Wieso ist das so? (39)

Wer entscheidet, was ganz oben auf der Startseite der „Süddeutschen“ steht?

Immer mehr Menschen bekommen ihre Nachrichten über soziale Medien. Warum die Startseite für die „Süddeutsche Zeitung“ trotzdem essenziell ist, beschreibt Nachrichtenchefin Karoline Meta Beisel im Interview. Sie erklärt, wie die Themen auf der Startseite ausgewählt werden und wie viel davon eine Maschine macht.
Screenshots der Startseite von der „Süddeutschen zeitung“
Screenshots: sueddeutsche.de

Wer die Homepage oder die Nachrichten-App der „Süddeutschen Zeitung“ öffnet, sieht nicht einfach zufällig die neuesten Texte. Die Nachrichtenlage, redaktionelle Schwerpunkte, aber auch Nutzungsdaten beeinflussen, wie die Seite gestaltet ist. Nach welchen Kriterien wird entschieden, welcher Text ganz oben steht? Was passiert mit Themen, die die Redaktion für wichtig hält, aber die kaum jemand anklickt? Wie personalisiert sollte eine Nachrichtenseite sein? Und wie wichtig sind Startseiten überhaupt noch? Darüber haben wir mit der SZ-Nachrichtenchefin Karoline Meta Beisel gesprochen.


Übermedien: Frau Beisel, Sie sind Nachrichtenchefin bei der „Süddeutschen Zeitung“. Entscheiden Sie, welche Artikel auf die Startseite kommen? 

Karoline Meta Beisel: Wir am Newsdesk haben einen guten Überblick über alle geplanten Artikel der „Süddeutschen Zeitung“. Aber wir besprechen gemeinsam mit den Ressorts, welche Inhalte wir wann ausspielen wollen. In den täglichen Konferenzen gleichen wir diese Planung mit der aktuellen Nachrichtenlage ab – und natürlich entstehen dort auch noch ganz neue Themen. Neben den Kollegen des Newsdesks sind darum auch die Verantwortlichen aus den Ressorts involviert, und natürlich die Chefredaktion. 

Ganz oben ist der beste Platz für einen Text. Welche Artikel haben darauf eine Chance?

Unser Journalismus soll informieren, aber auch einordnen und Orientierung geben, und unseren Lesern helfen, Ereignisse zu verstehen. Vermutlich finden Sie also entweder ein aktuelles Thema ganz oben, oder aber ein investigatives Stück oder eine Reportage. Die Färbung der Homepage ändert sich übrigens auch mit der Tageszeit: Am Montagmorgen sind wir nachrichtlicher als am Sonntagnachmittag. Für wichtige Nachrichten haben wir zudem nicht nur den Aufmacherplatz ganz oben, sondern auch das Nachrichtenfenster, das ebenfalls weit oben auf der Seite steht. 

Wie bestimmen Sie die Wichtigkeit eines Textes?

Natürlich spielen bei der Entscheidung die klassischen Nachrichtenfaktoren eine Rolle. Aber nicht nur. Es gibt auch Geschichten, die wir für so relevant halten, dass wir mit ihnen einen eigenen Schwerpunkt setzen. Das können Stücke aus unserem Investigativ-Ressort sein, die einen Missstand aufdecken. Oder ein Text von einer unserer Korrespondentinnen, die aus einer anderen Ecke der Welt berichtet. Und auch wenn wir Gastbeiträge von gewichtigen Stimmen veröffentlichen können oder ein Interview mit einem Gesprächspartner, der in einer aktuellen Debatte eine wichtige Rolle spielt, sind die Chancen höher, dass der Text eine prominente Position bekommt.

Und wenn die nicht gut geklickt werden? 

Wir schauen genau auf unsere Zahlen – beispielsweise darauf, wie viele Abonnenten und Nicht-Abonnenten eine Geschichte lesen, oder wie viele Nutzerinnen für einen bestimmten Inhalt ein Probeabo abschließen. Das beobachten wir am Desk quasi in Echtzeit. Aber diese Zahlen sind immer nur ein Faktor von mehreren, die die Platzierung beeinflussen. Wir präsentieren auch häufig Texte auf prominenten Plätzen, obwohl wir von vornherein wissen, dass sie wahrscheinlich keine Publikumsrenner werden. Trotzdem halten wir sie für relevant und bieten sie unseren Lesern an.

