Wie egal es ist, was die Nachbarn so sagen, und wie problematisch, Angehörige eilig zu interviewen
Nach dem Attentat auf den Berliner CSD interviewen Reporter verschiedener Medien die Nachbarn des mutmaßlichen Täters. Das ist vor allem sehr belanglos. Viel schwieriger ist es, dass der „Spiegel“ den Vater nur wenige Stunden nach der Tat telefonisch mit Fragen behelligt.
Witwenschütteln, so nennt man es im Journalismus, wenn Reporter Angehörige von Opfern oder auch mutmaßlichen Tätern behelligen, um an ein Interview oder an Fotos zu kommen. Schamlos muss man dabei sein. Rücksicht auf leidende Menschen ist eher lästig, denn für Mitgefühl ist im Rennen um die nächstbeste Schlagzeile kein Platz.
Es müssen natürlich nicht zwingend Witwen sein, schütteln kann man Väter, Schwestern, andere Angehörige, auch Nachbarn, wenngleich die meist weniger betroffen sind. Das Nachbarnschütteln ist vor allem beliebt, wenn es um Attentäter oder Amokläufer geht, und gleichzeitig besonders sinnlos. Nachbarn haben in der Regel keine belastbaren Informationen zu bieten. Sie sagen in den allermeisten Fällen auch nicht: Herrje, dieser unsympathische Typ, ich ahnte schon immer, dass der mal ausrasten würde. Sie sagen: Was, der?! Unfassbar. Der war doch so unscheinbar, nett, gegrüßt hat er auch immer.
Nach dem CSD-Attentat: Gedenkstelle im Berliner Tiergarten.Foto: Imago / Emmanuele Contini
So ist es nun wieder zu lesen. Nur wenige Stunden nach dem Attentat auf den Berliner CSD eilten etliche Reporter zum Wohnhaus von Abdul B., dem Tatverdächtigen, um dort jeden anzusprechen, der ihnen vor die Nase lief. Und daraus dann Artikel zu machen, die vor allem zeigen, wie wenig erhellend es ist, was das erweiterte Umfeld so tratscht.
„Man sagt sich Hallo“
Für „t-online“ etwa war die „SEO-Redakteurin“ vor Ort. Ein Nachbar teilt ihr mit, er habe im Vorfeld kein „Indiz“ für einen Anschlag gesehen. Ein anderer erklärt, er kenne den mutmaßlichen Täter seit Schulzeiten, und gibt zu Protokoll: „Man sagt sich Hallo. Die Schwestern gehen ganz normal zur Schule.“ Geheiratet habe der junge Mann angeblich, irgendwann sei das mal gefeiert worden. Viel mehr erfährt man nicht.
In der „Berliner Zeitung“ auch nur Freundliches über den mutmaßlichen Attentäter. Oder gar nichts. Ein Nachbar „kann nicht viel sagen, außer dass [B.] und er immer ,Hallo’ gesagt hätten“. (Der wieder.) Dafür bietet die „Berliner Zeitung“ einer Nachbarin die Möglichkeit, sich abschätzig über die Mutter und deren Aussehen zu äußern.
„Focus Online“-Reporter Ulf Lüdeke findet es „auffallend“, dass Nachbarn sagen, der junge Mann sei „nie aufgefallen“ und ein „netter Typ“, der – da haben wir es wieder – „immer freundlich gegrüßt“ habe. Okay, „ein wenig schlicht“ sei er gewesen, sagt ein anderer – aber Islamist? Wieder andere nennen ihn „höflich“, „von ,komischen Sachen’ habe man nie etwas gehört“, komisch. In den Libanon soll er gereist sein, das Land, aus dem seine Eltern stammen. Er selbst wurde in Deutschland geboren, war deutscher Staatsbürger.
Nie gesehen
Völlig absurd werden die Berichte, wenn Journalisten nicht mal auswählen aus dem, was sie aufschnappen, sondern alles einfach brühwarm aufschreiben. Ein Späti-Mitarbeiter erklärt dem „Focus“-Reporter, er habe den mutmaßlichen Täter am Vortag noch gesehen, sonst weiß er leider nichts. Ein Mitarbeiter eines anderen Kiosks hingegen hat den jungen Mann länger nicht mehr gesehen, die Angestellte einer Spielothek noch nie.
