Bei Bauer sind die Manager so wahrheitsliebend wie ihre Zeitschriften

Vieles, das in den Blättern des Bauer-Verlages steht, stimmt nicht. Das ist bekannt und gut dokumentiert, und bekannt ist auch ein häufiges Argument, warum das angeblich unproblematisch sei: Das Publikum der Regenbogenblätter erwartete gar nicht unbedingt, dass das so genau stimmt, was es da liest.

Aber die Leserinnen und Leser seiner Blätter sind nicht die einzigen, denen der Bauer-Verlag Unwahrheiten verkauft. Es sind zum Beispiel auch die Leserinnen und Leser der Fachzeitschrift „journalist“. Die führte vor kurzem ein Interview mit der Chefredakteurin Sabine Ingwersen („Tina“, „Bella“, „Laura“, „Alles für die Frau“ u.a.) und dem Verlagsgeschäftsführer Ingo Klinge.

Angesprochen auf Blätter wie die „Neue Post“, in denen, so der Interviewer, „die Grenze zur Lüge doch so fließend [ist], dass es kaum Schlagzeilen ohne Fragezeichen gibt und oft zur juristischen Auseinandersetzung kommt“, sagt Klinge:

Klinge: Auch dabei handelt es sich unser aller Überzeugung nach um Journalismus, und zwar mit der Vorsilbe „Qualitäts“. Ich lehne es ohnehin ab, Journalisten ständig nach Yellow, Boulevard, Nachrichten oder was auch immer in Kasten einzuteilen. Weil alle Journalisten Journalismus betreiben, sind unterschiedliche Maßstäbe demnach völlig unangemessen.

„journalist“: Aber die 150. Mutmaßung über Michael Schumachers Gesundheitszustand hat doch mit der Wirklichkeit nichts zu tun, sondern ist – Entschuldigung – vielfach schlicht erlogen!

Klinge: An Journalismus mit der Methode des Lügens heranzugehen, ist völlig unvorstellbar. Die Frage, wie recherchiere ich was, wen lasse ich wo zu Wort kommen – da sind die Maßstäbe von Neue Post schließlich keine anderen als bei der tina oder sonstwo.

Die Leser seien nun mal neugierig, was bei den Prominenten und hinter den Palastmauern so passiere.

Klinge: Bei der Frage, wie genau man die Neugierde daran bedient, geht es dann natürlich auch um journalistische Standards, um Regeln und Ethos. Trotzdem wird bei uns nicht gelogen, sondern allenfalls emotionalisiert und überzeichnet.

Also gut, schauen wir mal an, was diesen ungelogenen Journalismus mit der Vorsilbe „Qualitäts“ aktuell so ausmacht.

Nur wer das Heft kauft, erfährt: Tatsächlich hat weder Gottschalk Krebs, noch seine Frau, noch sonst irgendwer. Und „heimlich“ ist an der Sache auch nichts: In dem Artikel geht es darum, dass Gottschalks Vater an Krebs gestorben ist — vor 55 Jahren.

Wer nun glaubt, Mary Roos feiere mit 70 eine Traumhochzeit, ist erfolgreich betrogen worden. In Wirklichkeit erzählte sie in einer Talkshow (ab 27:30), dass sie im Internat Kochen und Bügeln gelernt habe. Und scherzte: „Joa, man kann mich schon heiraten.“ Zack: Traumhochzeit mit 70, Ausrufezeichen.

„Mit 46 wieder schwanger“ – stimmt nicht. Die einzigen „Belege“, die das Blatt liefert, sind: 1. Letizia hatte einen Mantel mit Leopardenmuster an („Wollte sie mit dem auffälligen Designerstück vielleicht ein süßes Geheimnis kaschieren?“), 2. Auf ihrem Kopf schimmern graue Strähnen durch („Einige Mediziner raten davon ab, in der Schwangerschaft die Haare zu färben“).

