Das ganze Gedöns (6)

Sex auf der Startseite klickt gut – na und?

Seit klar ist, dass gedruckte Zeitungen nicht die Zukunft sind, wollen alle Journalisten den besten Platz auf der Homepage. Doch da steht schon das Interview über Sex. Und nein, das ist nicht der Untergang des Qualitätsjournalismus.

Im aktuellen Newsletter der Reporter:innen-Fabrik empört sich der vielfach ausgezeichnete „Zeit“-Reporter Wolfgang Bauer darüber, nicht mehr gelesen zu werden. Gute Texte würden auf den Webseiten der großen Zeitungen oft untergehen und stünden viel zu kurz auf den Startseiten, schreibt er.

„Zwei Stunden auf der Seite – puff. Läuft es schlecht mit Klicks und Abos, nur eine Stunde – puff. Läuft es mal sehr, sehr gut, bleibt der Text einen ganzen Tag sichtbar, schwirren Gratulations-E-Mails, aber auch dann: puff und weg.“ Ersetzt werde die grandiose Reportage dann mit einem Text, der in einer halben Stunde geschrieben wurde und was mit „Sex, Crime, Trump, Partnerschaft, Einkommen“ zu tun hat.

Später im Text macht er die Verantwortlichen dafür aus: „Unsere Online-Architekten werfen alles fast unterschiedslos in einen Mahlstrom aus Bildern und Texten, aus Hintergründigem und Aktuellem, schnell gestrickten Meldungen und langen Investigativ-Strecken.“

Klickzahlen verraten, was Leser wollen

Ich fühle mich von diesem Editorial doppelt angegriffen. Denn zum einen bin ich Online-Journalistin seit 2002, habe also schon Links gesetzt, Teaser gedreht und Homepages gebaut, als man dafür noch rudimentäre HTML-Kenntnisse brauchte. Zum anderen bin ich die, die manchmal über Sex schreibt und öfter über Gefühle, Familie, Erziehung, Beziehung und sonstiges Gedöns. Und ja, meine Texte stehen oft lange auf den Homepages – das allerdings ist eine Entwicklung der vergangenen zehn Jahre.

Die sogenannten Qualitätsmedien geben sich diesen thematischen Niederungen nämlich erst hin, seitdem ihnen Klick- und Abozahlen zeigen, was die Menschen wirklich anklicken, wofür Abonnenten wirklich bereit sind zu zahlen. Seitdem wird auf „SZ.de“, „Zeit.de“, „Spiegel.de“ und wie sie alle heißen, psychologisiert, was das Zeug hält. Es dauerte dann nur ein paar kurze Jahre, bis Printautorinnen und -autoren das schändliche Treiben im Internet bemerkten und sich seitdem in Redaktionskonferenzen ausdauernd darüber beschweren.

Okay, der letzte Satz war zynisch und vertieft den Graben weiter, den ich mit diesem Text eigentlich zuschütten will. Aber gewisse Narben trage auch ich mit mir herum, aus den vielen Jahren, in denen mein Kanal (das Internet) und meine Themen (das Gedöns) abgewertet wurden.

Ratgeberthemen finanzieren Auslandsreportagen mit

Im Jahr 2026 haben wir – und mit wir meine ich alle, die Qualitätsjournalismus machen und lieben – für solche Grabenkämpfe keine Zeit mehr. Unserer ganzen Branche geht der Arsch auf Grundeis, alle müssen sparen, keiner weiß genau, welches Geschäftsmodell uns durch die nächsten Jahre und Jahrzehnte tragen wird. Womit werden wir Geld verdienen? Mit Serien-Podcasts? Psychologie-Newslettern? Welches Format machen wir für Tiktok? Spielt die Suchmaschinenoptimierung noch eine Rolle? Und, Hilfe, KI?!

Qualitätsmedien sind – und waren schon immer – Gemischtwarenläden, in denen sich Inhalte kreuz- und querfinanzieren. Der aufwendigste Text ist nicht immer der, der am häufigsten gelesen wird. Das Format, das die meisten Abos generiert, gewinnt vermutlich nicht den Reporterpreis. Auf der Homepage treffen sich alle. Zu sagen, dass sie dort „unterschiedslos in einen Mahlstrom aus Bildern und Texten, aus Hintergründigem und Aktuellem, schnell gestrickten Meldungen und langen Investigativ-Strecken“ geschmissen werden, ist eine ziemliche Geringschätzung jener Kolleginnen und Kollegen, die die redaktionellen Entscheidungen fürs Internet treffen.