Newsdesk der „Süddeutschen Zeitung“
Das Newsdesk der „Süddeutschen Zeitung“ Foto: Jörg Buschmann

Wie lange bekommen diese Themen denn eine Chance auf der Startseite, wenn sie nicht gut geklickt werden?

Wir haben keinen Timer, der abläuft, oder eine Matheformel, die wir da anlegen. Es ist eine schwierige Abwägung. Deswegen ist es auch so wichtig, dass wir das im Team besprechen. Wenn wir uns von einer Geschichte viel erhofft haben, sie aber wenig gelesen wird, ändern wir häufig erst einmal den Vorspann, das Foto oder die Überschrift. In der Hoffnung, den Text unseren Lesern so doch noch schmackhaft zu machen. 

Und funktioniert das? 

Ja, das klappt erstaunlich oft, und es macht Spaß, auf diese Art mit den Zahlen zu arbeiten. Wir haben auf der Startseite ja auch nicht sehr viel Platz, um einen Artikel anzuteasern. Besonders dann, wenn man die App auf dem Handy nutzt, was die meisten machen. Da kann ein anderer Titel schon etwas ausmachen. 

Welche Themen werden denn besonders gut geklickt? 

Tagesaktuelle Nachrichten spielen immer eine große Rolle. Wir beobachten auch, dass gewisse Personen bei den SZ-Lesern zuverlässig auf Interesse stoßen, zum Beispiel Jens Spahn oder Annalena Baerbock. Aber auch Menschen, bei denen man weniger damit rechnet, wie zum Beispiel Georg Gänswein, der frühere Privatsekretär von Papst Benedikt XVI. Das bedeutet aber nicht, dass wir jetzt jeden Tag über Herrn Gänswein berichten würden.

Eine Recherche steht nun schon außergewöhnlich lange auf der Startseite: Seit Juni bewirbt die SZ ihre Datenbank zur NSDAP-Mitgliederkartei. 

Wir sehen, dass sich die Leute einfach immer noch sehr für das Thema interessieren. Neulich hat Klimaaktivistin Luisa Neubauer auf Instagram berichtet, dass sie die NS-Vergangenheit ihrer eigenen Familie recherchiert hat. Sie hat das Tool der SZ in ihrem Post gar nicht erwähnt, trotzdem sind bei uns danach die Zugriffe nach oben gegangen. Allgemein beobachten wir, dass Leser sich stark für datengetriebene Geschichten interessieren, in denen es um sie ganz persönlich geht.  Also zum Beispiel, wie groß die Wahrscheinlichkeit für ein Hochwasser am eigenen Wohnort ist oder wie viel Rente man im Alter übrig hat. 

Apropos Personalisierung: Auf der SZ-Startseite gibt es Rubriken, die explizit an den Leser angepasst werden, zum Beispiel „Für Sie ausgewählt“ und „Was Sie verpasst haben könnten“. Wie funktioniert das? 

Wir geben bestimmte Regeln vor, nach denen die Maschine die passenden Inhalte auswählt. 

Was sind das für Regeln? 

Zum Beispiel, welche Themen den Nutzer in der Vergangenheit interessiert haben und welche Inhalte bei anderen Leserinnen beliebt waren. Der Großteil unserer Homepage ist allerdings nicht personalisiert, sondern kuratiert. Dort entscheidet die Redaktion, welche Inhalte zu sehen sind, und das ist auch für alle Leser gleich. 

Warum wird die Auswahl überhaupt personalisiert? 

Weil wir unseren Nutzern ein für sie möglichst stimmiges Angebot machen wollen. Durch Personalisierung können wir unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen besser Rechnung tragen. Übrigens lernen wir so auch noch etwas über unsere Inhalte: Manchmal stehen Texte noch gar nicht im kuratierten Bereich der Startseite, werden über die personalisierten Rubriken aber schon so gut nachgefragt, dass wir sie dann auch noch mal in einem Bereich für alle platzieren. 

