Generationenforscher Rüdiger Maas gilt in Medien als Ratgeber für Erziehungsfragen, obwohl ihm Expertise fehlt. In der Branche der Berater und Speaker gehöre solches Hochstapeln eben zum Handwerk, finden manche. Aber warum greifen Journalisten ausgerechnet bei Erziehungsthemen so oft auf fragwürdige Fachleute zurück?
Rüdiger Maas hat für Eltern viele Tipps parat. Man solle seine Kinder nicht andauernd bespaßen, sondern ihnen auch mal Langeweile zumuten, rät er. Oder mal in die Natur gehen, bei Wehwehchen lieber die eigene Mutter fragen als Dr. Google, das Handy öfter weglegen und dem Nachwuchs mehr zutrauen, zum Beispiel den Schulweg auch allein zu schaffen.
Diese Ratschläge sind so banal, dass man sich fragen kann, wie Maas es damit geschafft hat, zu einem landesweit hofierten Experten zu werden. Die Antwort liegt aber nicht in seiner originellen pädagogischen Trickkiste, sondern in den Thesen seiner Bücher. In „Generation lebensunfähig“ (2021), „Glücklich durch Frust“ (2024) und „Generation arbeitsunfähig“ (2025) diagnostiziert er der gerade heranwachsenden Generation massive psychische Probleme und gibt dafür ihren überbehütenden Eltern die Schuld.
Generationenerklärer der Nation
Verweichlichte Kinder, durchsetzungsschwache Eltern und als Folge davon der drohende Niedergang der Gesellschaft – derartige Klagen erfreuen sich schon seit der Antike großer Beliebtheit. Dass sie aktuell aber wirklich zutreffen, will Maas belegt wissen, weil er 2020 mehr als tausend Erzieherinnen und Erzieher befragte. Diese Befragung ergab unter anderem, dass „16 bis 18 Prozent der Mütter und Väter heutzutage das Personal in den Kitas nach Erziehungstipps fragen“ würden.
Generationenforscher Rüdiger Maas gibt gerne ErziehungstippsFoto: Dr. Rüdiger Maas
Ich fand diese Argumentation 2021, als ich das erste Buch der Reihe las, äußerst schwach und schrieb deswegen diesen Text darüber. Danach sah ich Maas‘ Aufstieg zum „Erziehungsexperten“ und Generationenerklärer der Nation nur noch von weitem zu. Für meine Texte über Erziehung befragte ich lieber andere Leute.
Das ganze Gedöns
Familie, Feminismus, Gefühle: Jahrzehntelang haben Redaktionen diese Themen belächelt, mittlerweile dominieren sie die Startseiten. Als Journalistin für Psychologie und Familie freut sich Barbara Vorsamer darüber – vermisst aber manchmal die Qualität und Expertise, die in anderen Ressorts selbstverständlich sind. Bis es so weit ist, schreibt sie diese Kolumne.
Als freie Autorin schreibt Barbara Vorsamer auch sonst über Psychisches, Politisches, Persönliches, oft für den „Spiegel“ und einmal wöchentlich in ihrem Newsletter „Innen und Außen“. War davor viele Jahre Redakteurin bei der „Süddeutschen Zeitung“. Lebt in München, hat zwei Kinder.
Zweifel an Qualifikation und Forschung
Jetzt allerdings sieht sich Maas dem Vorwurf ausgesetzt, die Öffentlichkeit über seine Qualifikation getäuscht zu haben. Auch seine Studienergebnisse sollen auf wackeliger empirischer Basis stehen. Erste Berichterstattung dazu kam von der rechtskonservativen „Jungen Freiheit“, die sich dabei auf die Recherchen des selbst ernannten „Plagiatsjägers“ Stefan Weber stützt. Martin Spiewak und Johanna Schoener von der „Zeit“ gingen dem Werdegang des „Generationenforschers“ ebenfalls nach und kamen zu ähnlichen Schlüssen. „Ich halte Maas für einen Hochstapler“, sagt Spiewak zu Übermedien.
