Mehr über Israel
Am Ende erscheint der Fehler so klein, wie ein Fehler nur sein kann. Es geht um ein Komma, das eine Interviewpartnerin gesagt haben will, das man beim ZDF jedoch nicht wahrgenommen hatte.
Dieses überhörte Komma führte dazu, dass die Sendung „aspekte“ im Nachhinein korrigiert wurde. Schließlich ging es um Israel und den Gaza-Krieg, und da will jedes Wort mit Bedacht gewählt sein.
Für die ZDF-Sendung „aspekte“ hat sich Moderator Jo Schück im Vorfeld der Parlamentswahlen in Israel mit Kulturschaffenden des Landes unterhalten. Die Reportage lief am 18. September unter dem Titel „Wohin steuert Israel?“, sie dokumentiert die Zerrissenheit der israelischen Gesellschaft im Hinblick auf den Gaza-Krieg und das Handeln der Netanjahu-Regierung.

Gleich zu Beginn des 45-minütigen Films interviewt Schück die jüdische Comedienne Noam Shuster-Eliassi. Die ist eine ausgewiesene Kritikerin der israelischen Regierung, wirft dieser seit langem einen Genozid an der palästinensischen Bevölkerung in Gaza vor. Deutschland unterstütze Israel „blind“, sagte sie im ZDF-Interview. In diesem Kontext fiel auch der eine, direkt an die Menschen in Deutschland gerichtete Satz, der nach der Sendung Diskussionen auslöste:
„Eure Steuergelder sollten nicht dafür ausgegeben werden, dass in Gaza Kinder verhungern.“
So jedenfalls übersetzte die Redaktion Shuster-Eliassis Aussage zunächst. Unter dem Voice-Over ist der Original-Ton zu hören, demnach sagt die Künstlerin auf Englisch:
„Your taxes shouldn’t be paying for so many children to be killed.“
Tatsächlich wirkt die Übersetzung falsch. Die Formulierung „children to be killed“ („Kinder werden getötet“) legt nahe, dass es dafür einen klaren Verantwortlichen gibt: die israelische Regierung.
Die Übersetzung des ZDF – „…dass in Gaza Kinder verhungern“ – beschreibt die Situation dagegen als passiven Vorgang: Die Kinder sind Opfer, aber ein Täter wird nicht angedeutet.
Neu ist derartige Kritik nicht. Immer wieder müssen sich Fernsehsender den Vorwurf gefallen lassen, dass sie O-Töne zu hemdsärmelig, teils sogar sinnentstellend aus anderen Sprachen übertragen.
Vor mehreren Jahren wiesen „Correctiv“ und „der journalist“ dem ZDF anhand einer Stichprobe eine Reihe von „Ungenauigkeiten“ nach. Die Chefredaktion des Senders reagierte mit einer Arbeitsanweisung, die eine exakte und sprachlich authentische Übersetzung von O-Tönen sicherstellen sollte. Nach der „aspekte“-Sendung aber gab es wieder Kritik an Unschärfen – und das ausgerechnet bei einem Nahost-Thema. Sollten da nicht alle Beteiligten ganz besonders sensibilisiert sein und jedes Detail nicht von vier, sondern mindestens acht Augen geprüft werden?
Für manchen Kritiker schien das ins Bild zu passen. Ausgerechnet, wenn es um Gaza und die deutsche Verantwortung gehe, wenn eine israelische Künstlerin „die Staatsräson kritisiert, wird ihre schärfste Formulierung in der deutschen Fassung abgeschwächt“, bemängelte ein XSoziales Netzwerk, in dem jeder Texte, Videos und Bilder veröffentlichen, teilen und...-Nutzer in einem viel beachteten Post. Auf „Reddit“ kündigten Nutzer:innen Programmbeschwerden an. Ein Zuschauer schrieb Übermedien, dass er eine solche bereits eingereicht habe.
Die Diskussion hatte für das ZDF eine besonders pikante Note. Denn unmittelbar vor ihrer Aussage über getötete Kinder in Gaza hatte Shuster-Eliassi im „aspekte“-Interview ihre Zweifel gegenüber den deutschen Medien formuliert. Die Sendung macht diese Szene für das Publikum transparent. Shuster-Eliassi sagte:
„Mir ist eben erst bewusst geworden, dass Ihr vom deutschen Fernsehen seid. Und ich frage mich, was ich euch sagen kann, was ihr nicht rausschneiden werdet, weil die Debatte und die Rhetorik in Deutschland so übervorsichtig sind.“
Was für eine Ironie, wenn das ZDF ausgerechnet danach eine Übersetzung verfälscht! Oder?
