Mehr über Klimakrise
Am 4. Dezember ist in der Talkshow von Markus Lanz der Grünen-Bundesvorsitzende Felix Banaszak zu Gast. Es geht um den neuen Ton, neue Ziele der Partei. Und ganz am Rande auch um das Klima. Banaszak sitzt auf dem heißen Stuhl, direkt neben Lanz, der sich in typischer Lanz-Manier kaum auf seinem Sessel halten kann.
Direkt zu Beginn des Gesprächs geht es darum, dass der Grünen-Politiker kurz vorher das Auto als „Freiheit für viele Deutsche“ bezeichnet hat. Nun will Lanz wissen, ob Banaszak selbst ein Auto besitzt. Der Parteivorsitzende hat, laut eigener Aussage, „einen 25 Jahre alten VW Golf“, den er „superselten“ fährt und zu behalten gedenkt „bis er auseinanderfällt“. „Warum keinen Stromer?“, will Lanz wissen. Daraufhin rechtfertigt sich Banaszak umständlich für seinen Verbrenner.

Die Frage ist typisch für aktuellen Klimajournalismus. Anstatt über Strukturen oder Maßnahmen zu sprechen, verheddert sich Medienberichterstattung immer wieder in kleinteiligen moralischen Debatten.
Phänomene wie Flugscham oder der Stoffbeutel fürs gute Gewissen und auch der Lanz-Moment entstehen dann, wenn individuelles Verhalten moralisch aufgeladen wird. Wer Verbrenner reduzieren will, fährt selbst einen? Es geht nicht um das Klima, sondern um die persönliche Glaubwürdigkeit eines Politikers. So findet kaum eine faktenbasierte Diskussion über Maßnahmen statt, nur der moralische Punktesieg.
In den Medien wird die Klimakrise zunehmend überlagert von anderen gesellschaftlichen Themen. Eco-Fatigue, übersetzt Klimamüdigkeit oder -ohnmacht, beschreibt die Erschöpfung, die Berichterstattung über die Klimakrise mit sich bringen kann. Das liegt auch daran, dass Redaktionen Nachhaltigkeit auf einer individuellen Verantwortungsebene diskutieren.
Das WDR-Format „Quarks“ präsentiert auf seinem Instagram-Kanal einen Post mit dem Titel: „Klimakrise: Darum ist dein Urlaub nicht das Problem.“ Zunächst klingt das nach einer Einordnung privater Reisen in den größeren Kontext von Emissionen und Klimaschutzmaßnahmen. „Quarks“ spricht auch die Flugscham als Phänomen an. Doch dann empfiehlt „Quarks“, statt auf Flugreisen zu verzichten, lieber ganzjährig auf nachhaltige Ernährung und Kleidung zu achten – das habe einen größeren Effekt für den Klimaschutz.
Bei dem Thema fehlt die strukturelle Ebene komplett. Die Ernährungs- und Modeindustrie sind globale Märkte, in denen Nachhaltigkeit für den Endverbraucher kaum nachvollziehbar ist. Das heißt: Solange Subventionen für Fast Fashion und industrielle Fleischproduktion unangetastet bleiben, kann auch die beste Absicht kaum etwas bewirken. Denn Subventionen verbilligen diese Waren durch Steuergelder künstlich. Nachhaltige Alternativen bekommen diese Unterstützung meist nicht und bleiben deshalb teurer.
Natürlich ist individuelles Engagement wertvoll. Aber die Klimakrise braucht grundsätzlichere Maßnahmen – und die sollten endlich stärker im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte stehen. Die Redaktion hätte genau das benennen müssen, stattdessen verschiebt der Post das schlechte Gewissen lediglich vom Fliegen zum Schnitzel.
Apropos Schnitzel: „Der kleinste Schritt mit der größten Wirkung ist, das Rindfleisch wegzulassen“, titelte die „Süddeutsche Zeitung“ im November. Bei dem Text im Lokalteil handelt es sich um ein Interview mit dem Ernährungsexperten Jörg Schmid. Es streift zwar auch das Thema gesunde Ernährung, aber endet dann doch wieder mit Tipps, wie die Ernährung des Lesers oder der Leserin nachhaltiger gestaltet werden könnte. Die nötige Einordnung, dass enorme Subventionen für die Fleischindustrie strukturelle Veränderungen blockieren, bleibt aus. Auch wenn Jörg Schmid als Ernährungsmediziner diese Umstände nicht anspricht, so wäre es Aufgabe der Redaktion, diesen Kontext zu liefern. Stattdessen beschreibt das Gespräch die Gefahren von Überdüngung und CO₂-Emissionen, als wären sie die Schuld der Leser:innen.
