Wie man ohne Foto-Etat ein ansehnliches Foto-Magazin macht

Das Impressum von „Photographie – Die faszinierende Welt der Fotografie“ weist, neben dem Chefredakteur, noch drei Redakteure aus. Von den insgesamt vier Redaktionsmitgliedern haben drei den selben Nachnamen. Selbst wenn das ein kompletter Zufall sein sollte, ist es eine Erinnerung daran, was Zeitschriften auch sein können: ein funktionierender kleiner Familienbetrieb, in dem mit knappen Ressourcen Hefte gemacht werden, die sich mit kleinen Auflagen tragen können, weil sie wenig Overhead-Kosten haben, günstig produziert werden und in ihren Nischen ausreichend Anzeigenkunden finden.

Diese Redaktionen haben nicht die gleichen Möglichkeiten wie Hefte in großen Verlagen, andererseits unterliegen sie aber auch anderen Ansprüchen. Es ist zum Beispiel nicht selten, dass Hefte kaum oder gar kein Budget für Fotos haben.1 Alle im Heft abgedruckten Bilder sind dann, zumindest für die Redaktion, kostenlos – was normalerweise bedeutet, es hat jemand anderes für sie bezahlt, was wiederum bedeutet, sie sind PR. Im Fall von Produktfotos sowieso, aber auch die großen, oft wunderschönen Bilderstrecken vieler Magazine sind PR, nämlich für Bildbände, die gerade erscheinen.

Daran ist übrigens nichts verkehrt: Fotografen oder Kuratoren, die mit viel persönlichem Aufwand und Liebe Bücher produzieren,2 können jede Menge Werbung gebrauchen, sich aber keine Menge leisten. Und Leser wie die von „Photographie“ interessieren sich für die neuesten Produkte von Nikon oder Canon oder Leica, und Kameras sind so wunderschöne Objekte, dass ich ungefähr die Hälfte von ihnen gerne haben würde, nur um sie herumzutragen. Und auf einer Metaebene ist das sowieso, was Magazine machen: Sie organisieren Informationen – auch ästhetische – in einer Art und Weise, die einen Charakter hat. Warum nicht solche, die günstig oder kostenlos zu haben sind?

Die August-Ausgabe von „Photographie“ ist ein Musterbeispiel für diese Art, ein Heft zu machen. Sie bekommen ihre Bilder im Wesentlichen auf vier Wegen: Es sind PR-Bilder von Firmen für fotografische Produkte, Auszüge aus neu erscheinenden Büchern, Einsendungen von Fotografen für Wettbewerbe oder einfach solche, von denen die Fotografen sich versprechen, sie würden ihnen Aufmerksamkeit geben (wahrscheinlich soll die dafür sorgen, dass bezahlte Aufträge folgen, was sich dann irgendwann beißt, aber der Gedanke ist ja verständlich).

Daraus hat die Mannschaft, die offenbar in weiten Teilen eine Familie ist, ein sehr, sehr ansehnliches Heft gemacht. Es ist eine Geschichte mit historischen Reisebildern drin, die großartig sind (Auszug aus einem Buch), ein Portfolio mit Bildern und kleinen Texten eines offensichtlich jungen Fotografen, der nackte Frauen in Kalifornien inszeniert und sich leider offenbar für die Reinkarnation von Charles Bukowski hält3, eine Geschichte über das Gesamtwerk der Firma Nikon (die auch im Text im Wesentlichen daraus besteht, dass der Marketingmann der Firma erzählt, dass die Sachen sehr toll sind) und einigen informativen Geschichten mit Tipps für bessere Fotos, technische und juristische Fragen4, die Fotografen betreffen. Das ist locker die aufgerufenen 6,50 Euro wert und man kann, wenn man sich für Fotografie interessiert, da gut ein oder zwei Stunden mit verbringen. Ich kritisiere das überhaupt kein bisschen.

