Presseschau (1)

Stefan Aust erzählt, aber den Reim muss sich das Publikum selber machen

Stefan Aust
Foto: Imago / Metodi Popow

Wer kennt es nicht: Man möchte einen Fernsehsender verkaufen und wartet, bis der Wert per Due Diligence ermittelt wird, in Nowolasarewskaja, der bekannten russischen Antarktisstation. Allerdings nicht allein, denn „Prinz Harry und eine Gruppe von britischen Kriegsveteranen“ fliegen mit.

Das Flugzeug ist „ein riesiges russisches Frachtflugzeug vom Typ Antonow“, und der Komfort hält sich in Grenzen: Die Toilette ist ein angeschnalltes Dixi-Klo. Davor, beim Warten, ergibt sich dann die Gelegenheit zum längeren Gespräch „mit dem von einem Bein aufs andere hüpfenden Prinz Harry“. Wie üblich fährt man dann nach der Landung zur „Schirmacher-Oase“, benannt nicht nach dem FAZ-Herausgeber, sondern nach Richardheinrich Schirmacher, einem Flugboot-Kapitän, der 1939 dort für das Deutsche Reich den Walfang organisieren sollte, um die „Fettlücke“ des Landes zu schließen.

Und abends? „Abends, in unserem Iglu, rief ich regelmäßig mit dem Satellitentelefon in Berlin an und erkundigte mich bei Torsten Rossmann nach dem Stand der Finanzuntersuchung unseres Senders. Alles verlief nach Plan.“

Wessen Arbeitstage aber irgendwie anders verlaufen, der ist vermutlich nicht Stefan Aust. Der 1946 geborene Journalist, Unternehmer, Sachbuchautor, einstige Macher von „konkret“, „St. Pauli-Nachrichten“, „Spiegel“ und „Welt“, hat seine Autobiografie geschrieben und Teile davon könnten das Publikum verunsichern.

Nüchtern

Das Buch beginnt schon mal sehr vielversprechend, als der Autor freimütig bekennt, „ein großer Schreiber war ich nie“. Da hat man noch sechshundert Seiten vor sich.

Der erste Teil beginnt auch nicht mit der Erinnerung an Szenen oder Gerüche der Kindheit oder mit seiner engeren Familie, sondern trägt den Titel „Die Elbe“. Der Moment einer poetischen Beschreibung? Einer Schilderung seiner kindlichen Verbundenheit zu Landschaft und Leuten? So ähnlich: „Eine der größten Schifffahrtsstraßen der Welt, jedes Jahr transportieren tausende Schiffe rund 800.000 Kreuzfahrtpassagiere und 8,8 Millionen Standardcontainer von Cuxhaven bis Hamburg.“ Undsoweiter.

Buchcover: Stefan Aust, 'Zeitreise'

Die Kapitel über die Familie haben ähnlich nüchterne Titel: „Der Unternehmer“ – das ist der Großvater, der erst ein Vermögen mit Postkarten machte, dann Schiffe kaufte und sie schließlich gegen eine Leibrente an die Hansestadt Hamburg verkaufte. Es folgen „der Vater“, „der Onkel in China“, „im Krieg“ und „die Mutter“. Über die finden sich immerhin einige, wenn nicht warme, so doch anerkennende Worte: „Sie war eine hochintelligente fleißige Frau, die fünf Kinder zur Welt brachte, das marode Haus bewirtschaftete, mit auf dem kleinen Bauernhof arbeitete und dafür sorgte, dass die Kinder alle Abitur machten.“ Fast eine Liebeserklärung.

In dem kurzen Kapitel „die Schimmelreiterin“ wird auch seine spätere Ehefrau vorgestellt: Beide treffen sich zufällig in Austs Stammlokal „Cuneo“ und stellen fest, dass sie sich von früher kennen: Sie ritt als Elfjährige auf einem Pony mit, als Aust und seine Freunde an einer „Jagd des Tierarzt Klute“ teilnahmen. Elf Jahre später kamen sie sich näher: „Die Ehe hält bis heute“, stellt er fest.

Begegnungen, Fakten, Dialoge – so entfaltet sich das Buch von Szene zu Szene. Es fallen sehr viele Namen, es wird viel gereist und gearbeitet, aber der Faden, der das alles zusammenbindet, der erscheint irgendwie nicht. Aust erzählt und staunt, was er so zu erzählen hat. Den Reim muss sich das Publikum schon selber machen.

Die beiden prägenden Figuren seiner frühen Jahre, Ulrike Meinhof und Rudolf Augstein, werden neugierig beschrieben, aber nicht im eigentlichen Sinne porträtiert. Der Autor scheint im eigenen Leben und in der Erzählung davon auf dem Sprung, immer rasch weiter. Man kann sich erschließen, dass ihm die Bildung eines Vermögens, ein guter Kaufmann zu sein, wichtig ist – der Großvater schuf ein Vermögen, aber die nachfolgende Generation hatte Mühe, es zu halten oder gar zu vermehren. Es weht durch solche norddeutschen Familiengeschichten immer das Gespenst der Lübecker Familie „Buddenbrook“, allerdings zitiert Aust keine Literatur, von Moby Dick einmal abgesehen.