Am 12. März strahlte das ZDF „Sport mit gutem Gewissen“ aus, eine Folge seiner Reportage-Reihe „Unguilty Pleasure“. Die Reihe soll zeigen, wie verschiedene Freizeitaktivitäten nachhaltig genossen werden können. Diese Prämisse jedoch verfehlt den Kern des Problems: Schon die Ankündigung des ZDF, „Möglichkeiten zu zeigen, wie sich das Leben in unterschiedlichen Bereichen unbeschwert genießen lässt“, bestätigt im Umkehrschluss, dass man bei herkömmlichem Konsum oder Verhalten ein schlechtes Gewissen haben sollte. Wenn schon Skifahren, dann bitte mit Holzskiern.
Es ist ein Teufelskreis: Der mediale Fokus auf individuelles Verhalten erzeugt ein schlechtes Gewissen, das Redaktionen dann mit Serviceinhalten für Nachhaltigkeit zu lindern versuchen. Strukturelle Ursachen wie Subventionen oder mangelnde Transparenz in globalen Lieferketten bleiben dabei außen vor. Ohne diese Umstände klar zu benennen, bewirkt eine solche Reportage-Reihe vor allem ein schlechtes Gewissen.
Was all diese Beispiele verbindet, ist die Logik eines PR-Tricks, den 2004 der Ölkonzern British Petroleum (BP) erfand. Der Konzern brachte damals einen Rechner heraus, der den persönlichen CO₂-Fußabdruck berechnete, um von dem massiven CO₂-Ausstoß des Konzerns abzulenken. Das rückte das individuelle Verhalten in den Mittelpunkt, weniger die strukturellen Maßnahmen, die für den Klimaschutz ergriffen werden müssten. Eine Ablenkungstaktik.
Aber warum finden wir diesen Fokus auf das Individuelle auch 20 Jahre später noch in der Medienberichterstattung? Die Klimakrise als Thema ist schlicht überwältigend. Journalist:innen stehen vor der schwierigen Aufgabe, die Klimakrise verständlich zu erklären und gleichzeitig den komplizierten Stand der Wissenschaft widerzugeben. Zu viel negative Berichterstattung hat dabei nachweislich eine Ermüdung erzeugt – siehe Eco-Fatigue. Hinzu kommt: Der individuelle Frame ist journalistisch attraktiv, weil moralische Fragen Emotionen auslösen und Emotionen Aufmerksamkeit erzeugen.
Im schlimmsten Fall spaltet diese Art der Berichterstattung die Gesellschaft. Private Entscheidungen werden zu politischen Statements, etwas Persönliches, wie etwa die eigene Ernährung, zur Ideologie. Gut zu beobachten am Trend der Karnivoren-Diät aus den USA: Mit dem exzessiven Fleischkonsum geht eine politische und gesellschaftliche Gesinnung einher, die als Gegenteil zu den „woken“ Veganern steht und dabei den Klimawandel und dessen Effekte leugnet.
Es geht besser. Ein Beispiel kommt vom BR: Das Instagram-Video „Ewiges Eis? Gletscher sterben“ thematisiert die Folgen der Erderwärmung. Was dieses Format besser macht als viele andere: Es zeigt konkrete, sichtbare Auswirkungen der Klimakrise – ein Gletscher verschwindet, ein Skigebiet stirbt –, ohne dabei einzelnen Personen die Schuld zuzuweisen oder moralischen Druck aufzubauen. Weder zu abstrakt noch moralisierend, genau das empfiehlt auch die Klimaforschung. Allerdings fehlen auch in diesem Beitrag strukturelle Ursachen und Lösungsansätze. Es ist also weniger ein Beispiel für erklärenden Klimajournalismus, als vielmehr eines, dem es gelingt, Aufmerksamkeit für die Klimakrise zu erzeugen.
