Notizblog (55)

Der Unwahrsager der „Weltwoche“

Ein Autor der Schweizer Wochenzeitung behauptete vor der Parlamentswahl in Ungarn, er sei der einzige, der den Gewinner richtig vorhersage. Er setzte voll und ganz auf, genau: Viktor Orbán, den Verlierer. Glückwunsch!

Es ist nicht ganz klar, warum Journalisten sich immer wieder zutrauen, die Zukunft vorherzusagen, wenn sie regelmäßig schon an der Aufgabe scheitern, über Vergangenheit und Gegenwart zu berichten. Andererseits winkt natürlich, wie bei einer riskanten Wette, ein besonders hoher Lohn, wenn sich herausstellt, dass man mit einer extremen Außenseiter-Prognose recht hatte.

Die „Weltwoche“ hat jedenfalls alles auf einen Sieg des von ihr ohnehin verehrten Viktor Orbán bei den Parlamentswahlen in Ungarn gesetzt. Ihr Autor Kurt W. Zimmermann war sich seiner Sache absolut, vollständig, hundertprozentig sicher. Und die Tatsache, dass er damit ziemlich alleine stand, sprach aus der Logik der rechten Schweizer Wochenzeitung, die sich gerne als Meister im Gegen-den-Strom-Schwimmen inszeniert, nur dafür, dass er recht hatte.

Dokument grotesker Selbstüberschätzung

Die Titelseite der Ausgabe von der vorvergangenen Woche setzte den Ton:

Titelseite Nr. 14/2026 der Schweizer „Weltwoche“ mit Viktor Orbán in einem Fußballtrikot, der jubelnd die rechte Faust reckt. Dazu die Schlagzeile: „Ein Prosit auf Orbáns Sieg“.
„Weltwoche“-Prognose: Vielleicht zu viel getrunken?Foto: „Die Weltwoche“

Titel: „Ein Prosit auf Orbáns Sieg“. Unterzeile:

„Als einziger Journalist in Westeuropa sage ich, dass Ungarns Premier die Wahl gewinnt. Denn als einziger Journalist in Westeuropa kann ich rechnen.“

Es ist nicht nur die Titelseite. Das ganze Stück ist ein Dokument grotesker Selbstüberschätzung, das von der Wirklichkeit umfassend widerlegt wurde.

Zimmermann zitierte zum Einstieg mehrere Medien, die über Umfragen berichten, in denen der Herausforderer Péter Magyar vor dem seit 16 Jahren regierenden Ministerpräsidenten Orbán liegt. Alles Idioten! 

„All die Journalisten, die sich mit ihren Wahlprognosen auf Umfragen stützen, haben (…) keine Ahnung vom ungarischen Wahlsystem. Umfragen zum Wahlausgang sind hier etwa gleich aussagekräftig wie die Wetterprognosen zum Wahlsonntag.“

106 der 199 Abgeordneten im ungarischen Parlament werden direkt über die Wahlkreise bestimmt, dozierte Zimmermann. „Wie in diesen lokalen 106 Wahlkreisen gewählt wird, kann keine nationale Umfrage auch nur einigermassen festhalten. Entscheidend für die Wahl ist vielmehr, wer hier im Landkreis bekannt und beliebt ist.“

Und wer weiß, wer in den einzelnen Landkreisen bekannt und beliebt ist? Richtig: Kurt W. Zimmermann.

Nicht mal annähernd richtig

Er hat sich „die vergangenen Resultate dieser Wahlkreise und ihre aktuellen Kandidaten genau angeschaut und dann gerechnet“. Und kam zu einem eindeutigen Ergebnis: „Von den 106 Wahlkreisen werden die Kandidaten von Orbáns Fidesz zwischen 63 und 65 gewinnen.“

Naja, nicht ganz. Also, auch nicht mal annähernd. Orbáns Fidesz hat 13 Mandate geholt. Das ist ein Fünftel dessen, was der Ungarn-Experte der „Weltwoche“ errechnet hatte. Die Zahl 63 wiederholt er noch mehrfach und immer wiederholt er seine Hellseherei im Indikativ. Er schreibt nicht, was passieren könnte, sondern was passieren wird. Die eigentliche Frechheit ist, dass sich die Realität nicht daran gebunden fühlte.