Gut zu wissen. Und was machen wir damit jetzt?
Beiträge wie diese dienen nicht dazu, Licht in die Sache zu bringen, sie dürften nicht mal die Neugierde des Publikums befriedigen. Trotzdem werden sie veröffentlicht. Weil der immense Veröffentlichungs- und Reichweitendruck von Online-Medien immerzu neue Artikel fordert, mag der Inhalt noch so beliebig und belanglos sein. Und nicht nur Boulevardmedien verfahren so, auch seriöse Magazine mischen längst mit – sogar beim unseligen und eigentlich boulevardspezifischen Witwenschütteln.
Nachbarn zu befragen, ist noch am wenigsten heikel, auch wenn sie ebenfalls unter Schock stehen können. Besonders bedenklich wird es, wenn Medien Angehörige belagern und deren Ausnahmezustand ausnutzen. Weil derart verzweifelte Menschen eben nicht ruhig reflektieren können, ob es eine so gute Idee ist, sich in dieser Lage der Presse anzuvertrauen. Die Frage ist häufig auch, inwieweit sie in eine Veröffentlichung eingewilligt haben. Oder ob sie überrumpelt wurden und ihre Worte später bereuen.
Interview mit dem Vater
Der „Spiegel“ hat am Sonntagnachmittag den Vater des mutmaßlichen Täters ausfindig gemacht und ihn einfach mal angerufen, während nach seinem Sohn noch bundesweit gefahndet wurde. Der Mann schildert den Reportern, in welcher dramatischen emotionalen Lage er, seine Frau und seine anderen Kinder sich befänden. Beim „Spiegel“ führt das aber nicht dazu, Abstand von einer Veröffentlichung zu nehmen, im Gegenteil. Das Magazin gibt alles detailliert wieder.
Außerdem gibt der „Spiegel“ den Mann einer Öffentlichkeit preis, die in sozialen Medien erwartbar emotional und oftmals wütend über seine Äußerungen herfällt. Zum Beispiel, wenn er über Religion spricht. Oder über seinen Sohn, den er (natürlich) auch als „großzügig, emotional, liebevoll“ beschreibt. Was manche Leser gleich austicken lässt.
Und es stellt sich auch noch aus einem anderen Grund die Frage, wie vertretbar es ist, wenn Journalisten so schnell zum Interview bitten. Nach eigenen Angaben erreichte der „Spiegel“ den Vater im Libanon, wo er sich am Sonntag aufhielt. Unklar ist dabei, ob es also die Journalisten waren, die ihn zuerst befragen konnten, noch bevor überhaupt deutsche Behörden die Möglichkeit dazu hatten. Falls sie die nicht hatten, kann man das als journalistischen Coup feiern, Erster gewesen zu sein. Aber sollte das so sein?
Der Amoklauf in Graz
Der freie JournalistPerson, die Informationen recherchiert, prüft und anschließend der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt,... Marius Elfering hat auf LinkedIn sein „Störgefühl“ mit dem Interview geäußert: „Glaubt wirklich irgendjemand, dass solch ein Artikel in solch einer Situation uns irgendwie weiterbringt?“ Offenbar. Denn es geschieht ja immer wieder.
Elfering verweist etwa auf den Amoklauf in Graz im vergangenen Jahr. Auch da belagerten Journalisten prompt die Familie des Täters. „Bild“ drang damals bis auf deren Terrasse vor, und das Nachrichtenmagazin „Profil“ druckte einen Artikel unter dem launigen Titel „Daheim beim Amokläufer“, für den es das Haus besuchte, ebenfalls mit Nachbarn sprach und bei der Mutter klingelte, jedoch ohne Erfolg.