Wie konkret guter Klimajournalismus gemacht wird, da sind sich selbst Expert:innen uneins. Wie viel Hintergrundinformationen gehören in einen Beitrag, wie viel Vereinfachung? Schlussendlich gibt es auf diese Fragen verschiedene Antworten, die sich auch je nach Publikum eines Mediums unterscheiden. Aber die Aufgabe von Journalist:innen ist es vor allem, das Handeln der Politik zu kontrollieren. Beiträge, die sich stattdessen auf das individuelle Verhalten konzentrieren, erweisen dem Klimajournalismus keinen guten Dienst – und dem Klima auch nicht.
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„Subventionen für Fast Fashion“
Was sind das für Subventionen für Fast Fashion?
Anderer Punkt: Ich finde mit diesem Verweis auf die BP-PR-Strategie macht man es sich als Verbraucher immer sehr einfach. „Ich kann Fleisch essen und fliegen, weil eigentlich ja BP am Klimawandel Schuld ist.“ Wenn Fleisch essen und Fliegen das Klima schädigt, dann trägt mein Konsum auch zum Klimawandel bei. Und dann ist ein Einstellen dieses Konsums gut für das Klima. Zu sagen „Nicht ich bin das Problem, der das Benzin im Auto verbrennt, sondern die Ölkonzerne, die es in der Raffinerie herstellen.“ verkennt total, dass die Ölkonzerne es ja nur herstellen, weil wir es verbrennen wollen.
Ich sehe schon, dass Lösungen, die auf einer gewissensgeleiteten Verhaltensänderung der Verbraucher:innen nicht gut skalieren. Wahrscheinlich muss man mehr Leute zu irgendwas zwingen. Das entbindet aber nicht von der Verantwortung die sich aus dem eigenen Konsum ergibt.
@Thomas Elsner
Viele Menschen können sich klimafreundlicheres Verhalten schlicht nicht leisten. Bio-Lebensmittel, Ersatzprodukte, E-Mobilität oder der Heizungstausch sind für einen erheblichen Teil der Bevölkerung finanziell außerhalb der Reichweite. Solange das so ist, bleibt die Verantwortung nicht beim einzelnen Verbraucher, sondern vor allem bei der Politik.
Dass Wegwerfmode trotz globaler Lieferketten oft am billigsten ist, ist kein Naturgesetz. Es ist das Ergebnis politischer Entscheidungen, verzerrter Preise und jahrzehntelanger Lobbyarbeit. Würden Rohstoffpreise auch nur ansatzweise die ökologischen und sozialen Schäden widerspiegeln, wären Verbrennungsmotoren und Öl- oder Gasheizungen ökonomisch längst weit weniger attraktiv.
Auch bei Lebensmitteln zeigt sich die Schieflage: Pflanzliche Alternativen sind oft deutlich teurer als konventionelle Produkte, obwohl letztere unter massiven ökologischen und ethischen Schäden produziert werden. Wenn Hafermilch ein Vielfaches von Discount-Milch kostet und Billigfleisch teilweise günstiger ist als einfaches Gemüse, dann ist das kein individuelles Versagen der Konsumenten, sondern Ausdruck eines politisch geschaffenen Marktes. Für Geringverdiener sind viele nachhaltigere Optionen schlicht keine realistische Wahl.
Deshalb ist es zu einfach, den Verbraucher moralisch in die Pflicht zu nehmen. Wer wenig Geld hat, kauft nicht nach Idealen, sondern nach Preis, Alltagstauglichkeit und Überleben im Monat. Solange klimaschädliche Produkte künstlich billig bleiben und nachhaltigere Alternativen teurer sind, wird sich daran wenig ändern.
Hinzu kommt, dass mächtige wirtschaftliche und ideologische Interessen seit Jahrzehnten daran arbeiten, genau diese Verhältnisse zu erhalten. Lobbyverbände, Denkfabriken und politische Netzwerke bekämpfen Regulierung, diskreditieren die Energiewende und stellen soziale Fragen gezielt gegen ökologische Reformen. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern seit langem dokumentierte politische Praxis.
