Falschmeldungen galore

Günther Jauch, die Kaulitz-Brüder und die Idioten von den Verlagen

Dieser Artikel ist eine aktualisierte und erweiterte Version eines Textes, der zuerst im Übermedien-Newsletter erschienen. Wenn Sie uns abonnieren, bekommen Sie den Newsletter jeden Samstag ins Postfach.


Fast eineinhalb Jahre ist es her, dass die Musiker Tom und Bill Kaulitz in ihrem Podcast „Kaulitz Hills – Senf aus Hollywood“ davon erzählten, wie sie mit dem Fernsehmoderator Günther Jauch in Technoclubs feiern gewesen seien.

„Mit dem Günther waren wir früher viel feiern“, sagt der eine, „wir waren ein, zwei Mal mit dem irgendwo“, relativiert der andere.

In so richtigen Technoclubs hätten sie in Berlin zusammen gesessen, da habe Jauch eine „ganz neue Seite von sich gezeigt“: „Der ist ein richtiger Womanizer, der Jünther!“ Er habe ein paar mal „Mädels“ um sich drumrum gehabt, „und fand das auch immer lustig, dass wir auch Mädels mitgebracht haben.“ Das sei aber Jahrzehnte her.

Womanizer Jauch, 1988 (Symbolfoto) Foto: Imago / United Archives

Lieber eine falsche Geschichte als keine Geschichte

Es ist alles sehr unernst, allerdings auch nicht komplett eindeutig als Ironie oder Fantasie markiert. Aber angesichts der Unwahrscheinlichkeit dessen, was sie da erzählen, könnte man vielleicht, bevor man eine Nachricht daraus macht, nochmal nachfragen – bei den Kaulitzens oder Jauch.

Gut, damit würde man aber natürlich womöglich riskieren, keine Geschichte zu haben, und keine Geschichte ist für diese Art Journalismus immer schlechter als eine falsche Geschichte.

Jedenfalls fand sich die vermeintliche Nachricht schnell zum Beispiel auf der Seite „Wunderweib“ aus der für Seriösität nicht bekannten Bauer Media Group. Die Überschrift:

„Bill Kaulitz und Tom Kaulitz über Günther Jauch: Heimliche Partys mit jüngeren Frauen!“

Der Artikel beginnt mit den Worten:

„Abgesehen von ein paar (TV-)Ausrutschern ist Günther Jauch (65) die Seriosität in Person. Umso ärgerlicher, dass jetzt ausgerechnet Kollegen von ihm pikante Details über sein Leben abseits der TV-Bühne ausplaudern …“

Die vermeintlich seriösere Zeitschrift „Gala“ aus dem Hause RTL vermeldete die angeblichen gemeinsamen Technoclub-Besuche im Januar – und musste im Februar eine Gegendarstellung von Jauch abdrucken:

„Hierzu stelle ich fest: Zu keinem Zeitpunkt war ich mit den Brüdern Kaulitz in Berliner Techno-Clubs unterwegs.“

So weit, so Routine.

Nun geschah es aber, dass Jauch zu Gast in Kurt Krömers Podcast „Feelings“ war und darüber sprach, wie konsequent er gegen die Falschbehauptungen der Regenbogenpresse über ihn vorgeht. Und als ein Beispiel nannte er diese Geschichte.

Er sagte, dass er den Kaulitz-Brüdern das persönlich gar nicht übel nehme, „aber die Idioten von den Verlagen ziehen das dann durch“, weshalb die beiden Tokio-Hotel-Jungs demnächst als Zeugen vernommen werden sollten.

Wie das in solchen Plaudereien immer ist: Ein paar Sätze bleiben unvollendet in der Luft, und wenn man nicht richtig hinhört, könnte man den Eindruck bekommen, er habe eine Gegendarstellung von den Brüdern verlangt und nicht von den Verlagen, obwohl eigentlich eindeutig ist, gegen wen sich Jauchs Zorn richtet und gegen wen nicht.

Kein lernendes System

Nun hätte man, wenn man wollte, aus der Vorgeschichte eine Lehre ziehen können: Dass es sich lohnt, bevor man aus einer halb verstandenen Plauderei in einem Podcast eine Meldung macht, vorher nochmal nachzufragen. Hätte man es getan, wie „Der Spiegel“ und der „Tagesspiegel“, hätte man von Jauchs Anwalt erfahren, dass Jauch tatsächlich rechtlich nicht gegen die Kaulitz-Brüder vorgeht oder vorgegangen ist, sondern gegen verschiedene Medien.

Aber Lernen ist in der Welt des Erfindungs-, Gerüchte- und Abschreib-Journalismus nicht vorgesehen, und deshalb steht an frappierend vielen Stellen nun die Falschmeldung, Jauch habe Bill und Tom Kaulitz verklagt.

