„Kulturwandel“ oder Verflachung? Deutschlandfunk plant große Programmreform
Der Deutschlandfunk baut sein Programm radikal um: weniger Fachmagazine, mehr Podcasts im Radio und eine neue „Drive Time“ am späten Nachmittag. Mitarbeiter fürchten ein Mainstream-Programm und den Verlust von Expertise, die Programmdirektorin erhofft sich mehr Freiheiten für Projekte.
Es gibt Menschen, deren Leben durch die Sendungen im Deutschlandfunk (DLF) gegliedert wird. Ein Vormittag ist für sie kein richtiger Vormittag, wenn nicht um 9:35 Uhr „Tag für Tag – aus Religion und Gesellschaft“ kommt. Sie wissen, dass vor den 14-Uhr-Nachrichten die „Wirtschaftspresseschau“ läuft, ihr Nachmittag wird durch die Abfolge von Medienmagazin, Büchermagazin, Wissenschaftsmagazin, Wirtschaftsmagazin strukturiert, und wenn es ab 23:10 heißt: „Das war der Tag“, dann war das auch der Tag.
Diese Menschen müssen stark sein, denn zum 30. November 2026 reformiert der Deutschlandfunk sein Programm. Es sind einschneidende Veränderungen geplant; intern wird seit fast zwei Jahren an dem Umbau gearbeitet. Stark sein müssen aber auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Senders, denn es geht nicht nur um das Programmschema, sondern auch um die grundsätzlichen Arbeitsabläufe und internen Strukturen – mit Veränderungen, die für die altehrwürdige Anstalt geradezu revolutionär anmuten.
Widerstände und Zweifel im Sender
Unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gibt es erhebliche Zweifel und Widerstände. Die Senderleitung sagt, dass der Deutschlandfunk sich ändern muss, um seine Stärken auch in Zukunft ausspielen zu können. Viele Mitarbeiter sorgen sich, dass diese Stärken stattdessen durch die Änderungen geopfert werden könnten.
Das Funkhaus des Deutschlandradios im Süden KölnsFoto: Deutschlandradio/Simon Detel
Es geht um grundsätzliche Fragen: Wie wird der Deutschlandfunk überhaupt gehört? Was funktioniert im Radio, was in der Audiothek-App? Wen muss der Deutschlandfunk ansprechen und welche Art von Journalismus muss er liefern, allgemein interessanten oder fachlich spezialisierten? Und: Welche der gewachsenen Besonderheiten des DLF sind Anachronismen oder Marotten und welche machen gerade die Qualität des Programms aus?
Der Deutschlandfunk
Der Deutschlandfunk wurde 1962 von der Regierung der BRD gegründet. Zielgruppe waren unter anderem die Bürgerinnen und Bürger der DDR. Nach der Wende fusionierte der Sender mit anderen Programmen.
Unter dem Namen Deutschlandradio laufen heute drei Sender: Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Nova in Köln sowie Deutschlandfunk Kultur in Berlin.
Als öffentlich-rechtlicher Sender wird das Deutschlandradio vom RundfunkbeitragZahlt jeder deutsche Haushalt, um damit öffentlich-rechtliche Sender wie ARD, ZDF und… Mehr finanziert. Von monatlich 18,36 Euro Rundfunkbeitrag pro Haushalt erhält das Deutschlandradio nach eigenen Angaben rund 0,54 Euro (Stand 2025).
„Informationen am Morgen“ bald eine Stunde später
Der Deutschlandfunk wurde 1962 als damals einziger deutschlandweiter Radiosender gegründet. Es ist ein Informationsprogramm mit hohem Wortanteil. Die viel gehörten „Informationen am Morgen“ setzen mit ihren Politikerinterviews oft die Agenda für den Tag. Im Tagesverlauf folgen zahlreiche Fachmagazine, die bislang auch von Fachjournalisten moderiert werden. Zu den geplanten Änderungen im Programm gehört:
Die „Informationen am Morgen“ sollen eine Stunde später beginnen und enden. Die neue Sendezeit von 6 und 10 Uhr soll berücksichtigen, dass die Deutschen später aufstehen.