Die entscheidende Frage ist also nicht, was der einzelne Verbraucher noch alles leisten soll. Die eigentliche Frage ist, warum ein zerstörerisches Wirtschaften oft immer noch billiger ist als ein vernünftiges.
#Frank Gemein
Danke für Ihre treffenden Ausführungen, die den obigen Artikel hervorragend ergänzen.
#Thomas Elsner
Man entzieht sich nicht automatisch der eigenen Verantwortung, wenn man die Schieflage (in Richtung Individuum) bei Appellen und Klimabetrachtung anprangert.
Und zu Lanz (den ich mir gar nicht mehr antue, schließlich hat er mich zu Uebermedien „gebracht“): Das beste Auto ist das, was man bis zum Ende s e l t e n benutzt und nicht das, was neu produziert wird (und zusätzlich höchstwahrscheinlich oft benutzt wird).
@Frank Gemein
Der Verweis auf Menschen mit niedrigem Einkommen macht es einem ebenfalls sehr einfach: Erstens sind davon ja nur Menschen mit geringem Einkommen betroffen, nicht die gesamte Bevölkerung. Und zweitens ist klimafreundlicher Konsum nicht teurer als klimaschädlicher Konsum. Auf Fliegen zu verzichten spart einem Geld. Auf auf ein Auto zu verzichten (wenn es das eigene Leben erlaubt) spart einem Geld. „Pflanzliche Alternativen sind oft deutlich teurer als konventionelle Produkte…“, „Wenn Hafermilch ein Vielfaches von Discount-Milch kostet…“ Man bekommt beim Discounter vegane Ersatzprodukte zum identischen Preis wie ihre tierischen Äquivalente, das gilt auch für Hafermilch. Wenn man die Preise von Marken-Hafermilch mit Discounter-Kuhmilch vergleichen muss, um den Punkt zu machen, dass sich Menschen klimafreundliches Leben nicht leisten können, ist das kein sonderlich starkes Argument.
Erneut: Ich sehe die Schwierigkeit, dass die meisten Menschen nicht einfach aus gutem Willen heraus verzichten werden, um das Klima zu schützen. Ich glaube auch nicht, dass sich die gesamtgesellschaftliche Aufgabe, das Klima zu schützen, auf die Art gerecht verteilen lässt. Aber zu erklären, dass das finanziell nicht leitbar ist, dass man persönlich gar keinen Einfluss hat oder (wie im verlinkten Quarks-Beitrag) dass man mit Flugreisen in den „globalen Süden“ die Armutsquote senkt, macht es einem selbst denkbar einfach.
@Thomas Elsner:
Billige Hafermilch schmeckt oft bescheiden und ist trotzdem teurer als billige Kuhmilch. Auch das ist politisch gewollte Schieflage: Auf Kuhmilch fallen 7 % Mehrwertsteuer an, auf Pflanzendrinks 19 %. Gleichzeitig werden in Deutschland klima- und umweltschädliche Strukturen in Milliardenhöhe indirekt gestützt. Und als wäre das nicht absurd genug, kostet ein Bio-Warenkorb laut einer Studie der Hochschule Pforzheim für Lebensmittel und alkoholfreie Getränke 83 % mehr als ein vergleichbarer konventioneller Warenkorb: https://edocs.tib.eu/files/e01fb16/870187066.pdf
Solange klimafreundlicher Konsum teurer besteuert wird, Bio für viele unbezahlbar bleibt und zugleich klimaschädliche Strukturen milliardenschwer gestützt werden, ist das Gerede vom „falschen Warenkorb“ gegenüber Geringverdienern nichts weiter als billige Moral für die finanziell Schwächeren. Wer sich den teureren Einkauf nicht leisten kann, ist nicht das Problem. Das Problem ist eine Politik, die das Falsche billig und das Richtige teuer macht.
Was „ich“ einkaufe, geht einen Journalisten tatsächlich nichts an. Was ein Politiker einkauft, schon eher. Wenn hier bspw. das Argument ist, dass ein alter Benziner besser ist als ein neuer Stromer, wenn man kaum ein Auto braucht, kann der Politiker das ja genauso vortragen.
Dass mit der normalen MWST für vegane Milch kann man natürlich gleichzeitig hinterfragen, ist ja nicht so, dass Lanz nur eine Frage pro Person stellen darf…
@Frank Gemein
Bio hat erstmal nichts mit Klima zu tun. Bio Fleisch hat z. B. sogar mehr Co2 Ausstoß als „konventionell“ erzeugtes.
