Holger ruft an (218)

Wie erklärt man seinen Lesern, dass das Privatleben von Konstantin Wecker die Öffentlichkeit etwas angeht?

Eine Recherche über den Münchner Liedermacher spaltet das Publikum der „Süddeutschen Zeitung“. Zu viel Boulevard? Oder zu wenig Klartext? Im Gespräch mit Holger Klein erklärt SZ-Investigativchef Ralf Wiegand, warum sie die Geschichte veröffentlicht haben – und was sie zur Kritik sagen.
Ralf Wiegand
SZ-Journalist Ralf WiegandFoto: privat

Vergangene Woche hat die „Süddeutsche Zeitung“ eine große Recherche veröffentlicht, wonach der bekannte Münchner Liedermacher Konstantin Wecker eine Beziehung zu einer Minderjährigen gehabt haben soll. Die Frau, die damals 15 Jahre alt war und heute 30 ist, hatte sich mit ihrer Geschichte an die Redaktion gewandt. Sie wirft Wecker unter anderem manipulatives Verhalten vor.

Es gebe ein „sehr großes Gefälle zwischen dem Bild, das Wecker für die Öffentlichkeit aufgebaut hat, und dem Verhalten, das er über eine lange Zeit“ gezeigt habe, sagt SZ-Investigativchef Ralf Wiegand. Er ist diese Woche zu Gast im Übermedien-Podcast und spricht über die brisante Recherche und die unterschiedlichen Leserreaktionen darauf.

Es gebe viel Kritik, erzählt Wiegand. Dass die Resonanz von Print- und Digitallesern dabei so weit auseinanderfalle, habe er in dieser Form noch nie erlebt. Von den Printlesern sei zu hören, das Thema sei zu boulevardesk und gehöre nicht in die Öffentlichkeit. Jüngere Leser hingegen, die sich eher digital informieren, hätten kritisiert, die SZ habe den Missbrauch nicht klar genug benannt, wenn sie von einer „Beziehung“ schreibe.

Wie geht die Redaktion mit der Kritik um? Wieso hat sich die „Süddeutsche“ entschieden, die Geschichte – auch in dieser Detailtiefe – zu erzählen? Und was unterscheidet diesen Fall von anderen MeToo-Recherchen? Darüber sprechen Holger Klein und Ralf Wiegand in der neuen Folge „Holger ruft an“.

Links:

„Der Mann und das Mädchen“ – Recherche der SZ über den Liedermacher Konstantin Wecker und seine Beziehung zu einer Minderjährigen

Bluesky-Thread von Ralf Wiegand zu den unterschiedlichen Leserreaktionen

Video mit SZ-Redakteurin Lea Weinmann zu häufigen Leserfragen zur Wecker-Recherche

Mehr über SZ-Recherchen:

Comeback einer gelöschten Recherche: Über den Rechtsstreit zwischen der SZ und Alexander Zverev

Warum die SZ die Til-Schweiger-Story recherchierte, aber nicht veröffentlichte

9 Kommentare

  1. Als weibliche SZ-Abonentin zwischen 50 und 60 fühle ich mich bemüßigt, klarzustellen, dass ich es absolut richtig finde, dass dieser Artikel veröffentlicht wurde. Es muss über solche Verfehlungen berichtet werden, damit sich Menschen in Machtpositionen daran erinnern, dass auch sie sich nicht alles erlauben dürfen.
    Dass Wecker anscheinend gewartet hat bis die Betroffene 16 war, widerlegt für mich das von ihm bemühte Narrativ, er sei zu der Zeit Alkoholismus bedingt nicht recht zurechnungsfähig gewesen. Das ist planvolles Vorgehen, um nicht belangt zu werden. Wer das kann, weiß auch, wie komplett unangemessen eine Nachricht wie die auch im Podcast zitierte von einem über Sechzigjährigen an eine 16jährige ist.
    Ich muss allerdings sagen, dass ich (obwohl Münchnerin) die Begeisterung für Wecker gerade wegen seiner zur Schau gestellten Testosteronprotzigkeit nie recht verstehen konnte. Mir war der schon immer unangenehm.

  2. Für mich ist es eher befremdlich, dass überhaupt diskutiert wird, ob ’so eine Geschichte‘ veröffentlicht werden sollte.
    Was wäre denn die Alternative, nachdem Johanna ja offensichtlich versucht hat, mit Konstantin Wecker Kontakt aufzunehmen.
    Wecker hat sein Leben lang unglaubliche Energie, unglaubliche Ressourcen bewiesen und ausgerechnet bei dem Thema Missbrauch, denn nichts anderes ist es, will er sich ‚an vieles nicht erinnern‘ können?!
    Lässt er ganz bürgerlich über seinen Anwalt ausrichten….

  3. ich finde es immer noch bedauerlich, dass es die Podcasts nicht als, von mir aus auch KI produzierte, Abschrift gibt.
    ich könnte jetzt mit Hörproblemen argumentieren, aber ich kann halt viel besser etwas lesen, als dem Gerede anderer Menschen zu lauschen.
    ich möchte gerne, eben mal, nachlesen, was der eine am Anfang des Gesprächs gesagt hat, wenn er sich, meiner Meinung nach widerspricht, etc.
    bei einem reinen sabbelpodcast ist mir das nicht so wichtig, hier aber schon.

  4. Wäre es nicht relevant gewesen zu fragen, ob die SZ für derartige Informationen Honorare zahlt, und wenn ja, in welcher Höhe? Es macht ja einen Unterschied, ob ich den Inhalt der Berichterstattung allein nach journalistisch-inhaltlichen Kriterien gestalte, oder ob ich durch Klicks eine „Investition erwirtschaften“ muss.

  5. Ich mische mich an dieser Stelle kurz ein: Die SZ bezahlt grundsätzlich nicht für Informationen. Das ist ein eisernes Gesetz.

  6. Wir haben eine Frau, die Vorwürfe gegen einen Prominenten äußert, die sie belegen kann und die von eben jenem Prominenten selbst eingeräumt werden. Aber es gibt immer irgendeinen Jürgen, der herumraunt, es gehe der Frau nur ums Geld. Und der Presse sowieso.

  7. Wenn es nicht allzuviel ausmacht, würde mich eine schriftliche Ausgabe des Podcasts auch freuen.
    Zur Sache: wenn die einen etwas für „zu reißerisch“ halten und die anderen für „zu verharmlosend“, ist es vielleicht ja in der Goldenen Mitte gelandet?

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.