Die Anrufsendungen ab 10 Uhr bekommen ein neues Konzept, decken mehr Themenbereiche ab und werden auf zwei Stunden verlängert. Eine eigene Dialogredaktion soll neben den Fachredaktionen, die bisher die Sendungen betreuen, dafür sorgen, dass die Hörerinnen und Hörer besser einbezogen werden.
Die halbstündigen Themensendungen am Nachmittag, unter anderem zu Bildung, Popkultur, Medien und Literatur, werden gebündelt zu „Wissen nach 2“ und „Kultur nach 3“.
Ab 17 Uhr will der DLF ein 90-minütiges Programm mit dem Arbeitstitel „Drive Time“ senden, das die Informationsbedürfnisse der Menschen bedienen soll, die von der Arbeit nach Hause fahren.
Statt der bisherigen „Hintergrund“-Sendung mit vertiefenden Informationen zu einem Thema am Abend gibt es zukünftig täglich insgesamt drei solche halbstündigen Sendungen am Nachmittag und frühen Abend.
Programmdirektorin: Kein Sparprogramm
Noch sind nicht alle Details des neuen Programmschemas bekannt. Teilweise sind die Dinge auch noch im Fluss. Die Aufsichtsgremien des Senders beschäftigen sich im Juni noch einmal mit den geplanten Änderungen: Am 17. Juni tagt der Programmausschuss, am nächsten Tag der übergeordnete Hörfunkrat. Deren Rückmeldungen sollen in den Umbauprozess einfließen.
In einer internen Präsentation vom Herbst 2025 steht die Frage „Warum machen wir die Reform?“, und die Antworten darauf klingen fast wie ein Motivations-Schlachtruf: „Weil wir es müssen!“, „Weil wir es wollen!“, „Weil wir es können!“
„Die Reform ist nicht dazu da, Geld einzusparen“, sagt Programmdirektorin Jona Teichmann. „Wir werden nichts aus den Programmetats für irgendwelche andere Zwecke verwenden. Wir bilden auch keine eigene Podcast-Abteilung, sondern das Geld bleibt in den Redaktionen des Deutschlandfunks.“
Mehr Podcasts im linearen Programm
Teichmann will von der „etwas zu kleinteiligen Struktur“ des Senders wegkommen, um so einen Spielraum zu schaffen für größere Recherchen, besondere Projekte und digitale Formate. Podcasts sollen in Zukunft schon aus wirtschaftlichen Gründen grundsätzlich auch im linearen Programm ausgestrahlt werden. Die Ansprache des Publikums unterscheide sich zwar oft. Aber Podcasts funktionierten im Radio durchaus; Radiomagazine als Podcasts jedoch fast gar nicht.
Auch der Podcast „Der Tag“, der täglich zwei aktuelle Themen in Gesprächen vertieft, soll in Zukunft einen Platz im linearen Programm finden. Pläne, ihn schon früh am Nachmittag zu senden, wurden aber wieder verworfen. Vermutlich wird er die Tagesabschluss-Sendung des DLF ergänzen oder ersetzen.
Angst vor Mainstream-Programm
Wir haben mit mehreren Mitarbeitern in verschiedenen Redaktionen gesprochen. Sie erzählen, dass es eine „große Unruhe“ gebe. Viele befürchten, dass das Programm durch die Reform flacher und oberflächlicher wird, mit weniger tiefgründiger Expertise und damit verwechselbarer mit den Kultur- und Wortwellen der ARD-Anstalten. Deren Programm ist schon jetzt mehr darauf ausgerichtet, Alltag zu begleiten mit Inhalten, die man leichter nebenbei hören kann und die oft niedrigschwellig Zugang zu Themen bieten, ohne dass man schon ein Interesse an einem bestimmten Fachgebiet mitbringen muss.
Wenn der Deutschlandfunk die meisten seiner täglichen Fachmagazine abschafft oder themenübergreifend zusammenlegt, beraube er sich genau dessen, was ihn einzigartig macht, so die Sorge. In themenübergreifenden Sendungen setzen sich die wichtigsten Themen durch; das sind aber womöglich die, die alle anderen auch haben.
