Notizblog (57)

Im Streichelzoo des Straßenkämpfers

In der ersten Ausgabe ihres Podcasts unterhält sich die Journalistin Melanie Amann mit dem Podcaster Ben Berndt. Es ist ein interessantes, instruktives Gespräch zwischen zwei Menschen mit sehr unterschiedlichen Meinungen und sehr verschiedenen Perspektiven, vor allem auf Journalismus.
Der Podcaster Ben Berndt zu Gast im Funke-Podcast „Amann unframed“.
Podcaster Ben BerndtScreenshot: Funke Mediengruppe

Nach ziemlich genau drei Stunden im Gespräch mit der Journalistin Melanie Amann sagt der Podcaster Ben Berndt einen Satz, der vermutlich vorher noch in keiner Diskussion über Journalismus gefallen ist: „Die wenigsten Journalisten könnten in einem Straßenkampf überleben.“

Amann reagiert erst reflexhaft defensiv, das gelte ja für viele Berufsgruppen, „die wenigsten Anwälte könnten wahrscheinlich auch einen Straßenkampf überleben“, bevor sie mental einen Schritt zurücktritt und die naheliegende Frage stellt: „Muss man das heutzutage noch haben? Braucht man diesen Skill? Für was?“ Berndts Antwort: „Es macht eine Ruhe.“ Seine Erklärung ist dann ein bisschen verstörend: „Insofern eine Ruhe, als dass du, wenn du quasi nicht sterben willst, darauf vertrauen musst, dass ich dich nicht umbringe.“

Wir alle hätten noch einen Urinstinkt, sagt er, überall Gefahr zu wittern und uns nirgends sicher zu fühlen, und die natürliche menschliche Eskalationsstufe einer Diskussion wäre es, sich erst anzuschreien und dann körperlich zu werden. Dass wir uns in solchen Situationen nicht prügeln, liege nur daran, dass wir uns gesellschaftlich darauf geeinigt haben. (Es kann sein, dass ich das nicht alles ganz verstanden habe, bitte schlagen Sie mich nicht.)

Knapp sechsstellige Einnahmen mit Björn Höcke

Dass es im Gespräch überhaupt um Kampfsport ging, lässt sich hingegen leicht erklären. Amann hatte Berndt auf den Widerspruch hingewiesen, dass er sich einerseits als tougher Fightclub-Kämpfer inszeniere, andererseits aber in seinem Podcast selbst den problematischsten Leuten nur mit großer Geschmeidigkeit und „teilweise so ein bisschen Weicheifragen“ begegne.

Besonders problematisch war das im Gespräch mit dem Thüringer AfD-Chef Björn Höcke, das, von Ben Berndt selbst als Tabubruch verkauft, millionenfach angesehen wurde und ihm und seinem Podcast „{ungeskriptet} by Ben“ größte Aufmerksamkeit bescherte. (Sowie, wie er auf die Frage von Amann sagte, knapp sechsstellige Einnahmen.) Berndt sagt, Höcke habe sich zu ihm quasi „in die Höhle des Löwen“ getraut. Amman fragt freundlich zurück: „Ist das nicht eher der Streichelzoo?“

Die Journalistin Melanie Amann.
Journalistin Melanie AmannScreenshot: Funke Mediengruppe

Amann hatte bei Berndt schon vor diesem ganzen Theater um ein Gespräch gebeten. Aber es war natürlich der perfekte Anlass zu einer Unterhaltung über Journalismus – und der ideale Start für ihren eigenen Podcast. Sie ist im vergangenen Sommer nach einem Zerwürfnis mit dem „Spiegel“, wo sie stellvertretende Chefredakteurin war, zur Funke Mediengruppe gewechselt. Dort hat sie jetzt einen Podcast mit dem Titel „Amann [un]framed“, der unübersehbar auf „{ungeskriptet} by Ben“ anspielt.

Es ist ein geschickter Schachzug, dass sie zum Auftakt gleich mit ihm spricht und die Folge halbiert hat: Der erste Teil ist bei ihm zu hören, der zweite bei ihr.

