Hasswort (67)

Durchziehen

Wer scheitert, hat wohl einfach nicht „durchgezogen“: Das Hype-Wort ist längst überall, ob in Olympia-Kommentaren oder im Büro. Der Grund dafür könnte in einer beliebten RTL-Show liegen.

Manche harmlosen Wörter erfahren im Laufe ihres rhetorischen Daseins eine Aufladung, die ihnen nicht guttut. Durchziehen ist so ein schlichtes, sachdienliches Verb, das immer schon da war und lange Zeit einen völlig ausreichenden Einsatzbereich hatte. Vandalen zogen durch einen Landstrich und hinterließen dabei die berühmte Schneise der Verwüstung. Später zog auch mal eine Sturmfront durch den Wetterbericht, die Hippies vom zweiten Stock haben auf dem Balkon einen durchgezogen, oder eben: „Wenn die Grünen das wirklich durchziehen, gerät die Koalition ins Wanken.“ So.

Seit einem Jahr aber ist das weder besonders schöne noch besonders schlimme Verb durchziehen ein Hypewort, das einem überall entgegenschallt und das dabei eine seltsame inhaltliche Verformung erlebt hat. Es ist nur eine Vermutung, aber die Quelle dieses Hypes könnte im Vokabular der chronisch überdrehten „Ninja-Warrior Germany“-Kommentatoren und ihrer Nachahmer liegen.

Körperoptimierte Einzelkämpfer bei RTL

Das Warrior-Sport- und Sendeformat auf RTL bildet mit seinen Ablegern ja seit zehn Jahren eine gewisse Form von Zeitgeist sehr gut ab: Es feiert Einzelkämpfer, die sich jahrelang körperoptimieren, um dann vor den Augen der Nation eine Challenge in einem Parcours dank Muskelkraft und Wille zu bestehen. Das Konzept entspricht offenbar dem Lebensgefühl, das viele Menschen heute auch ohne Parcours haben: mit Einzelleistung und letzter Kraft irgendwie durchwurschteln. Vermutlich rührt daher der beachtliche Erfolg der Show – das Kämpfen gegen Windmühlen als letztes verbindendes Gruppenerlebnis der Deutschen, oder so.

Wichtiger Bestandteil der Warrior-Kultur sind jedenfalls die dauerquasselnden Live-Kommentatoren Jan Köppen und Frank Buschmann, die dabei mit einem Mix aus Motivationsfloskeln, Pseudo-Expertisen („Griffkraft!“) und Geschrei brillieren und so den Soundtrack für die immergleichen Bilder von hangelnden, stürzenden und jubelnden Oberkörper-Menschen bilden.

Dort also könnte auch eine Geburtsstätte des neuen „Durchziehen“ sein. Anfänglich diente es als maßgeblicher Begriff, wie mit einem Hindernisparcours zu verfahren ist – die Strecke muss eben durchgezogen werden, an vielen Hindernissen ziehen sich die Aspiranten auch ganz wortwörtlich irgendwie durch.

Bei Olympischen Winterspielen ständig gefordert

Der Begriff wird heute aber längst absoluter verwendet: Der Kandidat müsse „jetzt durchziehen“. Also ohne konkretes Akkusativ-Objekt, ohne wen oder was. Es ist damit nicht mehr die räumliche Bewegung gemeint, sondern ein zentrales, innerliches Momentum. Durchziehen wie Schalter umlegen, gewissermaßen. Diese Forderung fällt hunderte Male in einer Staffel, in allen Variationen: „Patrick aus Kappeln zieht durch, zog durch, hat durchgezogen.“

Das Mantra von einem, der durchzog, breitete sich schnell bei anderen Sportereignissen und Kommentatoren aus. Bei den Olympischen Winterspielen mussten Bobpiloten und Slalomfahrerinnen im zweiten Lauf immer dringend durchziehen, auch alle anderen hatten nur eine Medaillenchance, wenn sie wirklich durchzogen.

Für alle Finisher und Top-Performer

Der Begriff ist in dieser sportlichen Unschärfe schon irritierend. Noch seltsamer ist, dass er auch direkt in die Arbeitswelt übernommen wurde: „Das Projekt wird eng, da müssen wir jetzt alle richtig durchziehen.“ Oder auch: „Respekt, Kai-Uwe hat beim Pitch richtig durchgezogen.“

Irgendwie ist aus dem harmlosen Vorgang ein Gym-Wort geworden, ein unsympathisches Tunwort für Finisher und andere Top-Performer. Botschaft: Menschen, die grundsätzlich durchziehen, haben ihr Leben im Griff. Leider klingt es aber auch immer total rücksichtslos und erschöpfend, so ohne konkretes Objekt.

Alles immer durchziehen, wie so eine beknackte Fitnessmaschine? Nö, dann lieber mal auf Durchzug schalten.

5 Kommentare

  1. Ich als alter Tennisspieler bin ja dem Durchziehen sehr wohlgesonnen. Durchziehen ist das Gegenteil von Schnippeln, Stumpen oder Drücken aber auch von Draufkloppen oder Reinhämmern.

    Man trifft den Ball früh im Zentrum des Schlägers, steht richtig zum Ball, schwingt mit lockerem Arm durch den Ball hindurch während man den offen stehenden Körper gekonnt eindreht und das Gewicht von hinten nach vorne verlagert, um den Ball mit der gewünschten Geschwindigkeit genau zu platzieren: Durchziehen.

    Das hat was mit Können, Timing, Rhythmus, Kontrolle und Eleganz zu tun. Wenn irgendwelche Sportreporter den Begriff nicht ganz scharf verwenden, dann finde ich das nicht soooo schlimm, wie Du. Die meisten Deiner Beispiele kann ich gar nicht kritisieren, wenn man den Begriff so wie ich ihn verstehe verwendet.

    P.S.: Ich hasse es, dass man „platzieren“ heutzutage mit tz schreibt, da bekomme ich Hass.

  2. Beim Radfahren ist es eher „draufbleiben“, d. h. weiter mit viel Druck auf dem Pedal Tempo machen. Haha.

    „Da musst du jetzt einfach draufbleiben“

  3. In diesem Sinne wird die Inhalation gewisser Substanzen ja auch schon fast zum Leistungssport…

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