Aber ich würde dann doch gerne einmal auf etwas hinweisen: Nichts davon fügt der Welt etwas Neues hinzu. Das muss es nicht zwingend, das ist schon okay. Einen kreativen Fotografen zu befördern, ist eine ehrenhafte Aufgabe. Aber es gibt einen Unterschied zu dem, was ich für den allerschönsten Teil des Magazinmachens halte, nämlich die Möglichkeit, Dinge anzustoßen: Wir sind an der vordersten Front dabei, Schreiber und Fotografen, Grafiker und Illustratoren in die Lage zu versetzen – um nicht zu sagen: sie anzutreiben –, diese Welt immer wieder neu zu beschreiben, und die Welt dabei im Gegenzug wieder mit zu formen. Das ist kein bisschen einfach.

Ich habe an dieser Stelle vergangene Woche über das Fahrradmagazin „Karl“ geschrieben und es kritisiert dafür, dass es nichts anderes beschreibt als die Tatsache, dass Menschen Fahrrad fahren. Aber immerhin beschreibt es das, weil Menschen wieder mehr Fahrrad fahren, was eine gesellschaftliche Entwicklung ist. Und das ist der richtige Impuls. Es hält mich nicht davon ab, die Art und Weise zu kritisieren, aber ich respektiere sehr, dass da der Versuch unternommen wird, eine neue Entwicklung aufzugreifen.

Die Kolumne diese Woche war ehrlich gesagt angestoßen durch eine Stellenanzeige für ein Fotoheft, das ich schonmal besprochen hatte, nämlich „Fotohits“. Sie lautete: „Wir suchen ein Multitalent, dass sich mit Fotografie und Photoshop auskennt, solide Artikel schreibt, die Seiten unseres FOTOHITS-Magazins layoutet (InDesign), Fotozubehör testet, Internet-affin ist und die Magazinproduktion begleitet.“ Man fragt sich, wozu dieser Superheld dann noch „Fotohits“ braucht, er oder sie sollte ein Magazin über sich selbst machen, aber das ist ein anderes Thema.

Wie gesagt, das war nicht „Photographie“, bei denen es sehr deutlich wirkt, als müsste nicht einer allein das ganze Heft machen. Diese Stellenanzeige beschreibt für mich sehr gut die Entwicklung, die Magazine in den letzten Jahren genommen haben, und ich würde gerne so unweinerlich wie möglich darauf hinweisen: Wer morgen gerne noch besondere Geschichten lesen möchte, bei denen Autoren, Fotografen und andere Kreative die Bedingungen finden, die sie fördern und fordern, bei denen die 80 Prozent mehr Einsatz gebracht werden, mit denen man die letzten 20 Prozent Qualität erzwingt, der sollte heute schon die Magazine kaufen, die diesen Aufwand noch betreiben.

Photographie
IdeaTorial GmbH
Redaktionsteam Späth
6,50 Euro

6 Kommentare

  1. „Ich habe an dieser Stelle vergangene Woche über das Fahrradmagazin „Karl“ geschrieben und es kritisiert dafür, dass es nichts anderes beschreibt als die Tatsache, dass Menschen Fahrrad fahren.“
    Der Karl Artikel ist von April. Letzte woche war August, oder nicht? Lebe ich in einem Zeit-Paradox? Dr.? Bist du da?

  2. @Ulfi: Du meinst https://uebermedien.de/27473/fahrrad-magazin-karl-hat-einen-werbe-vogel/, Michalis meint https://uebermedien.de/27473/fahrrad-magazin-karl-hat-einen-werbe-vogel/.

    Zum Appell in diesem Artikel: ich habe selbst mal für G+J gearbeitet (nur in der IT) und habe da schon festgestellt: Zeitschriften interessieren mich nicht. Ich habe die letzten Jahre wahrscheinlich mehr Zeit mit dieser Kolumne /über/ Zeitschriften verbracht, als mit Zeitschriften selbst. Sorry.

  3. Und warum liest niemand in der Redaktion die Kommentare? Ulfi stellt ja eine redaktionelle Frage. Und ich heiße auch Jochen, bin aber ein anderer Jochen (aber nicht der andere Jochen)

  4. „Photographie – Die faszinierende Welt der Fotografie“

    Auch über zwei Wochen später irritiert es mich immer noch unverhältnismäßig stark, dass dasselbe Wort in Titel und Unterzeile unterschiedlich geschrieben wird. Deswegen muss das jetzt auch gesagt werden. So.

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