Fahrrad-Magazin „Karl“ hat einen Werbe-Vogel

Wenn es etwas gibt, das viele Journalisten gerade total trendy finden, dann sind es E-Bikes. Allein die Illustrierte „Focus“ bringt ständig neue E-Bike-Beilagen heraus, es gibt sogar ein „Focus e-bike Special“, der „Stern“ hat auch einen Titel dazu gemacht, und natürlich all die Radmagazine, die ebenfalls auf den Wachstums- und damit Anzeigenmarkt E-Bike setzen.

Jürgen Vogel (mit Glatze und Sonnenbrille) fährt Fahrrad und zeigt dabei Teufelshörner mit der Hand.
Neues Rad-Magazin „Karl“

Unter diese Zeitschriften mischt sich nun auch noch „Karl“, benannt nach dem Laufrad-Erfinder Karl von Drais. Es soll das „erste Fahrrad-Lifestyle-Magazin“ sein, schreibt der Verlag Motor Presse Stuttgart, der „Karl“ nun neben Zeitschriften wie „Men’s Health“ oder „Auto Motor Sport“ vertreibt.

„Jürgen Vogel: E-Bikes sind einfach geil“, steht auf dem Titel des ersten Hefts, in dem Vogel ausführlich erzählt, wieso E-Bikes denn jetzt so „geil“ sind, und vor allem: welches Modell das allergeilste ist.

Die Geschichte erscheint in der Rubrik „karl. menschen“, obwohl „karl. marken“ auch nicht schlecht gewesen wäre, oder eben, ganz schlicht: „Reklame“ – aber das steht da nicht. Dabei schwärmt Vogel sieben Seiten lang insbesondere für die Räder jener Firma, deren Testimonial er seit einiger Zeit ist.

Man kann die „Karl“-Geschichte trotzdem nicht als Schleichwerbung bezeichnen, weil sie nicht schleicht, sondern trommelt, pfeift und ruft! Die Fotos etwa sind Promo-Bilder des E-Bike-Unternehmes, und im Text kommt der Firmenname 13-mal vor, immer schön garniert: Mal ist von Vogels neuem „Lieblingsspielzeug“ die Rede, mal vom „Überzeugungstäter“, der voll hinter seinem E-Bike stehe.

Fahrräder, Einer und fette Karren

„Die Zeit der dicken Eier ist vorbei“, sagt Vogel mit jetzt offenbar kleineren Eiern zu „Karl“, und er sagt es nicht nur dort. Vogels Eier und die Sätze drumherum stammen offenbar aus einem Werbevideo der Radfirma. Dort sagt Vogel:

„Man muss sagen, in meiner Zeit, also Achtziger, die Zeit der dicken Eier, sage ich mal, äh, da war’s natürlich schon so, dass du rausgegangen bist, ’ne fette Karre haben wolltest… äh… das war ein Statussymbol, das war irgendwie so: ’ne geile, fette Karre, das war irgendwas, ne, so, das war ein bisschen Rock ’n‘ Roll. Das ist heute, wenn du die Jüngeren fragst, so, das ist denen scheißegal.“

In „Karl“ klingt das so:

„‚Die Zeit der dicken Eier ist vorbei‘, sagt er und trommelt mit den Fingern auf dem Oberrohr seines schwarzen E-Bikes. ‚In den Achtzigern, was war da ein Statussymbol? Das war ’ne geile, fette Karre. Das war was. Das war Rock ’n’ Roll. Früher bist du rausgegangen und wolltest ’ne dicke Karre haben, mit so was wolltest du dich zeigen. Heute, wenn du die jüngeren Leute fragst, dann ist denen so was oft scheißegal.’“

Im Text finden sich noch weitere Stellen, die sich doppeln, und irgendwann heißt es:

„‚Jürgen Vogel‘, könnte man Jürgen Vogel also fragen, ‚sind Sie ein Multimodalsurfer?‘ Und er würde das Gesicht verziehen und dem Fragesteller wahrscheinlich entgegnen: (…)“

Interessant formuliert: Dass er das Gesicht verziehen würde, ist offenbar einigermaßen sicher. Was er dann sagen würde, hätte man ihn denn überhaupt gefragt, allerdings nicht – auch wenn es mit Anführungszeichen weitergeht.