Das Magazin wurde dafür später vielfach kritisiert. Der stellvertretende „Profil“-Chefredakteur Robert Teichler fand es dennoch „korrekt“, wie sein Magazin vorgegangen sei. Auf die Frage, ob „diese Art von Recherche unmittelbar nach einem Verbrechen […] ethisch korrekt“ sei, antwortete er mit einer Gegenfrage: Wie lange man denn warten sollte, „ehe man das Umfeld eines Täters beleuchtet? Mehrere Tage, Wochen, Monate?“
Natürlich können Medien im Umfeld von Attentätern recherchieren, aber, ja: Anstand und Pietät würden es verlangen, etwas zeitlichen Abstand zu gewähren, wenn es um Angehörige geht, egal ob von Opfern oder Tätern. Und es wäre auch nicht schlecht, belastbare Details in Erfahrung zu bringen, statt nur Hörensagen (zum Beispiel von Nachbarn) zu verbreiten. Die Tat an sich, das Motiv, Fakten zur Vorgeschichte des Täters, zu einem etwaigen Versagen von Behörden – es gibt so viel zu recherchieren, und das wird im Fall des CSD-Attentäters auch gemacht. Daneben aber etabliert sich immer wieder ein Täter-Voyeurismus, der nebenbei die Opfer der schrecklichen Tat in den Hintergrund rückt.
Der „Spiegel“ hat bisher nicht erklärt, inwiefern er es für zielführend und verantwortbar hält, den Vater des mutmaßlichen Attentäters gleich am Sonntagnachmittag telefonisch zu interviewen. Erschienen ist der Text am Montagmorgen. Zwischenzeitlich war Abdul B. bei der versuchten Festnahme durch die Polizei in einer Berliner Kleingartenanlage getötet worden. Immerhin scheint sich der „Spiegel“ daraufhin nicht noch mal bei dem Vater erkundigt zu haben, wie es ihm damit nun geht und was er dazu sagt.
Der Autor
Boris Rosenkranz ist Gründer von Übermedien. Er hat Literaturwissenschaften, Soziologie und Politik studiert, war Redakteur bei der „taz“ und Volontär beim Norddeutschen Rundfunk in Hamburg. Anschließend arbeitete er für verschiedene ARD-Redaktionen, insbesondere für das Medienmagazin „Zapp“ und das Satiremagazin „Extra 3“.
Ein Missstand, der immer wieder auffällt – und gefühlt wird es immer bodenloser. Danke, dass ihr dran bleibt!
Ich melde mich nur für eine schreiberische Pingeligkeit:
„Den „Spiegel“ hält das nicht davon ab, womöglich Abstand von einer Veröffentlichung zu nehmen, im Gegenteil. Er gibt das alles detailliert wieder. “
Stehe ich hier auf dem Schlauch oder hätte es den Spiegel nicht doch von der Veröffentlichung abhalten sollen? Bzw. auf die Idee bringen, Abstand vom Artikel zu nehmen. Ich lese diesen Satz jetzt schon zum zehnten Mal…
Gruselig. Jedoch anscheinend unausrottbar, im Gegenteil.
@2 Auguste: Danke! Ja, das war ein komischer Satz. Hab ihn korrigiert.
Eine Katastrophe, was wir uns in dieser Hinsicht als „Journalismus“ leisten. Leider hatte ich, zumindest in meiner beschränkten Bubble, den Eindruck, dass in den großen Medien der Täter sehr viel ausgiebiger bearbeitet wurde als die Opfer. Und das selbst Politiker sehr viel mehr Redezeit bekommen haben, als betroffene Personen.
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Danke, dass es jemand sagt.
Ein Missstand, der immer wieder auffällt – und gefühlt wird es immer bodenloser. Danke, dass ihr dran bleibt!
Ich melde mich nur für eine schreiberische Pingeligkeit:
„Den „Spiegel“ hält das nicht davon ab, womöglich Abstand von einer Veröffentlichung zu nehmen, im Gegenteil. Er gibt das alles detailliert wieder. “
Stehe ich hier auf dem Schlauch oder hätte es den Spiegel nicht doch von der Veröffentlichung abhalten sollen? Bzw. auf die Idee bringen, Abstand vom Artikel zu nehmen. Ich lese diesen Satz jetzt schon zum zehnten Mal…
Gruselig. Jedoch anscheinend unausrottbar, im Gegenteil.
@2 Auguste: Danke! Ja, das war ein komischer Satz. Hab ihn korrigiert.
Eine Katastrophe, was wir uns in dieser Hinsicht als „Journalismus“ leisten. Leider hatte ich, zumindest in meiner beschränkten Bubble, den Eindruck, dass in den großen Medien der Täter sehr viel ausgiebiger bearbeitet wurde als die Opfer. Und das selbst Politiker sehr viel mehr Redezeit bekommen haben, als betroffene Personen.