Früher bekam man einfach die gedruckte Zeitung geliefert und musste damit zufrieden sein. Dafür hatte man aber auch die Gewissheit: Wenn ich das lese, verpasse ich nichts Wichtiges. Muss man sich heutzutage alle paar Stunden durch eine Nachrichtenseite scrollen, um alles Relevante mitzubekommen? 

Das Wichtigste steht bei uns im Nachrichtenfenster. Das finden unsere Nutzerinnen immer an derselben Stelle und dort wird auch nicht personalisiert. Klar kommt es mehrmals am Tag vor, dass dort eine neue Meldung hineinwandert und eine der vorherigen Nachrichten ersetzt. Aber im Normalfall verschwindet das „alte“ Thema dann nicht komplett von der Seite: Oft gibt es schon eine weiterführende Analyse zu dem Thema aus dem Hauptstadtbüro, ein Frage-Antwort-Stück oder einen Korrespondentenbericht, und all diese Texte finden die Leser dann auch auf der Startseite – nur vielleicht nicht mehr im Nachrichtenfenster.

Leser müssen sich also keine Sorgen machen, dass die SZ-Startseite irgendwann zu einer personalisierten Echokammer verkommt, so wie der Social-Media-Feed?

Das wird es bei der SZ nicht geben. Als Redaktion wollen wir unseren Leserinnen Orientierung geben – und das geht nicht, wenn jeder etwas anderes zu sehen bekommt. Aber wir überlegen natürlich permanent, wie wir durch Personalisierung das Angebot für unsere Leserinnen und Leser weiter verbessern können. Es könnte zum Beispiel sinnvoll sein, zwischen treuen SZ-Lesern und neuen Nutzern zu unterscheiden. Langjährige Abonnenten kennen unsere Ressorts, Formate und Autorinnen und Autoren bereits sehr gut. Für sie könnte die Startseite daher teilweise anders gestaltet sein. Ein anderer Punkt: Als regional verankertes Medium berichten wir besonders viel über Geschehnisse in München und Bayern – eine Leserin in Hannover oder Leipzig interessiert aber natürlich weniger, ob man auf der Eisbachwelle jetzt wieder surfen darf oder nicht. Wir überlegen darum auch, wie wir es schaffen, auf solche Vorlieben stärker Rücksicht zu nehmen.

Wer geht eigentlich noch gezielt auf sz.de und scrollt sich durch die Startseite? Laut dem Digital News Report von Reuters sind soziale Medien mit Abstand die wichtigste Nachrichtenquelle im Internet. 

Die Startseite ist extrem wichtig für die SZ. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt für unser digitales Angebot, auch für die Menschen, die über Social Media oder über Push-Nachrichten zu uns kommen. Und über die Homepage finden Nutzer auch den Weg in andere Teile des SZ-Universums. Zum Beispiel zu unseren Podcasts oder Videos, die für uns immer wichtiger werden und darum auf der Homepage und der App perspektivisch eine größere Rolle spielen werden.

Woher kommen die meisten Leser? Über Google, Social Media, Pushnachrichten? 

Die meisten unserer Leserinnen und Leser haben ein SZ-Abo. Sie gehen direkt auf unsere Website oder öffnen die App. Viele kommen aber auch über die Google-Suche oder Google Discover zu uns – und natürlich spielen auch die sozialen Medien eine Rolle.

Die SZ hat auf Instagram fast eine Million Follower, die Beiträge bekommen teilweise mehrere Tausend Likes. Lesen die Leute, die dort kommentieren und liken überhaupt die Texte?

Über unsere Social-Media-Kanäle kommen tatsächlich viele Leser zu uns, die sich auch für unsere Stücke in der vollen Länge interessieren. Die Zahl der Menschen, die auf diesem Weg zu uns finden, ist über die Jahre gewachsen. Uns geht es bei unseren Social-Media-Kanälen auch darum, Zielgruppen zu erreichen, die die SZ bisher noch nicht so gut kennen.

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