Jona Teichmann beteuert, diese Gefahr einer Mainstreamisierung im Blick zu haben. Auch vermeintlich abseitige, sehr spezielle, aber im Zweifel trotzdem sehr interessante Themen müssten einen Platz im Programm finden. Sogenannte „Orchideenthemen“ (ein Begriff, den sie sich nicht zu eigen machen will), die nicht unbedingt Relevanzkriterien erfüllen, aber überraschend sind und den Horizont erweitern können.
Die Kritiker im Haus beruhigt das nicht. Sie glauben, dass es weniger leichtgängige Themen schwerer haben werden, ins Programm zu kommen.
Mehr „Hintergrund“-Sendungen
Soll der Deutschlandfunk „durchhörbarer“ werden, wie ein Mitarbeiter meint? Der Begriff beschreibt den Versuch, alle möglichen Ecken und Kanten aus Radioprogrammen zu beseitigen, die Ausschaltimpulse darstellen könnten. Teichmann hält dem entgegen: Dagegen spreche schon, dass man die Nachrichten zur vollen Stunde auf zehn Minuten verlängern wolle. Auch davon, dass man verwechselbar werden könne mit den anderen ARD-Wellen, will Teichmann nichts wissen: „Wir machen das Gegenteil einer Magazinisierung. Wir werden weiterhin ein Programm mit Ecken und Kanten haben. Ein Programm, das dauernd Schwerpunkte bildet, auch wenn es sich nicht mehr in einem 25-Minuten-Rhythmus umbildet.“
Ein besonders wichtiges Element dabei sind die drei täglich geplanten 30-minütigen monothematischen „Hintergrund“-Sendungen, auf die der bisher kürzere „Hintergrund“ am Abend erweitert werden soll. Sie werden auf die verschiedenen Fachredaktionen aufgeteilt. „Hoher Wiedererkennungswert, innovative Erzählweise, überraschende Perspektiven“, verspricht das senderinterne PDF aus dem Oktober. An der Art, wie hier in Zukunft erzählt wird, wird noch gearbeitet. Bei der Konzeption soll die Online-Verwertung dieser Sendungen regelmäßig mitgedacht werden; der Sender erhofft sich dadurch eine stärkere digitale Sichtbarkeit.
Fachredaktionen sollen um Sendeplätze konkurrieren
„Es ist nicht die erste Programmform des Deutschlandfunks, aber es ist eine große, und es ist schon ein Kulturwandel“, sagt Programmdirektorin Teichmann. Das betrifft vor allem die Arbeitsweise der Fachredaktionen. Bislang arbeiten die vorrangig für ihre eigenen täglichen spezialisierten Magazinsendungen – man arbeitete eher nebeneinander her als zusammen. „Jeder machte, was er am besten kann“, fasst es eine Mitarbeiterin zusammen.
Programmdirektorin Jona Teichmann bei einem Pressegespräch 2024Foto: Imago/epd
Die Fachmagazine werden nun überwiegend abgeschafft oder verschmolzen. In Zukunft sollen die Beiträge der Fachredaktionen verstärkt Platz in den allgemeinen Informationssendungen vor allem am Morgen, aber auch am Mittag und frühen Abend finden. Dort können sie ein größeres Publikum erreichen, weil die Hörerzahlen hier am größten sind. Sie müssen sich aber jeweils in einem internen Pitch um das beste Thema durchsetzen.
Ein solcher interner Konkurrenzkampf ist Neuland für den Deutschlandfunk. Kritiker im Haus fürchten, dass man sich in einem „permanenten Abstimmungsprozess“ aufreibe: „Der Aufwand wird größer für eine kleinere Zahl an Inhalten.“
„Diese Reform schwächt die Fachredaktionen nicht, sondern hat gerade das Ziel, sie zu stärken“, sagt Jona Teichmann. „Wir würden das, was uns auszeichnet, ganz sicher nicht ‚abschalten‘. Das wäre verrückt. Wir möchten unsere besten Inhalte, eigenrecherchierte Inhalte, in die besten Sendezeiten einbringen, damit möglichst viele Menschen sie hören.“
Viel Expertise kommt von freien Journalisten
Die Verantwortlichen versprechen sich von der Neuorganisation eine Qualitätsverbesserung und Arbeitserleichterung: Die Fachredaktionen müssen nicht mehr jeden Tag ein eigenes Magazin mit fester Sendelänge füllen, notfalls auch mit weniger guten oder exklusiven Inhalten. Viele Redakteure und Mitarbeiter fürchten aber, dass gerade die besondere Expertise der Fachredaktionen auf diese Weise geschleift wird: Die kontinuierliche Berichterstattung in den Spezialsendungen sorge dafür, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch auf Themen stoßen, die relevant für die allgemeinen Informationssendungen sind.