Zimmermann hatte behauptet, dass die Kandidaten oder die Kandidatinnen der Opposition auf dem Land oftmals keine Chancen haben werden. „Denn niemand hat zuvor je von ihnen gehört. Sie sind unbekannte Quereinsteiger.“

Er spielte das anhand zweier Wahlkreise durch. Zum einen an Berettyóújfalu im Osten Ungarns. Dort gewann tatsächlich wieder der Fidesz-Kandidat. Aber auch bei einem anderen konkreten Wahlkreis war sich Zimmermann ganz sicher: Keszthely, ganz im Westen. „Ein Polit-Profi im Ministerrang gegen einen Hobbysportler“, fasste Zimmermann das Rennen zusammen. „Der Kandidat der Opposition wird hier keine Chancen haben.“

Falsch: Der Kandidat der Opposition, der Hobbysportler, liegt vorne und ist nach aktuellem Stand gewählt. Die Stimmen müssen allerdings noch mal gezählt werden, weil der zweitplatzierte Fidesz-Kandidat das angesichts des Vorsprungs von nur wenigen Dutzend Stimmen beantragt hat. Selbst wenn sie das Ergebnis noch drehen sollte: Von einer Chancenlosigkeit des Oppositions-Kandidaten kann keine Rede sein.

Bei den Listenmandaten, die proportional nach den landesweiten Ergebnissen vergeben werden, lag Zimmermann näher am tatsächlichen Ergebnis. Er sagte Fidesz 37 oder 38 Listenmandate voraus; tatsächlich wurden es 42. 

Insgesamt errechnete Zimmermann jedenfalls eine knappe Mehrheit im Parlament für Fidesz: „Viktor Orbán bleibt für vier weitere Jahre Ministerpräsident Ungarns.“ Und wenn es knapp nicht für eine eigene Mehrheit reichen solle, würde, nein: „wird“ Orbán eine Koalition mit der Rechtsaußen-Partei Mi Hazánk eingehen. „Orbán kommt mit dieser Koalition dadurch mit Sicherheit über die Grenze von hundert Mandaten im Parlament, die er für die Mehrheit braucht.“ 

Feuerlöscher Orbán

Zimmermann prahlte damit, dass alle anderen westlichen Journalisten außer ihm zu dumm waren, das richtig vorherzusehen. Er zitierte NZZ, „Economist“ und „Zeit“ mit Schlagzeilen wie: „Orbáns Show könnte bald vorbei sein“, „Péter Magyar kann Viktor Orbán schlagen“ und „Das System Orbán kommt an sein Ende“. All die hatten übrigens, anders als er, keine Gewissheiten, sondern nur Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten formuliert.

Zimmermann hat mit seiner ungarischen Frau mehrere Jahre in Budapest gelebt. „Ich bilde mir deshalb ein, ein bisschen etwas von Ungarn zu verstehen“, schrieb er, was ungefähr die einzige treffende Feststellung in seinem ganzen langen Artikel ist. „Ich habe zum Beispiel gelernt, dass die Ungarn gern mit dem Feuer spielen, doch wenn es dann ernst wird, schnell wieder zum Feuerlöscher greifen.“ Der Feuerlöscher, das war für ihn Viktor Orbán. 

Den Umfragen sei „nicht zu trauen“, behauptete Zimmermann:

„Die Ungarn hauen zwar gern auf den Tisch, aber wenn es ernst wird, dann bekommen sie einen flauen Magen und setzen lieber wieder auf Sicherheit. Warum sollen wir diesen Risikofaktor Péter Magyar wählen, sagen sie sich dann, eine Figur, die noch nie in ihrem Leben ein politisches Amt ausübte? Nem, sagen sie dann, dann nehmen wir doch lieber den Viktor, obschon der immer dicker und sturer wird.“

Nem, haben sie nicht gesagt. Die Ungarn kennen die Ungarn einfach nicht so gut wie der Zimmermann.