Immerhin beschränkt sich die Irreführung bei solchen Geschichten „nur“ auf die Titelschlagzeile. Wer sich das Blatt kauft, erfährt zumindest im Innenteil, dass das, was vorne draufstand, nicht stimmte. Es gibt aber auch andere Fälle. Wie diesen hier:

Im Artikel heißt es:

Er hat so hart gekämpft. „Ich bin ein Überlebender. Jeder Tag ohne Sorgen ist ein Geschenk“, zeigte sich Michael Douglas (74) zuversichtlich nach seiner überstandenen Krebs-Diagnose. Doch die sorgenfreien Tage sind gezählt. Der Tumor ist zurück!

Seiner Frau habe er den Rückfall bislang verschwiegen, schreibt das Blatt. Denn er habe panische Angst, ihre Ehe aufs Spiel zu setzen, „dafür riskiert er sogar sein Leben.“

Das ist nicht „überspitzt“ oder „emotionalisiert“, das ist falsch. Erst vor zwei Wochen wurde Douglas‘ Sprecher auf einen angeblichen Krebs-Rückfall angesprochen. Seine Antwort: Dem Schauspieler gehe es blendend.

Ingo Klinge sagt im „journalist“-Interview noch:

Klinge: Wenn es persönlichkeitsrechtlich relevant wurde, gab es bislang kaum Beispiele, wo wir in Auseinandersetzungen mit Prominenten vor Gericht unterlegen sind. Wir haben uns wenig vorzuwerfen.

„Kaum Beispiele“?

Und das ist nur ein Bruchteil der Artikel, die der Bauer-Verlag allein in den vergangenen zwölf Monaten nachträglich geschwärzt hat, weil sich die Betroffenen dagegen gewehrt hatten, darunter Sänger, Schauspieler, Sportler, Moderatoren, Königshäuser. Und dann gab es ja noch die mehr als 200 Star-Interviews in verschiedenen Bauer-Blättern, von denen viele womöglich nie stattgefunden haben. Und die mehr als 300 weiteren Interviews, von denen ebenfalls viele offenkundig gefälscht waren — und die dazu führten, dass der Verlag vor Gericht der Schauspielerin Sandra Bullock unterlag, an die er letztlich 50.000 Euro Geldentschädigung zahlen musste.

Man sollte Ingo Klinge nicht mehr glauben als den Blättern seines Verlages. Aber das hat er ja mit seiner Chefin gemein.

5 Kommentare

  1. „Das Publikum der Regenbogenblätter erwartete gar nicht unbedingt, dass das so genau stimmt, was es da liest.“

    Glaube ich gern.
    Aber was ist der Unterschied zu den Lesern von ZEIT, SZ und SPIEGEL?

  2. Ich nehme an, auch die erwarten gar nicht unbedingt, daß das so genau stimmt, was das Publikum der Regenbogenblätter liest.

  3. Also eine ganz offensichtliche Lüge ist schon mal auf dem „Woche heute“ Cover: Es gibt NICHTS, das man Horst Lichter nie zugetraut hätte, daher kann die Story im Inneren nur Unsinn sein. Und die Wahrheit über den neuen Freund unserer Helene ist auch alles andere als „bitter“. Er hat einfach nicht kommen sehen, was diese romantische Beziehung für ihn medientechnisch mit sich bringt. Das ist natürlich nur blauäugig, naiv, unvorsichtig, unklug, schw…gesteuert, …

  4. ich bin immer ganz fasziniert, wie diese Lügner und Schwurbler ihr verantwortungsloses Handeln schönreden und dabei vermutlich noch nicht mal rot werden. Dieses Selbstverständnis, selbst die dümmsten und schamlosesten Lügen noch als Journalismus verkaufen zu wollen, ist im Grunde eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die Demokratie. Diese Leute sind eine Gefahr. Sie tragen jeden Tag dazu bei, das Vertrauen in die Medien noch weiter zu ramponieren. Selbst, wenn sie es nur in einem ihrer blödsinnigen Schmalzblätter tun. Es ist die Geisteshaltung von der die Gefahr ausgeht, nicht die erstunkene und erlogene Geschichte über einen Michael Schumacher oder eine Helene Fischer. Das widerwärtig rücksichtslose und dumme Treiben der Verantwortlichen solcher Verlage strahlt auf die ganze Zunft aus. Auch auf jene Journalisten die, im Gegensatz zu diesen dreisten Lügnern, noch einen Rest Anstand und Berufsethos in sich tragen.

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