Eine besondere Rolle kommt hierbei den freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu, auf deren Fachwissen sich der Sender heute schon stark verlässt. Die Medienredaktion besteht zum Beispiel aus einem einzigen festangestellten Redakteur. Planung, Redaktion, Moderation und Recherche kommen von einem festen Team freier Mitarbeiter. In Zukunft wird die Zahl der Festangestellten insgesamt eher noch sinken. Bislang konnten diese Freien, wenn sie zum Beispiel auf eine Fach-Konferenz fuhren, um sich zu informieren und Kontakte zu knüpfen, hinterher einen Veranstaltungsbericht für eines der Magazine produzieren und dafür ein Honorar bekommen. Solche Berichtsformen werden es in Zukunft seltener ins Programm schaffen, sodass es Freien auch schwerer fällt, ihre Arbeit zu finanzieren.
Die Programmdirektion verspricht, dass ihr dieses Problem bewusst sei und sie an einer anderen Form der Honorierung arbeite, damit Freie auch in Zukunft ihre Arbeit finanzieren können.
„Es wird enorme Verwerfungen geben“, sagt dagegen ein langjähriger DLF-Mitarbeiter voraus. Er fürchtet einen Verdrängungswettbewerb unter den freien Mitarbeitern. Die haben nun eigenständig für den Juli einen „Tag der Expertise“ geplant: Redaktionen und Abteilungsleiter sollen sich im Kölner Funkhaus um die Mitarbeit der Freien bei den neuen Formaten bewerben. Das ist zum einen eine Art Protest dagegen, dass viele Freie sich in Castings neu zum Beispiel um Moderationsjobs bewerben müssen – man dreht den Casting-Spieß um. Andererseits ist es auch als ernsthafte Möglichkeit gedacht, einander kennenzulernen und herauszufinden, wie man in Zukunft zusammenarbeiten kann.
Mitarbeiter: „Völlig planlos“ und „Totalabriss“
Auf Kritik stößt auch die Art, wie intern an der Reform gearbeitet wird. Dafür wurden diverse Arbeitsgruppen ins Leben gerufen. Die Programmleitung betont, dass die Belegschaft in die Entscheidungen und Veränderungen einbezogen werde: Hier werde nicht von oben herab bestimmt. Doch das empfinden manche im Haus nicht so. Gerade für den Prozess gibt es harsche Worte. Die Kommunikation sei nur inszeniert und vorgeschoben. Von einer „Pseudo-Einbeziehung von Kollegen“ spricht ein Mitarbeiter, der sich, wie die anderen, mit denen wir gesprochen haben, nicht namentlich zitieren lassen möchte. Es gebe keinen ergebnisoffenen Austausch. Von einer „Mogelpackung“ spricht ein anderer, man sei nur „das Feigenblatt“.
Als „völlig planlos“ wird das Vorgehen beschrieben: Es fehle in der Belegschaft das Vertrauen, dass die Verantwortlichen wissen, was sie tun. Es gehe nur um organisatorische Abläufe, nicht um Inhalte. „Man macht was kaputt, was funktioniert, ohne zu wissen, was dabei rauskommt“, sagt eine Mitarbeiterin. Ein anderer spricht von einem „Totalabriss“.
Teilweise sei auch heute, wenige Monate vor dem geplanten Start des neuen Programms, völlig unklar, wie die Zusammenarbeit zwischen Redaktionen und Freien in Zukunft funktionieren solle oder die neuen Formate aussehen.