Nachdenklich und neugierig

Sie ist eine gute Gesprächspartnerin. Sie ist debattengestählt durch ihre vielen Auftritte in öffentlich-rechtlichen Talkshows. Aber während eine „Markus Lanz“-Sendung oft einer Boxbude gleicht, erlebt man sie im Gespräch mit Ben Berndt nachdenklich und neugierig. Wie sehr das an ihrer neuen Rolle als Podcasterin oder an ihrem Gastgeber hier liegt, wird sich noch zeigen. Im Premierenpodcast ist zeitweise angenehm unklar, wer hier überhaupt zum Fragen sitzt und wer zum Antworten. Es ist einfach ein Gespräch. 

Ein Gespräch zwischen zwei Menschen, die nicht nur unterschiedliche Meinungen haben, sondern vor allem sehr unterschiedliche Perspektiven, zum Beispiel auf den Journalismus. Ben Berndt hat einen sehr fremden Blick auf klassische Medienunternehmen, aber das formuliere ich selbstverständlich als jemand, dem diese Medienunternehmen nicht ganz so fremd sind. Und so abwegig manche seiner Analysen wirken (bis hin zum Straßenkampf-Skill), so konstruktiv scheint es hier, sich mit ihnen und ihm auseinanderzusetzen.

Berndt arbeitet sich an der Frage ab, ob es Journalismus immer schon gegeben hat und immer geben wird. Und bringt die These mit, dass das Aufschreiben von Dingen, in Büchern und auf Zeitungspapier, eigentlich nur eine Krücke, ein Hilfsmittel ist. Eigentlich sei die Art der „Kompression ins Schriftliche sehr unnatürlich“. Die natürliche Art, wie wir als Menschen Informationen aufnehmen, sei das direkte Gespräch.  

Berndtsche Podcast-Evolutionstheorie

Er verdeutlicht das am Beispiel eines Dialogs zwischen Steinzeit-Menschen: „Ey, Junge, das Mammut, wie hast du das denn … ich dachte, du stirbst dabei!“ Die Geschichten aufzuschreiben wurde nötig, um sie auch einem größeren Kreis von Leuten zugänglich zu machen, die nicht unmittelbar mit dem Jäger sprechen konnten. Aber dank Podcasts geht das inzwischen wieder. Man muss gar nicht den Umweg über die unnatürliche Verschriftlichung gehen und kann trotzdem Millionen Menschen erreichen. So die Berndtsche Podcast-Evolutionstheorie. Survival of the Laberigstes.

Was ebenfalls in der Natur des Menschen liege: Menschen zu vertrauen. „Wenn da jetzt der Jäger kam, und der war der große breite Typ, und der war noch blutverschmiert vom Mammut, und hier war noch der Stoßzahn. Dann sag ich: Junge, ich vertrau dir, erzähl. Ich verstehe, du kannst was.“

In Zeiten des Buchdrucks hatte der Erzähler nicht einmal mehr ein Gesicht, „weil wir noch keine Fotos drucken konnten. Es gab halt nur den Namen, und Horst Müller hat geschrieben. Wer ist dann Horst Müller? Und im Zuge dessen haben sich Marken entwickelt für Zeitungen. Und dann hat Horst Müller für die FAZ, für den ‚Spiegel‘, geschrieben. Das Vertrauen ist weggegangen vom Jäger auf das Medium.“

Auch das, meint Berndt, sei letztlich nur eine temporäre Krücke gewesen. Jetzt gebe es aber wieder die Möglichkeit, Einzelpersonen zuzuhören, diesem Influencer oder jener Politikerin. Leute wie Sahra Wagenknecht, Paul Ronzheimer, Tucker Carlson haben riesige Reichweiten. Die Menschen sollen dem „Spiegel“ oder der FAZ vertrauen, „aber wer ist denn die FAZ? Wer ist denn der ‚Spiegel‘? Ich glaube, es gibt eine Sehnsucht in Menschen, Menschen zu vertrauen.“ 

Zurück zum Ur-Zustand?