Ihr „Widerspruch“ geht also am Thema vorbei.
Ich bin auch eher bei Thomas Elsner: Klimafreundlicher Konsum ist typischerweise billiger. Sieht man ja auch alleine daran, dass ärmere Familien einen deutlich geringeren CO2-Fußabdruck haben als wohlhabende.
Ändert natürlich nichts an der Tatsache, dass es strukturelle Probleme gibt, die die Politik angehen muss und wo deutlich zuwenig passiert. Aber ich würde den Einzelnen hier auch nicht aus der Verantwortung lassen.
@Ichbinich
Aus „Bio-Rindfleisch produziert mehr Methan“ wird bei Ihnen dann gleich „Biofleisch produziert mehr CO₂“. Das ist schon eine ziemlich grobe Kelle.
Rindfleisch ist so oder so ein Klimakiller. Wenn man Futter und Dünger mit einberechnet, ist die Bilanz von Bio und konventionell eher weitgehend ausgeglichen.
Im Übrigen habe ich oben schon geschrieben, dass Gemüse inzwischen oft deutlich teurer ist als billiges Fleisch, jedenfalls auf die Kalorie gerechnet. Was also sollen Geringverdiener essen?
Ärmere Familien haben einen deutlich kleineren CO₂-Fußabdruck, aber nicht aus Tugend, sondern weil sie gar keine andere Wahl haben. Es sind die Wohlhabenden, die ins Grüne ziehen und dann mit dem SUV in die Stadt pendeln. Gern im steuerlich begünstigten Dienstwagen „für unsere Autoindustrie“. Und weil man im Wüstenrotghetto ohne Auto angeblich nirgendwo hinkommt, steht dann oft noch ein Zweitwagen vor der Tür.
Quadratmeter pro Kopf, die beheizt werden, Urlaubsreisen, allgemeiner Konsum: Dort liegen die großen Hebel. Sie glauben gar nicht, wie wenig regionale Produkte am gesamten CO₂-Footprint ändern.
Es ist Aufgabe des Staates, die künstliche Verbilligung klimaschädlicher Produkte und Verhaltensweisen abzubauen und vernünftigen Konsum zu fördern. Stattdessen passiert oft das Gegenteil. Aber vorgerechnet wird die Klimasünde dann ausgerechnet dem Geringverdiener, der sich schlicht nichts anderes in den Einkaufswagen legen kann.
Ich muss da auch Frank Gemein rechtgeben. Als Vegetarier mit einem Einkommen im unteren Bereich der Durchschnitteinkommen ist es oftmals sehr schwer vernünftig einzukaufen. Insbesondere das angesprochene Gemüse. Aber auch Kleidung ist etwas dass den Geldbeutel sehr stark belastet wenn man keinen Billigschund möchte. Ein Auto habe ich zwar aus Prinzip nicht, aber da ich auch auf dem Dorf wohne habe ich ein EBike für größere Einkäufe und den Weg zur Arbeit. Und dessen Leasingraten knabbern auch ordentlich am Monatsgehalt. Und auch mein gesamter restlicher Konsum ist ausgelegt auf möglichst ressourcenschonend was Mensch und Umwelt betrifft.
Damit will ich sagen dass selbst mit einem Durchschnittsgehalt ist es oftmals schwierig das hinzubekommen. Würde ich zu den Geringverdienern gehören wäre es wohl nahezu unmöglich.
das mit dem co2-fußabdruck ist schon ziemlich perfide. es funktioniert, weil es ja teilweise passt. wenn sich alle bemühten, könnte man den co2-ausstoß deutlich reduzieren. und das konzept appelliert an den wunsch zur selbstwirksamkeit. man will ja auch etwas beitragen. nur verschiebt es die verantwortung. bevor man die fossil-industrie kritisiert, muss man sich fragen lassen, ob man auch in den urlaub fliegt oder einen verbrenner fährt. so als sei das eine moralische bedingung bevor man sich auf höherer ebene für den klimaschutz einsetzt.
und damit entlarvt sich dieses konzept des co2-fußabdruck als popanz, als ablenkung. denn, wie oft muss ich nicht nach bali fliegen, um den co2-ausstoß durch das fehlen eines tempolimits auszugleichen? wenn ich diesen monat keine kreuzfart mit einem schweröl verbrennenden Böötchen mache und in 2 monaten wieder keine, habe ich dann genug co2 eingespart um das versagen bei der einsparung im gebäudesektor zu kompensieren?
nichts, was wir auf individueller ebene machen können, hat die auswirkung wie eine institutionalisierte einsparung, die wir als individuen wohl nur durch die wahl geeigneter parteien werden beeinflussen können.
