Notizblog (55)

ZDF korrigiert Eindruck über die AfD, den es gar nicht erweckt hat

Hat das ZDF gesagt, die SPD sei die einzige demokratische Oppositionskraft im Stuttgarter Landtag? Nein. Dennoch führte eine Schalte zu einer Reporterin zu Überreaktionen aus verschiedenen Richtungen – und das ZDF sendete sogar eine eilige Korrektur. Aber warum?
„Volle Kanne“-Moderatorin Nadine Krüger steht an einem Tisch vor einem Bildschirm, auf dem die Korrespondentin Sandra Susanka vor dem Landtag in Stuttgart steht.
ZDF-Moderatorin Nadine Krüger (r.), Reporterin Sandra Susanka. Screenshot: ZDF

Am Montag hat das ZDF in seinem Frühstücksmagazin „Volle Kanne“ demonstriert, wie schnell und vorbildlich man einen Fehler berichtigen kann, der in einer Live-Schalte zu einer Reporterin passiert ist. Die Korrektur hatte nur einen einzigen Haken: Es gab da gar nichts zu korrigieren.

Am Anfang der Sendung, die sonst überwiegend aus Small Talk, Service und ungegessenen Brötchen besteht, fasste das Magazin für diejenigen Zuschauerinnen und Zuschauer, die die vorausgegangenen Stunden, Tage oder Wochen keine Nachrichten geguckt hatten, Wahlkampf und Ergebnis der Landtagswahlen in Baden-Württemberg zusammen. Moderatorin Nadine Krüger schaltete zu Reporterin Sandra Susanka, die vor dem Landtag in Stuttgart stand. 

Was die Reporterin sagte

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Sie referierte, dass es vor allem eine Personenwahl gewesen sei, dass Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir Souveränität ausgestrahlt, CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel aber „hölzern“ gewirkt habe. Die AfD sei im Landtag jetzt „der Oppositionsführer“ und werde „eine große Bühne bekommen“, während die SPD sehr viel weniger Sitze erzielt habe.

Sie fügte hinzu: 

„Es wird auf jeden Fall interessant werden, weil auch die SPD sich als einzige demokratische Oppositionskraft im Landtag sieht. Also, das Zusammenspiel zwischen den beiden wird auf jeden Fall auch interessant werden.“

Nach einem Beitrag über Therapien gegen Phantomschmerzen, kam Nadine Krüger noch einmal auf die Landtagswahlen zurück:

„Und dann haben wir noch eine kleine Anmerkung zur Einordnung der Wahlergebnisse und der Schalte gerade eben. Wir hatten ja den Eindruck vielleicht erweckt, dass die SPD die einzige demokratische Oppositionskraft im Stuttgarter Landtag sei. Natürlich ist auch die AfD demokratisch gewählt und ist damit ebenfalls eine demokratische Oppositionskraft. Das nur kurz von unserer Seite zur Einordnung.“

Tatsächlich wirkte die Reporterin vor dem Stuttgarter Landtag durchaus etwas überfordert mit der ganzen Situation, aber sie hatte keineswegs diesen Eindruck erweckt. Sie hatte nur zutreffend wiedergegeben, wie die SPD sich und die AfD sieht.

Was Kritiker daraus machten

Die ganze Sache wäre der Rede nicht wert, hätte sie nicht aus zwei gegensätzlichen Richtungen bemerkenswerte Reaktionen ausgelöst. Auf der einen Seite die des Journalisten und früheren langjährigen „Tagesspiegel“-Redakteurs Matthias Meisner, der der „Einordnung“ von Nadine Krüger widersprach:

„Nur weil die AfD in Baden-Württemberg demokratisch gewählt wurde, ist sie natürlich nicht automatisch eine ‚demokratische Oppositionskraft‘.

