RND-Podcast über Merz und Döpfner

Wenn sie wüssten, was sie tun…

Der neue Politik-Podcast des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) ging gleich in der ersten Folge schief. Ohne ausreichende Belege zitierten die Hosts aus mutmaßlichen Gesprächen zwischen Kanzler Merz und Springer-Boss Döpfner. Für den RND-Chefredakteur ist das aber offenbar kein Grund, sich nicht selbst öffentlich zu loben. Und auch sonst ist der Umgang mit der fehlerhaften Recherche ziemlich fragwürdig.

Wären soziale Netzwerke Gesten, wäre LinkedIn auf jeden Fall ein kräftiges Schulterklopfen. Meist auch ein Klopfen auf die eigene Schulter, um allen mal zu erzählen, was man so Tolles gemacht hat – um sich anschließend von seinen Netzwerkkontakten mit Daumen, Klatschhänden und Herzen belohnen zu lassen. 

Manchmal sollte man auf das Schulterklopfen aber vielleicht einfach verzichten, wie im Fall von Sven Oliver Clausen, dem Chefredakteur des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND). 

Es sei „fast das Schönste“, schrieb Clausen in einem Post, wenn sich „während der Arbeitswoche einmal wieder die Gewissheit einstellt, mit 🍀 absoluten Vollprofis 🍀 zusammenzuarbeiten“. Er meinte damit den neuen RND-Podcast mit Co-Chefredakteurin Eva Quadbeck und Dokumentarfilmer Stephan Lamby.

Wie positiv Clausen die vergangene Arbeitswoche in seinem Haus wahrgenommen hat, ist allerdings sehr erstaunlich. Der Podcast, den er bejubelt, trägt den Titel: „Wenn Sie wüssten …“, was schon nach Gerüchten und Getuschel klingt – und sich leider bestätigte. Die erste Folge war ein ziemlicher Reinfall. 

Erst „Klarstellung“, dann „Richtigstellung“

Thumbnail des Podcasts „Wenn Sie wüssten...“
Screenshot: RND

Eva Quadbeck und Stephan Lamby redeten darin über zwei Treffen von Bundeskanzler Friedrich Merz und dem Vorstandsvorsitzenden des Axel-Springer-Verlags, Mathias Döpfner. Eines der Treffen solle eskaliert sein, hieß es. Döpfner habe Merz dazu gedrängt, mit der AfD zusammenzuarbeiten, was Merz aber rigoros abgelehnt habe. So berichteten es die Podcaster. Und sie zitierten sogar einzelne Sätze, die Merz und Döpfner gesagt haben sollten. Döpfner etwa habe dem Bundeskanzler mit den Worten gedroht: „Das werden Sie noch bereuen.“ 

Der Eindruck, den der RND-Podcast also erweckte: Ein mächtiger Medienunternehmer will dem Bundeskanzler vorschreiben, was er zu tun hat. 

Springer bezeichnete die Behauptungen als „glatte Lüge“. Der Regierungssprecher sprach von „absurden Gerüchten“. Wir haben am Freitag ausführlich darüber berichtet

Am Donnerstag, nur zwei Tage nach der Veröffentlichung des Podcasts, publizierte das RND eine „Klarstellung“, in der Eva Quadbeck einräumte, dass sie eines der Gespräche zwischen Döpfner und Merz wohl „zeitlich falsch zugeordnet“ hätten. Es dauerte bis Samstag, bis sich die Redaktion dann zu einer „Richtigstellung“ durchrang, mit der die vorherige „Klarstellung“ einfach ersetzt wurde. 

Quadbeck schreibt darin:

„Wir hätten den Verdacht, Merz und Döpfner hätten sich wörtlich so geäußert, wie in unserem Podcast gesendet, nicht verbreiten dürfen. Das Döpfner zugeschriebene Zitat war zudem Grundlage dafür, dass wir gemutmaßt haben, es könne eine Bedrohung von Döpfner gegen Merz gegeben haben. Auch die Mutmaßungen hätten wir nicht anstellen dürfen. Diesen Fehler bedauern wir.“

Oder kurz gesagt: Das RND hat hier einen großen Bock geschossen. 