„Phänomene wie Flugscham (…) und auch der Lanz-Moment entstehen dann, wenn individuelles Verhalten moralisch aufgeladen wird.“
Wie der Einbau einer bestimmten Heizungsart? Heizungsscham? Sollte man auch hier nicht erst einmal an die großen Emittenten ran, statt an die Privathaushalte?
@Frank Gemein
Sie wissen doch selbst, dass in „CO2-equivalent“ gerechnet wird, tun Sie doch nicht so als wäre das was Neues. Das nächste Mal werde ich mich bemühen „equivalent“ dazu zu schreiben.
Und nein, konventionell und Bio ist da nicht ausgeglichen sondern Bio Fleisch hat mehr CO2-equivalent-Ausstoß als konventionell erzeugtes. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1197941/umfrage/co2-fussabdruck-von-fleisch-fisch-und-fleischalternativen-in-deutschland/
Und wo kommt ständig ihr Fokus zu „was sollen denn Geringverdiener tun“ her? Es geht hier im Artikel nicht um Geringverdiener und dass die Schuld am Klimawandel sind oder sonstiges. Und auch ich habe nicht gesagt dass Geringverdiener sich für irgendwas rechtfertigen müssten.
Es geht im Artikel um die generelle Frage, ob Einzelne etwas tun können (und sollten) und ob das Konzept des Co2 Fußabdruckes hilfreich oder schädlich ist.
Und ich sehe das anders als im Artikel dargestellt. Die Frage : „wie verhalte ich mich bewusster im Bezug aufs Klima“ halte ich für eine gute/sinnvolle.
Und ja, auch dass man sie einem grünen Politiker stellt ist ok. Genauso wie man Alice Weidel fragen sollte, wie sie als lesbische Frau, die in der Schweiz wohnt in der AFD sein kann.
Ändert natürlich alles nix daran, dass man das Problem strukruell angehen muss und klimaschädliche Sachen vermindern muss.
Aber das schließt sich ja auch nicht gegenseitig aus.
Als wäre das ganze eine Entweder-Oder-Frage? Man kann individuell etwas machen und sich gleichzeitig für Strukturveränderung einsetzen. Dass der Fokus zu sehr auf das Individuelle gesetzt wird, sehe ich allerdings auch. Da stimmt sich Presse und Politik halt auf den Gesang der Lobbyisten ein.
@Ichbinich
„Die Frage : „wie verhalte ich mich bewusster im Bezug aufs Klima“ halte ich für eine gute/sinnvolle.
Und ja, auch dass man sie einem grünen Politiker stellt ist ok. Genauso wie man Alice Weidel fragen sollte, wie sie als lesbische Frau, die in der Schweiz wohnt in der AFD sein kann.“
Ich tue mich tatsächlich schwer, die beiden Sachen auf eine Ebene zu stellen. Die AfD verfolgt einen (euphemistisch formuliert) skeptischen Kurs gegenüber gleichgeschlechtlichen Konstellationen und hat eine Spitzenkandidatin, die nicht nur in einer lesbischen eingetragenen Partnerschaft lebt (sie soll da schon von ‚verheiratet‘ gesprochen haben), sondern in dieser sogar Kinder hat. Darüber hinaus hat Weidel ihre sexuelle Orientierung und ihre Lebenssituation von sich aus in die Öffentlichkeit getragen*, sodass sich die Fragen nach der Vereinbarkeit von Privatleben und Parteizugehörigkeit geradezu aufdrängen. Die AfD macht Stimmung gegen abweichende Familienmodelle und eine hohe Parteifunktionärin lebt ein solches vor, ohne darin irgendwelche Dissonanzen erkennen zu wollen.