Was Berndt da analysiert, ist natürlich etwas, das auch Journalisten diskutieren, in Redaktionen und auf Redaktionskonferenzen. Aber er tut das auf eine eigene, ungewohnte Art, indem er etwa einen Bezug auf die angebliche Natur des Menschen herstellt, die das Zuhören einer Person als den Ur-Zustand darstellt, der seit Kurzem auch massenhaft hergestellt werden kann. Das Gespräch – wohlgemerkt, nicht das konfrontative Interview – als Ur-Form der menschlichen Kommunikation.

Man muss seine mediale Evolutionstheorie und den ganzen Rückgriff auf die vermeintliche Natur des Menschen nicht teilen, um die Auseinandersetzung damit produktiv zu finden. 

Melanie Amann hat eine einfache Erklärung, was Journalismus leistet, und was Gespräche, wie Ben Berndt sie führt, nicht leisten: Journalismus ist, dass man den Typ, der blutverschmiert mit dem Mammut über der Schulter ankommt, nicht nur geil findet und fragt, wie er das gemacht hat, sondern auch Sachen rauskriegt, die der Mammutjäger eigentlich nicht erzählen will. Zum Beispiel, dass es eigentlich die Frau war, die das Mammut gefangen hat, oder er irgendwie den Fluss vergiftet hat und außer dem Mammut sind halt auch 100.000 Fische krepiert.

Es klingt leicht lächerlich, wenn man das so aufschreibt, aber es ist bei allen Umwegen und gelegentlichen Verhedderungen wirklich instruktiv, wie die beiden über Journalismus reden und was sie von ihm erwarten und was nicht.

Unkritische Gespräche, haltlose Behauptungen

Video-Übersicht des Podcasts „{ungeskriptet} by Ben“ auf Youtube mit verschiedenen Thumbnails, unter anderem: „Björn Höcke: Sie haben Angst vor mir!“ oder „Stefan Homburg: Covid-Lüge exposed“.
Video-Übersicht des Podcasts „{ungeskriptet} by Ben“Screenshot: youtube.com/@ben_ungeskriptet

Dass unkritische Gespräche, wie Berndt sie führt, nicht dazu führen, dass Menschen besser informiert sind, zeigt schon ein Blick auf die Übersicht seines Youtube-Kanals, in dem der abgehalfterte frühere ZDF-Journalist Peter Hahne als „ZDF-Mann, der zu viel weiß“ verkauft wird, die Corona-Verschwörungstheorien von Stefan Homburg mit der Zeile „Neue Beweise: Alles war gelogen“ verbreitet werden und auch der verurteilte Doppelmörder Jens Söring noch einmal haltlose Behauptungen über angebliche neue Belege für seine Unschuld ausbreiten kann.

Auch Berndt selbst betont, dass es Journalismus braucht. Als Kontrast und Ergänzung zu den ganzen Gesprächen (und, seien wir ehrlich: Monologen). Er beschreibt dessen Funktion ganz anschaulich: Wenn er einem Politiker zugehört hat und er den ganz überzeugend findet, und dann dem nächsten Politiker, dann kommt der Journalist und sagt: „Ey, ich hab mit allen gesprochen. Ich hab Hintergrund. Ich weiß Dinge, die ihr nicht wisst. Und ich kann euch Zeit sparen. Ich hab mich hier 30 Jahre beschäftigt.“ 

Doch diese Nachfrage der Menschen setzten Journalisten voraus, „als würde es die natürlich geben, aber die ist gebunden daran, dass ihr den Leser erreicht, dass der Leser sagt, ich will das Produkt haben.“  

Ultimative Neutralität

Während er die dramatischen Zuspitzungen, mit denen er seinen Podcast bewirbt, als Notwendigkeit beschreibt, um im Öko-System von Youtube zu funktionieren, ist er beim Journalismus extrem streng. Der muss für ihn eine Form ultimativer Neutralität und Zuverlässigkeit haben. Selbst bei der FAZ, die er lange gelesen habe, habe er das Gefühl gehabt, dass bei einer sachlichen Nachricht schon in die Überschrift Meinung hineinsuppte, die da nicht hingehöre.