Platz 6 der meistgehörten Radioprogramme
Beim reinen Blick auf die Hörerzahlen wirkt es nicht so, als bräuchte der Deutschlandfunk dringend Veränderungen: Nach der jüngsten Erhebung der Media-Analyse Audio erreicht er täglich von Montag bis Freitag 2,52 Millionen Hörerinnen und Hörer und liegt damit konstant auf Platz 6 der meistgehörten Radioprogramme in Deutschland. Matthias Gierth, der Hauptabteilungsleiter Kultur und für die Programmreform federführend mitverantwortlich, weist allerdings darauf hin, dass im Detail durchaus Schwächen sichtbar werden: Die Zahlen bei den Über-70-Jährigen seien zwar überdurchschnittlich, bei den Jüngeren schaue es aber schon gar nicht mehr so gut aus. Zu manchen Uhrzeiten sende man am Hörerbedürfnis gerade offenbar vorbei – zum Beispiel in der sogenannten „Drive Time“ am späten Nachmittag, wenn Radio vor allem im Auto genutzt wird. Menschen, die dann eher ein allgemeines Update über aktuelle Entwicklungen erwarten, so die Annahme, geraten beim Deutschlandfunk stattdessen eher zufällig in ein Wirtschafts- oder Kulturmagazin.
Hinter den Diskussionen um die Reform steht die grundsätzliche Frage, wie Menschen überhaupt den Deutschlandfunk hören. Ist es ein Einschaltprogramm, bei dem Menschen gezielt die Sendungen, die sie thematisch interessieren, auswählen? Gierth verweist auf die Medienforschung, wonach das viel weniger der Fall sei als allgemein angenommen. Die allermeisten Hörer schalteten nicht ein, weil eine bestimmte Sendung läuft, sondern weil sie Zeit haben, Radio zu hören.
Aber muss der DLF nicht auch die kleinere Zahl von Menschen bedienen, die Fachinformationen erwarten? Riskiert werde die „Fachlichkeit“, die den DLF ausgezeichnet habe, sagt ein Mitarbeiter. „Früher moderierten Fachleute Fachsendungen“, sagt eine andere. Man höre, wenn Sendungen nicht mehr von Leuten moderiert würden, die sich auskennen – insbesondere, weil ohnehin alles häufiger in Form von Interviews und Gesprächen aufbereitet werden solle. Auch die zunehmende Auslagerung der Podcasts an Externe sieht man besorgt.
Öffentlichkeit soll im Juli informiert werden
Es gibt gegen all das Widerstand in den Redaktionen, aber offenbar auch ein großes Gefühl von Resignation: Die Stellungnahmen aus der Belegschaft interessierten keinen, die Hierarchie buddele sich ein, hört man im Sender.
Die Verantwortlichen setzen darauf, dass die DLF-Redaktionen sich an die Veränderungen gewöhnen werden. Matthias Gierth räumt ein, dass das schon eine „Herausforderung“ darstelle. „Aber das ist bei Veränderungen immer so. Und wenn der Schmerz über den Verlust von Sendungen, die man über Jahre und Jahrzehnte so hatte, vorüber ist, werden ganz viele entdecken, welche journalistisch interessanten Möglichkeiten in diesem neuen Schema stecken.“
Das ist nicht das, was viele in der Belegschaft erwarten. Manche hoffen nur noch, dass es, sobald das neue Programm läuft, wie es sich die Leitung wünscht, einen Sturm der Entrüstung aus dem Publikum geben wird, der so groß ist, dass zumindest die schlimmsten Fehler korrigiert werden.
Für den 3. Juli plant der Deutschlandfunk ein Pressegespräch, in dem die Öffentlichkeit über die geplanten Änderungen informiert wird.
Korrektur am Tag der Veröffentlichung: Ursprünglich hatten wir geschrieben, dass die geplanten „Hintergrund“-Sendungen jeweils 20 Minuten lang sein sollen.
Der Autor
Stefan Niggemeier ist Gründer von Übermedien. Er ist Diplom-Journalist, hat das Bildblog gegründet und als Redakteur die Medienseite der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ aufgebaut. Er hat unter anderem für den „Spiegel“ und Friedrich Küppersbuschs „Tagesschaum“ gearbeitet, seit 2026 schreibt er vor allem für die „Süddeutsche Zeitung“. Seit 2017 redet er mit Sarah Kuttner im Podcast „Das kleine Fernsehballett“ über Fernsehen. Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet.