So einfach war es nicht. Auf Anfrage von Übermedien erklärte das ZDF am vergangenen Dienstag, dass der O-TonKurz für: „Originalton“. O-Töne hört man in Radio- oder Fernsehbeiträgen immer dann,... der Comedienne noch weiterging. In Gänze lautete der Satz demnach:
„Your taxes shouldn’t be paying for so many children to be killed for starvation in Gaza.“
Tatsächlich lässt sich der unterlegte Originalton nur bis „…to be killed“ gut verstehen. Dass Shuster-Eliassi anschließend anscheinend wörtlich von „starvation“, also „Verhungern“ spricht, geht unter – der O-Ton wirkt leiser, die darüber liegenden Töne lauter.
Nun ließe sich auch angesichts dieses Wortlauts noch darüber streiten, ob die ZDF-Übersetzung den Kern traf. Ganz einfach zu beurteilen ist das nicht, schon aufgrund der Interviewsituation: Eine Israelin spricht mit einem Deutschen auf Englisch. Ihre Formulierung „killed for starvation“ klingt zudem grammatikalisch falsch – wäre hier ein „Tod durch Verhungern“ gemeint, wäre „killed by starvation“ wohl die naheliegendere Formulierung gewesen. Klar war aber zumindest eines: Das Wort „Verhungern“ hat sich jedenfalls niemand beim ZDF ausgedacht.
Doch mit der Klarstellung war die Geschichte noch nicht vorbei, und jetzt kommt das Komma ins Spiel.
Es habe mehrere Rückmeldungen von Zuschauer:innen gegeben, berichtet ein Sprecher des Senders. Die Diskussion habe man „zum Anlass genommen, noch einmal bei Noam Shuster-Eliassi nachzufragen, wie sie selbst ihre Aussage verstanden wissen will.“ Heraus kam: Doch ein wenig anders als in der Übersetzung, nämlich als „Aufzählung“. Also nicht „to be killed for starvation“, sondern mit Komma nach „killed“:
„Your taxes shouldn’t be paying for so many children to be killed, for starvation in Gaza.“
Weshalb die „aspekte“-Redaktion die Übersetzung am Donnerstag schließlich anpasste. In der mittlerweile in der Mediathek abrufbaren Fassung heißt es auf Deutsch:
„Eure Steuergelder sollten nicht dafür verwendet werden, dass so viele Kinder getötet werden, dass Gaza ausgehungert wird.“
In der korrigierten Version ist nun auch Shuster-Eliassis O-Ton besser zu verstehen.
Wer möchte, wird dem ZDF wahrscheinlich trotzdem unterstellen, dass die ursprüngliche Übersetzung nicht auf ein Missverständnis zurückgeht, sondern auf den Reflex, bei Kritik an der israelischen Regierung besonders vorsichtig zu sein.
Der „aspekte“-Reportage lässt sich allerdings nicht ernsthaft vorwerfen, Kritik an der israelischen Regierung unterdrücken zu wollen. Diese reicht – im Gespräch mit einem anderen Künstler – bis hin zum Vorwurf des Völkermords. Und auch Noam Shuster-Eliassi darf sich dezidiert äußern.
Als Beleg für eine einseitig pro-israelische Haltung taugt die Sendung also nicht. Vielmehr zeigen die Diskussionen darüber, wie sensibel und politisch aufgeladen die Berichterstattung über Nahost ist, wie sehr der öffentlich-rechtliche Rundfunk unter dem Brennglas steht – und vielleicht auch dafür, wie groß die Sorge beim ZDF ist, Fehler zu machen.
Man könnte die Geschichte aber auch positiv erzählen. Als Geschichte von einem Sender, der – zumindest in diesem Fall – bereit war, auf Zuschauerkritik einzugehen, seine Arbeit zu hinterfragen und eine Unschärfe zu korrigieren, die viele andere Redaktionen wohl einfach so belassen hätten.
