Hasswort (70)

Fiebertraum

Die Fiebertraumkurve steigt, das Sprachbild hat Konjunktur. Alles ist ein einziger „Fiebertraum“, nicht nur in sozialen Medien, sondern längst auch in Sport- und Politikberichten. Doch so treffend das Wort in vielen Fällen sein mag: Seine Wucht hat es längst verloren.

Es gibt psychologisches und medizinisches Fachvokabular, das in der Alltagssprache Karriere macht. Trigger, Trauma – Sie wissen schon. Oft bin ich davon genervt. Nicht allein die inflationäre Verwendung strapaziert mein Nervenkostüm. Auch dass viele Menschen der eigentlichen Bedeutung solcher Begriffe erstaunlich gleichgültig gegenüberstehen … triggert mich {sic!}.

Traumatische Wortwahl

Dennoch attestiere ich mir selbst ein mindestens mittelschweres Fiebertraum-Trauma. Denn der Fiebertraum ist sprachlich omnipräsent und längst zur Universalmetapher geworden für alles Surreale und Absurde, gerade in der Youtube-Bubble und auf Social Media.

Dort ist alles, einfach alles ein Fiebertraum: die missglückte Walrettung von Timmy-Hope vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns. Der Eurovision Song Contest. Der Auftritt von Ikkimel im ZDF-„Morgenmagazin“. Und Politik sowieso. Das Satire-Video „Merz ist so ein Fiebertraum“ der Youtuber „2 Bored Guys“ aus dem Frühjahr vergangenen Jahres zählt mit 1,8 Millionen Aufrufen zu den beliebtesten des Kanals und liegt damit (unter anderem) vor „Malle ist so ein Fiebertraum“ (1,8 Millionen Aufrufe) und „Bernd das Brot ist so ein Fiebertraum“ (1,2 Millionen Aufrufe).

Seit 2021 im Trend

Es scheint, als erfülle der Begriff in Headlines, Reel- oder Videotiteln eine ähnliche Funktion wie der in Signalorange kreischende „Spiegel-Bestseller“-Sticker auf Buchcovern. Ein Wort wie ein Etikett, ein Aufmerksamkeitsverstärker.

Klar, da lässt sich schulterzuckend kommentieren: das Internet halt. Creator-Kultur, blabla. Allerdings hat es der Fiebertraum längst ins Feuilleton geschafft, in Texte über Politik wie Popkultur, in die Regionalreportage ebenso wie in die Sportberichterstattung. Das Wort hat Konjunktur.

Das belegt auch die Verlaufskurve, die das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) für Fiebertraum erstellt hat. Sie zeigt, wie häufig der Begriff in deutschsprachigen Zeitungstexten verwendet wird: Seit 2021 schnellt die Fiebertraumkurve beinahe so rasant in die Höhe wie die Körpertemperatur vor einem echten Fiebertraum. Ob der Begriff damals einen Aufschwung erfahren hat, weil ein Großteil der Bevölkerung coronabedingt glühte?

Apropos, vielleicht ist das die Stelle, an der wir einen Blick auf das medizinische Phänomen an sich werfen sollten: Der Fiebertraum ist ein „in fiebrigem Zustand durchlebter, oft als bedrückend oder beängstigend empfundener Traum“, erläutert das DWDS.

So absurd wie die Gegenwart

Sicher, das macht den Fiebertraum zu einer hervorragenden Metapher für jeglichen überdrehten Irrsinn, fürs Bizarre, Groteske, für alles, was schwer einzuordnen ist und was man gar nicht glauben mag. Also … für die Gegenwart. Das Sprachbild sitzt, zumindest in den meisten Fällen. An seiner Eignung gibt es keinen Zweifel.

Ja, die FIFA ist und das WM-Finalspektakel war ein Fiebertraum, wie unter anderem der „Guardian“ festhielt. Und zurecht wurde die RTL-Show „Wer weiß wie wann was war?“ mit Stefan Raab und Barbara Schöneberger von der dpa im Frühjahr als „Fiebertraum in Pink“ bezeichnet. Auch der Autorin Lena Schätte, die unlängst den renommierten Bachmann-Preis gewonnen hat, möchte ich keinesfalls ihre Überwältigung absprechen, als sie ihren Sieg im Wettlesen mit „Es ist ein Fiebertraum“ kommentierte. Und ich glaube der „taz“, wenn sie schreibt, die Fälle der ARD-Reihe „Usedom-Krimi“ glichen allesamt Fieberträumen.