Der Chefredakteur und die „Unschärfe“

Und RND-Chefredakteur Sven Oliver Clausen? Der kam auf LinkedIn aus dem Schulterklopfen gar nicht mehr raus. Er feierte die „einzigartige Kombination aus analytischer und investigativer Kompetenz“, die der neue RND-Podcast bündele. Ein Versprechen des Podcasts sei die „pure, fakten- und erfahrungsbasierte Aufklärung“. 

Linkedin-Post von Sven Oliver Clausen
Screenshot: LinkedIn

Wie bitte? Gerade dieses Versprechen hat die erste Folge von „Wenn Sie wüssten …“ nicht eingehalten. Ganz im Gegenteil. Dass Clausen seinen Beitrag mit zahlreichen Kleeblatt-Emojis dekoriert hat, kann man eigentlich nur so deuten: Sie sollen wohl Glück bringen, damit die nächsten Folgen nicht ganz so schiefgehen.

Na, dann: toi toi toi!

Unter Clausens Beitrag gibt es – für LinkedIn-Verhältnisse, wo es sonst ausgesprochen unterstützend und wertschätzend zugeht – einiges an Kritik. Clausen ergänzte daraufhin noch einen Kommentar unter seinem Post, in dem er schrieb, dass trotz aller Gewissenhaftigkeit auch „eine Unschärfe oder ein Fehler“ unterlaufen könne. 

Während man beim RND also eigentlich darüber nachdenken müsste, ob ein Podcast, der gleich nach dem Start eine derartige Bruchlandung hingelegt hat, überhaupt fortgeführt werden sollte, spricht der Chefredakteur mit Blick auf die gravierenden Fehler lediglich von einer „Unschärfe“. Das ist schon bemerkenswert.

Podcast steht unverändert online

Unmöglich ist auch, dass die Podcastfolge aus der vergangenen Woche nach wie vor unverändert online steht. Lediglich in den Shownotes, also dem Beschreibungstext unter dem Podcast, findet sich ein Hinweis auf die „Richtigstellung“. Auf Spotify ist diese immerhin verlinkt, auf der Podcast-Plattform GetPodcast, über die das RND die Folge auch auf der eigenen Website einbindet, aber nicht. Hörer müssen sich die Richtigstellung offenbar selbst zusammengoogeln. 

Die konsequenteste Lösung wäre wohl, die Folge ganz zu löschen. Oder zumindest einen großen Teil des Podcasts herauszuschneiden. Gut ein Drittel der rund 34-minütigen Folge dreht sich um die angebliche Auseinandersetzung zwischen Merz und Döpfner. Viel übrig bliebe dann nicht mehr. 

Am Dienstag veröffentlichte das RND die zweite Folge des Podcasts. Darin gehen Eva Quadbeck, Stephan Lamby und Kristina Dunz (auch sie ist Co-Host des Podcasts, war aber in der ersten Folge nicht dabei) auf den „Elefanten im Raum“ ein, wie sie es nennen. Die erste Folge habe ja „viel Wirbel“ erzeugt, sagt Dunz eingangs. Was fast so klingt, als sei man beim RND ein wenig stolz auf die Aufmerksamkeit. Fehler hin oder her.

Die Quellen, die Quellen

Stephan Lamby spricht auch noch einmal über die Quellen, die man im ersten Podcast noch als „gut informiert“ und „vertrauenswürdig“ beschrieben hatte. Bezogen auf die kolportierten Aussagen Döpfners sagt Lamby nun: 

„Ich habe die erwähnten Zitate aus Quellen erhalten, die, wie ich heute weiß, nicht solide sind.“

Wie aus „vertrauenswürdigen“ Quellen binnen weniger Tage „nicht solide“ Quellen werden konnten, erklärt er nicht. 