Der Anspruch, der hier an den Journalismus formuliert wird, ist einerseits riesig. Und andererseits steht die Frage im Raum, wie viel Menschen das Bedürfnis nach ihm haben.

Amann sagt, ein Höcke-Gespräch, bei dem man den Politiker einfach nette Sachen erzählen lässt, sei halt nur das halbe Bild. „Und Journalismus hat die Aufgabe, das ganze Bild zu zeigen, und das ist einfach etwas, was mich verzweifeln lässt, weil ich denke: Wollen die Leute das wirklich nicht?“

Dem Journalismus werde im Moment einerseits vorgeworfen, nicht mehr kritisch genug zu sein, vor allem der Regierung gegenüber. Und andererseits gebe es bei einem Teil des Publikums diese Sehnsucht, dass Leute einfach unwidersprochen ausreden, wie sie es in Berndts Podcast können.

„Aber der stinkt ein bisschen“

Amann fragt sich, ob es sein kann, dass die Leute teilweise auch einfach nicht hören wollen, wie die AfD wirklich ist. Berndt hat auch dafür eine interessante Analogie, die geht so: Stell dir vor, du hast eine beste Freundin, ihr vertraut euch und sagt euch alles. Dann hast du einen neuen Partner und sie sagt: Aber der stinkt ein bisschen. Du sagst: Ich liebe den aber, ich will den jetzt, also, ich finde nicht, dass der stinkt. „Und dann kann es sein“, erzählt Berndt, „dass der objektiv stinkt.“ Aber wenn du dich zu ihm hingezogen fühlst und die Freundin weist nicht nur manchmal darauf hin, dass der müffelt, sondern reitet andauernd darauf rum, bei jedem Kaffee fragt sie: „Wie geht es deinem stinkenden Freund?“, dann fängst du an, das Verhältnis zu dieser Freundin abzubauen. 

 Melanie Amann weist an dieser Stelle darauf hin, dass man sich ja an negativen Geruch, der einen umgibt, auch schnell gewöhnt und ihn nicht mehr wahrnimmt. Und dass dafür Freunde ja da sind, dass sie einen darauf hinweisen.

Aus alldem folgt natürlich nicht unmittelbar eine Idee, was Journalisten tun müssen und wie Journalismus sein muss, damit er wahrgenommen wird in einer Welt, in der es sehr leicht scheint, ihn zu vermeiden und sich trotzdem informiert zu fühlen. Aber es ist fruchtbar, sich mit diesen Perspektiven auseinanderzusetzen, denn dass Journalisten überzeugt sind, dass ihre Arbeit unverzichtbar ist, reicht halt nicht, wenn das Publikum nicht auch davon überzeugt ist. Es hilft nicht, sich hinzustellen und zu sagen: So wie bei „{ungeskriptet} by Ben“ kann man einem wie Björn Höcke nicht einfach das Mikrofon hinhalten und die Bühne geben – selbst wenn es stimmt. Journalisten müssen die Menschen („das Volk“, wie Ben Berndt sagen würde) schon davon überzeugen, und dafür müssen sie sie erst einmal erreichen.

Der neue Podcast von Melanie Amann klingt wie ein guter Versuch, das zu schaffen, und ihr Besuch bei „{ungeskriptet}“ war es auch – selbst wenn fast alle vielgeliketen Kommentare auf Youtube extrem negativ ihr gegenüber sind.

In einer der nächsten Folgen, die schon aufgezeichnet wurde, ist übrigens der Publizist Harald Martenstein zu Gast. Der war gerade zufällig auch in Ben Berndts Podcast und wird von ihm mit dem Satz „NACH 33 JAHREN ZENSIERT!“ und der Überschrift „So canceln Medien unliebsame Meinungen“ beworben. Martenstein wurde bekanntlich gerade zum „Bild“-Kolumnisten hochgecancelt, aber nun kommt er endlich mal zu Wort.