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Ein Grund dafür, daß ich mich an öffentlichen Debatten zum Thema Gaza/Israel schon seit längerem nicht mehr beteilige. So fein kann keine Goldwaage messen.
Danke dafür!
Ansonsten könnte mehr Pingeligkeit auch bei weniger kontroversen Themen nicht so viel schaden, dass man drauf verzichten muss.
Ja, positiv gesehen bin ich froh, dass es zumindest in diesem Kontext zu Korrekturen gekommen ist.
Gleichzeitig finde ich das Ganze aber auch ziemlich blamabel.
Offensichtlich wurde wohl trotz der genannten Sorge durch die Interviewte komplett verschwitzt, konkret bei ihr nachzufragen, wie ihre Aussage zu verstehen ist. Das empfinde ich als mindestens unsaubere, eigentlich sogar schlampige Arbeitsweise, selbst, wenn Interviewer und Interviewter in gleicher Muttersprache das Interview führen!
Leider verbleibt bei mir der Eindruck, dass sich das ZDF, insbesondere in Bezug auf den Nahen Osten, hier in schlechter Gesellschaft befindet.
**Diskursverengung, die:**
Ich habe gerade das erste Drittel des neuen Buchs von Carolin Emcke, „Was zählt ein Mensch?“, durch und muss gestehen, dass es gleichzeitig eine Erlösung und eine Folter für mich ist.
Ich glaube, Frau Emcke schafft es mit diesem Buch, sich zwischen alle Stühle zu setzen – wie ich es auch für mich, mit meinen bescheidenen Möglichkeiten, als einzige ethisch und moralisch vertretbare Sitzposition erkannt habe.
Ich kann nur all denen, die sich im herrschenden Nahost-Diskurs geknebelt und eingeengt fühlen, empfehlen, dieses Buch zu lesen.
Sie beschreibt sehr genau, wie die Extreme der Lager jedes Verständnis für – und jede Empathie mit – dem jeweils anderen zu verteufeln suchen, indem sie diese als ruchlosen Verrat und als Empathielosigkeit gegenüber den eigenen Opfern markieren.
Die besondere Geschichte Deutschlands erzeugt dabei verständlicherweise eine besondere Verbundenheit mit dem Staat Israel. Das machen sich die Propaganda der jetzigen Regierung ebenso zunutze wie die Islamophoben der Welt.
Und da ist das andere Lager, das den Kampf gegen Israel als Quasi-Endkampf gegen Kolonialherrschaft und Unterdrückung framen, was alle Kritiker auf die falsche Seite der Geschichte stellt und zu Rassist:innen erklärt. Sexualisierte Gewalt wird abgestritten und das, was sich nicht abstreiten lässt, mit dem Nimbus des Befreiungskampfes verkleistert.
In ihrer Radikalität und ihren Methoden sind sich beide Seiten letztlich enorm ähnlich.
Emcke beschreibt nun, wie geteilte Empathie letztlich zu Empathielosigkeit führt.
Zumindest lese ich das zwischen den Zeilen. Wer die Opfer der jeweils anderen Seite negieren will, benutzt dazu die „eigenen“ Opfer und verliert dadurch auch die Empathie mit diesen.
Antisemitismus zeichnet sich besonders auch dadurch aus, jeden Juden für alles verantwortlich machen zu wollen, was irgendwann irgendein Jude gemacht hat oder, fast immer, nur gemacht haben soll. Synagogen irgendwo auf der Welt anzugreifen, egal, wie auch immer die Menschen in diesen überhaupt zum derzeitigen Staat Israel stehen mögen, folgt derselben Logik.
Was wir aber en passant – ob Bundespräsident oder Robert Habeck, zum Beispiel – nicht reflektieren, ist, dass wir Muslimas und Muslime permanent zu einer Gruppenidentität verkleben. Dass wir sofort eine Distanzierung der gesamten Gruppe proaktiv einfordern, und zwar in einer Form, die wir gegenüber Katholiken oder Juden niemals gutheißen würden.
· Fehler gefunden
· Fehler verstanden
· Korrektur durch Nachfrage abgesichert
· Fehler korrigiert
· auf Fehler hingewiesen
Ich freue mich einfach mal über ein positives Beispiel, wie es viel öfter laufen könnte.