Vielen Dank für den ausführlichen Artikel. Das Thema ist bisher komplett an mir vorbeigegangen. Was ich mich frage, und die MA des DLF wohl auch, ist, was genau und wie genau denn in Zukunft der Sender sein einzigartiges Profil wahren will? Wenn ich seichteres, irgendwie kulturell-politisches Programm haben will, stehen mir doch jetzt schon andere Sender zur Auswahl. Ob es DR Kultur oder die „Kultur“wellen der Dritten sind, die ich ja zumindest online und über DAB auch allesamt empfangen kann. Das klingt nach Reform um der Reform willen, wie der von dir schön zitierte Slogan „Weil wir es müssen!“ ja auch (vermutlich ungewollt) darlegt. Dann wird das Programm flexibilisiert, die Zielgruppen erweitert und man labert über irgendwelche Deep-Dives, die man aber aktuell gar nicht hinbekommt, oder wenn dann nur als müden Abklatsch schon bekannter Formate (Der Rest ist Geschichte bspw.) und immer mit Dialoganmoderationen zum Weglaufen („Du hast uns heute ja eine richtige spannende Recherche mitgebracht…“ AARGH).
Ich bin tatsächlich einer der Hörer, die, zumindest in gewissen Lebensphasen, ihren Tag vom DLF haben strukturieren lassen. Zwischen Büchermarkt und Informationen am Abend läuft keine schlechte Sendung. Vielleicht bin ich deshalb auch etwas nostalgisch vorgefärbt, wenn es um diese Reform geht. Aber ich finde gerade die Strecken dieser Fachmagazine (hätte ich selbst nie so genannt, aber ist natürlich passend) sind ÖRR, wie er sein sollte. Unaufgeregt, verlässlich, kompetent, vielleicht auch mal etwas betuhlich, aber definitv abwechlungsreich und anregend.
Stattdessen kriegt man dann eine Drive Time, maximal beliebig und vielleicht auch beliebig befüllbare Inhaltssimulation. Was ich als Ergänzung für den Aritkel noch ganz interessant fände, wären die Zuhörerzahlen der anderen Sender. Denn dass der DLF bei jungen Leuten nicht ganz so gut abschneidet, ist ja weder neu noch unerwartet. Da stellt sich ja die Frage, wie die anderen Radiosender da laufen (ist es vielleicht ein Formatproblem)?
Oje, ich fürchte permanentes Angeduze, nervtötende Dauerfröhlichkeit und – statt fundierter Literaturkritik – „Lesetipps“ voller Pseudo-Umgangssprache wie „Ich fand das Buch ja irgendwie total spannend“ und „Das Thema ist natürlich super relevant und voll wichtig, gerade für junge Menschen.“
Nein danke, davon gibt es bei DLF Nova wahrlich schon genug.
Solange die Melodie von Corso erhalten bleibt, ist alles in Ordnung :D
Gäbe es doch einen Sender mit einer täglichen 25minütigen Sendung über Medien, die darüber informieren könnte – oh wait, das hat der Deutschlandfunk. Aber über das Thema wird dort nicht berichtet. Wovor hat man Angst?
>> Ursprünglich hatten wir geschrieben, dass die geplanten „Hintergrund“-Sendungen jeweils 20 Minuten lang sein sollen.
Das steht immer noch im Text:
>> … insgesamt drei solche zwanzigminütigen Sendungen …
@Thomas Elsner: Danke für den Hinweis, ist jetzt auch korrigiert!
Mich würde interessieren, von wem die Aussage kommt, dass die Rückmeldungen des Hörfunkrats „in den Umbauprozess einfließen“ sollen. Können Sie dazu etwas sagen @Stefan Nieggemeier?
die Aussage kommt vom DLF-Sprecher.
In meinem Freundes- und Bekanntenkreis (35–65 Jahre, eher links-liberal) gilt der Deutschlandfunk (von der Tagesschau vielleicht abgesehen) als einziges ernstzunehmendes öffentlich-rechtliches Medium. Die zunehmende Podcastisierung der letzten Jahre wurde noch zähneknirschend akzeptiert: in der Hoffnung, dass soziale und generationelle Reichweite sich erhöht und zugleich die Wirtschaftlichkeit durch Mehrkanalverwertung gesichert werden kann (die Aufdringlichkeit und allzu dialogische Machart dieses Formats haben andere bereits kritisiert).