20 Kommentare

  1. Wieder dieser Versuch, damit zu argumentieren, was angeblich „natürlich“ ist und was nicht. Diesmal aber keine Vergewaltigungen, sondern nur das Belabern und Belabertwerden als Urform.

    Soweit, so unterkomplex.

    So ist zum Beispiel das Täuschen und Getäuschtwerden im direkten Gespräch mitunter viel leichter. Das Schreiben wurde erfunden, weil es nur so möglich war, komplexere Inhalte zu transportieren. Selbst den versiertesten Erzählern waren Grenzen gesetzt, auch wenn deren Leistungen durch Versmaß und Struktur der Geschichten unglaubliche Ausmaße annahmen — Homer lässt grüßen.

    Später waren die Schriftkundigen dann sehr lange privilegiert; ja, sie sind es an einigen Orten immer noch. Das bedeutet eben auch, dass sie in der Lage waren und sind, Analphabeten im Gespräch hinters Licht zu führen.

    Was ist die Bezeichnung „natürlich“ in diesen Zusammenhängen anderes als eine Ausrede für Verhalten? Und warum sollte das überhaupt interessieren?

    Das Heute zählt. Und das ist eine Zeit, in der Informationen in beliebiger Menge, aber leider auch in jeglicher Qualität vorhanden sind. Es geht vor allen Dingen darum, Inhalte zu validieren und zu verifizieren.

    Sich dafür noch einen weiteren gefühligen Laberpodcast einfallen zu lassen, bei dem dann aber auf gar keinen Fall durch irgendeine Intervention versucht wird, den Wortschwall auf Dichtigkeit abzuklopfen, kann sich wirklich nur der ganz Schmerzbefreite schönreden.

  2. Tatsache ist, dass der Laberpodcast von Ben Berndt auf breites Interesse stößt und teilweise ausdrücklich journalistischen Formaten vorgezogen wird. Ich finde, es lohnt sich schon, sich damit auseinanderzusetzen, warum das so ist und was daraus für Journalisten folgt. So

    Ich weiß nicht, was genau mit dem „weiteren gefühligen Laberpodcast“ gemeint ist, der keine Intervention versucht: Das ist ja nicht das Konzept von Melanie Amann, sondern von Ben Berndt.

    Und wer der ganz Schmerzbefreite im letzten Satz ist, weiß ich auch nicht, aber ich nehm’s einfach mal persönlich.

  3. Wenn dieses Format auf so ein großes Interesse stößt interessiert mich erstmal wer da denn genau zuhört. Diese Folgen sind ja immer 2-4 Stunden lang.
    Ich kenne viele Leute die hören solche Laberpodcasts so nebenbei. Da bleibt vermutlich nicht viel von hängen.
    Wer zieht so etwas denn journalistischen Formaten vor?
    Oder anders gefragt, wie kann man dass denn mit journalistischen Formaten vergleichen.

    Dieser Text hinterlässt sehr viele Fragezeichen die ich nicht richtig in Worte fassen kann.

  4. @Stefan Niggemeier
    Nein und nein und ich verstehe auch nicht, wie es dazu kam, das anzumehmen.
    Ich meine beide Male Ben Berndt und fand das eigentlich auch deutlich beschrieben.

    Es ist schön, dass in Podcasts Dinge auch in Länge und ungezwungener verhandelt werden können. Das Positivbeispiel „Lage der Nation“ hatten wir ja gerae erst. Es gibt aber imho keinen Grund dafür, jegliche Validierung oder Vertiefung einfach wegzulassen, weil das ja einem „natürlichen“ Gespräch nahekäme.

    Ben Berndt hat schon in der Auseinandersetzung mit Rezo Aussagen getätigt, die mir Nackenschmerzen vom heftigen Kopfschütteln bereiteten.
    „Linksextreme Haltungen wie zum Beispiel die Ablehnung der Kernkraft“ war meine ich so ein Bonmot.