Einzig: Die Dauernutzung verschleißt das Sprachbild. Längst hat es seine Wucht verloren. Was sich nicht zuletzt daran zeigt, dass der Fiebertraum selten nur noch ein Fiebertraum ist. Nein, dieser Superlativ fürs Absurde wird mit Verbalanabolika aufgepumpt zum kompletten/einzigen/puren/absoluten/epischen Fiebertraum. In schweren, zum Glück seltenen Fällen ist sogar die Rede vom absurden Fiebertraum, also letztlich von einem absurden absurden Traum … was, nun ja, absurd ist.

Hilfreiche Therapie

Es ist das Schicksal vieler guter Vergleiche und Metaphern: Erst brillieren sie an passender Stelle, dann werden sie recycelt und stumpfen ab. Sie verlieren ihre Originalität und verkommen zu Sprachramsch.

Mit 21 Wiederholungen des Fiebertraum-Begriffs in diesem Lauftext war das Schreiben der Kolumne für mich übrigens eine durchaus hilfreiche Konfrontationstherapie. Dennoch schließe ich mit einem Appell: Fahnden wir nach neuen Sprachbildern! Falls Ihnen eine treffende Alternative fürs Surreale einfällt, wäre das … ein Träumchen.

4 Kommentare

  1. Wenn ich mich Recht erinnere, hat Dostojewski seine Figuren den einen oder anderen „Fiebertraum“ bzw „fiebrigen Traum“ durchmachen lassen, also noch ganz im wörtlichen Sinne.

  2. Vielleicht entstehen bald mehr Sprachbilder aus dem KI-Kontext wie „Slop“, „schlecht gepromptet“ oder Ähnliches.

  3. Wunderbar! Endlich mal wieder eine „Hasswort“-Kolumne, die sich nicht in gehobenen Zeigefingern erschöpft, sondern Sprachkritik übt. Der „Fiebertraum“ war mal eine nette Metapher, ist aber inzwischen derart totgeritten, dass man ihn auf die nächsten zehn Jahre meiden sollte. Mindestens. (Wer mal einen echten Fiebertraum hatte, der weiß: Ein Usedom-Krimi käme höchstens dann in die Nähe dieser Erfahrung, wenn er von Luis Buñuel inszeniert wäre.)

    Danke, Frau Lich – und gerne mehr davon. Wie schon erwähnt, wäre mein Favorit als Hassphrase seit geraumer Zeit „Alarm schlagen“.

  4. Es ist ja immer bisschen wie im Freundeskreis, nur ad extremum: Man macht neue Bekanntschaften, trifft sich oft, übernimmt automatisch das ein oder andere Wort des neuen Menschen, ein Ausdruck verbreitet sich, häuft sich, irgendwann nervts, er verlebt sich. In der Mode übrigens auch: Was auf den großen Haute Couture Laufstegen zu sehen ist, hat man zwei Jahre später in der Billo-Version in allen Jugend-Modeläden, „alle“ tragens, und nach weiteren zwei Jahren kanns keiner mehr sehen. Im Netz kommt noch dazu, dass Online-Redakteure nach guten Keywords suchen und diese einbauen müssen, damit ihre Texte gut gecrawlt und geklickt werden und damit verstärkt sich ganz mechanisch so ein deppertes Trendwort.
    Beim „triggern“ sind wir glaube ich schon über dem Zenit, weil es genug Leute so inflationär verwenden, dass sich bei vielen jetzt immerhin schon ein ironischer Unterton oder die Finger-Gänsefüßchen dazu einschleichen.
    Ich hoffe, dass wir auch endlich durch sind mit Ausdrücken wie: „Ich kann nicht so viel essen wie ich kotzen möchte“ und „Anatomie eines [wasauchimmer]“ auf Buch-/TV-Film-/Artikelcovern.
    Vielleicht brauchen wir zur Belustigung einfach nebst Jugend- und Boomer-Wort des Jahres auch ein Internet-Wort oder Journalismus-Wort des Jahres? :D

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