Viele Medien haben zunächst sehr zurückhaltend über die Recherchen des „Spiegel“ zu den Vorwürfen von Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen berichtet. Begründet wurde das oft mit presserechtlichen Vorgaben zur Verdachtsberichterstattung. Doch ganz so eindeutig ist die juristische Lage offenbar nicht.
Der Investigativjournalist Jonathan Sachse.Foto: Ivo Mayr
Am vergangenen Donnerstag veröffentlichte der „Spiegel“ eine Titelgeschichte, die seitdem Schlagzeilen und Debatten bestimmt. Es geht dabei um schwerwiegende Vorwürfe der digitalen sexualisierten Gewalt von Schauspielerin Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen. Ulmen hat sich auf Anfrage des „Spiegel“ nicht dazu geäußert, sein Medienanwalt Christian Schertz hat nach Veröffentlichung aber verlauten lassen, dass „unwahre Tatsachen verbreitet würden“, zudem handele es sich um „unzulässige Verdachtsberichterstattung“.
Belege hat Schertz für diese Behauptung bislang nicht geliefert. Aber obwohl man sich in den Redaktionen ziemlich einig scheint, dass die „Spiegel“-Geschichte eine beeindruckende Fülle an Belegmaterial für die Vorwürfe präsentiert, berichteten viele Medien zunächst nur sehr zurückhaltend oder gar nicht über die Recherche.
Jonathan Sachse kann das sehr gut nachvollziehen. Er leitet beim Redaktionsnetzwerk Deutschland die Investigation und hat in einem Text erklärt, warum seine Redaktion erst mit einiger Verzögerung über den Fall berichtete. Denn im Falle einer sogenannten Verdachtsberichterstattung müssten auch andere Medien besondere Maßstäbe anlegen. Sachse meint: „Jede Redaktion muss die Vorwürfe eigenständig prüfen. Zudem muss dem Objekt der Berichterstattung, in diesem Fall Christian Ulmen, Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben werden.“
Aber was genau heißt eigentlich „eigenständig prüfen“ und wie weit reicht dieser Anspruch? Wird jede Berichterstattung über eine Verdachtsberichterstattung unweigerlich auch zu einer solchen? Und war die mediale Zurückhaltung in diesem Fall womöglich größer als bei früheren Recherchen zu vergleichbaren Fällen? Darüber spricht Host Holger Klein in dieser Folge unseres Podcasts „Holger ruft an“.
Der Gesprächspartner
Jonathan Sachse verantwortet seit dem 1. November 2025 als stellvertretender Chefredakteur netzwerkweite investigative Recherchen beim RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Zuvor war er Gründungsmitglied von Correctiv und arbeitete dort elf Jahre als Senior-Reporter.
Zum Thema Verdachtsberichterstattung Mann vs. Frau fällt mit als Contra-Beispiel spontan der Fall um Christina Block ein (der wesentlich weniger Wiederhall in den Sozialen Medien findet).
Mal abgesehen davon, dass die Berichterstattung inzwischen kaum noch zögerlich ist, halte ich es doch für wesentlich, dass andere Redaktionen eigenständige Recherchen betreiben, statt einfach den SPIEGEL zu kopieren, weil ich als Leser sonst ja einfach den SPIEGEL lesen könnte und sonst nichts. Wo wäre denn dann dabei sonst der Mehrwert?
Von Zurückhaltung war seit dem 20.März nun wirklich nichts zu spüren.
Was mich ziemlich irritierte: Hier wird seit Herbst über einen -(höchtswahrscheinlich) unzweifelhaften- 6fachen Mörder und mehrhundertfachen (schwerst-) Körperverletzer verhandelt.
In jedem Bericht über den Vorgang wird sein Name teilanonymisiert.
Bei Christian Ulmen kam niemand der Berichterstatter auf so eine Idee.
Das heute-Journal hatte am 20.03 wenigstens noch den Hinweis auf eine Veröffentlichung zum Vorgang im SPIEGEL; die tagesschau hat sich das (nach meiner Erinnerung) das komplett gespart.