Erwiesen ist, dass Rüdiger Maas, der häufig als promovierter Psychologe oder Diplom-Psychologe vorgestellt wurde, tatsächlich diplomierter Reha-Psychologe ist. Diese praxisorientierte Ausbildung berechtigt zur Arbeit in (Reha-)Kliniken, bereitet aber weniger als der Diplom-Psychologe auf eine Tätigkeit in der Forschung vor. Seinen Doktortitel hat Maas nicht in Psychologie, sondern extern im Fach Universitätswissenschaften an der Unibit im bulgarischen Sofia erworben. Und seine Selbstbezeichnung als Philosoph beruht darauf, an der Hochschule für Philosophie München Kurse belegt zu haben und eine Dissertation anzustreben.
Maas räumt Fehler ein
Auf Anfrage teilt Maas Übermedien dazu mit: „Ich hätte in meiner Selbstdarstellung präziser sein müssen – und zwar aus eigenem Anspruch heraus. Mein Profil und meine Website sind entsprechend angepasst.“ Zudem verweist er auf „den populistischen Kontext, in dem ein Teil der Vorwürfe sind“. Einblick in seine wissenschaftlichen Methoden gewährt er mit Verweis auf Geschäftsgeheimnisse nicht. Die „Zeit“ zitiert zahlreiche Wissenschaftler, die an seinen Forschungsergebnissen zweifeln und die Nicht-Offenlegung seiner Fragebögen kritisieren.
Verteidiger von Maas finden, dass ihm höchstens Unschärfen in der Selbstdarstellung vorgeworfen werden können und dieses Hochstapeln in der Branche der Speaker und Unternehmensberater zum Handwerk gehöre. Das mag sein. Doch Maas’ Medienkarriere fußt zum großen Teil darauf, dass man ihn als seriösen Wissenschaftler präsentieren konnte. Der Name seiner Firma lautet sicher nicht zufällig Institut für Generationenforschung und klingt damit irgendwie nach Universität.
Lange Reihe von „Erziehungsexperten“
Rüdiger Maas ist nicht der erste Mann, der mit selbstbewusstem Gestus Erziehungstipps gibt, dessen Expertise zum Thema bei genauerem Hinsehen aber fragwürdig erscheint.
Jan-Uwe Rogge beispielsweise war mal Seemann, promovierte in Kulturwissenschaften und machte sich später als Familienberater selbstständig. Eigene Kinder hat er nicht, aber den Sohn seiner Frau miterzogen. Seine Erziehungsratgeber – das Buch mit dem Titel „Kinder brauchen Grenzen“ ist der bekannteste – verkauften sich ihm zufolge dennoch insgesamt mehrere Millionen Mal. In ihrer Promotion befasste sich die Pädagogin Sabine Jahn mit Rogges Ratschlägen und kommt in der „Süddeutschen Zeitung“ zu dem Schluss, dass er zu einfache Lösungen für komplizierte Probleme vorschlage.
Der meist als „Hirnforscher“ titulierte Gerald Hüther war vor 10, 15 Jahren omnipräsent, unter anderem mit der Behauptung, ADHS sei nicht neurologisch bedingt, sondern Folge negativer Erfahrungen. Wissenschaftlich tätig war Hüther schon 2013, als „Zeit“-Redakteur Martin Spiewak sich ausführlich mit ihm und seinem Werk beschäftigte, nicht mehr. Zusammenfassung der Recherche über Hüthers Vorträge: „Mit Wissenschaft hat das alles nicht viel zu tun.“
Manfred Spitzer diagnostizierte einer ganzen Generation in mehreren Sachbuchbestsellern „digitale Demenz“, er warnte vor Bildschirmen, da war das Smartphone noch gar nicht erfunden. Dabei ist Spitzer zwar zweifellos ein namhafter Psychiater, Neurologe und Chefarzt. Wie Medien auf Kinder wirken, ist jedoch nicht sein Forschungsgebiet, hier sei er „nicht mehr als ein interessierter Laie mit starker Meinung“, so die „Süddeutsche Zeitung“.
Der krasseste Fall ist aber wohl der des Kinderpsychiaters Michael Winterhoff, der in millionenfach verkauften Büchern vor Tyrannenkindern, versagenden Eltern und inkompetenten Politikern warnte und so zum Erziehungsberater der Nation wurde. Mittlerweile ist Winterhoff nicht nur inhaltlich diskreditiert, sondern sogar wegen Körperverletzung verurteilt. Viele seiner Ansichten waren schon vor dem Gerichtsverfahren hochumstritten, nicht nur in der Fachwelt.
