Den „Drahtesel“ neu erfinden

Auf Seite 92 der aktuellen Ausgabe von „Karl – Jetzt Rad fahren!“ tut sich ein Riss im Universum auf und stülpt die Welt einmal von innen nach außen. „Rollen sich schon die Fußnägel auf“, fragt ein riesengroß gedruckter Vorspann, „wenn in Deutschlands Funk und Fernsehen von Drahtesel geredet wird? Dann haben wir was für dich: mehr als 100 Alternativen für das leidige D-Wort“. Es folgt eine alphabetisch sortierte Liste mit etwas, das offenbar Synonyme für „Fahrrad“ sein sollen. Unter K zum Beispiel: „Karl, Karre, Kinderrad, Klapprad, Kühlwalda, Kurbel-Corvette, Kutsche“. Der Redaktion zumindest ist insofern kein Vorwurf zu machen, als sie sich ja sicherheitshalber nur an Leser mit ohnehin hochgerollten Fußnägeln gewandt hat.

„Karl“ ist ein Magazin für Menschen, die sich ganz generell für Fahrräder und das Fahren auf Fahrrädern interessieren, und das gleich so sehr, dass sie sich ein Magazin kaufen, um darüber zu lesen. Mir persönlich leuchtet das Konzept nicht wirklich ein, weil ich selbst nicht so ein Mensch bin und alle Fahrrad-Nerds in meinem Umfeld sich immer nur für sehr spezielle Aspekte des gigantischen Angebots auf dem Fahrraderlebnismarkt interessieren, also moderne Rennräder oder klassische Rennräder oder Mountainbiking oder sonst irgendwas, aber „Karl“ ist ein General-Interest-Titel für Fahrräder, wie es auch Automagazine gibt, in denen sowohl der neue Golf getestet wird als auch ein neuer Rolls Royce. Bei „Karl“ sind das analog sowohl „14 E-City-Bikes, die richtig Spaß machen“ als auch „Starke Lastenräder für Familie, Freizeit & Job“.

Mehr Platz nehmen allerdings Geschichten ein, die sich mit dem Fahren beschäftigen: zum Beispiel über eine New Yorker Bewegung, die seit Jahrzehnten für mehr Radwege einsetzt oder über schöne Orte in Städten, die sich gut mit dem Rad erkunden1 lassen. Ein Redakteur von „Auto, Motor und Sport“2 fährt vier Wochen lang mit dem E-Bike zur Arbeit anstatt mit dem Auto und schreibt darüber, und die Moderatorin Ruth Moschner berichtet über den Schmerz, den sie empfunden hat, als ihr Fahrrad geklaut wurde3.

Außerdem gibt es eine Modestrecke mit fahrradfreundlicher Kleidung und eine Geschichte über tolle Hipster-Fahrradläden, die irgendwie auch Cafés sind und in denen alles gut aussieht. Und einen Kinderteil. Und eine Geschichte darüber, dass man Fahrräder immer öfter im Internet bestellt. Und so Sachen mit Fahrrädern halt.

Und ja, das ist alles, wenn man nicht so fasziniert von Fahrrädern ist, dass man auch tagsüber von ihnen träumt, ganz unfassbar halbinteressant. Ich glaube, ich konnte mir bei den inzwischen 80 oder noch mehr Heften, die ich hier besprochen habe, immer jemanden vorstellen, der sich für das jeweilige Heft sehr doll interessiert. Aber hier fällt es mir schwer. So ganz allgemein für Fahrräder? Ich gebe mir wahnsinnige Mühe, und die Themen sind an sich nicht schlecht und das Heft ist total professionell gemacht, gerade auch dafür, dass hier der aus meiner Sicht schönste Teil der Fahrradkultur weitgehend weggelassen wurde – nämlich klassische Räder und dieser Hipster-Radstyle der entsprechenden Viertel4 –, und so bleibt das alles leicht bieder, als stünde man halt im Fahrradladen und würde mit einem Verkäufer darüber sprechen, welches Schloss besonders sicher ist. Und da sind wir übrigens bei dem Punkt.

