Das ganze Gedöns (8)

ADHS ist nicht so toll, wie Heidi Klum behauptet

Heidi Klum verriet in der „Glamour“, dass sie „eine Form von ADHS“ habe – und zwar eine, die es ihr ermögliche, viele Sachen gleichzeitig zu machen. Doch Multitasking ist keine Diagnose. Wann Promi-Interviews ein falsches Bild von ADHS zeichnen – und wann nicht.

Ich habe schon so viele Menschen mit ADHS interviewt, dass ich mich zwischendurch fragte: Wer hat es eigentlich nicht? Doch dass die vier Buchstaben so ein Quotengarant sind, dass Prominente die Diagnose freimütig verraten: Das war nicht immer so.

Noch vor zehn Jahren war die Diagnose den meisten unangenehm. Mir haben damals einige Interviewpartner im Vorgespräch davon erzählt, off the record. Darüber schreiben? Bitte nicht. Eine der ersten, die mir erlaubten, ihre ADHS im Text zu erwähnen, war 2022 die britische Autorin Laurie Penny.

Mittlerweile ist die Liste der öffentlichen ADHSler lang. Nelly Furtado, Justin Timberlake, Billie Eilish, Britney Spears, Paris Hilton, Justin Bieber, Courtney Love, Simone Biles, Benjamin von Stuckrad-Barre, Eckard von Hirschhausen, Felix Lobrecht, Sascha Lobo, Christopher Lauer, Kathrin Weßling, Jasmin Schreiber, Jan Ullrich, Emilia Clarke. Und noch immer bekommt die Liste jede Woche einen neuen Eintrag.

Enthüllung in der „Glamour“

Aktuelles Beispiel: In der „Glamour“ antwortete Model und Moderatorin Heidi Klum im März auf die Frage „Was ist eine Wahrheit über dich, die man vielleicht noch nicht kennt?“ mit: „Dass ich eine Form von ADHS habe.“

Cover der Zeitschrift „Glamour“ mit Heidi Klum auf dem Titel
Laut „Glamour“-Titel eine ikonische Ikone: Heidi KlumCover: Glamour

So weit, so uninteressant, könnte man sagen – wenn Heidi Klum dem Ganzen nicht einen Spin mitgegeben und hinzugefügt hätte: „Ich sehe ADHS als etwas Positives, weil ich damit mehr Sachen gleichzeitig machen kann. Es ist meine Superpower.“ Im selben Interview sagt sie: „Ich bin wegen meines ADHS sehr hyperaktiv. Ich kann tausend unterschiedliche Sachen auf einmal machen. Ich mache viele Projekte gleichzeitig und lade mir immer noch mehr auf.“ So verklärt sie eine Diagnose, an der viele leiden, zu einem Startvorteil.

Was Heidi Klum ihrer ADHS zuschreibt, passt nicht gut zu dem, was über die Krankheit bekannt ist. Vieles gleichzeitig anzufangen, sich immer noch mehr aufzuladen – das ist zwar noch recht typisch. Daran, die Dinge dann zu Ende zu bringen, scheitern aber viele Betroffene. Außerdem haben sie oft Schwierigkeiten mit der Selbstorganisation, eine mangelnde Frustrationstoleranz und einen starken Hang zur Prokrastination.

Multitasking ist keine Diagnose

Solche nervigen Normalo-Symptome scheinen Klum nicht zu belasten. Sie hat „eine Form von ADHS“. Anscheinend eine ganz besondere, vielleicht steht das S bei ihr für Superkraft, nicht für Störung. Denn offensichtlich muss mittlerweile dazu gesagt werden: ADHS ist eine psychiatrische Diagnose, die Abkürzung steht für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung.

Was aber im eigenen Leben kein bisschen stört – das ist vielleicht gar keine Störung. Clara Ott formuliert es in der „Welt“ so:

„ADHS ist keine Metapher für Vielbeschäftigung. Multitasking ist kein Diagnosekriterium. Eine volle To-do-Liste ist kein Symptom, sondern ein Lebensstil.“

Erfolg dank ADHS?

Es lässt sich kaum vermeiden, dass psychische Krankheiten und neurologische Besonderheiten ein glitzerndes Image bekommen, wenn sich erfolgreiche und prominente Menschen zu ihnen bekennen. Allein ihre mediale Präsenz lässt im Kopf des Publikums automatisch eine Vorstellung entstehen: „Erfolgreich sein geht trotzdem (oder sogar deswegen).“ Alle, die sich über ihre Diagnosen äußern, sollten sich dieses Mechanismus bewusst sein.

Dass ADHS auch positive Seiten haben kann, müssen Prominente deswegen nicht verschweigen. Moderatorin Sarah Kuttner und Unternehmensgründer Michael Fritz bezeichneten ihr ADHS vor kurzem in der „Zeit“ ebenfalls als Superpower, und Sängerin Judith Holofernes sagte mir in einem Interview für die „Apotheken Umschau“:

„Hundertprozentig kann ich die Songs, die ich schreibe, nur so schreiben, weil mein Gehirn funktioniert, wie es funktioniert. Meine Reizfilterschwäche, meine Empathie, meine Fähigkeit, schräge Verbindungen herzustellen – für Kunst ist das sehr nützlich.“

Erhöhte Suizidrate bei Betroffenen

Anders als Klum verschweigen Kuttner, Fritz und Holofernes die Kämpfe und Schwierigkeiten, die mit der Störung einhergehen, nicht.

