Mehr über Der Spiegel
Dafür, dass die abfällig als „Mainstream“ bezeichneten Medien inzwischen weitgehend bedeutungslos sein sollen, schaffen sie es immer noch, erstaunliche Erregungswellen auszulösen. Anscheinend haben sie sogar die Macht, die Meinung der Menschen zu Politikern dramatisch zu beeinflussen!

In der Währung „Aufmerksamkeit“ gemessen, ist das aktuelle „Spiegel“-Cover ein sensationeller Erfolg. Es zeigt Ulrich Siegmund, den AfD-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt, mit der Schlagzeile: „Der gefährlichste Mann Deutschlands“. Dafür hat das Nachrichtenmagazin – zu Recht – Hohn und Spott, Wut und Empörung geerntet, aber alle reden darüber. Beim rechtsradikalen Wutsender „Nius“ titeln sie mit dem Zitat: „Die traditionelle Medienmacht ist gebrochen“, während sie gleichzeitig behaupten, die Titelgeschichte habe Siegmund „berühmt und beliebt wie nie zuvor“ gemacht.
Dafür, dass das stimmt, gibt es keinerlei Beleg, aber die Zuschreibung an sich ist schon interessant. Trotz des inzwischen ziemlich großen rechten Medienuniversums braucht es also immer noch das gute alte Hamburger Nachrichtenmagazin, um einem rechtsextremen Politiker den ultimativen Popularitätsschub zu geben?
Schon klar, die „Nius“-Leute meinen, dass die Macht des „Spiegel“ nur noch darin besteht, Leute dazu zu bringen, das Gegenteil von dem zu tun, was der „Spiegel“ will, aber auch das wäre doch eine erstaunliche Macht. Den Menschen, dem gewöhnlichen Volk, ist der „Spiegel“ also immerhin noch wichtig genug, um sich von ihm in eine AfD-Trotz-Liebe triggern zu lassen?
Und übrigens: Wenn die simple Logik stimmen würde, dass es beste Werbung darstellt, wenn ein publizistischer Gegner sich prominent an einem abarbeitet, dann hätten „Nius“ und ihre ganzen Gesinnungsgeschwister seit Tagen die größte Werbekampagne für den „Spiegel“ seit Ewigkeiten gefahren. Im Frühstücksfernsehen von „Nius“ widmeten sie ihm eine halbe Stunde. Minutenlang hielt Moderator Alexander Kissler das Cover wie ein Homeshopping-Verkäufer in die Kamera.
Ich will das „Spiegel“-Cover nicht verteidigen. Auch nicht das StorytellingJournalisten verstehen ihre Beiträge oft als „Geschichten“, die sie „erzählen“ wollen. Das... der Titelgeschichte, samt der wie mit Kinder-Wachsmalstiften gemalten Szene am Anfang und Ende, die beschreibt, wie am Rande einer Veranstaltung von Siegmund jemand kollabiert, „wahrscheinlich wegen der Hitze“, „also vielleicht auch wegen des Klimawandels, über den Siegmund spottet“.
Der „Spiegel“ ist durch seine Verkaufe und seine Masche schon selbst schuld daran, dass kaum wahrgenommen wird, dass seine Siegmund-Geschichte auch ambivalent und differenziert ist. Dass sie zu verstehen versucht, warum dieser Politiker so viele Menschen begeistert. Dass sie nicht nur Läppisches dokumentiert, sondern auch seine beunruhigende Nähe zu Menschen mit Neonazi-Hintergrund. Dass sie festhält, dass die jahrelangen Warnungen vor der AfD stumpf geworden sind und dass es für die Menschen im Osten kein Schimpfwort sei, „ewiggestrig“ genannt zu werden, weil „das Gestern“, ein vergangenes, glückliches, friedliches Deutschland, das es vermutlich nie gegeben hat, für sie hier „Verheißung“ sei.