  5. Ja, der redet meiner Meinung nach sehr viel Unsinn, aber das finde ich in diesem Kontext nicht das Interessante, bzw. das ist hier nicht mein Thema. Sondern die Auseinandersetzung mit der Frage, was Journalismus ist und sein kann und warum er sich teilweise so schwer tut, Leute zu erreichen, und Menschen (und vielleicht nicht nur AfD-nahe) ausgerechnet das unkritische Gespräch feiern.

  6. Menschen (und vielleicht nicht nur AfD-nahe)

    Definitiv nicht nur die. Ein naheliegendes Beispiel wäre „Hotel Matze“ – Mathias Hielscher lädt definitiv klügere und interessantere Leute ein als Ben Berndt. Aber der Ansatz, über Stunden in wohlfühliger Atmosphäre zu plaudern, ist ähnlich. Das ist mir persönlich meist zu viel, bei interessanten Gästen kann es sich aber trotzdem lohnen.

    Wenn man sich die Bandbreite der Themen und Personen anschaut, leuchtet die Grenze solcher Formate aber eigentlich sofort ein: Es scheint mir unmöglich, sich in wöchentlicher Schlagzahl tief genug in oft komplizierte Werke bzw. Biografien einzuarbeiten, um angemessen kritisch nachfragen zu können.

    Hier heißt es dann: Journalismus (oder Publizistik), übernehmen Sie! Und natürlich schriftlich. Hier mal kein Dissens mit Herrn Gemein.

  7. Der Naturzustand ist bestimmt nicht, zwei anderen Menschen beim Labern zuzuhören, ohne mitzureden…

  8. auf mich wirkt das ein bisschen so wie Köche, die sich wundern, warum so viele Leute zu McDonald’s gehen. Oder warum man Schnulzenromane liest. Oder…

  9. Nun, ich bin sicher in diesem Lichte gesehen keiner der Köche, aber wer wundert sich denn hier?

    Adipositas und Afd Wähler fallen ja schliesslich nicht vom Himmel.

    Dennoch ist Analyse und Kritik doch wichtig und notwendig.

  10. Ich weiß von ungeskripted nur wg. der Diskussion rund um den Höcke-Podcast. Dann habe ich zum ersten Mal diesen Podcast mit Fr. Amann gehört.

    Beim Lesen von dem Notizblog hier war ich dann aber etwas enttäuscht. Da war zu viel Nacherzählen des Podcasts drin und zu wenig Neuigkeit-Wert für die, die sich die 3 Stunden schon rein gezogen haben. Das kannst Du besser, Stefan :D

  11. Ich finde es genau richtig, viel aus dem Podcast zu zitieren. Viele werden schlicht keine Zeit haben, sich das reinzuziehen – oder auch einfach keine Lust.

  12. Als ergänzende Anmerkung: Ich mag Ihre Ironie. Und dafür gehören Sie – selbstredend – weder geschlagen noch hochgecancelt.

  13. Da kann ich Nils nur zustimmen! Ich wundere mich ohnehin darüber, wie Podcast-Hörerinnen und -Hörer die Zeit aufbringen können, die man mit dieser „natürlichen“ Kommunikation benötigt, um sich einigermaßen wohl zu fühlen auf dem Weg der Wahrheitsfindung. Die Medienlandschaft ist derart in die Breite gegangen, dass ich allein Schwierigkeiten habe, Zusammenhänge auch noch in der Tiefe zu ergründen.
    Also: Bitte, bitte, liebe journalistischen Profis, stellt Eure wichtige schriftliche und öffentlich-rechtliche Arbeit, die auf verlässlicher Recherche beruht, nicht ein, weil Podcast-Hören gerade Konjunktur hat!