Kinderpsychiater Michael Winterhoff 2012 in der Talkshow „Anne Will“Foto: Imago / Müller-Stauffenber
Suche nach Fachleuten oft in alten Interviews
Warum passiert es Medien ausgerechnet beim Thema Erziehung immer wieder, dass sie auf Männer mit starken Thesen und schwacher Expertise hereinfallen? Zumal sich die Redaktionen diese Grube in der Regel selbst graben. Ohne Talkshow-Moderatoren wie Markus Lanz, Sandra Maischberger und Anne Will, ohne „Zeit“, „Stern“ und SZ wäre keiner der Genannten groß geworden. Einmal drin im Medienzirkus stellt sich die Frage nach der Qualifikation immer seltener. Insbesondere wenn es schnell gehen muss, recherchieren Journalisten nur im Archiv und verlassen sich auf die Vorarbeit der Kolleginnen und Kollegen.
Trotzdem: „Beim Thema Wirtschaft würde man es sich nicht erlauben, Menschen mit so fragwürdiger Expertise zu befragen“, glaubt Martin Spiewak, langjähriger Wissenschaftsjournalist bei der „Zeit“ und Co-Autor des aktuellen Textes über Rüdiger Maas. Er sieht einen eklatanten Mangel an Fachjournalistinnen und -journalisten in den Themenbereichen Bildung, Familie und Erziehung.
Kinder zu haben, ist noch keine Qualifikation
Auch mir ist schon oft aufgefallen, welche Themen als erstes hinten runterfallen, egal ob in der Forschung, der Politik oder im Journalismus, man könnte sie mit „Care-Arbeit“ oder „Gedöns“ zusammenfassen. Die Berichterstattung über das Familienministerium fällt als erstes weg, wenn im Parlamentsbüro gerade zu wenige Leute da sind, als wäre es unwichtig, sich hier über Jahre Kontakte und Fachwissen aufzubauen. Über Kinder und Erziehung darf jeder schreiben, der sich schon mal vermehrt hat, weitergehende Expertise nicht vonnöten.
Nach derselben Logik könnte ich sagen: Lasst mich mal die Börsenberichterstattung übernehmen, ich besitze nämlich ETF! Denn ja, auch ich habe Geld, gebe welches aus, lege welches an und habe sogar ein Gefühl dazu. Ein Essay über die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands zu schreiben, würde ich mir trotzdem nicht zutrauen.
Beim Thema Familie reichen Meinungen und Bauchgefühle aber für seitenlange Traktate, gerne – siehe oben – über gestörte Kinder und ihre wahlweise Helikopter-, Curling- oder Rasenmäher-Eltern. Wer dafür in den vergangenen Jahren nach einem passenden Zitatgeber suchte, landete schnell bei Rüdiger Maas.
Über „junge Leute“ wurde schon immer geschimpft
Das Seufzen über die jungen Leute und ihren Firlefanz ist so alt wie die Menschheit selbst. Der US-Soziologe David Finkelhor erfand dafür den Begriff „Juvenoia“, eine Kombination aus „juvenil“ und „Paranoia“. Ein überaltertes Land wie Deutschland, in dem nicht nur Kinder, sondern sogar deren Eltern noch in die Kategorie „junge Leute“ fallen, scheint dafür besonders anfällig.
In Redaktionen sollte man sich dessen bewusst sein. Und bevor man den nächsten Text über die verweichlichte Jugend und ihre planlosen Eltern in Auftrag gibt, mal die zu Wort kommen lassen, die dazu gehören. Oder Menschen, die wissen, wie man Kindern Natur nahebringt, wie man Erstklässlern helfen kann, den Schulweg zu schaffen, und für welche Symptome man wirklich zum Kinderarzt muss. Diese Experten gibt es. Viele davon sind Expertinnen.
15 Kommentare
Stefan Weber hat sich nicht selbst zum „Plagiatsjäger“ ernannt, sondern wird von den Medien so genannt.