Der „Spiegel“ ist schon selbst schuld daran, und trotzdem sind die Reaktionen auf die Siegmund-Geschichte erhellend und verräterisch. Vor allem natürlich die Reaktionen derjenigen, die sich selbst nun im Besitz der Macht glauben, die die „Mainstream“-Medien angeblich verloren haben. Wie absurd ist es, wenn ausgerechnet die Leute von „Nius“, deren Geschäftsmodell die groteske Übertreibung ist, dem „Spiegel“ vorwerfen, seine Titelgeschichte sei ja wohl eine groteske Übertreibung.
Benedikt Brechtken, ein Hot-Take-Produzent aus den Sozialen Medien, der nun beim rechten „Apollo News“ den Titel „Chefkommentator“ trägt, sagt mit dem „Spiegel“-Cover in den Händen: „Es ist wirklich an der Zeit, dass die AfD in Deutschland endlich regiert, damit solche Psychosen ihr Ende finden.“ Die Logik dahinter ist schon nachvollziehbar, selbst wenn man seine Meinung nicht teilt: Er meint, dass die ganze Aufregung über eine mögliche AfD-Regierung nur daher komme, dass sie noch nie regiert habe. Er meint auch, die größere Gefahr einer AfD-Landesregierung unter Ulrich Siegmund sei, dass sie ihre Wähler enttäuschen müsse, weil sie die ganzen radikalen Versprechen gar nicht umsetzen könne. Aber er überdreht das zu dem Schluss, dass die AfD regieren muss, damit solche „Spiegel“-Titel nicht mehr erscheinen. Weil alle nur über den „Spiegel“-Titel reden. Also, Leute wie er zum Beispiel.
Bemerkenswert ist, dass man sich in der rechten Medienwelt nicht einig ist, ob diese „Spiegel“-Geschichte nun eine fehlgeschlagene geplante „Hinrichtung“ („Nius“) oder „so offensichtlich verzuckert ist von Ulrich Siegmund wie dessen Wähler“ („Tichys Einblick“). Bei der „Jungen Freiheit“ beschwert man sich, dass man sich beim Lesen des Textes „elfmal durch die Wörter ‚Rechtsextremist‘, ‚rechtsextrem‘, ‚Rechtsextremismus‘ kämpfen muss, um den Inhalt aufzunehmen“. Man muss sich das vorstellen wie einen inneren Widerstand bei rechten Journalisten, der sie bei jedem dieser Begriffe eigentlich jede Lektüre abbrechen lassen will – egal wie zutreffend sie sind.
Ausführlich erzählt die „Junge Freiheit“ nach, was der „Spiegel“ Siegmund vorwirft und was Siegmund im „Spiegel“ zu den Vorwürfen sagt, was zumindest dafür spricht, dass die „Spiegel“-Geschichte den journalistischen Grundsatz der Gegenrede berücksichtigt.
Der als lustig geltende „Focus“-Kolumnist Jan Fleischhauer nutzte bei „Welt-TV“ einen anderen Trick, um die „Spiegel“-Geschichte besonders lächerlich wirken zu lassen. Sie besteht ja auch daraus, den Reiz von Siegmund zu erklären und seine Anziehungskraft zu beschreiben. Fleischhauer aber tat so, als werfe der „Spiegel“ Siegmund all das vor, was der „Spiegel“ einfach nur notierte: „Er genießt den Wahlkampf (…), das ist ein Vorwurf, er ist immer freundlich und zugewandt und galt in der Schule als Frauenschwarm. Das sind so die Haupt- und Kernvorwürfe.“
Beim gleichen Sender sagte Shitbücher-Autor Ulf Poschardt: „Man wird sich an dieses Cover erinnern wie an Relotius – als absolute Tiefpunkte journalistischer Ethik“. Es war ein weiterer Gesprächsblock bei „Welt-TV“, der sich dieser „Spiegel“-Geschichte widmete, während das Cover eingeblendet war, nur um zum Abschluss paradoxerweise festzustellen, dass es „immer egaler“ werde, was „diese Medien“ schreiben. Wenn er, Poschardt, bei „Ben Ungeskripted“ sei oder im „Apollo“-Podcast, sei das „viel, viel relevanter als das, was der ‚Spiegel‘ schreibt.“
Wenn das stimmt, fragt man sich, warum die „Welt“ sich dann so ausführlich am „Spiegel“ in seiner ganzen behaupteten Irrelevanz abarbeitet. Es sei denn, es geht auch hier – ähnlich wie beim „Spiegel“ – nur um Klicks, Quote und Aufmerksamkeit.