Die geplante Vermischung der thematischen Magazine am Nachmittag halte ich hingegen im Ansatz für falsch – jedenfalls für Menschen, die Radio bewusst selektiv hören. Sie wird zwangsläufig zu einer themenübergreifenden Nivellierung der Kriterien führen. Zudem erscheint es mir nahezu ausgeschlossen, dass sich mögliche Verluste an Stammhörern kompensieren lassen. Medienökonomisch gesprochen: Die Schnittmenge der Hörerinteressen ist nicht größer als ihre Vereinigungsmenge, sondern lediglich anders über die Sendezeit verteilt.
Und zu den Abendsendeplätzen: Bis heute habe ich nicht verstanden, warum zwischen 21:00 und 23:00 überwiegend Musik läuft – und verstehe noch weniger, warum der Abend nun offenbar weiter inhaltlich ausgedünnt werden soll. Oder habe ich hier etwas missverstanden? Bleibt wenigstens Andruck erhalten?
Insgesamt mache ich mir große Sorgen, dass die Legitimation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks Schaden nimmt, wenn Formate austauschbar werden und auf eine Schnittmengenrelevanz gezielt wird, die im Wettbewerb mit anderen Angeboten kaum zu erreichen ist.
@ #1 David
Als täglicher Hörer, oft zu fixen Formaten wie Presseschau, Wirtschaft, Umwelt und Verbraucher oder Politisches Buch, kann ich dem nichts hinzufügen. Lieber eine kompetent moderierte „Fachsendung“ als ko-moderierte Podcasts.
Nein, ich höre auch nichts anderes, weder die „Größten Hits der 80er bis x“ noch die Morningshow auf SR3 noch die Rumpf“nachrichten“ von WDR Aktuell.
Ich finde die Änderungsrichtung klingt gut – und die Gründe für mich nachvollziehbar.
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Vielen Dank für den ausführlichen Artikel. Das Thema ist bisher komplett an mir vorbeigegangen. Was ich mich frage, und die MA des DLF wohl auch, ist, was genau und wie genau denn in Zukunft der Sender sein einzigartiges Profil wahren will? Wenn ich seichteres, irgendwie kulturell-politisches Programm haben will, stehen mir doch jetzt schon andere Sender zur Auswahl. Ob es DR Kultur oder die „Kultur“wellen der Dritten sind, die ich ja zumindest online und über DAB auch allesamt empfangen kann. Das klingt nach Reform um der Reform willen, wie der von dir schön zitierte Slogan „Weil wir es müssen!“ ja auch (vermutlich ungewollt) darlegt. Dann wird das Programm flexibilisiert, die Zielgruppen erweitert und man labert über irgendwelche Deep-Dives, die man aber aktuell gar nicht hinbekommt, oder wenn dann nur als müden Abklatsch schon bekannter Formate (Der Rest ist Geschichte bspw.) und immer mit Dialoganmoderationen zum Weglaufen („Du hast uns heute ja eine richtige spannende Recherche mitgebracht…“ AARGH).
Ich bin tatsächlich einer der Hörer, die, zumindest in gewissen Lebensphasen, ihren Tag vom DLF haben strukturieren lassen. Zwischen Büchermarkt und Informationen am Abend läuft keine schlechte Sendung. Vielleicht bin ich deshalb auch etwas nostalgisch vorgefärbt, wenn es um diese Reform geht. Aber ich finde gerade die Strecken dieser Fachmagazine (hätte ich selbst nie so genannt, aber ist natürlich passend) sind ÖRR, wie er sein sollte. Unaufgeregt, verlässlich, kompetent, vielleicht auch mal etwas betuhlich, aber definitv abwechlungsreich und anregend.