Jürgen Vogel sitzt auf einer Treppe, dahinter sein E-Bike. Überschrift: E-Bikes aus der Vogelperspektive"
Immer im Bilde: der E-Vogel nebst Rad Ausriss: „Karl“

Auf Anfrage schreibt der Verlag, der Text sei „auf Basis einer ausführlichen Recherche“ geschrieben worden. Ein „direktes Treffen“ mit Jürgen Vogel habe aber nicht stattgefunden, dafür seien alle Zitate von ihm „freigegeben“, ohne die Firma einzubeziehen, die im Übrigen „hochinteressant“ sei und „das Thema E-Bike auf eine eigenständige Art und Weise“ angehe. Und natürlich würden „auch immer wieder Produkte“ in „Karl“ auftauchen, „da es sich beim Leitmotiv Fahrrad und E-Bike um Produkte“ handele.

Zu solchen Produkten könnte man natürlich, zum Beispiel, verschiedene Meinungen einholen, mal in die Werkstatt fahren, selbst ausprobieren, aber man kann sich natürlich auch Zitate aus einem Werbevideo von der Werbefigur absegnen lassen und ein paar Pressefotos auswählen. So einen Vogel auf dem Cover, das zieht. Und für die Firma ist das ja auch schön, und angeblich komplett gratis. Das sagen Verlag und PR-Agentur, und einer der Geschäftsführer beteuert am Telefon, sie hätten ja auch „gar kein Budget für gekaufte Artikel“.

„Karl“ verschweigt nicht, dass Vogel für die Firma wirbt, aber das macht es nicht zwingend besser: „So überzeugt vom elektrisch unterstützten Treten“ sei er mittlerweile, heißt es irgendwann im Text, dass die Firma „ihm (…) ein eigenes Signature-Modell widmete und Jürgen Vogel als Testimonial der Marke auftritt.“ Einer der Gründer der Firma, der auch zu Wort kommt, höre es außerdem „gerne“, was Vogel so über die Marke sage, was man sich zweifellos vorstellen kann.

Vogel bekommt kein Geld – aber sein Vogel-Bike gratis

Der Kontakt zu Jürgen Vogel sei, wenig überraschend, über die E-Bike-Firma zustande gekommen, sagt der Verlag. Aber Vogel arbeite dort „nach Angaben des Unternehmens ohne vertragliche und finanzielle Bindung, sondern als Überzeugungstäter mit seinem E-Bike von dieser Firma“. Vogel bekommt also kein Geld, mal von dem mehrere tausend Euro teuren Rad abgesehen, das ihm die Firma gewidmet hat, und das er selbstverständlich gratis bekommt.

Die Geschichte habe man vor Monaten vereinbart, am Rande einer Messe, sagt die PR-Agentur. Man kenne sich eben, die Szene der Fahrrad-Journalisten sei klein. Angeblich sollte es auch ein „Karl“-Fotoshooting geben, das habe Vogel aber abgesagt. Also nahm man halt die Pressefotos.

Neben einem dieser geilen Fotos von Vogel auf seinem geilen Rad steht übrigens ein kleiner geiler Info-Kasten zum „Lifestyle-E-Bike“, das „extrem gut aussehe“, und „der Clou“ sei, wenn man sich so eins kaufe: „Jürgen Vogel fährt das gleiche Rad wie du.“ Ja, Mensch. Zumal das Vogel-Rad schlappe 4.000 Euro kostet und auf 50 Stück limitiert ist, aber wenn das mit der Werbung in „Karl“ gut funktioniert, wer weiß, vielleicht wird ja noch mal nachproduziert.

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