@ #1:
Doch, schon: https://plagiatsgutachten.com/
„Doz. Dr. Stefan Weber ist ein österreichischer Plagiatsjäger, der seit (…)“
Recherchen des selbst ernannten „Plagiatsjägers“ Stefan Weber
Vor den Selbsternannten sollte man sich in Acht nehmen. Ich vertraue nur staatlich geprüften Plagiatsjägern.
Davon ab, und abgesehen von der Frage, warum Maas der bevorzugte Interviewpartner war – er macht nichts falsch, wenn er das ohnehin Bekannte und Dokumentierte wiederholt.
Die Schneeflöckchen sind labiler als die Alten. Psychisch ist schon statistisch evident. Und die Physis zieht langsam nach.
Ich würde gern das Kommentarfeld mit Links zuspammen, aber …
Deshalb nur zwei Wegweiser zu
taz 09.12.2024, Studie zur psychischen Gesundheit – Junge Menschen stärker angeschlagen
„Die unter 50-Jährigen hätten im Jahr 2022 sogar erstmals eine schlechtere psychische Gesundheit aufgewiesen als ältere Menschen“
SPIEGEL 23.11.2023, Junge Beschäftigte fallen immer häufiger aus
„Im vergangenen Jahr haben unter 30-jährige Arbeitnehmer so viele Krankenscheine eingereicht wie nie zuvor. Vor allem die Zahl der Fehltage wegen seelischer Beschwerden nahm zu. … »Wir stellen fest, dass bei der jüngeren Generation vor allem Angststörungen, Belastungsstörungen und depressive Störungen signifikant zunehmen«“
Kritisch wird’s doch aber genau dann, wenn dafür Grunde zusammen getackert werden mit selbst erdachten, nicht öffentlichen Fragebögen und ohne Bezug zur sonstigen Forschung.
Also als ehemaliger Student der Wirtschaftswissenschaften und langjähriger Tätiger in der Hochfinanzindustrie, würde ich sagen:
Auch zu Wirtschaftsthemen werden Menschen mit sehr zweifelhafter Expertise eingeladen, insbesondere weil sie einfach schon in anderen Formaten medial funktioniert haben.
(Und bei vielen anderen mit Expertise wird nicht transparent genug gemacht, dass sie alles andere als wissenschaftlich neutral sind, sondern oftmals eher Lobby-Organisationen vorstehen, die das Wirtschaftsinstitut als Feigenblatt im Namen tragen.)
Als angeblicher Wissenschaftler sein Erhebungsinstrument als „Geschäftsgeheimnis“ nicht offen zu legen, ist schon wild. Da kann man ja gleich schreiben, Quelle: Bauchgefühl.
„Mittlerweile ist Winterhoff nicht nur inhaltlich diskreditiert, sondern sogar wegen Körperverletzung verurteilt. “
und das viel zu milde!
Ich empfinde die Kolumne als recht schwach geschrieben. Ein Großteil beschreibt Symptome des Problems, dann eine kurze Einordnung warum das so ist/sein könnte und ein Ende mit vagen Empfehlungen.
Ein kleiner Seitenhieb auf den Mangel an Frauen in der medialen Expertenlandschaft obwohl das beschriebene Problem Expertise ist. Ein Hinweis auf eine Verurteilung wegen Körperverletzung um die Person herabzuwerten, statt der Frage der mangelnden Expertise bei Medienexperten nachzugehen.
Am Ende bleibt nur, dass auch bei den „Gedöns“-Fragen Personen mit zweifelhafter Expertise eine Bühne gegeben wird. Da bin ich in der Einschätzung bei (5), das nimmt man auch in anderen Fachbereichen sehr regelmäßig wahr. Das dies bei Erziehungsfragen wirklich eine andere Dimension erreicht oder andere strukturelle Gründe hat, ist nach der Lektüre dieses Textes für mich eher Bauchgefühl der Autorin als Tatsache. Und das liegt daran, das der Text sich damit nicht wirklich beschäftigt. Insgesamt unbefriedigend, da das Grundthema sicherlich mehr Beschäftigung und Diskussion verdient.
@cgn (#8):
Da bin ich in der Einschätzung bei (5), das nimmt man auch in anderen Fachbereichen sehr regelmäßig wahr.
