Sachverstand (17)

„Der Begriff ‚Massenpanik‘ wälzt die Verantwortung auf die Opfer ab“

Kommt es bei Veranstaltungen zu Unfällen in großen Menschenmengen, verwenden Medien oft automatisch den Begriff „Massenpanik“. Dabei trifft das meistens gar nicht zu, kritisiert der Mathematiker Maik Boltes.
Menschenmenge
Menschenmengen auf Großveranstaltungen: Gefährlich wird das nicht durch „Massenpanik“, sondern durch zu hohe Personendichte.Foto: Canva

Sie kennen sich aus, weil es ihr Fachgebiet ist. Immer wieder stolpern sie über Ungenauigkeiten und Fehler in journalistischen Berichten oder fiktionalen Formaten, die sie ärgern – und hier erzählen sie davon. In dieser Folge unserer Reihe „Sachverstand“ erklärt der Mathematiker Dr. Maik Boltes, warum er ein Problem damit hat, wie Medien über Unfälle bei Großveranstaltungen berichten. Unsere Autorin Kathrin Hollmer hat seine Aussagen protokolliert. Wenn Sie auch immer wieder Falsches über Ihren Beruf oder Ihr Fachgebiet in den Medien lesen, schreiben Sie uns eine E-Mail.


„Wenn es bei Veranstaltungen wie vergangenes Jahr auf dem Oktoberfest in München plötzlich zu einem Gedränge in großen Menschenmengen kommt oder in großen Menschenmengen Personen verletzt oder sogar getötet werden, wie bei der Wahlkampfkundgebung im Süden Indiens, fällt in den Medien schnell das Wort ‚Massenpanik‘. Es ist ein stehender Begriff, dabei ist er fast nie korrekt. 

Das Wort suggeriert, dass Menschen sich als ‚Masse‘ verhalten und gleichzeitig in Panik geraten, ein plötzliches Gefühl der Angst, das so stark ist, dass es die Vernunft und das logische Denken dominiert. Der Begriff ‚Massenpanik‘ stärkt das stereotype Bild einer unkontrollierten Gruppe, die sich rücksichtslos gegenseitig niedertrampelt. Doch diese Vorstellung entspricht nicht den realen Beobachtungen und ist sozialpsychologisch längst widerlegt. Auch in der Masse handeln Menschen als Individuen. Einzelne können, wenn sie in Gefahr sind oder sich bedroht fühlen, zwar panisch reagieren, man weiß aus Studien aber, dass das nur auf ungefähr ein Prozent der Menschen zutrifft. 

Meine Kollegen haben zum Beispiel Zeugenaussagen der Loveparade-Katastrophe 2010 in Duisburg ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass die allermeisten auch in dieser bedrohlichen Situation rational, besonnen und hilfsbereit gehandelt haben. Wenn sie sahen, dass jemand hinfiel, halfen sie der Person auf, soweit sie das konnten. Bei der Loveparade waren Leute teilweise nur zwei Meter entfernt von den kritischen Stellen, an denen Leute gestorben sind, und haben das gar nicht mitbekommen. Wir haben am Institut selbst Experimente mit sehr dichten Menschenmengen gemacht und haben das auch beobachtet.

Zu viele Menschen pro Quadratmeter

Das zweite Problem ist, dass der Begriff ‚Massenpanik‘ von den tatsächlichen Umständen und Ursachen ablenkt. Die werden dann nicht mehr richtig recherchiert, weil sich die Journalist:innen mit der Begründung ‚Massenpanik‘ zufriedengeben. Der Begriff ‚Massenpanik‘ wälzt die Verantwortung auf die Opfer ab statt auf diejenigen, die im Zweifel verantwortlich sind. 

Verletzungen oder Todesfälle in Menschenmengen haben ihre Ursache fast immer darin, dass sich zu viele Menschen pro Quadratmeter aufgehalten haben. Verantwortlich sind also keine panischen Reaktionen von Menschen, sondern Veranstalter, Sicherheitskräfte oder Behörden, die zum Beispiel die Zahl oder die Verteilung der Besucher falsch eingeschätzt haben. Sehr gut finde ich dazu diesen Bericht von ‚Kommunal‘, einem überparteilichen Fachmagazin, das sich an österreichische Gemeinden richtet. Dort werden auch Tipps gegeben, was Veranstalter beachten sollten, damit ihre Gäste sicher sind. 

Der Begriff ‚Massenpanik‘ hat sich in den Köpfen vieler Leser eingebrannt. Einen konkreten alternativen Begriff zu finden, ist gar nicht so leicht. Ich sage zum Beispiel ‚Massenunglück‘, wobei auch das ein kollektives Fehlverhalten suggeriert, das für gewöhnlich nicht vorliegt. Besser, wenn auch etwas sperrig, wäre ‚Unglück in einer Menschenmenge‘. Eine Studie unseres Instituts zeigte allerdings, dass auch solche alternativen Begriffe in der Rezeption mit dem Schlagwort ‚Massenpanik‘ gleichgesetzt werden. Auch wenn man den Begriff nicht nennt, assoziieren die Menschen das direkt damit. Man muss die Vorfälle und Ursachen also präzise und sachlich beschreiben und einordnen, um den Menschen die Vorstellung der kollektiven Panik zu nehmen. Nur so kann man für künftige Veranstaltungen daraus lernen. 