Natürlich finden alle im Heft vorkommenden Menschen – sicher völlig zurecht – Fahrräder total toll und das Fahren von Fahrrädern schöner als ein Bällebad mit Marshmallow-Geruch, und deshalb lächeln alle, und ganz „Karl“5 ist super positiv und gut gelaunt, und wenn überhaupt irgendwas Kacke ist, zum Beispiel dass angeblich im deutschen Funk und Fernsehen von Drahteseln die Rede ist, obwohl es 100 Alternativen gäbe6, dann ist das nicht Kacke, sondern es „rollen sich die Fußnägel auf“. Und wenn man so oberhappy ist, dass man gar nichts Schlechtes sagen kann, weil man immerhin morgens zur Arbeit radeln durfte, dann kommen Sätze heraus wie7 die über zwei Fahrradschlösser, die hübscher sind als die fünf Grundarten von Schlössern8: „Absperren mit Style: Wer Wert auf Optik legt, wird hier sicher fündig“.

Das ärgert mich, das ist so hingedödelt: „Wer Wert auf Optik legt“ – im allerbesten Fall löst dieser Satz im Leser die Frage aus, ob er so eine Art Mensch ist, die beim Fahrradschloss Wert aufs Aussehen legt, was schonmal absurd ist, aber mich nervt das aus einem ganz anderen Grund9: Es löst wahrscheinlich gar nichts aus, weil das halt so ein hingedödelter Satz ist, wie man ihn aus Lifestyle-Magazinen eben kennt. Solche Sätze stehen für alles, was „Lifestyle“ auch überall sonst als Gattung egal und nervig und unglaubwürdig macht. Da werden ständig Kategorien von Menschen erfunden, die angeblich Wert auf irgendwelchen Quatsch legen, und alles irgendwie unangenehm zu erwähnende wird bescheuert umschrieben.

Um das einmal kurz aufzuschreiben: „Lifestyle“ oder „Lebensstil“ ist aus meiner persönlichen Sicht die Beschäftigung mit der Frage, wie wir leben möchten, und das ist alles andere als seicht oder egal, sondern wirkmächtig nach innen bei der Frage nach der eigenen Identität, und nach außen bei der Frage nach den realen Lebensumständen auf der Welt10. Aber anstatt das ehrlich zu behandeln, hat die Kategorie Medien, die sich damit direkt auseinandersetzt, in Deutschland Begriffe gefunden wie „Erotik“ für das Zeigen Bilder nackter Frauen und „das nötige Kleingeld“ für scheißteuer. Kein Mensch benutzt das Wort Erotik11. Und Menschen ertragen es, zu hören, wenn ein Luxussportwagen scheißteuer ist. Schreibt das so! Und über die zwei hübscheren Schlösser meinetwegen „Fahrradschlösser müssen übrigens nicht hässlich sein“. Wer legt denn bitte keinen Wert auf Optik? Das ist nur bisher bei Fahrradschlössern nie die Frage gewesen.

„Karl“ ist mit Blick auf die Sprache kein besonders schlimmes Beispiel der Gattung Lifestyle-Magazine, aber auch kein besonders gutes. Und meiner Meinung nach muss man gerade, wenn man überhaupt nicht sicher sein kann, dass es die Menschen mit dem tiefen Interesse an dem breiten Thema „Fahrrad allgemein“ (statt dem spitzen Thema „Radrennen“ oder „Mountainbiken“) überhaupt in großer Zahl gibt, so ehrlich, lebensnah und authentisch wie möglich agieren, schon gar, wenn man sich darüber aufregt, wie unkreativ und weltfern Funk und Fernsehen mit Sprache umgehen.

Die Pointe am Schluss schreibt sich „Karl“ natürlich selbst. Die Headline auf Seite 48 über eine Kreativagentur für Fahrradthemen heißt, wir hatten alle geahnt, dass es irgendwo kommt: „Denkfabrik für Drahtesel“.

Karl
Motor Presse Stuttgart GmbH & Co KG
6,50 Euro

5 Kommentare

  1. Der „Erfinder des Laufrades“ hieß Karl Drais. Das könnte eine Erklärung sein, obwohl dieser sein Rad „Draisine“ taufte.

  2. Je genervter der Autor, desto hypotaktischer der Satzbau, siehe vorletzter Abschnitt, ein Sechszeiler!
    Wo aber bleibt das bemüht liebevolle Herauskitzeln wenistens eines halben positiven Aspekts?

  3. Ich habe herzlich gelacht – besten Dank für diesen charmant-abwertenden Blick auf diese Belanglosigkeit ;)

  4. Wieso bringt eigentlich die MOTORpresse ein Magazin raus, das etwas anderes als E-Bikes und Pedelecs behandelt?

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