Demokratisch gewählt ≠ demokratisch“ 

Diese Meinung kann man natürlich vertreten, aber sie ist keine, die sich das ZDF zu eigen machen muss. Ob es das sollte, wäre Anlass für eine größere inhaltliche Debatte, in der man definieren müsste, welche Kriterien eine in einer Demokratie zugelassene Partei erfüllen muss, um das Label „demokratisch“ zu verlieren. Aber dass die Moderatorin der AfD hier so explizit zugestand, eine „demokratische Oppositionskraft“ zu sein, entsprang ja vor allem dem ohnehin falschen Korrekturbedürfnis.

Noch viel weiter daneben als das ZDF lag allerdings der Journalist und Buchautor Alexander Teske, der viele Jahre für die ARD gearbeitet hat und sich inzwischen als eine Art Whistleblower und scharfer Kritiker des öffentlich-rechtlichen Rundfunks profiliert. 

Er behauptete auf X, die ZDF-Reporterin hätte gesagt: 

„Die SPD ist nun die einzige demokratische Partei im Landtag.“ 

Sie habe „unbedarft kundgetan, was viele Redakteure auf den Fluren des ÖRR denken“. 

Doch das Zitat stimmte ebenso wenig wie Teskes weitere Behauptung, dass der Satz der Reporterin und die Einordnung durch die Moderatorin in der ZDF-Mediathek „nicht mehr zu finden“ seien: „die Sendung wurde geschnitten online gestellt – ohne einen Transparenzhinweis“. In Wahrheit war und ist die Sendung ungeschnitten online.

Als Teske darauf hingewiesen wurde, dass sein Zitat nicht stimmt, postete er, dass ihm der korrekte Ausschnitt nicht vorgelegen habe:

„In der Mediathek war der Ausschnitt weggeschnitten. Deswegen habe ich aus dem Gedächtnis zitieren müssen.“

Daran ist nun alles falsch. Der Ausschnitt war nicht weggeschnitten, und wenn er weggeschnitten gewesen wäre, hätte es das nicht gerechtfertigt, ein wörtliches Zitat daraus einfach grob aus dem Gedächtnis wiederzugeben, noch dazu in Anführungszeichen.

Intransparent gelöscht

Irgendwann am Montagnachmittag löschte Teske seinen falschen Post (der laut X über 15.000-mal angezeigt worden war) ohne jede Erklärung. Die Pflicht, solche Korrekturen transparent zu machen, sieht der Kritiker des öffentlich-rechtlichen Rundfunks offenbar nur beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, aber nicht bei sich selbst.

Auf Nachfrage von Übermedien schreibt das ZDF:

„In der ,Volle Kanne‘-Sendung vom 9. März 2026 wurde von Reporterin Sandra Susanka zunächst korrekt wiedergegeben, dass sich die SPD selbst als ,einzige demokratische Oppositionskraft‘ im Landtag sehe. In der Dynamik der laufenden Live-Sendung entstand in der Schlussredaktion der Eindruck, dieser Satz könne als redaktionelle Einordnung missverstanden werden. Deshalb wurde kurzfristig eine zusätzliche Anmerkung veranlasst. Diese Klarstellung wäre nicht notwendig gewesen, da sich die ursprüngliche Aussage eindeutig auf die Selbstbeschreibung der SPD bezog. Dies wurde auch in der Redaktion kritisch nachbesprochen.“

Vielleicht war es eine spontane Überreaktion aus Panik, dass das ZDF nach dem Beitrag im „Heute Journal“ mit KI-generierten Bildern wieder einmal Anlass für eine größere Aufregung über seine Berichterstattung liefern könnte – der „Spiegel“ berichtet in seiner aktuellen Ausgabe über eine „zermürbte Belegschaft“ und eine „erschütterte Anstalt“. 

Der Fall zeigt jedenfalls auch, zu welchen Überreaktionen die außerordentliche Aufmerksamkeit für jeden vermeintlichen Fehler von ARD und ZDF auf Seiten der Kritiker führen kann.