„Spiegel“-Chefredakteur Dirk Kurbjuweit hat auf die Kritik von allen Seiten reagiert, in typischer „Spiegel“-Manier: ohne überhaupt zu erwähnen, dass es diese Kritik gibt. Er behauptet in seinem Newsletter, man lasse sich beim Nachrichtenmagazin nicht von der Frage leiten, „wem eine Titelgeschichte nützt oder schadet“. Und fügt hinzu: „Ohnehin leiden wir nicht an der Hybris zu glauben, dass wir mit unserem Journalismus Wahlergebnisse beeinflussen können.“
Das ist natürlich kokett, aber wohl vor allem als Reaktion auf die offenbar von vielen geteilte Meinung zu verstehen, dass der „Spiegel“ mit seinem Journalismus gerade Wahlergebnisse zugunsten der AfD beeinflusst. Andererseits ist es tatsächlich keine neue Erfahrung für das Nachrichtenmagazin, dass sich Politiker nicht von ihm wegschreiben lassen. Wie sehr hat der „Spiegel“ versucht, Bundeskanzler Helmut Kohl unmöglich zu machen!
Man wünschte sich, ganz unabhängig von der Frage, welche Wirkungen so ein Cover wirklich hat, dass der „Spiegel“ schlauer wäre im Umgang mit der AfD. Aber bemerkenswert ist auch, wie begeisterungswillig und gutgläubig viele Journalisten in Bezug auf Ulrich Siegmund sind. Es ist natürlich clever von ihm, sich nicht beleidigt zu geben über das Cover, sondern sich mit ihm zu schmücken, es sogar zu signieren. Aber dass Siegmund behauptet, es sei Werbung für ihn, macht diese Behauptung noch nicht wahr. In der Art, wie andere Medien diese Reaktion wiederum feiern, fallen sie dann aber tatsächlich auf seine PR und seine Selbstverharmlosungsstrategie herein.
Und auch wenn man es gefährlich oder albern, jedenfalls: übertrieben findet, wenn der „Spiegel“ Siegmund zum „gefährlichsten Mann Deutschlands“ erklärt, muss man nicht gleich ins andere Extrem verfallen und, wie „The Pioneer“-Herausgeber Gabor Steingart, behaupten, „dass der harmlose Herr Siegmund aus dem Mini-Staat Sachsen-Anhalt nichts und niemanden in Deutschland gefährdet.“
Die spektakulärste Kommentierung des „Spiegel“-Titels lieferte übrigens der Chefredakteur der „Berliner Zeitung“. Moritz Eichhorn behauptet, die vermeintliche Wahlkampfhilfe sei gar kein Versehen, sondern Kalkül. „Das Magazin hat keine Angst vor einer AfD-Regierung“, schreibt er, „es braucht sie.“ Die Logik: „Eine AfD bei zwölf Prozent trägt heute keine Titelgeschichte mehr. Eine AfD bei 42 Prozent trägt das Heft durch den Herbst. Ein Ministerpräsident Siegmund würde es über Jahre speisen.“ Er spreche „für alle, die sich wirklich vor der AfD sorgen, Entwarnung aus. Wenn der Spiegel tatsächlich Angst vor Siegmund hätte, wäre dieses Heft nie so erschienen. Dieser ,Spiegel‘-Titel lautet eigentlich: Ihr könnt die AfD wählen, denn dann gewinnen wir alle.“
Nein, so lautet er nicht.
Stefan Niggemeier ist Mitgründer von Übermedien und BILDblog. Seit vielen Jahren Autor, Blogger und Medienkritiker, früher unter anderem bei der FAS und beim „Spiegel“, heute vor allem für die „Süddeutsche Zeitung“. In seinem Notizblog macht er Anmerkungen zu aktuellen Medienthemen. Hier können Sie alle Folgen lesen.
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„Der als lustig geltende „Focus“-Kolumnist Jan Fleischhauer“
Sie kennen Leute die das sagen?
