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Noch unklar, wer sich das überlegt hat. Ob es ein einzelner für Überschriften zuständiger Chef vom Dienst war, der diese Idee hatte, oder jemand eine Führungsebene höher. Oder eine KI. Aber irgendwer muss kürzlich gesagt haben: Boah, das ist gut! Das machen wir jetzt öfter! Und dann haben sie beim „Spiegel“ begonnen, Online-Überschriften mit „Und dann“ zu beginnen.

„Und dann steht auf einmal der Rolex-Chef neben mir und lässt sich Uhren erklären“, steht zum Beispiel über der jüngsten Uhrenkolumne von Felix Dachsel. Und dann ist man voll gespannt: Bittet der Ich-Autor, der „Mann mit Notizblock“, um ein Autogramm in selbigen? Weint er vor Freude? Lässt er sich die Rolex-Chef-Rolex zeigen?
Nee, nix. Im Text steht nur, wie der Rolex-Chef am Rande der weltgrößten Uhrenmesse „überraschend“ bei einem abendlichen Event auftaucht, das – Überraschung – von einer Schwesterfirma von Rolex ausgerichtet wird. Wer hätte gedacht, dass der ausgerechnet dort rumsteht!
Viel mehr ist nicht. Der Rolex-Chef spricht noch (bei „buttrigen Sandwiches und Bier“) mit „Sammlern, die teilweise sehr große Accounts auf Instagram haben, auf denen sie ihre Identität nicht preisgeben“, teilt Uhrensohn Dachsel mit.
Um absatzschließend zu schwelgen:
„Und ich erinnere mich, warum ich Uhren liebe.“
Okay.
Statt Sinn haben diese „Und dann“-Überschriften vor allem einen Zweck. Sie sollen erzählerische Dramatik suggerieren und Spannung erzeugen – und damit eine Neugierlücke (curiosity gap) öffnen, in die ein „Spiegel“-Digitalabo genau hineinpasst.
„Und dann“-Überschriften rufen: Hier, hallo, stellen Sie sich das mal vor! Als wäre das, was „Und dann“ geschah, ein Teil einer größeren Entwicklung, der Höhe- oder mindestens ein Wendepunkt, vielleicht sogar eine Eskalation, die Spitze des Erzählbergs. Genau an dieser Stelle werden die Leser also hineingeworfen in die Erzählung, damit sie bitte sofort wissen und lesen wollen sollen, was zuvor passiert ist. Und danach. Und wie und warum. „Spiegel“-Leser klicken mehr.
Aber Obacht!
Diese „Und dann“-Überschriften sind ein Trick. Sie sind die gehobene Clickbait-Variante für Menschen, die auch privat gerne Narrativ sagen. Diese Überschriften laden banale Momente mit Bedeutung auf, wo keine ist. Oder legen eine Vorgeschichte nahe, die es nicht gibt. Bei der „Familienkolumne“ von Julius Fischer etwa:
„Und dann brachte unsere Tochter den Axolotl mit nach Hause“
Im Text ist das weder Höhe- noch Wende-, sondern schlicht der Ausgangspunkt einer sehr langen und atmigen Erzählung, wie es ist, wenn die Tochter das Kita-Maskottchen übers Wochenende bei sich haben darf und der Papa es überall fotografiert.
Oder:
„Und dann spricht ein Unternehmer Merz mit ,Herr Merkel’ an“
Im Text geht es um den Rundgang des Bundeskanzlers auf der Hannover Messe, Ende April. Unternehmer fielen dem Kanzler dort mit „düsterer Kritik“ in den Rücken, steht im Vorspann, darum geht es auch über weite Teile im Artikel. Es gibt also einen nachrichtlichen Kern, den wollte der „Spiegel“ aber offenbar nicht in die Überschrift packen, weil: Viel zu trocken, viel zu öde! Wer liest schon noch Nachrichten? Besser so eine coole Storytelling-Headline, das ist modern, das haben wir im Internet gelernt, bei TikTok und so, und neulich beim Workshop „Zeitgemäßer Journalismus und Klickökonomie 3.0“.
Die Merz-Merkel-Überschrift wirkt, als wäre der Namensverwechsler ein Schlüsselmoment, ein Affront sondergleichen, auf den Merz vielleicht sogar besonders reagiert hat – und dann ist es der unspektakulärste Moment des Textes, kaum mehr als ein Lustige-Satiresendung-Schnipsel, über den man kurz gackert:
„Der Kanzler versucht in Hannover, sich nicht anmerken zu lassen, wie ihm die Industriechefs zusetzten. Er lächelte sogar darüber hinweg, dass ihn ein Unternehmer beim Rundgang aus Versehen mit ,Herr Merkel’ anredete.“
Sogar über ein Versehen lächelte er! Und dann – Sie werden es nicht glauben – und dann ging er offenbar einfach weiter über die Messe.