  14. Ein Typ und eine Journalistin unterhalten sich in einem nicht journalistischen Format („Es ist einfach ein Gespräch.„) über Journalismus.
    Davon berichtet der Journalist Stefan auf einer journalismuskritischen Plattform.
    In einem Format, dass es ihm erlaubt seine Thesen und seine Haltung klar zu benennen.
    Und dann kommt da nur bei rum, dass es „konstruktiv scheint“ oder „produktiv“ sei sich mit den aufgeworfenen, steilen bis stumpfen Thesen auseinanderzusetzen. Wow! Das ist wenig.

    Und mir als Leser konstruiert sich da auch Nix, weil den zitierten Argumenten das Fundament fehlt. Und die Produktivität wird mit kommerzieller Produkt-Logik gleich wieder ausgebremst.
    Traurig.

  15. Es scheint ja einen Markt für solche Formate zu geben, aber beim Mammutbeispiel interessiert die meisten doch nur eine oder zwei von mehreren Schlagzeilen:
    Mammut erlegt – Nahrungsversorgung sicher gestellt
    Mammutjagd: die besten Tricks und die richtige Ausrüstung
    Mammutfleisch – die leckersten Rezepte der Paläo-Diät
    Oder
    Best of Mammut-Aufgabe: Unser Zeichnerhat die spannenste Szene auf Höhlenwand festgehalten- auch für die Nachwelt

    Für mich wird eine Diskussion zur Frage, ob Journalisten ein Mammut überhaupt noch erlegen könnten, einfach keine Konkurrenz zum klassischen Journalismus sein.

    Weshalb es mich schon interessiert, warum andere so denken…

  16. Ich weiß gar nicht, ob Sie´s schon wussten. Die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestufte AfD ist vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft.

    Amann hat gegenüber Ben moniert, dass er nicht nachhakt. Beispielsweise bei Höckes Behauptung eines Mordkomplotts, das wäre eine Nachfrage wert.
    Auf den ersten Blick könnte man sagen, hier hat sie einen Punkt.
    Nach dem Blick aufs Gesamtbild wird der Punkt wieder gestrichen.
    Ben hat nicht nachgefragt, Amann auch nicht.
    Die Qualitätsjournalisten hatten jahrelang Zeit, den Gottseibeiuns vorzuladen.
    Sie wollten nicht.

    Nun scheint dem Mainstream zu dämmern, dass die den Titularnazis ein Feld kampflos überlassen haben; man muss was tun. Aber was?
    Wem, abgesehen von Günther Gaus, ist zuzutrauen, dass er ein ungescripted-ähnliches Format mit besserer journalistischer Qualität hinkriegt?

    Eine Maybritt Illner, die dermaßen … labert, dass selbst Julie Zeh („Was ist denn das für ein bescheuertes Framing?!“) der Kragen platzt?
    Eine furchtbare Figur wie Sandra Maischberger, die die Nichtlinken nicht mal einen Satz ausreden lässt, die schon nach dem dritten, spätestens vierten Wort dazwischenquakt?
    Eine Caren Miosga, die ihr Tribunal overscripted und offenbar ganz gut mit den Beisitzern choreographiert??

    Die Personaldecke ist dünn.

    Vielleicht ist das die Antwort auf die Frage, warum viele Menschen das unkritische Gespräch ansteuern.
    Wer sich für irgendwas genauer interessiert, der hat heutzutage nicht die Wahl zwischen Amateurveranstaltung und Qualitätsjournalistik.
    Er hat die Wahl zwischen Amateurveranstaltung und nichts.

    Obwohl,
    shame on me, habe ich doch glatt übersehen, dass Amann ein Ben-Pendant startet.
    [un]framed – und so zieht sie das Ding durch, wie man in der Ouvertüre (ab 00:26) nachhören kann:

    „Ich wollte mit ihm darüber sprechen, ist er nur der bessere Journalist, wie manche sagen, oder ist er vielleicht ein Wegbereiter für Rechtsextremisten“

    Wahrscheinlich merkt sie es nicht.

    Habe ich schon mal erwähnt, dass die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestufte AfD vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft ist?

  17. @ # 16 FrankD
    Die Meinung des Verfassungsschutzes ist mir vergleichsweise wurscht.