„Aber egal“

Kurt W. Zimmermann und Roger Köppel stehen in Budapest und unterhalten sich, im Hintergrund die Donau.
Kicher, glucks: Zimmermann (l.) und Köppel in Budapest.Screenshot: „Die Weltwoche“

Heute früh stand er bestens gelaunt neben dem ausdauernd glucksenden und kichernden „Weltwoche“-Chefredakteur Roger Köppel in Budapest. Köppel sagte:

„Also, du bist offensichtlich der einzige Journalist in Europa, der nicht rechnen kann, und ich bin der einzige Chefredaktor in Europa, der diese Fehlkalkulationen dann auch noch aufs Titelblatt rückt. Aber egal. Wir sagen ja auch: Leser, die journalistischen Prognosen glauben, meine Damen und Herren, die sind sowieso selbst schuld.“

Er fügte noch ein „Nein, Spaß beiseite“ hinzu, bevor er Zimmermann um weitere Prognosen bat, wie es mit der ungarischen Politik nun weitergeht, weil: Der kennt sich ja aus. 

Der „Weltwoche“-Experte hatte gegen Ende seiner Unwahrsagerei noch geschrieben: Wenn er danebenliege, „dann erdulde ich alle Prügel, die ich zu Recht bekomme“.

Gern geschehen.

7 Kommentare

  1. Solange sich diese Artikel verkaufen, so lange wird die rechtsnationale Presse über „Reichweite“ glucksen, statt sich für den Ausverkauf der eigenen Moral zu schämen. Der Hybris des „Ich schlau, alle anderen doof“ in der Prognose ist ja auch eher Stilmittel, als echtes Selbstbewusstsein.
    „All die Journalisten (…) haben (…) keine Ahnung vom ungarischen Wahlsystem.“ ist wie immer bei der konservativ-esoterischen Presse eine Projektion des eigenen Anspruchs. Er hat keine Ahnung, also unterstellt er allen anderen, keine Ahnung zu haben. Relevanzsimulation nach dem „Außenseiter“-Prinzip.

  2. Zum kompletten Versagen von Kurt W. Zimmermann, die ungarische Wahl richtig vorauszusagen kann ich nur sagen, „UHHPPPSSS“
    Na-ja, kann ja mal dem „Besten“ passieren.
    Immer wieder schön, wenn solche Rechts(außen) Typen so daneben liegen.

    Aber, es ist nicht das erste Mal, dass Journalisten so grotesk daneben liegen.

    Ich erinnere an das Versagen des Chicago Tribune im Jahr 1948, als es um die damalige Wahl zum US-Präsidenten ging.
    „DEWEY DEFEATS TRUMAN“ war die ganz große Schlagzeile, natürlich auch im damaligen Original komplett in Großbuchstaben.
    Und der glückliche Wahlsieger Harry Truman hält diese Zeitung mit einem breiten Lachen im Gesicht triumphierend in die Kameras da er es war, der tatsächlich gewonnen hatte.

    Erwähnungen „ehrenhalber“ (Quelle DER SPIEGEL aus dem Jahr 2007, Artikel „Sag niemals nie“):

    Irrtum 2: „Im Juni wird er verschwunden sein.“
    Die US-Zeitschrift „Variety“ im Frühjahr 1955 über den Rock ’n‘ Roll.

    Irrtum 4: „Die Börse hat augenscheinlich ein permanentes, hohes Plateau erreicht.“
    Ökonomie-Professor Irving Fisher von der amerikanischen Yale University im Jahr 1929.
    (Ergänzung von mir. Was kurz darauf kam, kennt jeder, der in Geschichte fit ist.)

    Irrtum 5: „Es wird Jahre dauern – und nicht in meiner Zeit stattfinden – bevor eine Frau Premierministerin wird.“
    Margaret Thatcher, britische Premierministerin von 1979 bis 1990, im Jahr 1974.

    Irrtum 9: „Vernünftige und verantwortungsbewusste Frauen wollen gar nicht wählen.“
    Der ehemalige US-Präsident Grover Cleveland (1885-89 und 1893-1897) im Jahr 1905.

    Irrtum 11: „Flugzeuge sind interessantes Spielzeug, aber ohne militärischen Wert.“
    Der französische Marschall Ferdinand Foch von der École Supérieure de Guerre im Jahr 1904.

