ohne Typen im schwarzen Kapuzi. Oder Finanzen ohne Münzstapel auf Geldscheinen. (Scrabble-Bilder habe ich vor 10 Jahren tatsächlich mal selbst gebaut. Mit einem Scrabble-Spiel…)
Ich geh jetzt in meine Ecke und vergrabe das Gesicht in den Händen.
In unserem Weltkonzernsintranet werden regelmäßig die neuesten high-potential Neuzugänge mit einem nichtssagenden Artikel begrüßt. Da kommt dann beispielsweise Peter Schmidt neu ins Büro New York, und auf dem Teaserfoto ist weder Peter Schmidt zu sehen, noch unser Büro in oder eine Ansicht von New York zu sehen, sondern ein Stockfoto von irgendeiner Agentur mit irgendwas drauf. Irgendeine Skyline, eine generische Glasfassade, ein Treppenhaus, Windräder, Containerschiffe, Fußgänger an einer belebten Kreuzung in Tokio. Aber farblich passen sie immer sehr gut zueinander. Kühle Blau- und Grüntöne mit einem Orangenen Akzent.
Jetzt ™ kam die Idee auf anstelle der teuren (Haha) Agenturbilder doch mit KI irgendetwas automatisch herstellen zu lassen.
Lanz ist überall.
Danke für das Söder-Bild. So möchte man ihn immer sehen: Das Gesicht verzweifelt in den Händen vergraben. Man müsste davon ein Schild drucken.
Uebermedien immer wieder köstlich.