  • „Bunte“ meldet falsch: „Rechtsstreit mit den Kaulitz-Zwillingen“.
  • infranken.de meldet falsch: „Jauch (…) verklagt die Brüder kurzerhand“.
  • Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ meldet falsch: „Günther Jauch verklagt Kaulitz-Brüder“.
  • web.de meldet falsch: „Günther Jauch geht gegen Kaulitz-Brüder vor“.
  • Die „Berliner Zeitung“ meldet falsch: Jauch habe „vom Kaulitz-Doppel eine Gegendarstellung gefordert, die es allerdings nie gegeben habe. Dementsprechend habe er rechtliche Schritte gegen die Musiker eingeleitet“.
  • Der „Münchner Merkur“ meldet falsch: „Günther Jauch fordert Gegendarstellung von den Kaulitz-Brüdern“
  • Die „Süddeutsche Zeitung“ meldet falsch: „Günther Jauch, 66, Moderator und Boulevardpresse-Kritiker, wehrt sich gegen die Kaulitz-Brüder.“
  • Die österreichische „Kronen-Zeitung“ meldet falsch: „Günther Jauch zerrt Kaulitz-Zwillinge vor Gericht“.
  • Das österreichische „Heute“ meldet falsch: „Jauch gegen Kaulitz-Brüder – Jetzt geht’s vor Gericht“.
  • Der Schweizer „Blick“ meldet falsch: „Wegen dieser Behauptung klagt Jauch eine Gegendarstellung bei den Musikern ein. Noch wartet er auf selbige, sagt aber: ‚Ich gebe nicht auf!‘“
  • „T-Online“ meldet falsch: „Offenbar läuft eine Klage gegen Bill und Tom Kaulitz.“
  • Usw. usf.

Wenn man bei „Google“ nach „Jauch“ und „Kaulitz“ sucht, schlägt die Suchmaschine von sich aus Schlagzeilen zum Thema „Günther Jauch verklagt Kaulitz-Brüder“ vor.

Schlagzeilen "Günther Jauch verklagt Kaulitz-Brüder"
Screenshot: Google

Das Redaktionsnetzwerk Deutschland scheint seine Meldung „Günther Jauch: Warum der Moderator im Rechtsstreit mit Bill und Tom Kaulitz ist“ inzwischen heimlich verändert zu haben. „T-Online“ hat seine Meldung transparent korrigiert.

Und all diese Falschmeldungen, die mit einem Mindestmaß an Recherche hätten verhindert werden können, sind die Folge davon, dass Jauch erzählt hat, wie er gegen Falschmeldungen über sich vorgeht und wieviel Zeit ihn das kostet.

Verlags-Idioten

Aber die Sache hat noch eine Bonus-Pointe. Auch die „Mitteldeutsche Zeitung“ und die Magdeburger „Volksstimme“ berichten über den Fall. Unter der Überschrift „Angebliche Clubnacht mit Günther Jauch? Kaulitz-Brüder müssen möglicherweise vor Gericht“ bleibt im Artikel der beiden Schwesterzeitungen mindestens unklar, gegen wen Jauch vorgeht. Darin findet sich auch folgender Absatz:

„‚Die Kaulitz-Brüder, die nehmen das glaube ich locker‘, sagt Günther Jauch. Sie sollen bald als Zeugen vernommen werden. ‚Die von den Verlagen, die ziehen das dann durch‘, erklärt Günther Jauch. ‚Andere Menschen geben dann irgendwann auf, weil sie einfach diese ganzen Kosten dann nicht mehr zahlen können. Und bei mir sollen sie wenigstens wissen, dass ich nicht aufgebe.‘“

Moment mal, Jauch hatte gar nicht gesagt: „Die von den Verlagen, die ziehen das dann durch“. Gesagt hatte er: „Die Idioten von den Verlagen, die ziehen das dann durch“.

Die „Volksstimme“ und die „Mitteldeutsche Zeitung“ haben Jauchs Zitat um die „Idioten“ gekürzt.

Beide Zeitungen erscheinen in der Bauer Media Group. Genau wie das Online-Magazin „Wunderweib“, gegen das Jauch tatsächlich juristisch vorgeht. Es sind also quasi die eigenen Verlags-Idioten, die die Zeitungen aus dem Zitat gestrichen haben.

4 Kommentare

  1. Ich bin immer froh um diese ausführlichen Recherchen, aber wenn da steht mit „jüngeren Frauen“, meinen die „jünger als die Kaulitzens“ oder „jünger als Jauch“?

  2. Bravo. Klare Kante von Stefan #2. So gehört auf Alternativfragen geantwortet.

    Ansonsten: Schleudertrauma vom Kopfschütteln.

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