    Irrtum 12: „Es gibt keinen Grund, warum irgendjemand einen Computer bei sich zu Hause haben wollen würde.“
    Ken Olson, Gründer und Chef des Großcomputer-Herstellers Digital Equipment Corporation (DEC) im Jahr 1977 über die Chancen des PC.

    Irrtum 14: „Die Amerikaner haben Bedarf für das Telefon, wir haben es nicht. Wir haben reichlich Laufburschen.“
    Sir William Preece, Chefingenieur der Britischen Post, im Jahr 1876.

    Irrtum 17: „Die Vorstellung, dass die Kavallerie von diesen Eisenkutschen ersetzt wird, ist absurd. Das ist fast schon Verrat.“
    Ein persönlicher Adjutant des britischen Feldmarschalls Douglas Haig bei einer Panzervorführung während des Ersten Weltkriegs.

    Irrtum 19: „Eine kurzlebige satirische Schundzeitschrift.“
    Das US-Magazin „Time“ im Jahr 1956 über die neue Satire-Zeitschrift „Mad“.

  3. Die „Weltwoche“ würde ich nicht als Wochenzeitung oder gar als Schweizer Wochenzeitung bezeichnen. Zum einen, weil es ein Magazin ist, und zweitens, weil es eine Schweizer „Wochenzeitung“ tatsächlich gibt, und zwar politisch auf der anderen, linken Seite: https://www.woz.ch. Ich habe die WW lange nicht in der Hand gehabt, kann es deshalb nicht mehr beurteilen, aber Zimmermann schreibt seit gefühlt 3 Jahrzehnten für die WW als Medienjournalist, seine Artikel fand ich vor Jahren, auch unter Köppel als Chef, stets lesenswert aufgrund seiner Insides, Gedankengänge und seines Stils.

  4. @Michael Stängl:
    Wenn schon whataboutism, dann aber richtig.

    https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/wahl-in-ungarn-2026-viele-auslandsungarn-halten-noch-immer-zu-orban-accg-200683030.html

    Es wäre aber auch möglich, dass die Weltwoche einen Beitrag dazu leisten wollte, dass die Orban treuen ungariwchen Wähler, die aus dem Ausland an der Wahl teilnahmen, nicht demobilisiert wurden.

    Wir leben in absurden Zeiten. Da sinkt die Hemmschwelle, sich komplett zum Horst zu machen, um noch ein paar Pünktchen abzuholen.

  5. @Michael Stängl:
    Dass das lauter Konservative sind, die Neuerungen kleinreden ist Zufall, Absicht, oder liegt in der Natur des Sache?

  6. Da wir es als Land von Auschwitz und Buchenwald schon geschafft haben, den Antisemitismus so gründlich zu externalisieren, dass eine Mehrheit inzwischen anzunehmen scheint, er sei vor allem ein von Migrant:innen importiertes Phänomen, können wir dasselbe ja auch mit der Kriminalität versuchen.

    Da hilft es dann auch nicht, wenn das BKA halbherzig versucht, die veröffentlichten Zahlen einzuordnen. Dass sexualisierte Gewalt sich zum Beispiel weit überwiegend im Nahfeld der Opfer abspielt und noch immer weniger als eine von zehn Taten angezeigt wird, scheint denen, die das nicht hören wollen, offenbar zu abstrakt.

    Der gefährlichste Ort für Frauen und Kinder ist das eigene Zuhause. Das ist eine Tatsache, die dem Kulturkrieger nicht so recht ins Konzept passen will. Dass es nicht der Straßenverkehr ist, liegt auch nur daran, dass wir den Nachwuchs von klein auf darauf trainieren, sich durch die Stadt wie durch ein Minenfeld zu bewegen.

    Der Phantombesitz muss, da ihm ja alles abgeht, was Besitz eigentlich auszeichnet, blütenrein und strahlend gehalten werden.

  7. Sry. Zu viele offene tabs. Falscher Kommentar zu diesem Artikel. multi-tasking heisst übersetzt eben doch „nichts richtig“.

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