    Mir reichen die auf facebook und anderen asozialen Medien von AfD-Funktionären, -Mitgliedern und -Anhängern in mehr als repräsentativer Zahl publizierten Ergüsse.

    Diese reichen von „Nach dem Wahlsieg verbieten wir euch“ über „Der Linksgrün-versifften da besorge ich es 1000-mal besser als der bebrillte Öko“ bis hinzu „Alle linken Lehrer stellen wir an die Wand“. Und Höckes Buch.

    Merke: Nicht nur saubere Gewässer gelten neuerdings als woke. Auch Brillen sind woke.

  18. Im Übrigen ist mir die Wahl zwischen einem amtlichen Faschisten, der laut AfD-Untersuchungsbericht hinter dem Pseudonym Landolf Ladig stehen soll – mithin einem mutmaßlichen Propagandisten für Nazipostillen – und „nichts“ nie schwergefallen.

    Seit Goebbels und Popper wissen wir, dass solche Menschen Toleranz nur zur Durchsetzung von Intoleranz nutzen, Freiheit nur dazu, andere zu verfolgen – und Schlimmeres.

    Dieses elende Hundepfeifen-Getröte, gepaart mit „röhrender Hirsch hinterm Kanapee“-Sermon, hat ungefähr so viel Nährwert wie eine Schuhsohle, nachdem der Fuß in eine Urinlache getreten ist.

  19. >>>Der italienische Informatiker Alberto Brandolini hat einst das »Bullshit-Asymmetrie-Prinzip« erdacht: Das besagt, dass es eine unfassbar viel größere Menge an Energie braucht, um Schwachsinn zu widerlegen, als ihn zu produzieren. Anders formuliert: Etwas bleibt immer hängen.<<<
    [heute in der Zeit gelesen und für später gespeichert]

    Ich habe irgendwo in die Mitte des oben genannten Martenstein-Interviews geschaut.

    Martenstein sagt sinngemäß:

    "Eine Abschaffung des öffentlichen Rundfunks bedeutet ja nicht, dass man gleichzeitig die Meinungsfreiheit abschafft. Schauen Sie in andere Länder.“

    Das klingt nur so lange plausibel, wie man ignoriert, was in vielen dieser „anderen Länder“ gerade passiert: Weltweit entstehen Medienkonzentrationen und Medienmonopole. Meinungsvielfalt erodiert, weil Milliardäre Medienhäuser aufkaufen und sie nicht selten zu politischen Kampagnen- und Propagandainstrumenten umbauen.

    Diese Milliardäre stehen häufig Ideologien nahe, die demokratische Kontrolle nicht ausbauen, sondern zurückdrängen wollen. Nicht zuletzt deshalb, weil funktionierende Demokratien irgendwann auf die Idee kommen könnten, dass eine derartige Kapitalakkumulation selbst zur Systemfrage wird.

    MAGA-Republikaner, Nigel Farage, der Rassemblement National, die AfD und andere sind in diesem Spiel oft nur nützliche Idioten. Selbst Höcke dürfte von Leuten wie Peter Thiel und Co. letztlich maximal belächelt werden. Musk lasse ich hier einmal außen vor; der wirkt tatsächlich politisch eher wie ein überzeugter Idiot als wie ein Stratege.

    Schon der Kapitalismus allein und die aus ihm entstehenden Sachzwänge setzen Meinungsvielfalt unter Druck. Je neuer die Medienform, desto stärker eskaliert das: Es muss klicken, es muss empören, es muss viral gehen. Aufmerksamkeit wird zur Währung, Empörung zum Geschäftsmodell.

    Und dann stellt sich Martenstein hin und faselt von „Meinungsfreiheit“, als sei die bloße Abwesenheit staatlicher Zensur bereits hinreichend für eine vielfältige Öffentlichkeit.

    Wie naiv kann mensch sein?

    Meinungsfreiheit ohne Medienvielfalt ist irgendwann nur noch die Freiheit derjenigen, die sich Reichweite kaufen können.

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