Stattdessen kriegt man dann eine Drive Time, maximal beliebig und vielleicht auch beliebig befüllbare Inhaltssimulation. Was ich als Ergänzung für den Aritkel noch ganz interessant fände, wären die Zuhörerzahlen der anderen Sender. Denn dass der DLF bei jungen Leuten nicht ganz so gut abschneidet, ist ja weder neu noch unerwartet. Da stellt sich ja die Frage, wie die anderen Radiosender da laufen (ist es vielleicht ein Formatproblem)?
Oje, ich fürchte permanentes Angeduze, nervtötende Dauerfröhlichkeit und – statt fundierter Literaturkritik – „Lesetipps“ voller Pseudo-Umgangssprache wie „Ich fand das Buch ja irgendwie total spannend“ und „Das Thema ist natürlich super relevant und voll wichtig, gerade für junge Menschen.“
Nein danke, davon gibt es bei DLF Nova wahrlich schon genug.
Solange die Melodie von Corso erhalten bleibt, ist alles in Ordnung :D
Gäbe es doch einen Sender mit einer täglichen 25minütigen Sendung über Medien, die darüber informieren könnte – oh wait, das hat der Deutschlandfunk. Aber über das Thema wird dort nicht berichtet. Wovor hat man Angst?
>> Ursprünglich hatten wir geschrieben, dass die geplanten „Hintergrund“-Sendungen jeweils 20 Minuten lang sein sollen.
Das steht immer noch im Text:
>> … insgesamt drei solche zwanzigminütigen Sendungen …
@Thomas Elsner: Danke für den Hinweis, ist jetzt auch korrigiert!
Mich würde interessieren, von wem die Aussage kommt, dass die Rückmeldungen des Hörfunkrats „in den Umbauprozess einfließen“ sollen. Können Sie dazu etwas sagen @Stefan Nieggemeier?
die Aussage kommt vom DLF-Sprecher.
In meinem Freundes- und Bekanntenkreis (35–65 Jahre, eher links-liberal) gilt der Deutschlandfunk (von der Tagesschau vielleicht abgesehen) als einziges ernstzunehmendes öffentlich-rechtliches Medium. Die zunehmende Podcastisierung der letzten Jahre wurde noch zähneknirschend akzeptiert: in der Hoffnung, dass soziale und generationelle Reichweite sich erhöht und zugleich die Wirtschaftlichkeit durch Mehrkanalverwertung gesichert werden kann (die Aufdringlichkeit und allzu dialogische Machart dieses Formats haben andere bereits kritisiert).
Die geplante Vermischung der thematischen Magazine am Nachmittag halte ich hingegen im Ansatz für falsch – jedenfalls für Menschen, die Radio bewusst selektiv hören. Sie wird zwangsläufig zu einer themenübergreifenden Nivellierung der Kriterien führen. Zudem erscheint es mir nahezu ausgeschlossen, dass sich mögliche Verluste an Stammhörern kompensieren lassen. Medienökonomisch gesprochen: Die Schnittmenge der Hörerinteressen ist nicht größer als ihre Vereinigungsmenge, sondern lediglich anders über die Sendezeit verteilt.
Und zu den Abendsendeplätzen: Bis heute habe ich nicht verstanden, warum zwischen 21:00 und 23:00 überwiegend Musik läuft – und verstehe noch weniger, warum der Abend nun offenbar weiter inhaltlich ausgedünnt werden soll. Oder habe ich hier etwas missverstanden? Bleibt wenigstens Andruck erhalten?
Insgesamt mache ich mir große Sorgen, dass die Legitimation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks Schaden nimmt, wenn Formate austauschbar werden und auf eine Schnittmengenrelevanz gezielt wird, die im Wettbewerb mit anderen Angeboten kaum zu erreichen ist.
@ #1 David
Als täglicher Hörer, oft zu fixen Formaten wie Presseschau, Wirtschaft, Umwelt und Verbraucher oder Politisches Buch, kann ich dem nichts hinzufügen. Lieber eine kompetent moderierte „Fachsendung“ als ko-moderierte Podcasts.
Nein, ich höre auch nichts anderes, weder die „Größten Hits der 80er bis x“ noch die Morningshow auf SR3 noch die Rumpf“nachrichten“ von WDR Aktuell.
Ich finde die Änderungsrichtung klingt gut – und die Gründe für mich nachvollziehbar.