Ich schließe mich an. Das Phänomen, dass Expertise mit der Zahl der Medienauftritte zu wachsen scheint, gibt es in vielen Bereichen. Dabei gibt es meiner Beobachtung nach zwei Typen:
1. Den Typ eloquenter Nichtssager (Erziehung: „Kinder brauchen Freiräume, aber auch Grenzen.“, Wirtschaft: „Ob es zu einer Krise kommt, hängt von der Entwicklung ab.“)
2. Den Typ steile These (Erziehung: „Harte Strafen, sonst Tyrann“, Wirtschaft: „Ende naht, sofort Gold kaufen“)
Medien mögen natürlich Typ 1 – klickt sich gut und bietet die Möglichkeit, das Thema durch eine empörte Reaktion weiterzudrehen (Spiegel Online lebt von sowas). Herr Maas scheint beide Typen ausfüllen zu können, denn die eingangs kolportierten Aussagen sind zwar ziemlich banal, aber gewiss nicht falsch. Seine Buchtitel hingegen sind Typ 2-mäßiger click- bzw. buy bait.
Diese Befragung ergab unter anderem, dass „16 bis 18 Prozent der Mütter und Väter heutzutage das Personal in den Kitas nach Erziehungstipps fragen“ würden.
Ist das als Vorwurf an die Eltern gedacht? Ich find‘ das eher gut: Bei Problemen Profis zu fragen, die das Kind kennen, erscheint mir alle mal sinnvoller, als Hilfe in halbseidenen Ratgebern oder bei Tik Tok zu suchen…
Argh, oben sollte es heißen: „Medien mögen natürlich Typ 2“. Sorry.
@#6: Wenn „wissenschaftliche Methoden“ angeblich „Geschäftsgeheimnis“ sind, ist das nicht „wild“, sondern schlichtweg die Bestätigung, dass keine wissenschaftliche Arbeit vorliegt, auch wenn man vielleicht(!) ein paar wissenschaftliche Methoden(bausteine) benutzt. Das nennt man Forschung und Entwicklung, bestenfalls. Wissenschaft setzt die Offenlegung von Methoden und Daten voraus, sodass die eigene Arbeit von Dritten nachvollzogen werden kann.
Dass sich immernoch nicht rumgesprochen hat, dass heutzutage jede Umfrage „Studie“ genannt wird, ist erschreckend. Leider funktioniert der Stunt weiterhin.
#8, der Text benennt sehr wohl das Problem, zu wenige und zu schlecht eingearbeitete Wissenschaftsjournalisten im Feld der Bildung und Erziehung. Den Text genau zu lesen, hätte hier geholfen … funfact: es handelt sich, wie du selbst anmerkst, zudem um eine Kolumne.
Wirkt eher so, als hätte Dich der Hinweis auf die Genderdimension des Problems (der angebliche Seitenhieb) etwas auf die Palme gebracht, weswegen jetzt ein Text von einer Frau abgewertet werden muss.
Die geringere Anzahl und Expertise bei wissenschaftsjournalisten zu Bildungs-, vor allem aber zu Erziehungsthemen (von Sorge/Pflege ganz zu schweigen) gegenüber anderen Feldern ist evident. Da hilft auch nicht der Hinweis, dass es auch zu anderen Themen Schaumschläger in die Talkshows schaffen.
@Sid: Ich vergaß, dass ich im Internet unterwegs bin, wo man immer the obvious staten muss: Wenn ein Studienergebnis nicht so veröffentlicht wird, dass jeder einzelne Schritt grundsätzlich nachvollziehbar und reproduzierbar ist (Stichwort Replikatinsstudie), ist es keine Wissenschaft, sondern nur eine Behauptung (nein, nicht mal Forschung und Entwicklung). Es gibt keine „Geschäftsgeheimnisse“ in der Wissenschaft und kann es nicht geben. Ich habe mit „wild“ das Stilmittels der Untertreibung gewählt, da ich davon ausgegangen bin, dass das hiesige Publikum weiß, was Peer Review ist. Aber anscheinend funktioniert das im Netz genauso wenig wie Ironie. My bad.
Naja, um als Experte eingeladen zu werden, muss man nicht mehr Ahnung haben als andere Fachleute, sondern nur mehr Ahnung als die Journalisten, von denen man eingeladen wird.
So erklären sich auch viele Fälle von false balancing.
