Attentat auf den Berliner CSD

Wie egal es ist, was die Nachbarn so sagen, und wie problematisch, Angehörige eilig zu interviewen

Nach dem Attentat auf den Berliner CSD interviewen Reporter verschiedener Medien die Nachbarn des mutmaßlichen Täters. Das ist vor allem sehr belanglos. Viel schwieriger ist es, dass der „Spiegel“ den Vater nur wenige Stunden nach der Tat telefonisch mit Fragen behelligt.

Witwenschütteln, so nennt man es im Journalismus, wenn Reporter Angehörige von Opfern oder auch mutmaßlichen Tätern behelligen, um an ein Interview oder an Fotos zu kommen. Schamlos muss man dabei sein. Rücksicht auf leidende Menschen ist eher lästig, denn für Mitgefühl ist im Rennen um die nächstbeste Schlagzeile kein Platz.

Es müssen natürlich nicht zwingend Witwen sein, schütteln kann man Väter, Schwestern, andere Angehörige, auch Nachbarn, wenngleich die meist weniger betroffen sind. Das Nachbarnschütteln ist vor allem beliebt, wenn es um Attentäter oder Amokläufer geht, und gleichzeitig besonders sinnlos. Nachbarn haben in der Regel keine belastbaren Informationen zu bieten. Sie sagen in den allermeisten Fällen auch nicht: Herrje, dieser unsympathische Typ, ich ahnte schon immer, dass der mal ausrasten würde. Sie sagen: Was, der?! Unfassbar. Der war doch so unscheinbar, nett, gegrüßt hat er auch immer.

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