Wer heute am Newsdesk oder am Balken, oder wie auch immer dieser Ort in der jeweiligen Redaktion heißt, arbeitet, tut den ganzen Tag nichts anderes, als darüber nachzudenken und zu entscheiden, welche Stücke wie groß und wie lange präsentiert werden. Klick- und Abozahlen sind dafür ein Faktor, aber nicht der einzige und relevanteste. Gerade aufwendige und teure Auslandsreportagen bekommen in der Regel deutlich mehr Sichtbarkeit und Zeit als ihnen bei einem kalt kalkulierenden Blick auf die Quoten zustünden.

Die Mischung macht’s

Richtig so! Leserinnen und Leser, die solche Texte grundsätzlich nicht haben wollen, verlaufen sich ohnehin nicht auf „SZ.de“, „Zeit.de“, „Spiegel.de“ und wie sie alle heißen. Wer nur nach Liebe, Sex und Diättipps sucht, schaut sich woanders um. Das Publikum der Qualitätsmedien will eine ausbalancierte Mischung aus hart und weich, aus nah und fern, aus schnell und langsam.

„Zeit“-Artikel: „Sex ist eine mächtige Kraft, die es ermöglicht, die Beziehung zurückzusetzen“; SZ-Artikel: „Sex darf kein weiterer Pflichttermin werden“
Ratgeber-Interviews über SexScreenshots: „Zeit“, SZ

Mit der Schwierigkeit, die unterschiedlichen Textgattungen in den Apps und auf den Homepages adäquat darzustellen, kämpfen alle Websites. Damit hat Wolfgang Bauer (und die vielen Kolleginnen und Kollegen, die seine Meinung teilen) völlig recht. Das Problem ist aber allen Beteiligten längst bewusst.

In jedem Medienhaus, das ich von innen kenne, zerbrechen sich Arbeitsgruppen aus Artdirection, Technik, Redaktion und Produktmanagement darüber den Kopf. Die perfekte Lösung, auch das ist wahr, hat noch niemand gefunden. Vielleicht gibt es sie auch nicht. Wahrscheinlich müssen wir uns daran gewöhnen, dass sich Publikumsvorlieben und -gewohnheiten permanent ändern und Webseiten das deshalb auch tun müssen. Nach dem Relaunch ist vor dem Relaunch. Die Homepage, das nur nebenbei, ist ohnehin schon lange nicht mehr der einzige Kanal, über den ein Inhalt im Netz seine Leserinnen und Leser findet.

Medienhäuser brauchen nun mal Gewinne

„Kein Supermarkt stellt seine Schmuckstücke nur kurz ins Schaufenster oder versteckt sie gar irgendwo in unübersichtlichen, überfüllten Regalen“, schreibt Wolfgang Bauer. Ich wiederum kenne gar keine Supermärkte mit Schaufenster, nur welche mit Quengelware kurz vor der Kasse. Weil die Milch alle ist, gehen die Leute zu Rewe – mit Dubai-Schokolade und einem Kiwi-Zerschneider von Tchibo kommen sie wieder raus. Ja, das ist bescheuert.

Aber so funktioniert Marktwirtschaft, und Medienunternehmen sind eben nicht nur Medien, sondern auch Unternehmen. Unternehmen, von denen wir erwarten, dass sie uns Journalisten akzeptable Gehälter und Honorare zahlen. Daran, dass sie vorher Umsatz und Gewinn machen müssen, sind nicht die Kollegen am Newsdesk schuld und auch nicht die aus dem Familien- und Psychologieressort.