Begriff klickt gut

Ich habe drei Theorien, warum Journalist:innen den Begriff Massenpanik ständig falsch benutzen: erstens, weil sie wirklich glauben, dass es sich um eine ‚Massen-Panik‘ handelt, wie ein Großteil der Menschen. Zweitens, weil die meisten Leute unter einem Massenunglück den Begriff ‚Massenpanik‘ verstehen, und weil der Begriff so eng damit verbunden ist, verwendet man ihn halt. Und drittens, das finde ich am bedenklichsten, einfach, weil es Klicks bringt. ‚Massenpanik‘ bedeutet: Da ist etwas Schlimmes passiert! 

Das schürt meiner Meinung nach Angst wie dieser Artikel der ‚Apotheken Umschau‘ zum Oktoberfest. ‚Bei großen Menschenansammlungen kann es passieren, dass plötzlich Panik ausbricht‘, heißt es da, obwohl es auf dem Oktoberfest in vergangenen Jahr nachweislich keine Panik gab. Es waren schlicht zu viele Leute auf einmal auf dem Gelände.

Über einen Satz bin ich vor allem gestolpert: ‚Besonders in engen Räumen oder bei hoher Personendichte entsteht das (eine Panik, Anm.) schnell und kann zu Unfällen oder Erstickungstoten führen.‘ Das stimmt einfach nicht. In dem Artikel werden auch Tipps für Besucher:innen von Veranstaltungen gegeben: Fluchtwege zu kennen ist immer gut; sich Raum zu verschaffen, indem man die anderen wegdrückt, eher nicht. Ich freue mich, wenn Medien dazu beitragen, aufzuklären, aber dafür braucht es fundiertes Fachwissen von Expert:innen, die sich wirklich auskennen. Das sind etwa Sicherheitstechniker:innen mit dem Schwerpunkt Verkehrs- oder Veranstaltungssicherheit oder geschulte Crowd-Manager:innen.

Szenarien werden vermischt

So werden in der Berichterstattung oft unterschiedliche Szenarien vermischt: Großveranstaltungen, auf denen Gedränge in großen Menschenmengen zu erwarten sind – wie auf dem Oktoberfest – und Bedrohungslagen, in denen ein konkreter Auslöser, zum Beispiel ein Feuer oder ein Attentat, dafür sorgt, dass viele Menschen gleichzeitig irgendwohin oder vor etwas weglaufen. 

Bei einer Bedrohungslage kann es vorkommen, dass Menschen panisch reagieren, aber eben keine ‚Masse‘, der Begriff führt auch hier in die Irre. Wenn Menschen vor einer Gefahr weglaufen, ist das keine irrationale Panik, sondern Furcht als rationale Reaktion auf eine konkrete Bedrohung.

Und um das einzuschätzen, müsste man mit den einzelnen Personen sprechen, in welchem Zustand sie sich befunden haben. Dass man anderen Menschen hinterherläuft, das sogenannte ‚Herding‘, ist normal und sinnvoll, weil man hofft, dass die anderen wissen, was zu tun ist. Auch das ist keine panische Reaktion, sondern nur logisch.“ 

3 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen tollen Text! Ich liebe das Format „Sachverstand“ – prima Idee und gelungene Umsetzung!

  2. Ich finde den Begriff gar nicht so problematisch, wie er hier beschrieben wird. Ich habe ihn immer als kollektives Phänomen oder kollektiven dynamischen Zustand verstanden, innerhalb dessen einzelne voneinander unabhängige individuelle Ereignisse auftreten.

  3. Die Unterscheidung „Menschenmasse in Panik“ und „Panik einzelner Menschen in einer Masse“ sehe ich ja ein, aber dass das Wort „Massenpanik“ die Verantwortung (aka Schuld) auf die Opfer abwälzt, kommt mir nicht ganz schlüssig vor.
    Meiner Erinnerung nach stellte der einzige halbwegs ernstgemeinte Versuch, bei der Loveparade die Verantwortung den Toten zuzuweisen, nämlich genau nicht auf die „Panik“ ab, sondern darauf, dass die Opfer angeblich versucht hätten, irgendwelche Gerüste zu erklettern.

    Ansonsten wurden große Anstrengungen unternommen, die Verantwortung außerhalb der damaligen Menschenmasse zu suchen. Diese „Abwälzung“ scheint also nicht funktioniert zu haben, was jetzt nicht dagegen spricht, falsche Begriffe gegen die Richtige auszutauschen, aber die Wirkung des falschen Wordings erscheint mir hier zumindest stark übertrieben.

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