Gibt nichts, was es nicht gibt.
Gute Analyse. Danke.
Warum konnte der Spiegel nicht in der Überschrift auf den Punkt bringen, was Siegmund gefährlich macht? Viele werden den Artikel nicht lesen sondern bei denen bleibt nur der Titel in Erinnerung. Was Siegmund gefährlich macht steht im Artikel: er umgibt sich mit (Ex-)Kadern aus verbotenen Neonazi Organisationen und will diese in der Landesregierung installieren. Dabei ignoriert er absichtlich deren Vergangenheit. Und diese erschreckende Entwicklung übertüncht er mit seinem Sunny Boy Image.
Das macht ihn schon gefährlich. Warum hätte die Überschrift das nicht auf den Punkt bringen können? Sie geht weg von den Handlungen auf die Person.
In der Bildunterschrift muss es doch „Titel“ heißen, oder?
Oh ja. Danke für den Hinweis!
Ich habe die Aufregung um das Cover nicht mitbekommen und verstehe sie auch nicht. Ich verstehe nicht, warum Herr Niggemeier sagt, der Spiegel habe den Hohn zurecht geerntet. Das Cover verkauft das Heft: Das muss pointiert sein, ist es immer, wenn es funktioniert. Und es funktioniert. Die Titelstory selbst ist sauber recherchiert, schön geschrieben. Und zumindest ich habe das Gefühl, das Phänomen Siegmund danach deutlich besser zu verstehen. Dass man Siegmund für den gefährlichsten Mann Deutschlands halten kann, wird durch den Artikel auch plausibel.
Danke für die schöne Zusammenfassung und Analyse. Was ausgerechnet die rechten Medien an dem Cover so triggert, kapiere ich trotzdem nicht.
Hatten wa dat nich alle schon vor 6 Jahren?
https://uebermedien.de/45955/sein-cover/
Ich muss gestehen, ich bin solcher Analysen müde geworden. Alles hat seinen Zweck und Absicht ist immer wahrscheinlicher als gnadenlose Inkompetenz. Wenn der Artikel durchaus gut gemacht ist, oder zumindest gut differenziert, dann versorgt er die Lesenden ja solide genug mit dem, was sie erwarten.
Und diejenigen, die ihn eh nicht (wegen der inhaltlichen Differenzierung) lesen und sich nur für Covers und das Möwengeschrei darüber interessieren, die versorgt der Titel auch genau mit dem, was sie brauchen. Und so reißerisch, wie der Spiegel nunmal gerne titelt, ist wirklich für jeden etwas dabei: Man kann sich mit jedweder emotionalen Haltung etwas da rausziehen weil reininterpretieren und für die eigenen Zwecke nutzen. Es sind immer die Emotionen, nie die Inhalte. Und weil es deshalb eh bums ist, wie man titelt, wird das reißerischste, polarisierendste und damit verkaufsstärkste genommen, was einem einfällt. Abos allein machens halt nicht.
An diesem Titel können sich alle Gemüter richtig schön abarbeiten, wunderbar. Warum ist uns das überhaupt eine Analyse wert? Was ist daran neu? Oder unerwartet?
Ich hätte es mutig gefunden, diesen Titel bewusst auszulassen bei Übermedien oder ihn nur mit einem Minimal-Absatz zu würdigen nach Art: „What else is new“; eine Kurzzusammenfassung. Um zu zeigen, dass man nicht selbst auch auf den Zug springt und beim Möwengeschrei darüber mitmacht. Meta-Ebene hin oder her.
Oder: Mit gewisser Ironie dem Spiegel gratuliert, was für eine beachtliche Vielzahl von sich-daran-abarbeiten-Positionen das Magazin hiermit bedient.
Kurbjuweit denkt sich den Kritikern/Medien gegenüber genau eines: Gern geschehen!
Überdrüssig … dass wir immernoch so oft auf der Sachebene diskutieren, wenn der ganze (rechte) Machtkampf auf der Emotionsebene stattfindet und dort entschieden wird.
Und dass wir Inkompetenz und Hoppala unterstellen, wo Absicht und (skrupelloses) Kalkül wesentlich wahrscheinlicher sind.