6 Kommentare

  1. Neues aus dem Empörungsstadl trifft auf ein ZDF, das sich seit dem KI-Debakel im Panikmodus befindet. Eigentlich ein Fall für die Popcorntüte, wenn es nicht alles so traurig wäre.

    Ob sie es sollte, wäre Anlass für eine größere inhaltliche Debatte, in der man definieren müsste, welche Kriterien eine in einer Demokratie zugelassene Partei erfüllen muss, um das Label „demokratisch“ zu verlieren.

    In der Tat. Weitverbreitet ist ja die Haltung „Wir reden mit allen demokratischen Parteien (also nicht mit der AfD).“ Eine praktikable Arbeitsgrundlage für den politischen Alltag, aber kein politologisch oder gar juristisch abgesichertes Urteil. Der Begriff „demokratische Partei“ schillert, dass einem die Augen tränen, wenn man genauer hinschaut…

  2. Alter Verwalter.

    Demokratisch ist eine Partei nicht deshalb, weil sie demokratisch gewählt wurde.
    Sonst müsste man auch der NSDAP das Etikett „demokratisch“ geben. Genau auf diesen Holzweg will die AfD ihre Kritiker führen: „Wenn Millionen uns wählen, dann sind wir dadurch demokratisch.“
    Nein.

    Eine demokratische Partei erkennt mehr an als das Mehrheitsprinzip.
    Sie akzeptiert die Grenzen der Mehrheit: Grundrechte, Minderheitenschutz, Gewaltenteilung, freie Opposition, unabhängige Gerichte und die reale Möglichkeit, wieder abgewählt zu werden.

    Die entscheidenden Fragen sind deshalb schlicht:
    Würde eine Regierungsübernahme die Demokratie intakt lassen?
    Oder würde sie zum Abbau demokratischer Rechte führen?
    Und schützt diese Partei aktiv die Rechte von Minderheiten — oder stellt sie sie zur Disposition?

    Mehr braucht es im Grunde nicht.
    Dafür muss man nicht einmal Geheimdienstberichte, Chats oder die offen faschistoiden Ausfälle einzelner Kader bemühen.
    Schon an diesen Mindeststandards scheitert der Versuch, die AfD einfach als „demokratische Partei“ zu etikettieren.

    Vielleicht steht das ZDF mit seiner Paranoia gar nicht alleine da?

  3. Guter Text, habe ich gern gelesen – nur eine Anmerkung von der Schlussredaktion: Du schreibst: „Diese Meinung kann man natürlich vertreten, aber sie ist keine, die sich das ZDF zu eigen machen muss. Ob sie es sollte, wäre Anlass für eine größere inhaltliche Debatte….“

    Muss es nicht heißen: „Ob es das sollte, …“?

  4. Wer die Ansicht eines anderen wiedergibt, muss sich nur dann korrigieren, wenn der Andere diese Ansicht _nicht_ hat, ungeachtet dessen, ob man selbst oder ein Dritter der Ansicht zustimmt.

  5. Matthias Meisners Ausspruch ist einfach nur eine Binse, nichts was diskutiert werden müsste. Wie bereits gesagt, die NSDAP wurde demokratisch gewählt und tatsächlich gehen viele – wenn nicht fast alle – autoritäre Systeme zunächst auf demokratische Wahlen zurück.
    Ergo:
    „Nur weil die AfD in Baden-Württemberg demokratisch gewählt wurde, ist sie natürlich nicht automatisch eine ‚demokratische Oppositionskraft‘.
    Demokratisch gewählt ≠ demokratisch“
    Diese Aussage ist schon rein logisch unangreifbar.
    Es bräuchte das Partizip „gewählt“ sonst gar nicht.

    Es ist keine hinreichende Voraussetzung, da beißt die Maus keinen Faden ab.

    Viel schlimmer ist der zunehmende Appeasement Kurs der ÖRR in der letzten Zeit. Zum Fremdschämen!

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