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Stefan Weber hat sich nicht selbst zum „Plagiatsjäger“ ernannt, sondern wird von den Medien so genannt.
@ #1:
Doch, schon: https://plagiatsgutachten.com/
„Doz. Dr. Stefan Weber ist ein österreichischer Plagiatsjäger, der seit (…)“
Vor den Selbsternannten sollte man sich in Acht nehmen. Ich vertraue nur staatlich geprüften Plagiatsjägern.
Davon ab, und abgesehen von der Frage, warum Maas der bevorzugte Interviewpartner war – er macht nichts falsch, wenn er das ohnehin Bekannte und Dokumentierte wiederholt.
Die Schneeflöckchen sind labiler als die Alten. Psychisch ist schon statistisch evident. Und die Physis zieht langsam nach.
Ich würde gern das Kommentarfeld mit Links zuspammen, aber …
Deshalb nur zwei Wegweiser zu
taz 09.12.2024, Studie zur psychischen Gesundheit – Junge Menschen stärker angeschlagen
„Die unter 50-Jährigen hätten im Jahr 2022 sogar erstmals eine schlechtere psychische Gesundheit aufgewiesen als ältere Menschen“
SPIEGEL 23.11.2023, Junge Beschäftigte fallen immer häufiger aus
„Im vergangenen Jahr haben unter 30-jährige Arbeitnehmer so viele Krankenscheine eingereicht wie nie zuvor. Vor allem die Zahl der Fehltage wegen seelischer Beschwerden nahm zu. … »Wir stellen fest, dass bei der jüngeren Generation vor allem Angststörungen, Belastungsstörungen und depressive Störungen signifikant zunehmen«“
Kritisch wird’s doch aber genau dann, wenn dafür Grunde zusammen getackert werden mit selbst erdachten, nicht öffentlichen Fragebögen und ohne Bezug zur sonstigen Forschung.
Also als ehemaliger Student der Wirtschaftswissenschaften und langjähriger Tätiger in der Hochfinanzindustrie, würde ich sagen:
Auch zu Wirtschaftsthemen werden Menschen mit sehr zweifelhafter Expertise eingeladen, insbesondere weil sie einfach schon in anderen Formaten medial funktioniert haben.
(Und bei vielen anderen mit Expertise wird nicht transparent genug gemacht, dass sie alles andere als wissenschaftlich neutral sind, sondern oftmals eher Lobby-Organisationen vorstehen, die das Wirtschaftsinstitut als Feigenblatt im Namen tragen.)
Als angeblicher Wissenschaftler sein Erhebungsinstrument als „Geschäftsgeheimnis“ nicht offen zu legen, ist schon wild. Da kann man ja gleich schreiben, Quelle: Bauchgefühl.
„Mittlerweile ist Winterhoff nicht nur inhaltlich diskreditiert, sondern sogar wegen Körperverletzung verurteilt. “
und das viel zu milde!
Ich empfinde die Kolumne als recht schwach geschrieben. Ein Großteil beschreibt Symptome des Problems, dann eine kurze Einordnung warum das so ist/sein könnte und ein Ende mit vagen Empfehlungen.
Ein kleiner Seitenhieb auf den Mangel an Frauen in der medialen Expertenlandschaft obwohl das beschriebene Problem Expertise ist. Ein Hinweis auf eine Verurteilung wegen Körperverletzung um die Person herabzuwerten, statt der Frage der mangelnden Expertise bei Medienexperten nachzugehen.
Am Ende bleibt nur, dass auch bei den „Gedöns“-Fragen Personen mit zweifelhafter Expertise eine Bühne gegeben wird. Da bin ich in der Einschätzung bei (5), das nimmt man auch in anderen Fachbereichen sehr regelmäßig wahr. Das dies bei Erziehungsfragen wirklich eine andere Dimension erreicht oder andere strukturelle Gründe hat, ist nach der Lektüre dieses Textes für mich eher Bauchgefühl der Autorin als Tatsache. Und das liegt daran, das der Text sich damit nicht wirklich beschäftigt. Insgesamt unbefriedigend, da das Grundthema sicherlich mehr Beschäftigung und Diskussion verdient.