Auch in Print-Zeiten lasen viele erst die Promi-Meldungen

Viele der sich auf den Homepages heimatlos fühlenden Reporter trauern alten Zeiten hinterher, in denen sie noch gefunden, gelesen, geliebt wurden. Ich frage mich manchmal, wann diese alten Zeiten waren. Ja, früher verdiente der Journalismus mehr Geld. Aber wurden die Stücke wirklich mehr gelesen? Auch eine gedruckte Reportage in SZ, „Zeit“, „Spiegel“ lag nicht zwei Wochen aufgeschlagen auf dem Küchentisch, bis jeder Abonnent sie bis zur letzten Zeile durchgearbeitet hatte. In die Zeitung von gestern wurden die Kartoffelschalen von heute eingewickelt, das konnte sogar einer preisgekrönten Auslandsreportage passieren.

Als es nur Print gab, konnte man sich als Autor und Autorin zwar einreden, dass Auflage identisch mit Leserzahl war, zumindest fast. Das war aber noch nie so. Wann immer in den letzten Jahren untersucht wurde, ob Printleser andere Interessen als Onlineleserinnen haben, lautete die Antwort: Nein. Das Publikum ist auf allen Kanälen ein von niedrigen Instinkten getriebenes Wesen und überfliegt auch auf Papier als Erstes die Promimeldungen im Panorama.

Statt sich gegenseitig abzuwerten, sollten sich Journalisten aus allen Ressorts darüber freuen, dass Qualitätsmedien es sich immer noch leisten können, Menschen auf Auslandsreportagen zu schicken – auch wenn die Digitalabos häufiger durch Nutzwertiges und Psychologisches, Podcasts und Newsletter gewonnen werden.

Gerne können wir auch ausführlich darüber diskutieren, wie man gut über Sex schreibt, wer ein geeigneter Experte zum Thema Psychologie ist und wofür Ich-Texte das richtige Format sind. Aber lasst uns doch bitte damit aufhören, diese Themen und Formen insgesamt schlechtzureden. Das ist genauso falsch, wie die Existenz von Auslandsreportagen wegen ihrer manchmal mäßigen Klickzahlen in Frage zu stellen. Es muss sie weiterhin geben, und wenn ich das mit einem Interview über Sex in Langzeitbeziehungen querfinanzieren soll, dann – hold my coffee cup, ich ruf gleich jemanden an. Allerdings brauche ich länger als eine halbe Stunde, die Liebe ist ein sehr komplexes Thema. Auf „SZ.de“, „Zeit.de“, „Spiegel.de“ und wie sie alle heißen, erfahren Sie mehr darüber.

2 Kommentare

  1. Frau Vorsamer verteidigt das Umsichgreifen des Boulevardesken in der sog. Qualitätspresse („Sex, Gefühle, Familie, Erziehung, Beziehung und sonstiges Gedöns“). Das ist ehrenwert. Vermutlich stimmt es, dass man diesen Content für hohe Clickzahlen und damit als Querfinanzierung braucht („so funktioniert Marktwirtschaft“).
    Als Leser bin ich dennoch abgestoßen. Vom Übermaß an Gefühls- und Erziehungsthemen, von zuviel „Lebensberatung“ , Krankheit und Fitness, Preisvergleichen für Life-Style-Gadgets, schönen Bildern ferner Reiseziele. Ich lese das als toxische Dauerwerbung für das Kreisen ums eigene Ich, Eskapismus, Überkonsum.
    Das ist der wichtigste Grund, warum ich zeit.de (für mich Die Gartenlaube von heute) nie abonnieren würde, das Abo von tagesspiegel.de beendet habe und mit dem von sueddeutsche.de zunehmend hadere.

  2. Meine Ansicht nach haben sowohl Frau Vorsamer, wie auch Herr Bauer, an einem Teil ihrer Punkte Recht:

    Die Langform wird online unterrepräsentiert. Es gibt hier bessere Designs, Beispiele sind für mich Brandeins und Krautreporter. Und die Langform hat großn Wert, wenn es um das tiefere Verstehen geht, was für komplexe Fragestellungen wichtiger wird.

    Diejenigen welche die Webseiten machen und dafür auswählen, sind sich grundsätzlich der Fragestellung bewußt. Und „Sex, Crime, Trump, Partnerschaft, Einkommen“ sind ebenfalls wichtige Themen, die halt viele interessieren. Sie gehören ernsthaft behandelt. Querfinanzierung ist in Ordnung.

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