Im vorliegenden Fall wollen die Grünen ja nicht den Einzelnen unter Druck setzen, nicht mehr das Flugzeug oder Auto zu benutzen, sondern systemische Veränderungen, die es dem Einzelnen am Ende immer noch ermöglichen sollen, mobil zu sein. Inwiefern das wirklich alles zu Ende gedacht und umsetzbar ist, kann man natürlich diskutieren, aber für mich sind das verschiedene Kategorien. Weidel hätte mutmaßlich ein persönliches Problem, wenn sich der dezidiert homophobe Kern ihrer Partei durchsetzt**, Banaszak würde seinen alten Verbrenner wohl einfach mit einer verdrückten Träne der Schrottpresse übergeben.
*https://uebermedien.de/15192/alice-weidels-problem-mit-ihrer-homosexualitaet/
**https://taz.de/Rechtsextreme-und-Homosexualitaet/!6065658/
Ok, 1-1 vergleichbar ist Schwulenfeindlichkeit und Umweltbewusstsein wirklich nicht, aber die Frage, warum sich jemand, der sich einen Stromer leisten könnte und dessen Partei genau dafür plädiert, sich keinen kauft, interessiert den durchschnittlichen Lanzgucker vielleicht trotzdem.
@Ritter der Nacht
Es geht aber in beiden Fällen um Glaubwürdigkeit bzw. Authentizität.
Und natürlich wollen die Grünen den Weg hin zur E-mobilität bzw. weg vom Verbrenner.
Da halte ich die Frage schon für gerechtfertigt.
Banaszak hätte natürlich einfach antworten können: „ich fahre fast nie auto und demzufolge wäre auch ein neues E-auto klimaschädlich, da fahre ich lieber zug“.
Ich halte das bloße Besitzen eines Verbrenners deswegen bei Banaszak nicht für problematisch, aber die Frage zu stellen finde ich OK.
Denn anders herum: wenn ein grüner Spitzenpolitiker jeden Tag SUV fahren würde und 4 mal im Jahr in den Urlaub nach Asien fliegt fände ich das tatsächlich auch befremdlich….
@ichbinich #12, ich lese den Artikel anders. Es geht doch eben nicht um die Frage, ob individuelles Handeln irgendeine Auswirkung hat, es geht um die mediale überpräsenz der individuellen Entscheidung angesichts einer globalen Klimakrise. Dass auch medial permanent die Entscheidung der einzelnen beleuchtet werden, die Frage, ist jemand grün genug anhand von Fragen wie bei Lanz ausgeleuchtet werden sollen. Dadurch wird die Glaubwürdigkeit derer angegriffen, die sich ja eigentlich dafür einsetzen, dass sich etwas ändert. Letzten Endes führt das bei vielen zu einem Gefühl der Lähmung, ja gar Trotz erlebe ich. Wenn jemand nicht zu 100% Selbstversorgers im Wald lebt, wird er in den Strukturen, in denen wir leben, an irgendeiner Stelle wohl oder übel negativen Einfluss auf die Umwelt nehmen. Die Erzählung: wir entscheiden mit unserem individuellen Verhalten über die Zukunft des Planeten ist einfach unfair. Nichts weiter beleuchtet doch dieser Artikel. Dass sich nun in dieser Kommentarspalte über die Auswirkungen individueller Entscheidungen derart gestritten wird, ist doch Beweis genug, dass die Strategie hervorragend aufgeht. Wir zerfleddern uns im klein-Klein, während der Druck auf die großen Lobbys nach dem abebben der fff-Bewegung kaum existent ist. Und die Menschen streiten miteinander, ob nun eine Fernreise oder ein Steak die „schlimmere“ Entscheidung ist. Würden zu erwartende Folgekosten für die Umwelt global konsequent eingepreist, würde es viele Industrien eben einfach nicht mehr geben. Der Innovationsdruck wäre wesentlich höher und es gäbe echte Anreize für alternative Ideen. Klar, das sind alles utopische Ideen, aber der ganze kapitalistisch-marktwirtschaftliche Apparat ist eben auch nicht Naturgesetz.
@ 17 Vera
Danke, dass bringt es ziemlich schön auf Punkt!