Wie egal es ist, was die Nachbarn so sagen, und wie problematisch, Angehörige eilig zu interviewen
Witwenschütteln, so nennt man es im Journalismus, wenn Reporter Angehörige von Opfern oder auch mutmaßlichen Tätern behelligen, um an ein Interview oder an Fotos zu kommen. Schamlos muss man dabei sein. Rücksicht auf leidende Menschen ist eher lästig, denn für Mitgefühl ist im Rennen um die nächstbeste Schlagzeile kein Platz.
Es müssen natürlich nicht zwingend Witwen sein, schütteln kann man Väter, Schwestern, andere Angehörige, auch Nachbarn, wenngleich die meist weniger betroffen sind. Das Nachbarnschütteln ist vor allem beliebt, wenn es um Attentäter oder Amokläufer geht, und gleichzeitig besonders sinnlos. Nachbarn haben in der Regel keine belastbaren Informationen zu bieten. Sie sagen in den allermeisten Fällen auch nicht: Herrje, dieser unsympathische Typ, ich ahnte schon immer, dass der mal ausrasten würde. Sie sagen: Was, der?! Unfassbar. Der war doch so unscheinbar, nett, gegrüßt hat er auch immer.

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