Das ist wirklich bemerkenswert, das dröhnende Schweigen der Medien. Zum Glück wird der Fall Fernandes-Ulmen von allen Zeitungen, allen Zeitschriften, allen Rundfunksendern, allen Fernsehsendern und allen Mainstreamportalen alltäglich durchgenudelt, sonst hätte ich davon gar nichts mitgekriegt.
Es wäre aber wirklich schön, wenn die Medien mal klarstellen würden, anhand welcher Kriterien sie entscheiden, welche mutmaßlichen Täter sie mit klarem Gesicht und Name, und welche sie mit verunklartem Gesicht und Namen präsentieren.
Wenn man sich die Fälle so ansieht, könnten weniger wohlmeinende Zeitgenossen glatt auf die Idee kommen, unsere Medien hätten eine rassistische Vorspannung.
Diese ganzen rechtsnationalen Narrative zerbröckeln immer direkt nach 2-3 Minuten oberflächlicher Recherche. Man könnte natürlich auch annahmen, dass derjenige, der solche Narrative, 2 Jahre nach dem eigentlichen Ereignis, immer noch wider bessern Wissens verbreitet, in vollem Bewusstsein Unwahrheiten repliziert.
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Zum Thema Verdachtsberichterstattung Mann vs. Frau fällt mit als Contra-Beispiel spontan der Fall um Christina Block ein (der wesentlich weniger Wiederhall in den Sozialen Medien findet).
Mal abgesehen davon, dass die Berichterstattung inzwischen kaum noch zögerlich ist, halte ich es doch für wesentlich, dass andere Redaktionen eigenständige Recherchen betreiben, statt einfach den SPIEGEL zu kopieren, weil ich als Leser sonst ja einfach den SPIEGEL lesen könnte und sonst nichts. Wo wäre denn dann dabei sonst der Mehrwert?
Von Zurückhaltung war seit dem 20.März nun wirklich nichts zu spüren.
Was mich ziemlich irritierte: Hier wird seit Herbst über einen -(höchtswahrscheinlich) unzweifelhaften- 6fachen Mörder und mehrhundertfachen (schwerst-) Körperverletzer verhandelt.
In jedem Bericht über den Vorgang wird sein Name teilanonymisiert.
Bei Christian Ulmen kam niemand der Berichterstatter auf so eine Idee.
Das heute-Journal hatte am 20.03 wenigstens noch den Hinweis auf eine Veröffentlichung zum Vorgang im SPIEGEL; die tagesschau hat sich das (nach meiner Erinnerung) das komplett gespart.
Das ist wirklich bemerkenswert, das dröhnende Schweigen der Medien. Zum Glück wird der Fall Fernandes-Ulmen von allen Zeitungen, allen Zeitschriften, allen Rundfunksendern, allen Fernsehsendern und allen Mainstreamportalen alltäglich durchgenudelt, sonst hätte ich davon gar nichts mitgekriegt.
Es wäre aber wirklich schön, wenn die Medien mal klarstellen würden, anhand welcher Kriterien sie entscheiden, welche mutmaßlichen Täter sie mit klarem Gesicht und Name, und welche sie mit verunklartem Gesicht und Namen präsentieren.
Wenn man sich die Fälle so ansieht, könnten weniger wohlmeinende Zeitgenossen glatt auf die Idee kommen, unsere Medien hätten eine rassistische Vorspannung.
https://x.com/argonerd/status/1796879956255101111
Schaunse ma hier:
https://www1.wdr.de/nachrichten/rassismus-sylt-konsequenzen-medienrecht-100.html
Ein ganzer WDR-Artikel der sich selbstreflektiv mit der Anonymisierung im Sylt-Fall beschäftigt.
Diese ganzen rechtsnationalen Narrative zerbröckeln immer direkt nach 2-3 Minuten oberflächlicher Recherche. Man könnte natürlich auch annahmen, dass derjenige, der solche Narrative, 2 Jahre nach dem eigentlichen Ereignis, immer noch wider bessern Wissens verbreitet, in vollem Bewusstsein Unwahrheiten repliziert.