Als Junge hatte Stefan Aust mit Ratten in der Toilette seiner Eltern zu tun, das beflügelte ihn, es später einmal besser zu haben und eher nach dem Großvater zu kommen als nach dem Vater. Obwohl dessen Liebe zu den USA, wo er als junger Mann viele Jahre als Gelegenheitsarbeiter lebte, sich vererbt hat.

Wenn Aust an irgendeinem Punkt ins Schwärmen gerät, dann bei den – arg detaillierten – Erzählungen seiner Reisen durch Nordamerika. In den entsprechenden Kapiteln würde man sich über die lobende Erwähnung und ausführliche Beschreibung einer besonders leckeren Pizza auch nicht mehr wundern.

Sarkastisch

Bald tritt er als Zeuge der deutschen Geschichte auf: Er ist dabei, als der Studentenprotest in Linksterror degeneriert und rettet später die Töchter von Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl aus einem Camp auf Sizilien. Zwar gefällt ihm der freundliche Idealismus der Studierenden in San Francisco, aber die ideologische Verkrampfung der Linken fährt ihm deutlich in die Knochen. Fortan begegnet er idealistisch motivierter Politik, etwa dem ökologischen Umbau der Industriegesellschaft der Grünen oder der merkelschen Flüchtlingspolitik, mit Sarkasmus.

Was ihn wirklich fesselt, sind ungelöste Fälle, nicht nur im Zusammenhang mit seinem Lebensthema, der RAF, sondern noch viel mehr: Wo ist das Bernsteinzimmer? Was trieb der Agent Werner Mauss? Wer war alles ein Stasi-Hasi? Gab es den NSU? Wen kannte Anis Amri?

Vor jenen Kapiteln gilt es, gut Luft zu holen, denn es geht im wilden Ritt durch Szenen und Figuren. Bei der Erinnerung an den Tod Uwe Barschels etwa taucht in Genf noch der Privatdetektiv Werner Mauss auf, mit seiner Frau. Sie stehen vielleicht im Dienst eines deutschen Chemiegiganten, haben eigentlich mit einem anderen Fall zu tun, vielleicht aber auch nicht.

Aust hält es für „auffällig, wie viele Personen, die sich im Umfeld von Werner Mauss bewegten, sich an Uwe Barschels Todestag in der unmittelbaren Nähe aufgehalten haben“. Es tauchen auf: Der Nachrichtenhändler Frank Peter Heigl, der „Chef der P2-Loge“, Licio Gelli, der BKA-Beamte Walter Schill, der zeitweise für einen reichen griechischen Reeder arbeitet, dann ein südafrikanischer Kardiologe Wouter Basson, der für das Regime Leute umbringt. Auch die Prinzessin Grazia von Monaco wird erwähnt, aber das führt nun zu weit.

Viele Namen und Beziehungen, doch Aust resümiert: „Alles keine Beweise für die Beteiligung an einem Mord. Aber merkwürdig viele Verbindungen.“

Diese Fälle sollen nicht gelöst werden, er möchte auch keine schlüssige Hypothese ausbreiten, sondern vielmehr unterhalten und für Spannung sorgen. Viele der hier ausgebreiteten Fälle führen schnurstracks in die geschlossene Gesellschaft der Geheimdienste, aber Aust spekuliert nicht gern.

Unsentimental

Stolz ist Aust, der nicht studiert hat, auf seine Zeit als Chefredakteur des „Spiegels“, der seinerzeit noch von einem akademischen Publikum gelesen wurde. Die Schilderung seines Machtverlusts dort ist beklemmend, aber für jeden, der das Haus kennt, plausibel. Aust ist noch im Job, als er erfährt, dass längst Gespräche quer durch die Republik geführt werden, um seine Nachfolge ins Werk zu setzen. Besser geworden ist das unterdessen nicht. Es läuft immer noch so, bloß findet sich kaum noch jemand, der den Job möchte, und heute wissen nur noch wenige Menschen, wie der Chefredakteur des Blattes heißt.

Das große Buch der kleinen Geschichten hebt sich immerhin von den üblichen fortschrittspessimistischen Medienbetrachtungen ab, denn Aust lässt generell wenig Gefühle, schon gar keine Nostalgie aufkommen. Er hadert nicht, sondern freut sich über jedes nächste Abenteuer. Dass er irgendwann bei Springer arbeitet, wo er früher doch vor dem Gebäude demonstriert hat, fällt für ihn unter Ironie des Schicksals.

Nach den vielen Seiten schwirrt einem der Kopf. Man würde es so erzählen: „Du, ich hab‘ gestern den Aust getroffen, saßen lang zusammen. Es war sehr spannend.“ – „Oh, und worüber habt ihr geredet?“ – „Mh, weiß ich gar nicht mehr. War aber sehr kurzweilig.“

2 Kommentare

  1. Ich nehme an, wenn ihr mal Artikel aus verschiedenen Zeitungen zu einem bestimmten Thema synkopisch auflistet, nennt ihr das Buchrezension.
    Ich bin jedenfalls froh, dass ich mir als Publikum endlich den Reim selber machen darf und nicht alles von der Wiege bis zur Bahre erklärt bekomme. Sollte sich der mündige Leser doch noch durchsetzen?

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