Merz kommt öfter in solchen Überschriften vor, vor anderthalb Wochen beispielsweise, worüber seither alle reden: Krach in der Koalition!
„Und dann geht der Kanzler in der Villa Borsig auf seinen Vizekanzler los“
Und dann:
„Und dann redet Klingbeil über den Moment, in dem der Kanzler ihn anbrüllte“
Und dann:
Okay, das war schon früher. Das stand Ende Februar über einem Artikel, in dem „Spiegel“-Reporter Konstantin von Hammerstein plaudernd vom CDU-Parteitag berichtete, bei dem auch die Kanzlerin a.D. zu Gast war, in einem „Blazer in Cadenabbia-Blau, der neuen Parteifarbe der CDU“. Als Merz Merkel offiziell begrüßte, gab’s viel Beifall.
Und weil sich Merz und Merkel (seine „ewige Rivalin“) nicht grün sind, wie man weiß, glaubt der „Spiegel“-Autor folglich zu wissen, was Merz angeblich weiß: „dass in diesem Moment“, als alle klatschen, „jede Gesichtsregung von ihm beobachtet“ werde. (Zum Beispiel vom „Spiegel“-Autor.)
„Er lächelt also. Eine halbe Minute. Eine ganze Minute. Dann reicht es ihm irgendwann, und er setzt an, Annegret Kramp-Karrenbauer als den nächsten Ehrengast zu begrüßen.“
Frechheit, oder? Dass Merz vorankommen will. Dass er sich erlaubt – nach längerem Applaus für die eine – die nächste bekannte CDU-Frau zu begrüßen. Die Überschrift liest sich wie eine faktische Darstellung, ist aber eine Interpretation: es reicht ihm, wird ihm zu viel.
„Und dann schwingt das Stroboskop wie ein Weihrauchkelch durch die Halle“
Aber nicht beim CDU-Parteitag, leider, sondern beim Rosalía-Konzert in Berlin – und dann in der Überschrift der Konzertkritik beim „Spiegel“, der also offenbar seit ein paar Wochen testet, ob diese „Und dann“-Headlines funktionieren.
Es gab sie auch früher schon mal, 2022:
„Und dann wird der schrödingersche Gefühlskarton zum besten, wichtigen Fernsehen“
Oder 2025:
„Und dann wird Ihre geerbte Immobilie plötzlich zum Geldgrab“
Aber das waren anscheinend Ausnahmen, Versehen vielleicht, über die man hinweglächeln kann. Jetzt sind diese Überschriften nervige Methode.
Dabei gibt es eigentlich nur eine „Spiegel“-Überschrift mit „Und dann“ am Anfang, die gut ist. Die sogar ganz hervorragend ist. Es ist ein Zitat des früheren FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle aus einem InterviewJournalistisches Gespräch, bei dem eine oder mehrere Personen befragt werden. Politiker werden..., das er, bereits an Krebs erkrankt, wenige Monate vor seinem Tod gegeben hat:
„Und dann stirbste“
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Jedes Land und jede Epoche hat ihre Moden. In den USA etwa grassiert seit fünfzehn Jahren oder so die Mode überlanger Artikelüberschriften, entweder einer kompletten Textzusammenfassung („Wie ich einmal einen Artikel auf Übermedien las, einen Kommentar hierzu verfasste, was die Reaktionen auf meinen Kommentar über die Debattenkultur aussagt und was das mit unserer Demokratie zu tun hat“), oder alternativ einer Selbstvorstellung des Autors samt seiner Hauptthese („Ich bin seit Gründung Übermedien-Mitglied. Nun erkläre ich Euch, warum die Überschriften auf Übermedien in den letzten Jahren den Niedergang der Kreativkultur in den deutschen Leitmedien widerspiegelt.“). Finde ich auch furchtbar, und auch verwundert, dass DAS noch nicht nach Deutschland übergeschwappt ist.
Und als SPIEGEL-Abonnent (der ich auch noch bin) würde ich mir auch wünschen, der SPIEGEL würde in den Artikeln auf die Substanz seiner Recherchen setzen statt die „gehobene Clickbait-Variante für Menschen, die auch privat gerne Narrativ sagen“ (Rosenkranz, B., 2026, zitiert nach ÜM) in seine Artikel reinzudrücken.
Und dann – habe ich über diese schöne Glosse: geschmunzelt.