Autorin Kathrin Weßling, in Deutschland eine der ersten Personen, die öffentlich über das Leben mit ADHS geschrieben und gesprochen haben, verabscheut den Begriff Superkraft. Sie sagt: „Ich finde es bei einer bis zu neunfach erhöhten Suizidrate und einer bis zu zehn Jahre verminderten Lebensdauer wirklich vollkommen absurd und fatal, von einer ‚Superpower‘ zu sprechen. Privat können die Leute das für sich handhaben wie sie wollen, aber wer sich öffentlich äußert, sollte seine Privilegien hinterfragen. Viele Menschen mit ADHS landen im Gefängnis, haben hohe Schulden, verarmen oder schaffen die Schule oder Ausbildung nicht. ADHS ist keine Superpower. ADHS ist eine wahnsinnige Herausforderung und man darf das irre Leid, das teilweise dahintersteht, nicht negieren.“

Assistentinnen helfen beim Klarkommen

Menschen, die trotz und mit ADHS erfolgreich sind, haben sich meist Strukturen geschaffen, in denen das, was bei ADHS schwerfällt, jemand anderes übernimmt. Sascha Lobo erklärte schon vor vielen Jahren in einem Podcast, dass er ohne seine Assistentin aufgeschmissen wäre. Die Ärztin und selbst Betroffene Astrid Neuy-Lobkovicz antwortet im „Spiegel“ auf die Frage, wie sie ihre Neurodivergenz managt: „Mit viel Sport und einer guten Sekretärin.“

Im Klum’schen Familienimperium wird so viel Geld umgesetzt, dass Heidi Klum eine ganze Armada an Assistenten, Sekretärinnen und Hinterhertragern von vergessenen Dingen bezahlen kann. Wenn man selbst nur vor Ideen sprühen muss und den lästigen Umsetzungs-Kleinkram andere übernehmen, ist es einfacher, von einer Superkraft zu sprechen, als wenn man ein von Freundschaften und Matheaufgaben überforderter Drittklässler ist.

Zu Entstigmatisierung und Verständnis tragen betroffene Promis daher nur bei, wenn sie etwas mehr preisgeben als die blanke Diagnose. Judith Holofernes sagt dazu beispielsweise: „Für Mädchen wie mich gab es nur das Label ‚komisch‘. Betroffene Frauen wurden jahrelang ignoriert und übersehen, weil sie so krass funktioniert haben. Niemand hat die weißen Knöchel gesehen, mit denen sie ihr Leben gestemmt haben.“ Ärztin Neuy-Lobkovicz erzählt, dass sie nur durch die Schule kam, weil sie im Unterricht stricken durfte.

„Ich würde mein ADHS sofort hergeben“

Als ich die Influencerin Gemma Styles fragte, ob sie auch gute Seiten an ihrer ADHS sieht, entspann sich folgender Dialog:

Styles: „Ich möchte niemandem seine Erfahrung absprechen, wenn andere Menschen das so empfinden, freue ich mich für sie. Wir ADHSler sind ja auch keine monolithische Gruppe…“

SZ: „… aber wie ist es für Sie persönlich: Wenn Sie Ihr ADHS mit einem Fingerschnippen loswerden können – würden Sie das tun?“

Styles: „Auf jeden Fall. Ich würde mein ADHS sofort hergeben.“

Ich spreche Heidi Klum die Diagnose nicht ab. Auch ihr Sohn Henry hat bereits in Interviews über seine ADHS gesprochen, und dass die Störung in hohem Maße erblich ist, ist bekannt. In der „Glamour“ sagt sie aber nur wenige, missverständliche Sätze dazu – vorausgesetzt, die Redaktion hat keine entscheidenden Passagen dazu aus dem Interview gekürzt. So wirkt Heidi Klum wie jemand, der sich die Diagnose ansteckt wie eine derzeit angesagte Brosche. Oder wie Gemma Styles es formulierte: „wie die Kirsche auf der Torte eines ohnehin perfekten Lebens“.

3 Kommentare

  1. Das Schlüsselwort ist wohl ein _Form_ von ADHS.
    Bei Frauen sollen die Symptome ja auch „harmloser“ sein.

  2. Es stimmt, dass man ADHS nicht bagatellisieren und verharmlosen darf. Allerdings muss es nicht für jeden eine schlimme Belastung sein. Man sollte Heidi Klum nicht unterstellen, dass sie es absichtlich verharmlost. Oder auch den Promi-Redaktionen. Es kursiert sehr viel Halbwissen über ADHS, selbst unter Ärzten.

    Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass unbehandeltes ADHS krank machen kann. Und dennoch hat diese Art der Neurodivergenz auch Vorteile: die Leute sind in der Regel sehr vielseitig interessiert, beschäftigen sich gerne mit vielen Themen gleichzeitig. Deswegen findet man auch im Journalismus und in Kreativberufen eine besonders hohe Anzahl von ADHSlern.
    ADHSler erkennen auch manche Zusammenhänge schneller, bestimmte Muster oder können besser extrapolieren.
    Das sagen Fachleute, wie der Schweizer Psychiater Heiner Lachenmeier, der ein sehr gutes Buch über ADHS geschrieben hat. Oder die deutsche Neurologin Astrid Neuy-Lobkowicz. Das sind Fachleute, die selber Praxen betreiben und auf Fachkongressen Vorträge halten.

    Die Presse sollte unbedingt mithelfen, schädliches Halbwissen über ADHS aufzudecken. Leider ist es auch typisch, dass psychische Phänomene eher stigmatisiert und angezweifelt werden als körperliche. Bei steigenden ADHS-Diagnosen heißt es gleich: „Die Leute sind verweichlicht“. Bei steigenden Krebsdiagnosen kommt keiner auf die zu fragen, ob die Diagnosen wirklich stimmen.

  3. Ok, vielleicht bin ich zu ungnädig, aber ADHS zu tragen wie eine Hipsterbrille, damit man schlau und modern aussieht, ist schon etwas, was auch eine Mode-Zeitung nicht mittragen muss.

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