@cgn (#8):
Ich schließe mich an. Das Phänomen, dass Expertise mit der Zahl der Medienauftritte zu wachsen scheint, gibt es in vielen Bereichen. Dabei gibt es meiner Beobachtung nach zwei Typen:
1. Den Typ eloquenter Nichtssager (Erziehung: „Kinder brauchen Freiräume, aber auch Grenzen.“, Wirtschaft: „Ob es zu einer Krise kommt, hängt von der Entwicklung ab.“)
2. Den Typ steile These (Erziehung: „Harte Strafen, sonst Tyrann“, Wirtschaft: „Ende naht, sofort Gold kaufen“)
Medien mögen natürlich Typ 1 – klickt sich gut und bietet die Möglichkeit, das Thema durch eine empörte Reaktion weiterzudrehen (Spiegel Online lebt von sowas). Herr Maas scheint beide Typen ausfüllen zu können, denn die eingangs kolportierten Aussagen sind zwar ziemlich banal, aber gewiss nicht falsch. Seine Buchtitel hingegen sind Typ 2-mäßiger click- bzw. buy bait.
Ist das als Vorwurf an die Eltern gedacht? Ich find‘ das eher gut: Bei Problemen Profis zu fragen, die das Kind kennen, erscheint mir alle mal sinnvoller, als Hilfe in halbseidenen Ratgebern oder bei Tik Tok zu suchen…
Argh, oben sollte es heißen: „Medien mögen natürlich Typ 2“. Sorry.
@#6: Wenn „wissenschaftliche Methoden“ angeblich „Geschäftsgeheimnis“ sind, ist das nicht „wild“, sondern schlichtweg die Bestätigung, dass keine wissenschaftliche Arbeit vorliegt, auch wenn man vielleicht(!) ein paar wissenschaftliche Methoden(bausteine) benutzt. Das nennt man Forschung und Entwicklung, bestenfalls. Wissenschaft setzt die Offenlegung von Methoden und Daten voraus, sodass die eigene Arbeit von Dritten nachvollzogen werden kann.
Dass sich immernoch nicht rumgesprochen hat, dass heutzutage jede Umfrage „Studie“ genannt wird, ist erschreckend. Leider funktioniert der Stunt weiterhin.
#8, der Text benennt sehr wohl das Problem, zu wenige und zu schlecht eingearbeitete Wissenschaftsjournalisten im Feld der Bildung und Erziehung. Den Text genau zu lesen, hätte hier geholfen … funfact: es handelt sich, wie du selbst anmerkst, zudem um eine Kolumne.
Wirkt eher so, als hätte Dich der Hinweis auf die Genderdimension des Problems (der angebliche Seitenhieb) etwas auf die Palme gebracht, weswegen jetzt ein Text von einer Frau abgewertet werden muss.
Die geringere Anzahl und Expertise bei wissenschaftsjournalisten zu Bildungs-, vor allem aber zu Erziehungsthemen (von Sorge/Pflege ganz zu schweigen) gegenüber anderen Feldern ist evident. Da hilft auch nicht der Hinweis, dass es auch zu anderen Themen Schaumschläger in die Talkshows schaffen.
@Sid: Ich vergaß, dass ich im Internet unterwegs bin, wo man immer the obvious staten muss: Wenn ein Studienergebnis nicht so veröffentlicht wird, dass jeder einzelne Schritt grundsätzlich nachvollziehbar und reproduzierbar ist (Stichwort Replikatinsstudie), ist es keine Wissenschaft, sondern nur eine Behauptung (nein, nicht mal Forschung und Entwicklung). Es gibt keine „Geschäftsgeheimnisse“ in der Wissenschaft und kann es nicht geben. Ich habe mit „wild“ das Stilmittels der Untertreibung gewählt, da ich davon ausgegangen bin, dass das hiesige Publikum weiß, was Peer Review ist. Aber anscheinend funktioniert das im Netz genauso wenig wie Ironie. My bad.
Der Stefan Weber wird ja immer symphatischer!
https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/afd-finanziert-stefan-weber-neue-plagiatsfunde-bei-mario-voigt-200848034.html
Naja, um als Experte eingeladen zu werden, muss man nicht mehr Ahnung haben als andere Fachleute, sondern nur mehr Ahnung als die Journalisten, von denen man eingeladen wird.
So erklären sich auch viele Fälle von false balancing.