Eva Quadbeck schreibt in der Richtigstellung, man habe nach den Dementis von Axel Springer und dem Regierungssprecher weiter recherchiert und „nicht nur unsere bisherigen Quellen, sondern weitere Quellen befragt“. Diese Quellen hätten dem RND zwar bestätigt, dass Döpfner Merz bereits als Kanzlerkandidaten zu einer Zusammenarbeit mit der AfD habe ermuntern wollen und Merz dies strikt zurückgewiesen habe. Die angeblichen Zitate habe das RND jedoch nicht mit weiteren Quellen untermauern können. Auch für das bestätigte Treffen zwischen Merz und Döpfner Anfang 2026 gebe es keine weiteren Belege, dass „die konkret von uns verbreiteten Zitate von Döpfner oder Merz so gefallen wären“.

Das RND hat also versucht, die Behauptungen aus seinem Podcast nicht vor der Veröffentlichung belastbar zu belegen, sondern erst im Nachhinein. Das räumt Eva Quadbeck in der zweiten Folge auch ein, wenn sie sagt:

„Die Zitate haben (…) plausibel in unsere Recherche gepasst, und da sind wir unvorsichtig geworden.“

„Aufgebauscht“

Damit habe man den „Kern der Recherche aufgebauscht“, gibt Quadbeck zu. Am „Verdacht“, dass Döpfner Druck auf Merz ausgeübt habe, die Brandmauer zu schleifen, halten die Podcaster aber fest. Der „Kern unserer Recherche“ bleibe bestehen, betont Lamby.

Nur kommt genau dieser Kern der Geschichte in der Debatte nun zu kurz, das räumen die Podcaster auch ein. Denn jetzt wird nur noch über die Fehler geredet, nicht über das Thema. Dafür ist der Podcast aber selbst verantwortlich. 

Klar ist mittlerweile, dass es zwei Treffen zwischen Merz und Döpfner gab. Was dabei genau besprochen wurde, ist unklar – und es wird jetzt noch schwieriger sein, es herauszufinden und glaubhaft darüber zu berichten. Der Medienjournalist Marvin Schade schreibt in seinem „Medieninsider“-Newsletter:

„Die Story ist nicht nur in sich zusammengefallen, sie hat anderen Journalisten, die sich ebenfalls mit den Gerüchten befasst hatten, die Arbeit erschwert. Zu groß dürfte jetzt die Unsicherheit auf allen Seiten sein. Sollte doch irgendetwas dran sein an den vermeintlichen Aussagen, wird es jetzt wohl kaum noch herauszufinden zu sein.“

Auch bei den Hörern dürfte das Vertrauen in den neuen Podcast massiv beschädigt sein. Nicht nur wegen der fehlerhaften Recherche, auch wegen der Art, wie das RND nun damit umgeht.

In der ersten Folge von „Wenn Sie wüssten …“ fragte Eva Quadbeck ihren Co-Host Lamby zum Beginn, ob es noch einen weiteren Politik-Podcast brauche. Er antwortete mit: „Ja, diesen hier braucht es schon.“ Ein Satz, der schon nach einer Woche schlecht gealtert ist.

2 Kommentare

  1. Um mal diesen alten Spruch zu bemühen:
    Was immer der Clausen geraucht hat, als er diesen LinkedIn-Beitrag schrieb… ich will das auch!

  2. Was immer der Clausen geraucht hat, als er diesen LinkedIn-Beitrag schrieb… ich will das auch!

    Nee, lieber nicht. Scheint zu zwangsneurotischem Kleeblatt-Overkill zu führen. Mit sowas sollte man vorsichtig sein. Wenn’s denn wenigstens Brokkoli wäre…

    Im Ernst, ich finde schon den Namen des Podcasts abschreckend. Ein raunendes Enthüllungsversprechen: Die da oben – man kann sich gar nicht vorstellen, was die so treiben. Aber wir sagen es Ihnen! Da ist mir eine unaufgeregte, analytische Herangehensweise deutlich lieber. Klickt sich halt nur nicht so gut.

    Bisschen schade. Ich habe beruflich häufiger mit RND-Leuten zu tun. Die erscheinen mir eigentlich immer ganz seriös und an der Sache interessiert. Ziemlich sicher, dass die von solchen Geschichten nicht begeistert sind.

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